Der Stein des Weisen – mit Nietzsche durch den Bürgerpark

Foto Belinda Helmert, farbiger Stein im Bürgerpark.

Natur und Kultur

Der Bürgerpark ist groß (mit dem Stadtwalt etwa 200 Hektar, das sind etwa 1400 Fußballfelder Fläche. Er enthält u.a. ein eigenes (Vier Sterne) Hotel, ein Tiergehege, einen Bootsverleih samt Bootshaus, zwei einhalb Gaststätten (Emmasee, Meierei und mobiles Café), eine (Wald)Bühne mit sonntaglichem Freiluft (Jazz) Konzert, viele Attraktionen wie Spielplätze und Denkmäler. Man kann ihn durchreiten, durchwandern, mit dem Fahrrad erkunden oder bestaunen mit Picknick oder auf diversen Bänken. Es gibt sogar so etwas wie einen eigenen Bürgermeister für den Park (https://buergerpark.de/), den sein Gründer und gleichzeitig erster Parkdrektor Wilhelm Benque schuf – ausschließlich mit Geldern der Bremer Bürger.

Die vielseitige Parkanlage entstand mit seinen Sichtachsen nach dem Vorbild des New Yorker Central Park (1873 fertiggestellt) und es Londoner Hyde Park (1833) und wurde, von einzelnen Baumaßnahmen abgesehen, 1884 fertig gestellt. Dies ist das Jahr, in dem Nietzsche in Sils Maria nahe St. Moritz auf einsamen Waldspaziergängen seine vier Bücher „Also sprach Zarathustra“ abschloss. Daher besteht eine zeitliche und naturnahe Verbindung, denn die Ambition des Parks ist es, Kultur und Natur zusammenzuführen, ebenso Anregung und Besinnung, vita activa und vita contemplativa.

Man ist dazu geneigt, Werk Nietzsches mit seinen Aphorismen und parabeln ebenso wie die Umsetzung des Bürgerparks, der tatsächlich den Bürgern und nicht der Stadt gehört, womit Demokratie und Eigenverantwortung eine praktische Relevanz erfahren, als Stein des Weisen zu betrachten.

Vogel-Freuden

Ornithologen finden ein kleines Paradies vor. ufgrund der hohen Bioversität, insbesondere des Baumbstandes, fliegen hier so viele Arten wie kaum an einem anderen Ort in Deutschland. U.a. Rotkehlchen, Blaumeise, Zaunkönig, Amsel, Austernfischer, Buchfink, Pirol und Buntspecht (umfassend: https://www.weser-kurier.de/bremen/diese-voegel-sind-in-bremen-heimisch-doc7e4y9u056sw2mfn23x3).

In der Vorrede 1 (Also sprach Zarathustra I) liefert Nietzsche bereits den ersten von zahlreichen Vogel-Hinweisen:

„Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Tieren! Warum willst du nicht sein wie ich – ein Bär unter Bären, ein Vogel unter Vögeln?“

In Band 3, Von Alten und neuen Tafeln, Abschnitt 23: „

Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht, von allen Thieren hat es derMensch am schwersten gehabt. Nur noch die Vögel sind über ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte, wehe! wohinauf — würde seine Raublust fliegen!“

Foto: Belinda Helmert, Eulenskulptur auf dem Oldenburger Keramikmarkt, vor dem Schloss

Waldohreulen gibt es auch im Bürgerpark (https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/waldohreulen-mitten-in-bremen-100.html)

Die Eule galt in der Antike deshalb als Symbol der Weisheit, weil zu jener Zeit Athen das geistige Zentrum des abednlandes bildete und reich an Eulen war – vergleichbar mit Venedigs Lust und Last mit Taubenschwärmen. Zudem vermag der Raubvogel seinen Kopf so weit zu drehen wie kein anderes Lebewesen, womit des für den panoptischen Blick steht, dem Sinnbild für Perspektivismus.

