Brennen muss er…

Über die Aktualität Giordano Brunos

Zugegeben, die Renaissance, obschon sie Wiedergeburt heißt, scheint über vier Jahrhunderte fern. Doch Ketzer werden auch heute verfolgt, erst spät, wie im Fall des Heiligen Stuhls, heilig gesprochen. Sorry, war ein Irrtum, den größten Geist seiner Zeit in Flammen zu setzen. Er passte nicht ins Weltbild. Zu anstrengend, am Unfehlbarkeitsdogma des Papstes zu zweifeln. Zu suspekt, wenn einer meint, der Mensch sei entweder mit der Natur oder gar nicht in ihr: Ganzheit heißt nicht Allheit und darum: Gott ist weder gut noch böse, Wahrheit weder richtig noch falsch, alles im Wandel und damit paradoxerweise richtig, selbst wenn es sich falsch anfühlt.

Am 17. Februar 1600 starb Giordano Bruno aus Kalabrien auf dem Campo di Fiore, dem Platz der Blumen in der Ewigen Stadt, die sich ständig ändert und nur im Wandel zu erhalten vermag. Der Papst ist tot, es lebe der neue. (https://www.berndoei.de/wp-admin/post.php?post=3221&action=edit) Was überlebt ist einzig die Inquisition – die behält am Ende immer Recht, egal welches Dogma sie gerade vertritt.

Visionär und Querdenker der alten Schule

Bruno dachte vieles voraus und nahm unsere heutige Entwicklung vorweg: ein Wort für dreierlei, quasi eine Trinität für die Wissenschaft des Glaubens. Der Eine ist der Mensch, das Eine der Kosmos und die Eine Physik oder Natur. Dem entsprechen die Prinzipien das Besondere, das Allgemeine und das Notwendige. Wie kann es sein, dass in der Natur selbst keine Dreiecke vorkommen, diese aber Grundbestand des Denkens und der Mathematik sind? Nur, weil die Natur eine Seele ist, ein Organismus und damit alle Materie lebendig. Weil nichts gedacht werden kann, was von Natur aus nicht bereits geistige Realität ist, selbst wenn diese noch nicht sinnlich in Erscheinung getreten ist. Mehr dazu liefert mein Podcast, Philosophen von A bis Z. Oder man schaut sich die Kosmologie des Unendlichen an. (https://www.youtube.com/watch?v=VhNoFbUtcy8)

Bruno Denkmal auf den Campo di Fiore, Rom

Weshalb also ist Bruno aktuell? Zunächst sei Zweifeln und seine Skepsis gegenüber der allgemeinen Weltordnung und scheinbar unanzweifelbaren Physik, denn auch heute glauben manche Menschen, unser Stand des Wissens stehe so fest wie der Kölner Dom und dabei wissen wir doch nur, was wir glauben (wollen). Zum anderen die ständige Veränderung, weil alles, auch das vermeintlich Tote lebt. Zum dritten die Notwendigkeit, niemand und nichts zu dämonisieren und niemand oder nichts zum heiligen Gral zu erheben. Zum vierten die Haltung eines Nomaden: sich mit keiner Sache, Ideologie und schon gar nicht einem Herrscher zu identifizeren oder gemein zu machen, weil das den Sinn auf das Ganze trübt und den Verstand umnebelt. Dass er aktuell ist, dokumentiert auch die mitgliederstarke Bruno-Gesellschaft. ( https://www.giordano-bruno-stiftung.de/)

Mahnner vor dem eindimensionalen Mensch

Man hat ihn gefangen und am Ende für schuldig befunden, weil er seinen ketzerischen Lehren nicht abschwören wolllte. Es gibt gewiss Menschen, die einfach halsstarrig bleiben und nicht zur Einsicht gelangen wollen, doch Bruno ging es keineswegs darum, Recht zu behalten oder besser zu sein als andere: er schwörte jedem Dogma ab und berief sich auf die permanente Evolution. Er war notgedrungen ein Revolutionär, der nicht nur das Bild der Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaftler selbst angriff, die im Namen des Systems andre zu einem vermeintlichen Wissen zwingen wollten.

Brennen musste er, weil er den Widerstand verkörperte. Weil er sich nicht für den eigenen Vorteil kaufen oder ködern lies. Weil es vielen unheimlich war und ein schlechtes Gewissen machte, dass er existierte, arm, bedürfnislos und ständig neugierig auf das, was er nicht wusste, nicht wissen konnte, weil es dem Paradigma widersprach.

Ende der Bequemlichkeit

Wir verteidigen unsere Komfortzone nin deologhischen Gräben, die schnell zu Gräbern mutieren. Wer heute über Kriege liest, der gehört zu den Gutmenschen, wenn er den Schuldigen benennt. Leider vergisst er, dass er vielleicht in einem Land lebt, das selbst vom Krieg lebt, entweder indirekt, indem es Kriege auslagert und damit von eigenen Konflikten und Verantwortlichkeiten ablenkt, etwa wirtschaftlicher Ausbeutung oder politischer Unmündigkeit bis hin zur Dämonisierung dessen, was dem eigenen Weltbild widerspricht- Oder aber direkt, indem er Waffen produziert, Handel treibt und im ökonomischen Kreislauf Raubbau an Mensch und Natur vornimmt. Da aber naturgemäß immer der andere angefangen hat oder schuld ist oder niemalsnicht die eigene Wertigkeit in Frage gestellt werden darft, verfallen wir immer wieder in Schwarz-Weiß-Denken und Täter-Opfer Verhaltensweisen, rigide Muster, Atavismen aus der Höhlenzeit.

Schützengräben und Lagerbilder

Der Mensch ist nicht gut oder böse, die Natur nicht vom Menschen zu trennen, sie urteilt auch nicht und Gott, wenn man Bruno folgt, weder vollkommen noch Licht oder Dunkel. So wie Licht sowohl Punkt als auch Welle ist, so sehr trägt der Mensch den göttlichen und den diabolischen Teil in sich, so sehr ist er liebend und hassend in einem. Er braucht das Universum und die Sonne, doch dieses atmet, wächst, expandiert und kontrahiert. Er sieht nur eine Sonne und glaubt deshalb, es gebe nur eine und die sei auch so, wie er sie sieht, unveränderbar. Wie sehr uns doch unsere Sinne trügen … vor allem, wenn wir meinen zu wissen, was Sinn macht, was Recht ist und wer Unrecht hat. Sich spalten lassen und aus Bekenntniszwang einen Bösen zu benennen ist einfach und kostet nichts. Sich zu fragen, was habe ich getan, damit es nicht so weit kommt, ist weitaus unangenehmer.

Brennen soll er, weil er muss – der Widerstand muss weg.

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