Nachlese: Camus Festival Aachen

Aachen Camus Festival

vom 26.10. -01.11. 2021

eigener Votrag Camus und Nietzsche, Burg Frankenberg, Goffartstraße 45, Aachen, Sonntag 26. 10. 19 Uhr

Thema: Camus und Nietzsche

Die Initiative

Viel Engagement, ehrenamtlich, nach den Worten des Initiators Holger von der Camus-Gesellschaft: Es gibt keinen Stein, der nicht bewegt werden könnte.

Zwanzig Veranstaltungen über 5 Tage an vielen Orten mit unterschiedlichen Künstlern und Dozenten und differenzierten Medien unter erschwerten C- Bedingungen zu stemmen, mit der Ungewissheit leben, ob und wie es funktionieren kann, ist mehr als aller Ehren wert. Junge Menschen, Schüler, zu einem Wettbewerb zu motivieren, einen kreativen Beitrag über die eigene Wahrnehmung von Revolte und gesellschaftlichen Umbruch zu koordinieren ist ein Beitrag zu angewendetem Bildungstransfer. Orte publikumsträchtig zu gestalten, für einen würdevollen Rahmen (eine restaurierte Burg umgeben von Spielplätzen, Natur und Jugendstil-Hausfassaden) zu sorgen und immer auf Sonderkonditionen einzugehen ist einfach nur camusisch.

Die Lehre daraus ist: Es lohnt sich, etwas zu wagen, einen Anfang zu machen und auf sich selbst zu vertrauen. Alles andere kommt aus dem Universum hinterher. Ein großes Danke dafür, das ist angewandte Philosophie des Sisyphos und ein übermenschliches Nietzsche dazu.

Das Aachner Camus-Festival bestach durch seine Vielseitigkeit. Theater, Film, Poesie, Vortrag, Diskussion, Musik und den Wettbewerb für Schüler, einen kreativen Beitrag zur Aktualiät Camus´unter dem Motto „Der Ggenwart alles geben“ zu leisten. Einige Exponate schmückten den Vortragsraum der ehrwürdigen Burg Frankenberg, die einen pittoresken Rahmen abgab. Alles rund um das an zahlreichen Orten in und um Aachen stattfindende Festival: http://albert-camus-festival.de/

Grundsätzliches

An seinem Todestag am 4. Januar 1960 wird im Unfallauto in Camus Tasche ein Manuskript zu seinem Roman „Der erste Mensch“ gefunden. Daneben Dostojewskis „Die Dämonen“ und Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft.“ Zweifellos sind es die beiden Autoren, die ihn am meisten geprägt haben. „Je dois à Nietzsche une parti de se que je suis.“ Ich verdanke Nietzsche einen Teil dessen, was ich bin. O-Ton Camus.

Der Vortrag nimmt Bezug zu den vier Leitmotiven Nietzsches und der Adaption im Werk von Camus: Tod Gottes, Ewige Wiederkehr des Gleichen, Wille zur Macht, Übermensch. Zum einen äußert sich Camus in seiner Anthologie „Der Mythos von Sisyphos“ und noch ausführlicher in „Der Mensch in der Revolte“. Zum anderen spielen diese Leitmotive eine Rolle in seinen drei Romanen „Der Fremde“, „Die Pest“ und „Der Fall“.

Tod Gottes: Wie kann Gott sterben – ist er überhaupt je geboren worden und wer soll schuld an seinem Tod sein? Stendhal hat gesagt: Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass es ihn nicht gibt. Und Voltaire: Wenn es Gott nicht gibt, so muss man ihn erfinden. Und Nietzsche: Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, so lange wir noch an die Grammatik glauben. Es geht nicht um die Frage, ob wir glauben sollen oder nicht, sondern darum, wie wireigenständig handeln wollen, wofür wir stehen, uns engagieren, vielleicht sogar mit unserem Leben einsetzen. An die Stelle des warum tritt das wofür.

