Aurels Erben

Volubilis, Haus des Orpheus

Foto Bernd Oei: Voubilis, antike Ausgrabungsstadt am Fuße des Rif-Gebirges in Marokko. Haus des Orpheus mit Eingangstor. Die Stadt war zu Marc Aurels Zeiten schon 200 Jahre alt. Rilke, Sonette an Opheus I, 1: “ … O Orpheus singt! O hoher Baum im Ohr! Und alles schwieg. Doch selbst in der Verschweigung
ging neuer Anfang, Wink und Wandlung vor.

Teile und Herrsche

„Ein Sonnenlicht, obwohl gebrochen durch Mauern, Berge, tausend Anderes. Ein gemeinsamer Stoff, obwohl hindurchgehend durch tausend eigenthümliche Bildungen. Ein Leben, obwohl vertheilt auf unzählige Wesen, deren jedes seine Besonderheit hat. Eine Vernunft, obwohl auch sie zertheilt erscheint. Alles Uebrige, die Welt der Objecte, der empfindungslosen, ist ohne Zusammenhang in sich, obgleich auch hier der Geist waltet und Alles in seine Wagschaale fällt, nur das Menschenherz hat seinen ihm eigenthümlichen Zug nach dem, was ihm verwandt ist, und lässt sich diesen Gemeinschafts-Trieb nicht nehmen.“ Aus Marc Aurels Selbstbtrachtungen, vorletzter Aphorismus. (http://www.zeno.org/Philosophie/M/Mark+Aurel/Meditationen/Zw%C3%B6lftes+Buch)

Marc Aurel (121 – 180 ) Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus, regierte von 161 – 180. Mit ihm, dem Philosophen- und erstn Doppelkaiser, erreichhte das Römische Reich seine größte Ausdehnung. Zugleich begann mit ihm der unaufhaltsame Abstieg, der in der Teilung und Auflösung des Imperium romanum enden sollte.

Foto Bernd Oei: Blick durch das Venustor am nördlichen Stadteingang auf Volubilis, antikes Weltkulturerbe, 25 v. C. am Rande des Rifs gegründet.

Mark Aurel, der Adoptivsohn des Antonius Pius, war ein gelehrter Kaiser, dessen philosphisches Werk Selbstbetrachtungen einen überaus selbstkritischen Mann offenbart, der sich den Verpflichtungen seines Amtes beugte. Im Bewußtsein der Größe seiner Aufgabe ernannte er sogleich den zweiten Adoptivsohn des Antonius, Lucius Verus, zum Mitregenten, dem er zweifellos von vornherein die militärische Führung des Staates zugedacht hatte.

Damit invertiert Aurel das römische Prinzip divide et impera. Darunter verstanden sie, Unfrieden unter möglichen Bündnispartnern zu sähen und stattdessen sich die alleinige Herrschaft zu sichern. Aurel zog es vor, seine Machtfülle zu teilen, um effizienter mit ihr umgehen zu können.

Foto Bernd Oei: Blick auf Volubilis, antike Stadt aus der Römerzeit im Herzen Mauretanniens, dem heutigen Marokko, bei Meknès mit Blick auf die Ausläufer des Rif-Gebirges. Das Rif bildet geologisch einen Teil des Atlasgebirges und umspannt ca. 350 km vom Norden des Landes. Die höchste Erhebung liegt auf etwa 2450 m. Der Rif sorgt nicht nur für kühlere Temperaturen, sondern für lebensspendendes Wasser und damit einen grünen Gürtel.

Soziale Regentschaft

Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand in der Verbesserung der Lage aller sozial Benachteiligten, darunter auch Frauen und Sklaven – eine liberalere Verfassung hatte das patriarchalische Rom nie gesehen. Überschwemmung, Pest und anhaltende Christenverfolgung (in denen man den Sündenbock für die Naturkatastrophen zu finden glaubte) stellten ihnvor große Herausforderungen.

Seine Innenpolitik war für römische Verhältnisse mild, doch zwang ihn eine wachsende Wirtschaftskrise mit ihrer Inflation zur Abwertung des Geldes.

