Der Mensch als Mensch ist krank.

Zitat Karl Jaspers, „Wahrheit und Bewährung“, Kapitel die Idee des Arztes, S. 52

Foto: Bernd Oei, Große Danae, von Gustav Seitz, 1968, vor dem Oldenburger Schloss liegend, den Goldregen erwartend (http://oops.uni-oldenburg.de/639/1/672.pdf, S. 48 und https://www.nwzonline.de/oldenburg/der-reinste-bloessenwahn_g_31,0,3109390806.html )

Jaspers: Arzt, Psychologe, Philosoph aus Oldenburg

Karl Jaspers wird im Todesjahr von Karl Marx 1883 in Oldenburg geboren, als Bismarcks Kampf gegen den Sozialismus auf dem Höhepunkt ist. Er stirbt (zeitgleich mit seinem Widersacher Adorno) 1969 in Basel, als die SPD (in Koalition mit der FDP) unter Willy Brandt erstmalig in Deutschland die Regierung übernimmt. Der Existentialist, für den Humanismus immer im Vordergrund stand, bekennt sich zeitlebens zum Christentum und dem Sozialismus. Eine brisante Mischung. Er sieht sich als Wagenlenker zwischen der Vernunft Kants, dem Transzendentalismus einerseits und dem Individualismus Nietzsches andererseits. Er beginnt, selbst sehr krank, ein Medizinstudium, stellt nach Approbation fest, dass seelische Leiden der Hauptgrund für physische Erkrankungen bilden und schließt ein Psychologiestudium an. Nach der Ehe und einigen Beratungen als Psychotherapeut stellt Jaspers fest, dass nur ein gesunder Geist ein zufriedenes Seelenleben erlaubt. Die Folge: Er wurde ein spätberufener Philosoph.

Foto Bernd Oei, Der Rosselenker Freiplastik, 1902, von Louis Tuaillon, Bremen, Wallanlagen,
Trotz des französischen Namens war Tuaillon Berliner (mit hugenottischen Wurzeln), der an den Hochschuhle für Künste in Bremen 1869-71 sich zunm Bildhauer ausbilden ließ.

Politische Entzweiung mit Lehrer und Vorbild Heidegger

Seit 1921 unterrichtet Jaspers in Heidelberg, immer in engem Kontakt mit dem 6 Jahre jüngeren Martin Heidegger. Er wird lebenslanger Freund u. a. von der Studentin und Heidegger-Schülerin (später Geliebten) Hannah Arendt, die das Zerwürfnis mit seinem Vorbild Heidegger (aufgrund seiner NS-Sympathie) notdürftig kittet. (https://www.spiegel.de/kultur/mit-wem-man-es-zu-tun-hat-a-8c8c72e7-0002-0001-0000-000040617798). Man spricht und schreibt wieder miteinander, aber das vertraute enge Verhältnis wird es nicht mehr zwischen den zwei Ikonen des deutschen Existentialismus, die sich vom französischen (kommunistisch beeinflussten) durchaus unterscheidet. Während Sartre sich auf die Seite Heideggers schlägt, hält es Merleau-Ponty mit Jaspers.

Die Politik trennt die beiden Gründer des deutschen Existentialismus und Inerpreten Edmund Husserls Phänomenologie, folglich die Hauptvertreter (neben Karl Löwith und Hans Jonas) der wichtigsten philosophischen Nachkriegsströmung: Während Jaspers unter Hitler seinen Lehrstuhl verlor, Berufsverbot erhielt und nach Basel emigrierte (https://literaturkritik.de/zwei-emigranten-aus-deutschland-hannah-arendt-und-karl-jaspers,23065.html), verliet Heidegger wegen seiner NSDAP Mitgliedschaft vorübergehend seinen Lehrstuhl (https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=9108&n=2).

Jaspers wächst in Oldenburg auf, das in seiner wechselvollen Geschichte bereits schwedischer, dänischer, russischen umd zuletzt französischen Hoheit unterstand und lange eine Hochburg des Protestantismus war. Das sensibilisiert ihn besonders für den Umgang mit vermeintlichen Feinden. Er vertritt zeitlebens eine Gesinnung der Versöhnung und der Solidarität mit Verfolgten. Dies hilft ihm auch, den berühmten ersten Schritt auf Heidegger zuzugehen.