Ewige Wiederkehr des Gleichen: weder kehrt bei Nietzsche das Selbe wieder, noch wiederholt sich etwas monoton. Worum es geht ist immer der Augenblick, die Wah und Akzeptanz dessen, wer ich bin und was gerade ist. Amor fati heißt es Nietzsche. Das mediterrane Denken nennt es Camus. Kein Ressentiment, kein Hass, stattdessen Liebe, Selbstwert und das immer wieder aufs Neue. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, sagt Camus. Werde der du bist, heißt es bei Nietzsche, denn das Glück liegt in dir, nicht in den Sternen. Punkt eins: Man muss das Gleiche (du steigst nie zweimal in den gleichen Fluss) von das Selbe (der Fluss Rhein bleibt der selbe Rhein, auch wenn nie die Wasserströmung, mikrobakterielles Biotop, Temperatur, Pegel, Sediment etc. nie gleich vorherrschen). Punkt zwei: Man muss das Ewige als Punkt auffassen, nicht als eine Linie: er entscheidende Faktor ist der Augenblick, die konkree Situation. Bei Camus ist die Wiederkehr des Absurden und damit verbunden die der Wahl ewig, weil augenblicklich.

Übermensch: Nietzsche spricht vom Seil geknüpft zwischen Mensch und Gott. Keineswegs ist er ein Supermensch oder eine neue Rasse, sondern jener, der sich selbst übrwindet und der jeder von uns für einen Moment sein kann: ein kleiner Held des Alltags. Er ist alles andere als der moderne, der Massenmensch, weil er Einsamkeit und Wahrhaftigkeit sucht und nicht Wahrheit predigt und mit der Lebenslüge lebt.. Für Camus ist es der „letzte Mensch“ und der erste, der glückliche Mensch: Inbegriff des Humanismus und Kreislauf, der Revolte meint und Revolution verachtet, der Solidarität mit allen , auch dem vermeintlichen Feind sucht und nicht nur mit Verbündeten. Der Übermensch ist allzu menschlich gedacht: nicht geliebt zu werden ist nur ein unglücklicher Zufall. Nicht lieben zu können, darin besteht die wahre Tragödie der Einsamkeit. Soweit Camus.

Wille zur Macht: zu unterscheiden von Wille an die Macht, die Herrschaft, Hierarchie und ein duales System aus Befehl und Gehorsam verlangt. Selbständig, verantwortlich, eigensinnig, schöpferisch, so stellt sich Nietzsche in seiner Willenslehre die Philosophie der Zuknft vor: in Freiheit geboren, Freiheit verstanden als Verpflichtung und Hingabe für etwas und jemand, nicht Aufgabe oder Dienst nach Vorschrift und Pflichtmoral eines Märtyrers. Camus begreift Freiheit nicht als Befreiung von dem Stein des Sisyphos, sondern als, frei sein für die Herausforderung, dem Absurden auf Augenhöhe zu begegnen.

Biografische Analogien

Biografisch, stilistisch, dialektisch, das sind nur einige Aspekte, die Anlass zu einem Vergleich geben. Camus (1905-1960) wie Nietzsche (1844- 1889, geistiger Zusammenbruch) wuchsen vaterlos auf und wuchsen in einem Frauenhaushalt auf. Beide starben bzw. kollabierten mit rund 45 Jahren an den Folgen eines „seltsamen“ Unfalls. Zu einem Zeitpunkt, in dem sie relativ isoliert lebten. Ihr Pazifismus inmitten einer Zeit der Kriege um Ehre und Vaterland schuf ihnen Feinde. Sie mussten sich physisch gegen schwere und lebenslange Krankheiten behaupten.

Stilistisch: Beide besitzen Nähe zur Natur, ihre Freiheit, Mystik die elementare Bedeutung der Topografie f+ür das Denken, die Leib-Seele Schimäre sind offensichtlich. Als Schriftsteller neigen sie zum Aphorismus, zur poetischen Form des Philosophierens und dem Pathos der Distanz.

Dialektisch: Nietzsche wie Camus pflegen ein mythisches Denken mit Vorliebe zur Paradoxie und den Vorsokratikern, denen die Naturelelemnte und stoffliche Kreisläufe, alles Organische und Leibliches wichtig ist. Maß und Mäßigung, aber auch überbordendes Gefühl, Überfülle, Hedonismus im Sinn von Verschwendung des Glücks anstelle des rationalen Kalküls, das Nietzsche dionysisch heißt. Irrationalität nimmt auch Raum bei Camus ein, weil der ganze Mensch nicht nur aus rationalem Denken und Handeln besteht.