Bald nach Mark Aurels Amtsantritt fielen die Parther (ein persisches Volk) in Armenien ein, und Verus wurde als Oberbefehlshaber in den Osten entsandt, um die Lage wiederherzustellen. Die siegreiche Armee brachte jedoch die Pest mit nach Rom, die dann jahrelang im ganzen Reich wütete. Zu diesem Zeitpunkt (166) durchbrachen die Nordbarbaren die Grenze. Der Kaiser übernahm persönlich den Oberbefehl der Truppen und machte Carnuntum südlich von Wien zu seinem Hauptquartier.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Straße zwischen nördlichem Venus- und Triumphbogen im Süden. Noch heute wird die Region von Olivenbäumen dominiert. Schon zu Römerzeiten gehörte Olivenöl zu den nachgefragtesten Importgütern.

Von seinem Lager an der Donau aus befreite er zunächst die Provinzen von den Invasoren und stieß dann tief in feindliches Gebiet vor; Verus fiel bei diesem Feldzug 169. Mark Aurel verbrachte – bis auf eine durch die Situation in Syrien bedingte Abwesenheit – den größten Teil seiner Amtszeit mit kriegerischen Handlungen an der Nordgrenze, wo er 180 an der Donau starb. Sein von ihm inthronisierter Mitregent sollte für innenpolitische Stabilität sorgen.

Aurel wurde durch Verteidigungskriege (er führte keinen einzigen Expansionskrieg) fast seine gesamte Regierungszeit von Rom ferngehalten werden. Er bestimmte Lucius Verus zum Mitregenten, obwohl dieser ihm kritisch gegenüberstand, weil er ihn für den fähigsten Kandidaten hielt.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Blick auf Olivenhaine und Pantheon, ein den Göttern geweihtes Heiligtum. Offenbar erfreuten sich in Volubulis Venus und Bacchus besonderem Zuspruchs.

Agonie

Obwohl er sein eigentliches Ziel – Annexion neuer Gebiete nördlich der Rhein-Donau-Grenze – nicht erreichte, hatte er mit der massenhaften Deportation und Neuansiedlung von Germanen und Sarmaten den Druck auf die Grenze beseitigt und zugleich dazu beigetragen, die durch Arbeitskräftemangel und Bevölkerungsrückgang im Inland bedingte Probleme zu lindern. Die mutige Reformpolitik trat durch militärische Konflikte bald und dauerhaft in den Hintergrund.

Es folgten Kriege gegen die Daker (Kerngebiet Rumänien) und die Markomannen (Kerngebiet Mären und Unganrn). Das Balltikum nahm Aurels letzte Amtszeit gänzzlich in Anspruch.Obwohl er sein eigentliches Ziel – Annexion neuer Gebiete nördlich der Rhein-Donau-Grenze – nicht erreichte, hatte er mit der massenhaften Deportation und Neuansiedlung von Germanen und Sarmaten den Druck auf die Grenze beseitigt und zugleich dazu beigetragen, die durch Arbeitskräftemangel und Bevölkerungsrückgang im Inland bedingte Probleme zu lindern. Seine Innenpolitik war menschenfreundlich, doch zwang ihn eine wachsende Wirtschaftskrise zu einer Abwertung des Geldes. Seine Regelung der Thronfolge ist schwer zu begreife: er gab die Politik Trajans und Hadrians auf und entschied, nicht einen nach Eignung ausgewählten Erben, sondern seinen Sohn Commodus zum Nachfolger zu ernennen, der wahrscheinlich seinen Tod in Auftrag gegeben hatte und sich als vollkommen zügellos erwies.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Haus des Dionysos (Bacchus) im Stadttzentrum. Es ist der größte aller einzelnen Haustempel und das Mosaik den vier Jahreszeiten gewidmet. Die Dionysien fanden im März statt, der mit dem Beginn des Frühlings gleichgesetzt wurde. Die abgebildeten Horen überwachten die Jahreszeiten.