Fotot Brnd Oei. Plakat an der Lambertikirche. Näheres zur FRanzosenzeit unter https://de.wikipedia.org/wiki/Oldenburgische_Franzosenzeit

Nach dem Beitritt zum anti-napoleonischen Rheinbund besetzen die siegreichen Franzosen das Herzogtum Oldenburg und blieb bis Waterloo eine Enklave mit den Namen Departement der Wesermündungen.

Es ist bezeichnendes Beispiel dafür, wie ein existentielles Problem – die Sorge um das Dasein – das biographisch geprägt ist, philosophische Überzeugung fundiert. In Jaspers Fall ist die Verzahnung von sozialpolitischem Engagement, die Sorge um den Anderen, eng  mit seinen philosophischen Anschauungen verknüpft. Der Umstand, daß Japsers auch Psychologe und Arzt war, wird besonders in „Psychologie der Weltanschauungen“ (1919) deutlich. Das Buch bildet seine Erstveröffentlichung als Philosoph mit 36 Jahren. Es kommt gleichzeitig mit Spenglers „Untergang des Abendlandes“ heraus. Während dieses dem Pessimismus nach dem Weltkrieg geschuldet ist, bleibt Jaspers lebenslang Optimist. Zitat:

„Der Mensch steht heute vor der Alternative: Untergang des Menschen oder Wandlung des Menschen.“

Jaspers als Christ

Jaspers bleibt überzeugter Christ, auch mit Beruf auf Kant und obgleich er um die Kooperation der christlichen Gemeinden, speziell in Oldenburg mit dem NS- System weiß. Er unterscheidet rigoros die Sache des Glaubens von der Aneignung bzw. Umsetzung der Menschen. Oldenburg steigt in den Dreißiger Jahren zur Hochburg der Braunen auf. 1932 genießt es den heute zweifelhaften Ruf, die erste Stadt zu sein, in der die NSDAP mit über 48 Prozent die absolute Mehrheit gewinnt. Christen haben ihn gewählt. Andererseits predigt in der Lambertikirche auch der erste farbige Pfarrer trotz des Widerstandes der allmächtig erscheinenden Faschisten. Nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler, dass das sozialdemokratisch geprägte Bremen dem Gau Oldenburg unterstellt wird.

Foto: Bernd Oei, Lambertikirche (ev.), urspl. 1237 fertig gestellt, Umbau Neogotik ab 1795.
Heinrich Heine verspottete die Kirche aufgrund des fehlenden Glockenturms als Theater (https://de.wikipedia.org)/wiki/Lambertikirche_(Oldenburg)

Heute hat die protestantische Hochburg Oldenburg viel an Reputation und noch mehr an Kirchenmitgliedern verloren und liegt bei etwa 34 Prozent.

Jaspers, in den Dreißiger Jahren in Heidelberg lebt und wirkt, folgt ein Aufsatz über Max Weber. 1932, auf dem Höhepunkt der Zusammenarbeit mit Heidegger, fünf Jahre nach dessen Fundamentalontologie (die „Kehre“) „Sein und Zeit“, erscheint die dreibändige „Philosophie“; (https://jaspers-stiftung.ch/de/karl-jaspers/leben). im zweiten Band „Existenzherstellung“ findet sich ein Schlüssel zu seinem vielschichtigen Werk, das aussagekräftig über den Wert der Gemeinschaft ist: Existenz verwirklicht sich in Kommunikation mit anderer Existenz und nicht in isolierter Zurückgezogenheit. Der Mensch braucht andere Menschen, um menschlich wirken zu können. Ein Zitat, das die Bedeutung seines kritische reflektierten Christentums belegt:

„Der biblisch fundierte Absolutheitsanspruch der Kirchen steht ständig auf dem Sprung, die Scheiterhaufen für Ketzer zu entflammen.“

Nach dem Ausschluss aus dem Universitätsbetrieb schreibt Jaspers ohne Ressentiment „Vernunft und Existenz“ und unmittelbar darauf „Nietzsche“, um ihn vor der Vereinnahmung der Faschisten zu verteidigen. Er wusst um sein Tingen um einen tieferen, wahren Glauben und scheiibt:

„Das Buch ist ein Versuch, den Gehalt der Philosophie Nietzsches herauszuarbeiten gegen den Strom des Mißverstehens seitens der bisher ihn aufnehmenden Generationen.“

Foto Bernd Oei, Schlossplatz mit Wachhaus, das kurz vor der Reichsgründung entstand.
Zur damaligen Zeit hatte die Lambertikirche noch keine Türme.(https://www.alt-oldenburg.de/bauwerke/rund-ums-schlo/die-schlowache/index.html)