Pädagogisch: Beide Denker, die sich als Schriftsteller sahen, lehnen eines Helden-oder Lehrerstatus ab. Sie setzten der Systemphilosophie eines Kant oder Hegel bzw. eines Sartre, Lebensphilosophieentgegen. Darunter fällt, Quer- und perspektivisches Denken, Liebe zum Leben statt Ressentiment. Das bedingungslose Ja Nietzsches verfeinert Camus zur Differenz von Revolte und Revolution.

Historisch: Nietzsche wird von der Gründung des deutschen Kaiserreiches, dem Wilhelminismus und aufkommenden Bürokratismus geprägt, zudem von einem unglaubwürdig gewordenen oder lebensfeindlichen Christentum, einem protestantischem Pietismus. Er erlebt den Niedergang des authentischen Glaubens, den Macht-Missbrauch der Kirche und will zurück zum Urchristentum, das noch Mitfreude und nicht Mitleid praktiziert. Zudem will er das antike Modell, das auf praktische Lebenerfahrung und gesundem Menschenverstand beruhte, wiederbeleben und dem beginnenden wissenschaftlichen Denken entgegenstellen.

Camus wird von drei Kriegen geprägt: den beiden Weltkriegen, verbunden mit den bürgerkriegsähnlichen Zuständen den Mitgliedern der Résistance und den Kollaborateuren und dem spanischen Bürgerkrieg, an dem er aufgrund seiner TBC Erkankung nicht wie sein Freund Malraux teilnehmen darf. Camus sagt zutreffend: „Nietzsche hat Gott nicht getötet, er fand ihn bereits tot in seiner Zeit vor“. Die Glaubenskriege und Identitätsverfall, das Aufkommen einer neuen Macht und der Verfall von Traditionen lag schon hinter ihm, die Wissenschaften, einer der neuen Götzen und der Staat, der andere, durchliefen ebenso bereits ihre ersten Krisen, die Moderne sah sich in Frage gestellt. Wie Nietzsche ist Camus kein radikaler Atheist, sondern Agnostiker und wie Nietzsche sehnt er sich nach einer heiteren Gelassenheit der Hellenen zwischen und auf den Trümmern von Tipasa. Auch er sucht den Ariadnefaden, der uns aus dem Labyrinth, dem selbstgebauten Gefängnis aus Zucht und Züchtigung befreit, vertraut aber nicht nur auf das eigene Handeln, sondern auf die Gruppe.

Philosophische Schnittstellen

Punkt eins: die Lehre von der parhesia, dem Selbstwert durch Selbstfürsorge. Sie führt zu einer Selbstermächtigung zum Handeln und eigenständigen Denken, zugleich einem Korrektiv zu Vorurteil und Ablehnung bestimmter Merkmale wie Rasse oder sozialen Status. Dies gilt sicherlich in ethischer Hinsicht noch mehr für Camus als für Nietzsche, dessen amor fati aber die Grundwerte des Lebens höher achtet als Gewallt. Dies führt beide einem pannationalen, einem europäischen Denken und dem Pazifismus zu.

Punkt zwei: Die Priorität des Werdens gegenüber dem Sein, der Metamorphose und dem Tanz um die Balance gegenüber der Statik oder der positivistisch-rational erklärten Progression, zu der auch der Klassenkampf zählt. Ein Beispiel auf der politischen Ebene ist die Ablehnung einer Partei, weil sie den Umgang mit der Freiheit behindert und zu ideologische Lagerdenken führt.

Punkt drei: Nicht Freiheit, die ich bekomme, sondern jene, die ich schenke wirkt nach innen. Freiheit im Sinn von Befreiung und Loskommen von etwas führt immer zu einem Sklavenaufstand, der in Herrschaftsbegehren umschlägt. Die Entwicklung des freien unabhängigen, unbestechlichen und dadurch wahrhaftigen Denkens als auch Fühlens ist entscheidend.Freiheit ist immer ein fragiler Zustand, der Wachsamkeit inkludiert.