Mauretannien

Unter den Römern bildete sich im heutigen Maghreb das Reich Mauretannien mit einem 4000 km langen limes, der die Grenze festlegte. Es wurde von den Massyliern beherrscht, die vordem von den Phöniziern in Karthago dominiert worden waren, aber durch die Punischen Kriege zu Verbündeten der Römer reiften. Eine der römischen Siedlungen in Mauretanien, mauretania, war Volubulis. Unter den drei Bedeutungen, die es im Latein haben kann, dürfte fließendes Gewässer die richtige sein. Volubulis nahe Meknès galt als die Oase in der nördlichen Trockenzone des Landes. Auch das arabische Wadi, augetrocknetes Flussbett, bestätigt diese naheliegende Vermutung.

Foto Bernd Oei: Landschaft bei Volubuis, 27 km nördlich der Königsstadt Meknès und 63 km östliche der Königsstadt Fès auf einem Plateau von 380 m gelegen. Seit 1997 ist die Stadt Weltkulturerbe (https://de.wikipedia.org/wiki/Volubilis)

Die Gründung der Stadt fiel in die Zeit von Caesars Gallischen Kriege. Caesar war es auch, der die Numider besiegte und damit Roms Vorherrschaft im Maghreb begründete. Der Stadtgründer Juba II war der erstgeborene Sohn des von ihm besiegten Königs, der in Volubulis eine zweite Residenz anlegen lies und sie nach hellenischem Vorbild gestaltete. Die Äquadukte stammen aus dieser Gründungszeit.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Welktulturerbe nahe Meknès, Äquadukte. Bäder, tägliche Trinkwasserversorgung, Kühlung und Brunnen wurden damit gespeist.

Zur Hellenisierung gehören Mosaiken in jedem Haus und jedem Tempel mit Motiven aus der griechischen Mythologie. Sie sind in erstaunlich gutem Zustand und werden nicht einmal bewacht. Generell ist der Erhalt der Ruinen besser und eindrücklicher als etwa in Pompei und Heraculum. Aber am anderen Ende der Welt sind Interesse und mediale Inszenierung weitaus und wohltuend geringer.

Foto Bernd Oei, Volupulis, Freske im Haus der Vernus. Die Göttin der Liebe thront mittig auf einem triclinium – ein hölzernes, dreiliegiges Speisesofa. Als Attribute hält sie eine Myrte in der Hand und eine Taube ist zu sehen. Links neben ihr der Begleiter Cupido, der mit Amors Pfeile Liebe nach Lust und Laune stiftet. (https://www.abenteuersammlerin.de/volubilis-roemische-ausgrabungsstaette-marokko/).

Um 40 n.C. und damit dem Ende der Regierungszeit Caligulas kam es zu einem Aufstand in Volubulis, der mit einer noch engeren Bindung an die Römer endete. Die Stadt bildete das Ende der südwestlichen Ausdehnung des imperium romanum in Mauretannien.

Foto Bernd Oei: Venustorbogen am höchsten Punkt von Volubulis. Venus gilt als Stammutter des römischen Volkes und Mutter von Aeneas. (https://www.forumtraiani.de/goettin-venus-verehrung-und-kult/)

Kernpunkte aurelianischen Denkens: die stoische Lehre

Aus Aurels, dem deplphischen Orakelspruch gewidmetes, Werk „Erkenne dich selbt“ wird seine politische Haltung erkennbar. Es ist in 12 Bücher (der Länge nach Kapitel) und seinen einzelnen Aphorismen gegegliedert So setzte er sich in seinem griechisch geschriebenen Selbstbetrachtungen und Kontemplationen für eine nahezu demokratische Verfassung mit flachen und vor allem durchlässigen Hierarchien ein. Er widersprach Platons Vorstellung von einem Idealstaat überein, der von Philosophen regiert wird. Marc Aurel war ein Reformpolitiker der kleinen Schritte. Seine ganze Denkrichtung entsprach dem Stoizismus.