Jaspers schreibt u.a. über den Zusammenhang von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sein Humanismus ist psychologisch geprägt:

„Das Bild vom Menschen, das wir für wahr halten, wird selber ein Faktor unseres Lebens. Er entscheidet über die Weisen unseres Umgangs mit uns selbst und mit dem Mitmenschen, über Lebensbestimmung und Wahl der Aufgaben.“

Nach Monographien über Nietzsche und seinem Gegenpol Descartes aus dem Exil heraus, publiziert Jaspers „Von der Wahrheit“ und „Der philosophische Glaube“, beides unmittelbar nach Kriegsende.

In der Nachkriegszeit doziert Jaspers vorwiegend an der Basler Universität. Immer stärker tritt die Bedeutung der Geschichte, der Umgang mit ihr als Geschicklichkeit und ihre symbolische Deutung als Chiffre hervor. „Alles kann Chiffre sein“. Sie ist die Meta- und Symbolsprache in der Architektur.
Alles ist Chiffre – Alles ist Zahl – Alles ist Information. am Ende ist Wahrheit, was uns verbindet und alles Glaube. Neben dem rationalen gibt es auch einen mystischen Jaspers. Vielleicht gerade deshalb, weil er immer um Ausgleich und Versöhnung bemüht ist Ein Anker unserer Zeit, der die Pendelbewegung zwischen den Extremen auszuloten und in der Mitte zu verorten versucht. Sein Humanismus gilt der bürgerlichen Mitte.

Foto Bernd Oei,: Hahn, Kugel, Pendel und Halbmond. Skulptur aus Polyester und Stahl, 1992 von Christoph Fischer in der Pistolenstraße, Fußgängerzone Oldenburg.. Die Attribute sind Chriffren oder Symbole des Tages, der Erde, der Zeit.

Mit Nietzsche im Rücken warnt Jaspers warnte vor der modernen Wissenschafts-Hörigkeit und erwies sich als Freund der (christlichen) Tradition:

„Das moderne wissenschaftliche Erkennen bringt uns in den ständig wachsenden Besitz von Wissen und Können. Unter dem suggestiven Eindruck dieser Erfolge sieht der unkritische Verstand in dem, was er erkennen und machen kann, alles, was ist.“

Er spricht bewusst vom philosophischen Glauben (angesichts der Offenbarung) und nicht vom Wissen. (http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-karl-jaspers-das-moderne-wissenschaftliche-erkennen/). Globale Strategien scheinen notwendiger denn je, auch um lokale Probleme zu lösen. Der Nationalismus, auf den sich Staatsraison berief und die in zwei Weltkriegen und anschließenden kalten Krieg mündete, betrachtet Jaspers für unzureichend.

Globales Denken

In „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“, postuliert Jaspers erstmals seine Theorie der Achsenzeit, die im Kern eine Analogie verschiedener Parallelereigniss mit weltweiter Wirkung thematisiert, verbunden mit einem panoptischen und synoptischen anstelle des eurozentrierten Blickes. Beispielsweise lebten Buddha und Sokrates zu fast gleicher Zeit. Geschichte muss in größeren, in globalen Zusammenhängen gesehen werden, um Nationalismus oder gar Chauvinismus zu überwinden (https://de.wikipedia.org/wiki/Achsenzeit). Dabei spielt das Christentum als eine Weltreligion natürlich eine Schlüsselrolle.

Folge der interreligiösen Diskurse ist eine Monographie über Schelling und dessen Mythologie der Offenbarung, die als Vorarbeit zu Jaspers zu deuten ist und eine und eine über fernöstliche Philosophie.

Im Zentrum der Fußgängerzone in Oldenburg verweist heute „Unsere Welt“, eine bronzene Globusskulptur aus dem Jahr 1992 von Bernd Altenstein, der lange an der Bremer Hochschule für Künste im Lehramt wirkte (https://de.wikipedia.org/wiki/Bernd_Altenstein).