Wo bist du? Gib mir die Hand! Oder einen Finger nur! Hier sind Höhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! – Halt! Steh still! Siehst du nicht Eulen und Fledermäuse schwirren? Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich äffen? Wo sind wir? Von den Hunden lerntest du dies Heulen und Kläffen. Du fletschest mich lieblich an mit weißen Zähnlein, deine bösen Augen springen gegen mich aus lockichtem Mähnlein!“

(Also sprach Zarathustra III, Das andere Tanzlied, 1)

Auch die Eule kehrt als Motiv in Form der Ewigen Wiederkehr des Gleichen mehrfach wieder. Ein Beispiel:

„Einst begehrte ich nach glücklichen Vogelzeichen: da führtet ihr mir ein Eulen-Untier über den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine zärtliche Begierde?2

(Also sprach Zarathustra II, Das Grablied)

Auch eines seiner bekanntesten Gedichte ist einem Vogel gewidmet, allerdings dem Albaross (https://www.zgedichte.de/gedichte/friedrich-nietzsche/vogel-albatross.html), das von der Lektüre Baudelaires „Die Blumen des Bösen“ inspiriert ist. Das Motiv, Vogel mit Freieit, Leichtigkeit und „über“legen zu assoziieren, ist augenscheinlich.

Bären-Liebe

Bären gab es im Bürgerpark nie zu bestaunen und auch die Stadtmusikanten kommen ohne sie aus. Dass sie uns ähnlicher sind und häufig früher auch Nachbarn waren, daran besteht kein Zweifel. Der Berliner Bär ist seit dem 13. Jahrhundert Stadt-Wappen und Symbol zugleich. Er steht auch als Wegweiser für einen Aspekt in uns der gelebt werden will oder sogar muss. Aus Ritualen ist er nicht wegzudenken. Da er Honig liebt, spielt er in dem Epos Zarathustra eine Rolle, denn Honig liebt nicht nur der Höhlenbewoner Zarathustra, sie galt auch als Ambrosia der Hellenen und gehörten zum festen Bestandteil der Dionysien. Für die Christen bildete der Bär ein heidnisches Symbol; auch das ist ein Grund für Nietzsche, ihn wertzuschätzen. Die kindliche Beliebtheit bei den Plüschtieren und Häufigkeit seiner Erwähnung in Märchen hängen zusammen. Seine Verwandtschaft zum Menschen geht auch auf seinen aufrechten Gang und seine phantophagisches Naturell zurück: der Bär hat eine Speisekarte wie der homo sapiens – nur im Rohzustand.

Foto Belinda Helmert, (Berliner) Bär in Oldenburg Am Schlossplatz. Der Künstler Paul Halbhuber erinnert 1965 damit an das geteilte Land.und die Verbundenheit Oldenburgs mit der geteilten Stadt. Der Ort im Herzen Oldenburgs hieß damals BErliner Platz. Auch die Bremer gründeten in der Neuen Vahr eine „Berliner Freiheit“.

Halbhuder stammte aus Dresden, wohne in Oldenburg, starb in Bremen, repräsentierte die klassische Moderne.

Nietzsche stand und steht gleichfalls für eine Zensur, eine Form der Moderne, die gleichzeitig klassisch ist und sich mit klassischer Kunst, vorzugwesie vorsokratischem Hellenismus beschäftigt. Unter anderem schreibt er in Zarathustra II, Die stillste Stunde:

„Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig geht diessmal der Bär zurück in seine Höhle!“

Die Stelle aus der Vorrede, die Bär und Vögel nebeneinander stellt, wurde bereits zitiert.
Germanisch etymologisch leitet sich Bär wohl von bar, tragen ab. Die Volksrede einen Bären aufbinden geht auf eine Geschichte zurück, in der zwei Jäger ihre Zeche nicht zahlen können und den Wirt mit einem Bär in Naturalien bezahlen, die sich als schlechtes Geschäft für ihn herausstellt. Sprichwörtlich meint es, mit einer dreisten Lüge davonkommen zu wollen. Das österreichische (Wiener) Pendant zu (Hieronymus Münchhausen) bildete Ignaz Castelli, dessen „Wiener Bären“ eine Sammlung von Lügengeschichten des 19. Jahrhunderts enthält, die Schnitzler amüsierten. https://de.wikipedia.org/wiki/Ignaz_Franz_Castelli.

