
Foto Malte Godglück: Lido di Ostia, Abendsonne. Der ehemalige Hafen und heutige Badeort mit seinem schwarzen Vulkansand liegt etwa 50 Autominuten von Rom entfernt. https://de.wikipedia.org/wiki/Lido_di_Ostia
Das Drama menschlicher Existenz
Ob Frisch philosophisch schreibt – seine Neigungen zu Existenzfragen sind kaum zu leugnen – beantwortet Frauke Maria Hoß in ihrer Studie 2004 „Philosophische Elemente im Werk von Max Frisch) wie folgt: „Ein Problem aber besteht darin, dass der Mensch zugleich Subjekt und
Objekt der Frage nach sich selbst ist. Er tritt als Fragender und Befragter auf und kann sich mit den Bedingungen seines Lebens immer bloß individuell auseinandersetzen. In den Worten Max Frischs „vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst“ (V, 68).https://content.bautz.de/neuerscheinungen-2004/pdf/9783883092126.pdf. Es verfügt über eine philosophische Dimension (Vorwort Thorsten Paprotny).
Ausführlicher im O-Ton Frisch: „das Einzelwesen, das Ich, nicht mein Ich, aber ein Ich: die Person, die diese Welt erfährt als Ich, die stirbt als Ich, die Person in allen ihren biologischen und gesellschaftlichen Bedingtheiten – das ist es, was mir darstellenswert erscheint: die Person, die in der Statistik enthalten ist, aber darin nicht zur Sprache kommt und im Hinblick aufs Ganze irrelevant ist, aber zu leben hat mit dem Bewußtsein, daß sie irrelevant ist.“
So rückt das Ich in existentialistischer Manier in den Fokus und ist zugleich Subjekt und Objekt. Die drei wohl bekanntesten Dramen sollen dies illustrieren: „Biedermann und die Brandstifter“So rückt das Ich in existentialistischer Manier in den Fokus und ist zugleich Subjekt und Objekt. Die drei wohl bekanntesten Dramen sollen dies illustrieren: „Biedermann und die Brandstifter“ (Uraufführung 29.3. 1958 im Züricher Schauspielhaus), „Andorra „(Uraufführung ebenda am 2.11. 1961) – beide Stücke rahmen die Beziehung zu Ingeborg Bachmann und wurden teilweise in Rom geschrieben – und die „Die chinesische Mauer“. Letztere gibt es in vier Versionen; die weitaus bekannteste erfuhr ihre Premiere im Hamburger Schauspielhaus am 26. 2. 1965 – auch diese letzte Version entstand zu großen Teilen in Rom bzw. in Ostia bei Rom und im Austausch mit der geliebten Schriftstellerin aus Klagenfurt.
Der Vollständigkeit halber erwähnt sei noch die frühen Dramen „Don Juan und die Liebe zur Geometrie“, das wie der Titel vermuten lässt, eine Parodie auf den Schwerenöter in fünf Akten darstellt , der hier der Klarheit der Mathematik (sinnbildlich auch die Architektur) dem Rätsel der Frau, des Eros, der Liebe den Vorzug gewährt. Das Stück erlebte eine Doppel-Uraufführung in Zürich (Schauspielhaus) und Berlin (Schiller Theater) am 5. Mai 1953.
Das Stück „Graf Öderland“ – Untertitel Ein Moritat in zwölf Bildern – existiert in nicht weniger als drei Fassungen; die erste stammt unmittelbar nach dem Weltkrieg (Uraufführung Zürich, 10.2. 1951), die dritte erschien nach in Rom vorgenommenen Korrekturen und wurde im Berliner Schiller Theater am 25.9. 1961 zur Aufführung gebracht. Der Akzent verschiebt sich dabei zu einem Ausbruch aus der bürgerlichen Ordnung um einen biederer Bankangestellten, der mit einer Axt scheinbar grundlos mit der Axt erschlägt und eine anarchistische Kettenreaktion auslöst, in der ein Staatsanwalt die absolute Freiheit einfordert.

Foto Malte Godglück: Strand von Ostia, 3 km am helllichten Tage, 51 km südwestlich von Rom in der Provinz Latium gelegen am Tyrrhenischen Meeres 87 km. Der ursprünglich antike Hafen vor Rom ist inzwischen komplett versandet.