Foto Bernd Oei: „Unsere Welt“ von Bernd Altnstein, Teil einer Reihe von Globus-Skulpturen, die einen Wanderweg zur Veranschaulichung der Eine Welt Lehre bilden, u.a. auf dem Domshof in Bremen, 1996

Möchte man Jaspers Themen kurz umreißen, so sind sie bereits aus den Titeln hervorgegangen: Glaube, Freiheit und die Suche nach Wahrheit auf der metaphysischen Ebene sowie Zerrissenheit des abendländischen logos und des Geschichtsbildes auf der phänomenologischen Seite. Jaspers ist mit deutscher Zeitgeschichte untrennbar verwoben. Er hat Themen wie die Schuldfrage, den Nihilismus als allgemeinen Wertezerfall, Gleichgültigkeit am menschlichen Dasein als Inhumanität immer wieder gestellt und – anders als Heidegger – die Auseinandersetzung auch außerhalb der Universität an für Akdemiker unbequemen Orten gesucht. Er gehört zu den universal pazifistisch und glolobal denkenden Systemphilosophen.

Foto Bernd Oei, Fruchtbar vitamina von Innen. Das Geschäft bietet ausschließlich Smoothies an.

Tod als Verhalten zum Dasein

„Existenzherstellung“ handelt zunächst von der Notwendigkeit der Liebe für das Gemeinwohl. Zu ihr gehört unabdingbar die persönliche Begegnung und das direkte Antlitz, die Sicht auf Mimik und Gestik. All dies ist durch inhumane Hygienemaßnahmen erschwert. Sie führt, bedingt durch Angst und Hysterie zu dem, was Jaspers Zensur des freien Geistes nennt.

„Ungewiß zwar ist es, ob in der Freiheit die Wahrheit sich verwirklicht. Gewiß aber ist, daß unter Zensur sie verkehrt wird.“

Die Liebe wird notwendig für den vermutlich wichtigsten Leitbegriff im Denken von Jaspers; der nebenbei die Antipoden Kant und Nietzsche vereint: die Freiheit. So opfert er die Sicherheit im Zweifel dem mehr an Freiheit:

„In der Freiheit ist zwar das Verderben groß, das völlige Verderben möglich. Ohne Freiheit aber ist das Verderben gewiß.“

Das zweite Kapitel handelt über den Tod als entsprechendes Seins-Modi zur Liebe.

Der Tod selbst ist für Jaspers noch keine Grenzsituation, sondern erst das reflexive Wissen um und damit der Vorgriff  auf ihn. Man lebt durch Vergessen (nicht Verdrängen), dass wir allzeit vom Tod bedroht sind. Paradoxerweise kann ich als existierend Lebender nur leben, weil ich sterben muss. Der Tod bringt die eigene Existenz zu einer Dauer, zu einem begrenzten, aber dadurch zu einem konkreten Sein. Der Tod lässt uns unser Dasein achten, aber nicht überschätzen, er setzt dem Lebendigen Grenze, indem er uns zum wachsamen aktiven Leben selbst auffordert. Er ist daher mehr als eine physische Notwendigkeit: ohne ihn wäre unser Geist ohne rechten Antrieb. Kritisch betrachtet er die Verdrängung des Todes durch die Industrie:

„Wir haben ein Dutzend wirksamer Heilmittel; das Übrige ist Produkt der Angst der Kranken und der Interessen der pharmazeutischen Industrie.“

Foto Bernd Oei, Oldenburger Fußgängerzone, Blick in das Atelier Ale Schmiede am Lappan (ehem. Wehrturm)

Grunderfahrung des Todes

Allgemein ist Tod ein Faktum, aber keine existentielle Gegebenheit: er ist entweder mein Tod oder der Tod eines Anderen und damit des Nächsten Paradoxerweise wird aber durch diese Grunderfahrung, daß jeder für sich einsam stirbt, zu einer Kommunikation mit der Unendlichkeit des Absoluten:

Der eigene Tod hat aufgehört, nur der leere Abgrund zu sein. Es ist, als ob ich mich in ihm nicht mehr verlassen, der Existenz verbinde, die mir in nächster Kommunikation stand.“

Das Wissen, nicht zu wissen , was genau der Tod und wie der Tod ist, heißt im Umkehrschluss das absolute Wissen, dass er und zudem endgültig ist. Der Tod vermittelt eine Geborgenheit, die dem Leben selbst fremd bleibt; mein eigener Tod bleibt unerfahrbar: folglich habe ich Todesbewußtsein nur aus zweiter Hand. Umgekehrt erfahre ich im Dasein meine eigene Beschränktheit. Der Tod ist existentiell betrachtet das Nichts, welches mich doppelt aufhebt: es setzt der lebendigen Existenz ein Ende und steht doch gleichermaßen an seinem Beginn. Auch Jaspers spricht von der Doppelerfahrung und Doppelheit aller Daseinserfahrung durch den Tod. Er gleicht einem in sich verschlungenen Acht. Eine Situation, in der jeder Mensch endgültig, unausweichlich und unüberschaubar an die Grenzen seines Seins stößt.