Foto Bernd Oei: Volubilis, Nordseite des Triumphbogens. Errichtet von Marcus Aurelius Sebastenus 217 zur Erinnerung an die Niederschlagung des Aufstands unter Kaiser Cracalla um 40. (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Triumphb%C3%B6gen#/media/Datei:Volubilis_Arch_of_Caracalla_south_side.jpg).

Der Glaube an die Allnatur (logos, Weltseele, Vernunft)und das Einssein mit der Welt. Die Wichtigkeit des Gemeinwohls (sensus communis). Die Akzeptanz dessen, was ist und damit die Priorität der Gegenwart und der aktuellen Lage. Selbstgenügsamkeit oder Bescheidenheit als oberste Tugenden: nichts lag ihm ferner als zu missionieren. Keine Angst vor dem eigenen Tod, sondern gelassenes Hinnehmen der Naturgesetze. Nur dies führt zu tiefem Respekt vor dem Leben, das den Tod als natürliche reguierende Grenze allen Wachstums bedarf. Stetes Streben nach Erkenntnis im Äußeren (Wissen) führt zur inneren Erkenntnis (Einsicht, Weisheit): wer aufhört, zu suchen und sich die Gegenseite anzuhören, schrumpft im Inneren. Das Fokussieren des eigenen Tuns auf den Zweck und seine Nützlichkeit (carpe diem). In allem Handeln steht das Gemeinswohl an oberster Stelle.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Haus der Kolonaden, Säulendetail, korinthische Ordnung. Sie folgt auf den ionischen und den dorischen Stil. Auch das angrenzende Kapitol ist mit diesen Säulenschaften ausgestattet.

Stoizismus darf weder mit Fatalismus, Determinismus noch Defätismus verwechselt werden. Er setzt eine aktive geistige Haltung, scharfe Beobachtungsgabe, voraus. Es kommt darauf an, Dinge, die zu ändern sind von jenen zu unterscheiden, die unveränderbar sind und so bleiben müssen. Bei jeder Handlung soll sich der wachsame Geist fragen, in welchem Verhältnis er mit der Handlung und den Dingen steht.

Es ist dagegen sinnlos, sich mit Dingen beschäftigen, die außerhalb seines Einflussvermögens stehen oder auf das Verhalten anderer Einluss nehmen zu wollen, es sei denn durch überzeugende Argumentation und vorbildlichem Vorleben. Reue und Schuldgefühl gelten unwiederbringlich Vergangenem und sind folglich so überflüssig wie Furcht vor dem Kommenden oder Sorge vor dem Unbekannten.

Foto Bernd Oei: Volubulis, Kapitol. Nach heutigen Vorstellungen das Rathaus.

Aurels pragmatisches Denken fehlt es keineswegs an Empathie. Die „Selbstbetrachtungen“ stellen Mitliebe zu sich selbst wie zu seinem Nachbarn in den Mittelpunkt der Ethik. Vor allem geht es darum, Macht über sich selbst zu gewinnen und ein maßvolles, selbstbestimmtes Leben zu führen. Dann ist die Gängelei der anderen ohnehin ohne Gewicht.

Für das römische Denken toxisch: die Gleichstellung aller. Ein nur an sich denkender und die anderen unterdrückender Geist befindet sich laut Aurel nicht im Gleichgewicht. Die Gemeinschaft (sensus communis) steht über allem: Ein Verräter an der Gemeinschaft ist jeder, der die Verbindung seiner Seele mit der Weltseele löst, an der alle teilhaben. Der Stoizismus kennt keine nationalen oder partikularen Interessen. Es geht ihm um den Weltfrieden und die Balance im Ganzen.

Liest man diese Gedanken, so erscheint es einem unbegreiflich, wie sehr man von diesem Weg hat abkommen können. Der Vorwurf, es handle sich um ideale Absichten, die nicht mit Leben zu erfüllen sind, ist falsch. Es ist der einzige Weg der VErnunft, der Versöhnung sucht und praktiziert, wo immer sie möglich ist.



Foto Bernd Oei: Volubilis. Im Inneren der Basilika mit ihren Rundbögen.

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