Fast alle sind Biedermann
Biedermann stammt ursprünglich aus dem Mittelalter (biderbe), wo er mit Ehrenmann gleichgesetzt war. Erst im „Vormärz“ erhielt er seine heute bekannte Bedeutung als politisch desinteressierter, sich nur um sein eigenes Wohl kümmenrder und leicht philiströser Bürger, der die heile Welt propagiert Der von Frisch für sein Drama gewählte Untertitel „Ein Lehrstück ohne Lehre“ ist zweifach ironisch und parodistisch: erstens widerspricht er sich selbst und zweitens impliziert das Nachkriegs-Stück (Entwurf 1948) durchaus eine politische und eine moralische Botschaft. Unmittelbarer historischer Hintergrund lieferte dabei die Machtübernahme der Kommunisten in Prag, der Februarumsturz unter Klement Gottwald. Ende des Monats 48 wurde die Tschechoslowakei zum Satellitenstaat der Sowjetunion Stalins und der kalte Krieg besaß ein erstes Bauernopfer.
Das Stück, das durchaus als Parabel verstanden werden kann, ist in sechs Szenen geteilt. Es wurde gleichzeitig als Einakter bezeichnet und beleuchtet die intellektuellen Grenzen des Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann (Frisch lehnt ihn an den Schweizer Mundart-Poeten Carl Biedermann, 1824-91 an), der so zuur Ikone geistiger Beschränktheit und allegorischen Figur mutiert. Frisch gibt v.a. Brecht als Vorbild an, verweist aber zudem auf Camus und Sartre.
Eine unterhaltsame Zusammenfassung liefert Sommers Weltliteratur mit Playmobil-Figuren und eine Analyse https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/biedermann-und-die-brandstifter/4856 Markant am Profil des Spießbürgers ist neben seiner Anpassung die politische Ahnungslosigkeit, ja Starrheit, da Biermann klarste Anzeichen von Brandstiftern übersieht und alle Warnungen seiner Familie vor den zwei Attentäters schlicht ignoriert.
Wenngleich es sich um eine komische, bisweilen groteske Zuspitzung der Situation und Überzeichnung des den gesunden Menschenverstand ignorierenden Bürgers handelt, so wohnt er doch in uns allen und vermag jederzeit die Oberhand zu gewinnen: wie anders wäre die immer wiederkehrende naive Fahrlässigkeit politischen und historischen Situationen gegenüber anders zu erklären ?

Foto( Malte Godglück: Rom, Ostiense (südlicher gelegener Stadtteil), Pyramide Cestius, die aus Ägypten abgetragen wurde. Sie stammt eine Dekade vor der Geburt Christi und stammt damit aus jener Epoche, die mit Caesars Eroberungszügen und ägyptischen Feldzug begann und mit Octavians Triumph über Kleopatra endete. https://www.turismoroma.it/de/places/cestius-pyramide Der Friedhof mit den Gräbern von Keats, Shelly und Goethes Sohn liegt direkt hinter der Pyramide.
Mitläufer und moralische Korruption
Der Humor, meist Ironie, mitunter auch Sarkasmus, der das Stück trägt, lässt sich an zwei Sätzen pointieren. in der ersten Szene sagt Biedermeier, angewidert von den vermehrten Brandanschlägen in seiner Stadt: „Aufhängen sollte man sie!“ z. Kurz darauf lässt er die obskur wirkenden Gestalten und wie sich bald herausstellt, Brandstifter ein und belehrt sein Dienstmädchen, wachsam zu sein. In der dritten Szezne sagt einer der beiden kommnistischen Überzeugungs- und Attentäter „Sie sind der erste Mensch in dieser Stadt, der unsereinen nicht einfach wie einen Brandstifter behandelt“.
Nun ist Frisch gewiss kein Kommunist, wie wohl der Sympathien, v.a. zum italienischen Kommunismus besaß, aber er ist auch ein entschiedener Gegner der schlafmützigen Spießbürger bzw. des Kapitalismus, den Biedermann durchaus verkörpert und der auch für die Schweiz maßgeblich war. Die zeitgenössische Kritik wollte darin allerdings nur die Machtübernahme durch den Nationalsozialismus sehen. Frisch selbst ging von einer indirekten Wirkung bzw. Einflussnahme seiner Dramen auf reale Verhältnisse aus. Dass er Mitläufertum durchaus nicht nur am Nationalsozialsmus festmacht, geht aus seinem Werk deutlich hervor. Vielmehr hat der moralische Offenbarungseid durch politische Fehleinschätzung zahlreiche Facetten und Gesichter.