Die Chance im Scheitern erkennen

Foto Bernd Oei, Schild am Eingang der Schmiede am Lappan

Tod ermöglicht Angst, Sorge, Neugier – die drei existentiellen Seinsmodi Heideggers, der den Tod als latente Verfallenheit des Daseins bezeichnet. Eine bedeutende Chiffre, die unmittelbar zum Menschen spricht, ist das Sein im Scheitern. Erst im echten Scheitern wird das Sein, erst in der Grenze die Macht der eigenen Möglichkeit erfahren. Dies kann zum Sprung ins Selbstsein führen (Analogien zu Kierkegaard sind unübersehbar).

„Der Ursprung in den Grenzsituationen bringt den Grundantrieb, im Scheitern den Weg zum Sein zu gewinnen … In den Grenzsituationen zeigt sich entweder das Nichts, oder es wird fühlbar, was trotz und über allem verschwindenden Weltsein eigentlich ist.“

Existentiell entscheidend ist, dass wir uns erst angesichts des Todes als Ganzheit voll erfahren und folglich ein Sich Verhalten, ein Gestimmt Sein zum Tode die Grundlage für unsere eingenommene Haltung zum Leben ist. Sich zum Tod zu verhalten ist zweifach möglich: als Tapferkeit oder in Ängstlichkeit. In der Tapferkeit hat der Tod seinen Schrecken verloren, in der Ängstlichkeit wird das Nichts geradezu als Letztes, was gewollt werden kann, affiziert. Aus beidem kann „Gelassenheit vor dem Tode“ entstehen, sofern die eigene Existenz als mögliche und nicht als einzige oder absolute Daseinsform aufgefaßt wird. Auch der Tod wird zweifach schaubar: „als Dasein, das nicht eigentlich ist und als radikales Nichtsein“.

Nur wer Lebensmut hat begegnet dem Tod angemessen. Wo er verdrängt oder dämonisiert wird, führt er zur Neigung, Dämagogen zu folgen. Er führt in den kollektiven Suizid oder die panische Angst vor dem Erkranken.

„Was. zunächst die rückhaltlose ärztliche Wahrhaftigkeit betrifft: Anspruch auf Wahrheit hat nur der Kranke, der fähig ist,
die Wahrheit zu ertragen und mit ihr vernünftig umzugehen.“

Foto Bernd Oei, Schmiedekunst am Lappan, Werkstatt-Ausstellung, lange Zeit unter der Ägide von Edda Sandstede. Zitat::
„Am liebsten würde ich auch wirklich bis zum Schluss einfach immer weitermachen, weil es so herrlich ist, und dann kann man mich hier ’raustragen.“
(https://www.nwzonline.de/oldenburg/wirtschaft/oldenburg-werkstatt-am-lappan-hammer-in-alter-schmiede-faellt-zum-letzten-mal_a_50,0,1112628669.html)

Das Leben ist originär Angst vor dem Tod und Haltung zum Tode durch Sprünge, daher gibt es nur plurale Tode : „Mein Tod wandelt sich mit mir.“

Im Tod liegt Geborgenheit: Der wirkliche Tod ist gewaltsame Unterbrechung von Leben, er ist „Ende“. Zum Tode aber hin gerichtet vollendet sich das Leben, daher ermöglicht Tod die „Vollendung“.

Arzt als Krankheitsursache

Der Arzt kann gar nicht in der Gemeinschaft offener Vernunft mit dem Kranken stehen.

Jaspers schreibt auch vom veränderten Rollenbild des Arztes. Seiner Meinung nach – vergessen wir nicht, dass er selbst vorwiegend als Gerichtsgutachter und Arzt für Nerven- und Seelenleiden parktizierte – nicht in der Gemeinschaft offener Vernunft mit dem Kranken stehen. (https://wuecampus2.uni-wuerzburg.de/moodle/pluginfile.php/1769836/mod_resource/content/1/Jaspers%20K._Idee%20des%20Arztes.pdf). Sehr häufig gehlt die Empathie und der Arzt ist Teil der Krankheit seines Patienten.