Nietzsche schreibt in „Die fröhliche Wissenschaft“, II, 105, Die Deutschen als Künstler:

„Und so sind ihre Krämpfe oftmals nur Anzeichen dafür, daß sie tanzen möchten: diese armen Bären, in denen versteckte Nymphen und Waldgötter ihr Wesen treiben – und mitunter noch höhere Gottheiten!.“

Hirsch

Der Bremer Bürgerpark nahe dem Parkhotel ziert eine Skupltur aus der Hand Theodor Georgis aus Bronze kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. https://www.kreiszeitung.de/lokales/bremen/nicht-roehrende-hirsch-3335241.html.Auch der Bürgerpark beherbergt in seinem Gehege die scheuen Paarhufer.https://www.buergerpark.de/bilder/Flyer_Tiergehege_2022.pdf?m=1647346178; es handelt sich um Damwild aus Vorderasien.

1870 fasste der Vorstand des Bürgerparkvereins den Beschluss, Hirsche im Bürgerpark zu halten. Ein Bremer Kaufmann war so begeistert von diesem Vorhaben, dass erdem Bürgerpark eine Rentierfamilie schenkte.

Nietzsche schreibt in „Die fröhliche Wissenschaft“ IV, 283, Vorbereitende Menschen:

„Baut eure Städte an den Vesuv! Schickt eure Schiffe in unerforschte Meere! Lebt im Kriege mit euresgleichen und mit euch selber! Seid Räuber und Eroberer, solange ihr nicht Herrscher und Besitzer sein könnt, ihr Erkennenden! Die Zeit geht bald vorbei, wo es euch genug sein durfte, gleich scheuen Hirschen in Wäldern versteckt zu leben! Endlich wird die Erkenntnis die Hand nach dem ausstrecken, was ihr gebührt – sie wird herrschen und besitzen wollen, und ihr mit ihr!“

Foto: Belinda Helmert, Oldenburg, Lange Straße, Hirsch auf dem Balkon

Im Mythos wusste Kirke die Menschen in wilde Tiere, darunter auch Hirschen zu verwandeln. (Odyssee 10. 135 – 12., 156) Die Episode endet mit Odysseus Abfahrt: „Ich war auf dem Rückweg und in der Nähe des Schiffes, als mich eine Göttlichkeit in meine Einsamkeit schickte und einen großen geweihten Hirsch direkt über meinen Weg schickte .“

Gans

In „Also sprach Zarathustra“ I, Von Kind und Ehe, schreibt Nietzsche über die Ehe und verwendet die Allegorie der Gans:

„Dies sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber das, was die Viel-zu-Vielen Ehe nennen, diese Überflüssigen – ach, wie nenne ich das? Ach, diese Armut der Seele zu zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu zweien! Ach, dies erbärmliche Behagen zu zweien!Ehe nennen sie dies alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel geschlossen.Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der Überflüssigen! Nein, ich mag sie nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Tiere!Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht zusammenfügte!Lacht mir nicht über solche Ehen! Welches Kind hätte nicht Grund, über seine Eltern zu weinen? Würdig schien mir dieser Mann und reif für den Sinn der Erde: aber als ich sein Weib sah, schien mir die Erde ein Haus für Unsinnige. Ja, ich wollte, daß die Erde in Krämpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und eine Gans miteinander paaren.“

Foto Belinda Helmert, Gänse im Oldenburger Schlosspark

Die Nilgänse waren bereits den alten Ägytern, Griechen und Römern als Parkvögel bekannt, und aus zahlreichen Abbildungen altägyptischer Grabreliefs weiß man, dass damals Gänse bereits in großen Herden gehalten wurden. Dies bestätigen sowohl Tierknochenfunde als auch die Darstellungen der Grabreliefs.