Punkt vier: Was Nietzsche Wille zur Macht heißt transformiert Camus zur Solidarität. Aus dem Konglomerat von Trieben und Partikularinteresse kann der Mensch den liebevollen Umgang (frei von Ressentiment) den Aufstand, die Revolte praktizieren, um aus der Ohnmacht der Opferhaltung herauszutreten. Mehr Immanenz statt Transzendenz, mehr Transparenz anstelle der Isolation und Spaltung.

Punkt fünf: Umkehr aller Werte: die Umkehr ist keine Theorie, sondern ein Weg oder eine Methode, die verkürzt auf eine Inversion hinausläuf. Im Fall von Camus ist dies anstelle der Logik des Absurden die absurde Logik leben: Die Logik des Absurden sagt: Gott ist tot. Wir haben ihn getötet. Die absurde Logik sagt: Dann müssen wir an seine Stelle treten, denn wir sind göttlich.

Punkt sechs: Der Übermensch oder der erste Mensch überwindetden Suizid. Er versteht sich als permanente Wahl, das Leben nur aus dem Augenblick und selbtbestimmt zu begreifen. Er reduziert sein Ich, um sein Selbst vollständig und wahrhaftig zu erkennen. Für Camus heißt das primär, unter Menschen zu sein und das höchste Glück im Augenblick zu erfassen, Freiheit als Freigibigkeit zu begreifen und nicht wie einen Besitz zu verteidigen gegen die Freiheit anderer. Es ist die Daseinsbejahung in höchster Vollendung, die am Zweifel nicht verzweifelt, aber auch keine Erlösung, sondern Lösung will.

Punkt sieben: Tod Gottes: dem Absurden auf Augenhöhe begegnen, bedeuet es aushalten und nicht resignieren. Das Absurde lässt sich so wenig zerstören wie die Idee des Göttlichen. Wir sollen handeln, als wären wir frei und nicht aufgrund eines höheren Zweckes wegen . Bleibt der Erde treu, sagt Nietzsche. Das Gleiche tun heißt nicht das selbe wollen, sagt Camus. Das Absurde ist immer, wird immer sein, es bietet uns eine Chance, anstelle Gott zu lieben, uns selbst zu verzeihen und solidarisch zu empfinden selbst mit andersgesinnten. Katastrophe ist als Wendung, als Hinwendung zum Selbst zu begreifen

Punkt acht: Übermensch: erhaben sein schließt Demut ein. Auratisierung: nur im Hier und Jetzt die innere Einstellung ändern. Über den Dingen stehen, ein wenig Stoizismus und Skeptizismus, ohne die Liebe und grenzenlose Bejahung der Welt und des Selbst zu gefährden. Weniger Ich und mehr Authentizität. Da es keinen freien Willen, aber einen Willen zur Freiheit gibt, müssen wir handeln, als wären wir frei. Der Übermensch ist zugleich der „absurde Mensch“

Punkt neun: Ewige Wiederkehr des Gleichen: Nihilismus (unterschieden in religiösen, psychologischen, ästhetischen, moralischen, historischen, metaphysischen Nihilismus) ist immer ein Nein zum Leben. Es führt auf der politischen Ebene zum Krieg, den kollektiven Selbstmord, auf der religiösen Ebene zum Atheismus und damit einer Vernichtung aller Werte des Glaubens, auf der psychologischen Ebene zum freiwilligen, scheinbar vernünftigen Tod. Die Verführung zum Nein kehrt immer wieder wie der Impuls zur Resignation oder zum Ressentiment. Wir dürfen dem widerstehen, weil der Schmerz und das Sinnlose seinen Sinn hat: Schmerz, Wahl und Glück sind die Früchte unserer Existenz. Es gibt kein Licht ohne Schatten, keine Solidarität ohne Einsamkeit.

Punkt 10: Spiel zwischen absurder Logik und Logik des Absurden. Zwei Beispiele. Absurde Logik: Heute ist das Gestern von Morgen. Logik des Absurden: Heute ziehn wir in den Krieg für den Frieden von Morgen. Absurde Logik: Wenn du keine Wahl hast, bejahe sie. Logik des Absurden: Wenn du keine Wahl hast, ist das Schwierigste schon überstanden. Nur wer sich heute gegen den Freitod entscheidet, hat morgen noch die Wahl, sich das Leben zu nehmen. Gemeint ist immer die Differenz zwischen Kapitulation, Scham oder Bestrafung und der Hingabe an etwas Sinnvolles, das den Wert eines Morgen erlaubt.