Jaspers konstatiert bereits zu seiner Zeit die Problematik der Spezialisierung:

„Die Spezialisierung, die Verschulung des Unterrichts, die Tendenzen des Zeitalters im Massenbetrieb, die naturwissenschaftliche Ratlosigkeit vor dem Psychischen, alle diese Momente haben das heutige Arztsein mitbestimmt.“

Eine in der Modernität leer gewordener Menschen ·läuft vergeblich Heilserwartungen und genormten Glücksversprechen nach, die solche Psychotherapeuten erwecken. Das ärztlich Mögliche wird versäumt, das seelisch Begehrte nicht erreicht. Der Mythos lehrt: Die Verführung der Danaë durch einen Goldregen (in den sich Zeus verwandelt) wird verwendet, um auf die korrumpierende Macht des Goldes hinzuweisen, die alle Hindernisse (auch der Keuschheit) überwindet. Sie war ein Symbol für die Göttliche Liebe und die Transzendenz, aber auch für die Medizin – die heilende Kraft des Eros.

Freiheit des Willens

Die Nähe zu Nietzsche führt zu Überschneidungen hinsichtlich der Überwindung von Todessehnsucht, Schmerz, Krankheit durch amor fati und bedingtungslose Lebensbejahung. Alle Theorien der Willensfreiheit hält Jaspers für unbrauchbar und „gehaltlos“. Freiheit muß in Handeln, Wählen, Wollen unterschieden werden, wobei schon für die Wahl ein Motiv bzw. eine Begrenzung durch die Wahlmöglichkeiten vorliegt . Ebensolche Begrenzungen liegen auch für Handeln und Wollen vor, denn weder kann man alles so behandeln, wie man will, noch kann man alles Wollen, wonach gehandelt werden kann.

So bestehen Formen der existentiellen Willensfreiheit im Mut zur Wahrheit, seiner Bereitschaft zum Handeln trotz scheinbarer Ausweglosigkeit. Damit kommt er dem kategorischen Imperativ und dem oberen Begehrungsvermögen (ein Handeln ohne Rücksicht auf eigene Interessen und in voller Selbsthingabe) sehr nahe. Die existentielle Unabhängigkeit kulminiert in der Eigenverantwortung unserem Gewissen gegenüber als „Sorge für die Sittlichkeit“.

Es gibt nichts, was nicht fragwürdig wäre. Der vielleicht elementare Satz lautet: „Freiheit erlaubt jeden Augenblick die Umkehr zum guten Willen“.

Dass es eine mehr oder weniger große Freiheit des Handelns und des Willens gibt, ist nicht strittig. Alle bisherigen Theorien über den Willen führen zu der Tautologie „Ich will, daß ich will“ und würden damit der Freiheit in letzter Konsequenz doch dem Determinismus das Wort reden. Freiheit kann wissenschaftlich nicht betrachtet werden, lediglich die Konsequenzen eines freien Willens.

Der Wille ist schwach oder unlauter, wenn nur pflichtgemäß, nicht aus Pflichtgefühl (Sorge um die Menschlichkeit) gehandelt wird. Böse aber wird der Wille erst, wenn er alle Pflicht dem eigenen Glücksbegehren unterordnet und damit die Grundsätze seiner Freiheit (freiwillige Einsicht in die Zweckhaftigkeit der Pflicht) verkehrt. Der Wille zur Freiheit ist mühsam; Jaspers geht es um einen „kommenden Humanismus„, in dem sich der Mensch selbst bestimmt und nicht mehr länger nach Führern sucht.

Der Mensch scheint ins Nichts zu gehen … Menschliches Dasein wird zu Massendasein. Der Einzelne verliert sich an Typen…“

Neuer Humanismus

Foto: Bernd Oei, Der Weg – in den Hinterhof, Fugängerzone Oldenburg

Die drei zentralen Fragen des neuen Humanismus lauten:

Was ist der Mensch überhaupt ?

Unter Welchen Bedingungen steht sein Dasein ?

Welchen Weg will er beschreiten ?

Der Weg soll selbstbestimmt autonom, doch nicht vereinzelt in der Einsamkeit, sondern in und mit der Gemeinschagt erfolgen. Das Gebot ist die Existenzherstellung .„ich entwerfe die Situationen“ selbst, ich handle, auch wenn ich keine Antwort, keine Sicherheit erwarten darf und betrachte die Zukunft nicht als kausalnotwendig determiniert.