Neben der Rolle als Opfertier im Toten- und Götterkult hat die Nilgans
auch weiterreichende religiöse Bedeutung,zum Beispiel in der ägyptischen Totenliteratur: Der Tote möchte ihre Gestalt annehmen, um zum Himmel aufzufliegen (so die Pyramidentexte).

In der Kultur der antiken Griechen wurde die Gans der Liebesgöttin Aphrodite als heiliger Vogel geweiht. Als Symbol der Gattentreue und der ehelichen Liebe
wird die Gans auf Grabsteinen abgebildet. Der griechische Fabeldichter Äsop schrieb im 6. vorchristlichen Jahrhundert die bekannte Fabel von der Gans, die goldene Eier legt, nieder:. Ein Verehrer des Hermes bekommt von diesem eine Gans geschenkt, die goldene Eier legt. In der Annahme, daß auch ihr Inneres aus Gold sei, schlachtet der Dummkopf den Vogel… im Bürgerpark darf sie natürlich nicht folgen.

Nach einer römischen Erzählung soll ein nächtlicher Angriff der Gallier auf das Kapitol durch das laute Schnattern der Heiligen Gänse, die zu Ehren der Göttin der Juno auf dem Kapitol gehalten wurden, vereitelt worden sein.

Der Affe

Die Zeit, in der ein Affe in der Meierei gehalten wurde, ist lange vorüber. Um die Jahrhundertwende sollte er wie andere Exoten auch für eine Attraktion sorgen.

Nietzsche schreibt in der Vorrede zu „Also sprach Zarathustra“ :

„Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“ (Vorrede 2).

Im ersten Teil, Kapitel, Vom neuen Götzen:

„Seht mir doch diese Überflüssigen! Reichtümer erwerben sie und werden ärmer damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld – diese Unvermögenden! Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern übereinander hinweg und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe. Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron -und oft auch der Thron auf dem Schlamme. Wahnsinnige sind sie mir alle und kletternde Affen und Überheiße. Übel riecht mir ihr Götze, das kalte Untier: übel riechen sie mir alle zusammen, diese Götzendiener.“

Als Darwinist wusste er auch: „Der Mensch hat mehr von einem Affen als so mancher Affe.“ (Vorrede 3)

Foto Belinda Helmert: Affenschaukel im Oldenburger Café Salon 7, ehem. Friseursalon https://salon7.de/

Ab 1883 bot der Pächter der Meierei den Besucher:innen eine besondere Attraktion und machte damit dem Tiergehege des Bürgerparks ein wenig Konkurrenz.Ein Affenkäfig wurde unter der Veranda der Meierei-Villa aufgestellt. Fortan konnte man drei Affen bei ihren „unterhaltsamen“ Späßen zuschauen. Noch exotischer wurde es 1897, als zwei junge Kängurus aus Sydney in ein Gehege auf der Wiese neben der Meierei-Villa „einzogen.

https://buergerpark-bremen.de/bilder/Flyer_Tiergehege_2022.pdf?m=1647346178

Fische

Im Bürgerpark gibt es auch Fische, wenngleich man die selten sieht und sie durch das Motrboot Marie bestimmt nicht häufiger zu Gesicht bekommen sind. Die Fischotter sind jedoch längst verschwunden. Der Besuch von Fischreihern deutet darauf hin, dass sich Fische dort aufhalten: Hechte, Aale, Brassen und Plötzen. Durch eine kontrollierende Befischung wird dafür gesorgt, dass der Bestand der Fische nicht aus dem Gleichgewicht gerät

.https://www.robinwood.de/sites/default/files/Gewaesserstadteilflyer_Schwachhausen_Findorff11.pdf