In einem Interview, das 1991 erstmals im ORF ausgestrahlt wurde, spricht der Autor von der Notwehr des Individuums gegen die Gesellschaftsnormen, weil Zwang und Anpassung die Individualität stets gefährden. Der Titel der zwölfminütigen Doku lautet negativ: Kein Biedermann, kein Brandstifter. Denn ohne den unmündigen Bürger kann es weder zu Anarchie noch Despotie kommen. Zu hören ist sie unter https://www.youtube.com/watch?v=hHOa208_-24

Foto Malte Godglück: Rom, Trajansmärkte und Kapitol (rechts), Forum Romanum auf einem der sieben Hügel der ewigen Stadt, dem Quirinal, mit 60 m auch der höchste der Stadt am Tiber. https://www.turismoroma.it/de/places/quirinalspalast. Den berühmtesten Stadtbrand legte NeroJuli 64 n. C.
Bauernopfer
Die Geschichte, insbesondere wenn sie von den Mächtigen geschrieben wird, verlangt nach Bauernopfer, nach Strohmännern, nach Sühne und falschen, kalkulierten Schuldzuweisungen. Wenn die Masse unkritisch wird – und die Menge beginnt immer im Ich, im Einzelnen – so läuft die PR Maschinerie und Menschen werden manipuliert, teilweise dressiert und am Ende schikaniert. Noch deutlicher als Biedermann führt das Stück „Andorra“ in zwölf Szenen (und 12 sprechende Rollen) gegliedert, diesen Mechanismus vor Augen. Auch hier greift die offensichtliche Abrechnung mit dem Nationalsozialsmus respektive der Mitläufer und naiven Bürger zu kurz: Kollektivschuld existiert vordergründig, da bis auf seine Verlobte Barblin und Andri selbst niemand einen Namen trägt. Andererseits hat jeder der zehn anderen, die zu Worte kommen, eine Perspektive, auch wenn das Ergebnis immer das gleiche ist: Anderi und damit die Andersartigkeit muss weg.
Eine spielerische Zusammenfassung liefert auch hier Sommers eingängige Weltliteratur to go und eine Analyse https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/andorra/4857 Frisch selbst spricht von Zeugenaussagen und der angreifbaren Glaubwürdigkeit des Journalismus, dessen Beruf er nach abgebrochenem Studium zwischenzeitlich ergriff, als er für die Züricher NZZ unmittelbar nach Kriegsende schrieb. Der Erfolg als Bühnenautor ebnete Frisch den Weg vom freien Mitarbeiter zum Solisten, sprich freien Schriftsteller.
Frisch wählt einerseits einen fiktiven Staat als Kulisse für das Übergreifen einer rassistischen Ideologie, konkret auch den Antisemitismus, auf ein bislang unbescholtenes Land, das durchaus die Schweiz sein könnte. Dafür spricht, dass Andri, das Bauernopfer, ein typischer Schweizer Name ist. Andererseits gibt er diesem Modell einen geografischen Namen, d. h. er verleiht ihm eine konkrete Kontur, wobei der überzogene Patriotismus offenkundig ist.

Foto Malte Godglück:Villa Torlionia, im nordöstlichen Statquartier Nomentano, wo einst Mussolini wohnte. https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Torlonia_(Rom)
Wir alle tragen ein Bild in uns
„Andorra“ wirft drei Fragen auf. Zunächst die der Individualität, die im Zeitalter des Indiviualismus offensichtlich nicht möglich ist, weil alle sich vom Fremdbild leiten lassen. Andri schlägt die mögliche Rettung aus, um dem ihm zugewiesenen Rollenblild (Klischee) zu folgen. Er passt sich nicht nur an, um zu gefallen, sondern weigert sich auch, sich selbst zu hinterfragen und der zu werden, der er im Grunde schon immer ist. Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung sehen anders aus. Zudem lehnt sich Andris Name lautmalerisch an Andorra an.
Die zweite Ebene betrifft die Reflexion der anderen, die Mitschuld am Tod Andris tragen, der für die Ermordung eines anderen herhalten muss, weil er unbequem ist, quasi ein Schandfleck, den die Bürger Andorras selbst geschaffen haben. Durchaus sind nicht alle uneinsichtig oder frönen ihrer Lebenslüge, weil es ja keiner gewesen sein will. Die biblischen Anspielungen (Keiner werfe den ersten Stein – ) sind konkret. So sagt der Pater, der Andri zu Beginn zum Bekenntnis seines faktisch nicht existierenden Judentums rät und somit den Stein der Identifikationsneurose ins Rollen bringt, selbstkritisch: „„Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht“.