Wer sich für diesen neuen Weg entscheidet und selbst bestimmt lebt, der muß sich vor der „Selbstvergessenheit“ hüten, die ihm das technische Zeitalter nahe legt. Zwar ist Technik notwendig und per se nicht schlecht, aber der Weg in die „Unpersönlichkeit“ und „Funktionalisierung“ ist zu vermeiden. Auch hier sieht Jaspers einen Weg im Christentum, in der Offenbarung.

Offenbarung deuten, eschatologisch (heilserlösend) und sakral, ist zugleich profan in dem Sinn, daß Ursprünglichkeit „Offenbarkeit“ sucht, also etwas durch Öffnung oder Sich-Öffnen auf Offenheit verweist. Das Offenbare aber ist nicht immer das Offensichtliche. Es gilt, Lichtung zu suchen.

Lichtungen befinden sich, örtlich- räumlich betrachtet, an Weggabelungen. Daher ist die Wiederaufnahme des Weges, das Motiv der Wiederholung in die existentielle Seinsauslegung (Sprache) eingebettet. „Liebe ist Wiederholung der Treue“, welche ja autonomes, sich selbst verpflichtendes Prinzip ist. Dieses Prinzip des auto kat auto (das Sich selber sein), klingt an, wenn Jaspers die Ganzheitlichkeit anspricht sagt, dass der moderne Mensch es verlernt hat, sich und seinen Kräften zu vertrauen, worunter auch die Selbstheilung zählt.

In einer Industrie- und Massengesellschaft muss sich der Einzelne mehr denn je täglich neu hinterfragen und sich nicht stur in seine Richtung ziehen lassen.

Skulpturengruppe, gestiftt von der Bremer Landesbank, 1983

Medienkritik aus der Sorge um Demokratie

So wendet sich Jaspers frühzeitig gegen die seinerzeit kritiklos geforderte und praktizierte Aufrüstung im kalten Krieg, die Blockbildung und die Unterdrückung von Freiheit zugunsten bürgerlichen Wohlstands, Sicherheit und Bequemlichkeit.

So wendet sich Jaspers frühzeitig gegen die seinerzeit kritiklos geforderte und praktizierte Aufrüstung im kalten Krieg, die Blockbildung und die Unterdrückung von Freiheit zugunsten bürgerlichen Wohlstands, Sicherheit und Bequemlichkeit. Er engagiert sich für die Wiederbelebung einer zu akademischen Vorlesungen erstarrten Philosophie; philosophia perennis ist in seinen Augen keine Wissenschaft, sondern vielmehr Existenzerhellung, welche Wissenschaft zu kontrollieren hat.

Jaspers übt zudem Kritik an den nur an Verkaufszahlen und Quoten interessierten Medien, die nicht immer der Wahrheit dienen, sondern der Mehrheitsbeschaffung und Konsensbildung. Jaspers wanrt vor dem Zerfall der Demokratie, der Atomisierung des Geistes. (https://www.nzz.ch/feuilleton/sagen-was-ist-das-war-einmal-dafuer-gibt-es-journalismus-fuer-eingeweihte-und-einverstandene-ld.1647673) .

1966 (drei Jahre vor seinem Tod) publiziert er «Wohin treibt die Bundesrepublik?». Er stellt die Unfähigkeit der Gesellschaft, ihre Verantwortung für die nationalsozialistische Vergangenheit zu tragen und Folgerungen zu ziehen, fest. Am Aufbau des Staates rügt er, dass dem Volk aus Misstrauen die Möglichkeit eines Referendums und damit eine echte Mitbestimmung verschlossen ist; es bleibt ihm, alle vier Jahre «die Existenz der Parteienoligarchie» zu bestätigen.

Philosophie hat die Aufgabe, Werte zu schaffen und zu erhalten. Sie ist darum auch nicht deskriptiv oder gar präskriptiv oder normativ – selbst Ethik ist nicht normierend, sondern appellierend und imperativ. Es gilt, sich einzumischen und nicht nur zu dulden, etwa aus Behaglichkeit. Die Ethik richtet sich dabei auf langfristige Stabilisierung des Friedens aus und permanente politische Bemühen um einen Weltfriedenszustand. Die heutige Überformung der kurzsichtigen Interessen- und Machtpolitik durch „das Überpolitische“ im unreflektierten Zustand hätte er mit Sicherheit nicht gebilligt.

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