Nietzsche schreibt in „menschliches Allzu Menschliches“ II, 2, 317:

Meinungen und Fische. – Man ist Besitzer seiner Meinungen, wie man Besitzer von Fischen ist, – insofern man nämlich Besitzer eines Fischteiches ist. Man muß fischen gehen und Glück haben, – dann hat man seine Fische, seine Meinungen. Ich rede hier von lebendigen Meinungen, von lebendigen Fischen. Andere sind zufrieden, wenn sie ein Fossilien-Kabinett besitzen – und, in ihrem Kopfe, »Überzeugungen«. –

Foto Belinda Helmert, Alte Schmiede beim Lappan Oldenburg, gusseiserner Fisch

In „Die fröhliche Wissenschaft“ III, 256:

Hautlichkeit. – Alle Menschen der Tiefe haben ihre Glückseligkeit darin, einmal den fliegenden Fischen zu gleichen und auf den äußersten Spitzen der Wellen zu spielen; sie schätzen als das Beste an den Dingen – daß sie eine Oberfläche haben: ihre Hautlichkeit – sit venia verbo.

Der lateinische Ausdruck besagt dem Worte sei Verzeihung, eleganter: mit Verlaub. In „Also sprach Zarathustra“ IV, DAs Honig-Opfer geht zarathustra angeln mit Fischen als Köder für den ersehnten Honig:

– ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Götter gelüsten möchte, daß sie an ihm zu Fischern würden und zu Netz-Auswerfern: so reich ist die Welt an Wunderlichem, großem und kleinem!

Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer – nach dem werfe ich nun meine goldene Angelrute aus und spreche: tue dich auf, du Menschen-Abgrund!Tu selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glücke viele Menschen-Fische zerrn und zappeln lernen.“

Der Baum

Kaum ein Lebewesen steht so stark für den Archetypus des Paradieses, der Weisheit und des Lebens als der Baum. Viele Bäume haben einen Stifter und damit einen Paten.Der Bürgerparkverein hatte sich unter seinem ursprünglichen Namen „Verein zur Bewaldung der Bürgerweide“ 1865 im Ratskeller gegründet und bestimmt die Geschicke des Parks bis heute. Der Bürgerpark geht auf Entwürfe des Gartengestalters und langjährigen Parkdirektors Wilhelm Benque (1814-1895) zurück, dessen Handschrift ihn bis heute bestimmt. Er ist charakterisiert durch eine großzügige landschaftliche Gestaltung mit freien Wiesenflächen, Solitärs, Baumgruppen und langen Sichtbahnen, schattigen Waldpartien mit verschwiegenen Pfaden und einem mit Booten befahrbaren, sich naturnah schlängelnden Wasserzug-Ring mit seeartigen Aufweitungen.

Foto Belinda Helmert, Baumbestand an den Kanälen

Nietzsche nutzt den Baum, um auf die Kraft des Individuums zu verweisen. Im ersten Teil des Zarathustra-Epos, Kalitel Vom Baum am Berge, heißt es:

»Wenn ich diesen Baum da mit meinen Händen schütteln wollte, ich würde es nicht vermögen.Aber der Wind, den wir nicht sehen, der quält und biegt ihn, wohin er will. Wir werden am schlimmsten von unsichtbaren Händen gebogen und gequält.« ….

»Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg über Mensch und Tier.

Und wenn er reden wollte, er würde niemanden haben, der ihn verstünde: so hoch wuchs er.