Unterschiede

Nietzsche war polemisch, sarkastisch, anti-demokratisch und prinzipieller Einzelgänger, Radialindividualist. Er schrieb Parabeln und oft selbstironisch. Beispiel: Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht. Für das Volk hegte er wenig Sympathie in seinem elitären Denken einer Geistes Aristokratie. Demokratie war ihm als Mitläufertum verhasst. Solidarität kümmerte ihn nicht, einen Unterschied zwischen Revolution und Revolte zog er nicht. Kompromisslose Selbstanalyse, Einsamkeit und Askese gehörten zu seinen Prinzipien, wenngleich er eine Philosophie des Leibes und der Sinnesfreuden entwickelte. Autonomie, geistige und seelische Unabhängigkeit führten zu einem Denken im „Eis“: „DAs Ideal gefriert“. Sein antikes Vorbild seht auf den Säulen Skeptizismus, Stoizismus und Psychologismus der Eleaten beruhte. So trat, nicht nur aufgrund Schopenhauers Einfluss, die Bedeutung der Neurologie, die Differenzierung zwischen Fatalismus (Es ist so und nicht anders wird es kommen) und Determinismus (Es muss oder soll so sein aufgrund mechanischer oder biologischer Gesetze) hinzu. Nietzsche wurde zum politischen Phänomen: erstens wegen des Missbrauches seiner Gedanken – Beispiel die Kopilation “ Wille zur Macht“, durch das Weimarer Archriv – zweitens wegen der Zeitumstände (Faschischtologisierung), drittens wegen der Zweideutigkeit, dem kalkulierten Rätsel, das zu Missverständnissen, besonders bei Dekontextualisierung und Isolation einzelner Sätze wie „Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“ oder „Es lebe der ewige Krieg“ . Sinnbild seiner Philosophie ist der Baum am Abgrund, der für sich steht und prächtiger gedeiht als die Bäume im Wald. Zuletzt spielt bei ihm der Vergleich (ein Vergleichen von Ungleichem) eine gewichtige Rolle.

Camus taugt mehr zum menschlichen, politischem und ethischem Vorbild; dem Immoralismus Nietzsche setzt er den Humanismus entgegen, dem Übermensch den ersten Mensch und zugleich den glücklichen Mensch. Seine Vorstellung von Glück ist praktischer, auf den einzelnen Genuss und die Vermeidung von Vergleichen oder sehnsuchtsvoller Erwartung gerichtet. Sie richtet sich auf die einfachen Dinge des Lebens, die zu genießen sind oder die kleinen Handlungsspielräume, die uns immer bleiben. Er wählt Sisyphos zu seinem Helden. Zudem tritt der politische Aspekt und die Gemeinschaft in den Vordergrund. Zumibndest temporär soll und muss der Einzelne sich verbrüdern, um Widerstand leben zu können: „Ich empöre mich, also sind wir“. Seine Ich-Skepsis geht nicht die autodestruktiven Wege und seine Revolte hat die Ideale der Revolution Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit immer im Blick. Camus Philosophie ist die der Straße, denn er fühlt mit den Armen und einfachen Menschen und er kämpft um gelegte, nicht verwaltetete Demokratie. Mit Recht schreibt er deshalb: Nietzsche hat die Revolte angedacht, aber nur vorbereitet, nicht gelebt. Zuletzt versucht Camus, einen Zwischenweg zwischen Individualismus und Marxismus (präziser historisch dialektischem Materialismus) zu finden, er integriert emprische Elemente der Industriealisierung und Kolonialisierung , die zur Entfremdung des Individuums führten und will daher auch die gesellschaflichen Rahmenbdingungen ändern. Camus´ bekanntstes Bild, um sein Denken zu veranschaulichen, ist und bleibt der einen Stein rollende Sisyphos, der ihn zu seinem Sein und Stein macht.