Nun wartet er und wartet – worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?«

Foto Belinda Helmert, Astloch im Bürgerpark Bremen nahe der Liebeslaube

Die Brücke

Die meisten der zahlreichen steinernen Brücken über die Wasserläufe im Park stammen aus der Zeit um 1900. Eine der ältesten ist die von dem Überseekaufmann Carl Melchers gestiftete Melchersbrücke, die sich seit 1883 unübersehbar auf halbem Wege zwischen Meierei und dem Parkhaus (heute Parkhotel) über einen der Kanäle spannt.https://www.bremen-sehenswert.de/buergerpark2.htm

Elf große Brücken überqueren den Kanal; die imposanteste ist die Melchers-Brücke.https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Melchersbr%C3%BCcke,B%C3%BCrgerparkBremen-_2011.jpg; gefolgt von der Wiegandtbrücke https://bremen-photos.de/wiegandtbruecke-2/.

Foto Belinda Helmert, Wiegandt Brücke im Bürgerpark, ursprl. 1904

Nietzsche sagt, er will kein Geländer oder Brücke sein für andere. In „Unzeitgemäße Betrachtungen“, III, Schopenhauer als Erzieher, 1:

„Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluß des Lebens schreiten mußt, niemand außer dir allein.“

Analog dazu: „Es gibt in der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann, außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn.“

Zahlreiche pittoreske Bauten, Brücken, Bänke und Plastiken, Betätigungsmöglichkeiten für Jung und Alt, Reit- und Fahrwege, Gastronomiebetriebe und ein repräsentativer, kontrastierend symmetrischer Auftakt mit dem Hollersee und einem dominanten Hauptgebäude (heute in Form des Parkhotels) prägen ihn. Benque, ein anfangs auch als Journalist tätiger Freigeist und Mitstreiter der Vormärz-Bewegung, hatte vor politischer Verfolgung in die USA fliehen müssen, wo er am Wettbewerb für den New Yorker Central Park teilgenommen und die dort realisierten Stadtparkbestrebungen des ausgeführten Olmstedt-Vaux-Entwurfes kennengelernt hatte, die nach seiner Rückkehr auch seine Arbeit im Bürgerpark beeinflussen sollten.

Die Künstlergruppe Die Brücke um Kirchner in Dresden benannte sich nach Nietzsches Brücken-Allegorie, u auf den neuen Weg der Kunst, ihren innovativen und kreativen Charakter zu verweisen, einen Aufbruch ins Ungewisse.https://artinwords.de/expressionismus/die-bruecke/

Die Expressionisten beziehen sich auf die Vorrede von „Also sprach Zarathustra“, 4:

„Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kannam Menschen, das ist, dass er ein Übergang undein Untergang ist. Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es sind die Hinübergehenden.“

Die Höhle – die Laube

Ein Magnet, besonders für Verliebte, ist die Liebeslaube im Bürgerpark. Zudem ist sie inzwischen ein Treffpunkt für Malerfreunde.

Foto: Belinda Helmert, Liebeslaube mit Kanal im Bürgerpark Bremen

Curt Stöving porträtierte seinen Freund Nietzsche in dessen Laube in Naumburg. https://nat.museum-digital.de/singleimage?resourcenr=580761 – er war ein Bewunderer und leider Freund von Elisabeth Förster-Nietzsche, 1863 geboren und damit 21 Jahre alt, als Zarathustra niedergeschrieben wurde. Dieser hatte vor seiner Carmen-Phase über viele Jahre Wagners Parsifal als Maß der Dinge in der Musik und träumte von einer morgenländischen Zauberhöle. Zarathustra, angelehnt an den persischen Religionsstifter Zoraster, verlässt seine Höhle und kehrt immer wieder in sie zurück. Stellvertretend für dievielen Erwähnungen dieser persönlichen Liebeslaube folgende Stelle:

„Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rückkehr zur Höhle, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als ob noch einer auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle; und also tönte Zarathustras Stimme, daß seine Tiere erschreckt hinzukamen, und daß aus allen Höhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustras Höhle benachbart waren, alles Getier davonhuschte – fliegend, flatternd, kriechend, springend, wie ihm nur die Art von Fuß und Flügel gegeben war. Zarathustra aber redete diese Worte:

Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach krähen!“

(Also sprach Zarathustra, III, Der Genesende)

Empfohlene Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.