Stilistisch hält sich Camus an die Eindeutigkeit und Klarheit er Sprache. Setene Ausbnahmen bilden die Regel. Eine davon betrifft Bilderbrüche, die er vornimmt, wenn es zum Umschaltenm zum Verlust der Kontrolle oder der Logik kommt, wie etwa beim Abfeuern der Schüsse Meursaults auf den ihn im Grunde gar nicht bbedrohenden Araber in „Der Fremde“, in dem Camus drei Bilderbrüche, (Katachrese), vornimmt, um Synästhesie-Wirkung und damit Reizüberflutung zu erzeugen.

Sprachliche Besonderheiten

Wer Camus nicht im Original liest, kann seinem Denken nicht ganz gerecht werden und verliert Feinheiten aus dem Augen. So kann der Franzose generell nicht zwei Sutstantive zusammenbinden wie Selbstbewusstsein oder Selbstwert. Er muss zwei Begriffe daraus bilden. Auch die Präpositionen sind unterschiedlich Aus Wille zur Macht und Wille an die Macht kann französisch nur au (männlich) bzw. à la (weibliche) folgen. Dafür kann man für Macht zwischen pouvoir oder puissance wählen: ersteres kommt vom Können und Vermögen, also in der Lage zu handeln zu sein, letzteres zielt auf Herrschaft oder Trieb und Gewalt ab. Zudem kann man force mit Macht übersetzen, wenn eine Naturkraft gemeint ist, die Nietzsche durchaus im Blick hat, wenn er in seiner Metaphorik Wille zur Macht mit Gewitter vergleicht.

Der Übermensch leitet sich ab von über; die Präposition sur gibt es auch im Französischen, dennoch gebraucht nicht nur Camus häufig ein Synonym wie der absurde, der glückliche, der erste Mensch, um deutlich zu machen, dass er sich nicht über andere, sondern sich selbst erhebt. Der Frazose kennt nur zwei Geschlechter, die deutsche Grammatik hingegen das Neutrum. Zudem korrepondieren sie nicht immer: die Wahrheit, das Weib – eine durch Alliteration bekräftigte Analogie bei Nietzsche, die im Französischen durch la vérité, la femme grammatisch über den identischen Artikel funktioniert. Andererseits verhalten sich die Geschlechter invers bei la volonté, der Wille und le pouvoir, die Macht. Da Nietzsche unablässig mit solchen grammatischen, phonetischen und syntaktischen Elementen spielt, kann und muss Camus solche Differenzen, sofern er die Zusammenhänge erkennt, anders gestalten. Übermensch wird substantivisch mit supérieur, dépassement oder résolution und nicht nur mit dem Verb surmonter begleitet.

Ein Attribut wie der „tolle Mensch“ löst mindestens drei Assoziationen aus: toll im Sinn von dreist , verrückt oder überragend, was wertschäteznd oder pejorativ gemeint sein kann. Da es das Schlüsselkapitel für den ersten Menschen im Sinn Camus´ ist, transkribiert er mit l´incensé, der ungeheure Mensch. Die stiftet durchaus eine Verbindung mit l´Etranger, der Fremde, denn Meursault in seinem Immoarilsmus wirkt wie ein Ungeheuer, passend zu Nietzsche Formulierung: Wir erzeugen Ungeheuer aus uns selbst, präziser: „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“

Diffizil wird die Übersetzung bei Schlüsselbegriffen wie Ursache und Grund, raison, cause, das der Franzose nicht so deutlich untercheidet. Ebenso bei das Selbe, das Gleiche: beides wird mit le oder la même wiedergegeben. Es bedarf auch hier eine andere Form, damit der Gedanke Nietzsches deutlich wird. Dafür ist es im Deutschen fast unumgänglich Revolte und Revolution zu erklären, damit sie in ihrer Schärfe unterscheidbar bleiben. Umgekehrt setzt man im Deutschen Wiederholung und Wiederkehr gerne als Synonyme, während retour, r´pétition, renouvèlement und renaissance sehr differenziert auf die Qualitäten des Reproduzierend verweisen. Sprachen und Übersetzungen gleichen Neugeburten und können hilfreich wie verwirrend sein.

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