Fremd- und Eigenbild divergieren zunehmen. Das Identitätsproblem (Ich braucht den Anderen, um sich zu konstituieren) wurde von Sartre am deutlichsten philosophisch erörtert. Frisch greift es auf, erörtert durchaus nicht nur die psychische Situation, sondern die gesellschaftspolitische des Rollenspiels. Assimilation ist eine Konsequenz der sozialen Zuweisung, die Formen des Zwangs anzunehmen vermag. Nur am Anfang hinterfragt Andri, wieso er feige oder geldgierig sei, denn sie passen nicht zu seinem Wesen. Da er aber Jude ist bzw. sein soll, so müssen auch diese Klischees stimmen.

Foto Malte Godglück. Rom, Galleria Doria Pamphilij, Waurtier Pigna im Zentrum an der. Via del Corso, einer der Hauptstraßen der Stadt, nahe der Piazza Venezia und dem Pantheon. Der Palazzo ist benannt nach dem Geschlecht der aus Genua stammenden Dynastie Doria https://www.doriapamphilj.it/roma/ und https://romtipps.de/galleria-doria-pamphilj.html
Schweizer Schatten
Am Anfang will Andri Tischler werden, doch ein Neidling behauptet, er habe kein Talent dafür und als Jude müsse er sich einen anderen Beruf suchen. Nach einigem Zögern kommen dem jungen Mann Zweifel. Das harmlose und scheinbar unpolitische Beispiel zeigt, dass es kein unpolitisches Verhalten gibt. Aus der Identitätskrise erfolgt, spätestens nach dem Gespräch mit dem Pater, Identitätsverlust und nach der augenscheinlichen Vergewaltigung seiner Verlobten Selbstzerstörung durch Kontrollverlust. Was sich liest wie ein individueller Konflikt hat eine gesellschaftspolitische Dimension.
Auch „Andorra“ hat seine Aufnahme in den Kanon der Literaturklassiker und der Schullektüre geschafft. Die Rezension verlief anfangs durchaus gespalten, wie das Klima im Kalten Krieg ohnehin zu Extremen neigte. Masse, Verfolgung und daraus resultierende Psychose sind so offenkundig wie Lebenslüge, Tabu und Verdrängung als ihre kompatiblen Versatzstücke. Frisch versucht seine eigene Mittätigkeit, wie viele Autoren diente er als Soldat (die Schweizer Armee existiert seit der Wiener Restauration), als Kanonier. Hitler plante eine Invasion, verwarf diesen Gedanken aber wieder. Dies scheint die latente Bedrohung Andorras durch die Schwarzen im Stück Rechnung zu tragen ebenso wie die Tatsache, dass viele Eidgenossen durchaus Sympathie mit dem Führer und dem Antisemitismus pflegten, einem Tabuthema in der Schweiz. Dies kommt durch das Verbot gewisser Leserbücher im Stück durchaus zur Sprache: auch in der Noch-Demokratie soll eine gewisse Leseweise gefördert und eine andere verschwiegen werden. Volkserziehung eben…
Im sechsten Bild überrascht Andri einen Soldaten, der sich notdürfig bekleidet und mit Barblin im selben Raum ist. Diese hatte zu Beginn die Häuser Andorras geweißt und war dabei vom Soldaten beobachtet worden. Sie will schreien, doch unterliegt der physischen Stärke ihres Peinigers. Andri stellt den Soldaten zur Rede, doch dieser ist roh und wirft ihn zu Boden. Die Diskriminierung hat System, die Bürger Andorras rechtfertigen das Verhalten des Soldaten und Andri glaubt, sich alles zu einzubilden. Spätestens hier greift die Psychose als Folge einer Massenhysterie.

Foto Malte Godglück: Rom, Petersdom, Pieta von Michealangelo, die der Florentiner Künstler Ende des 15. Jahrhunderts aus Carrara-Marmor erschuf.
Die Mauer in unserem Kopf
Äußere Barrieren sind gewiss ein Hindernis, mitunter sogar ein lebensgefährliches, doch der größte Feind sitzt stets in uns selbst, denn auch Angst ist eine Kopfsache. „Die chinesische Mauer“ ist eine Farce oder Parabel auf das, was seinerzeit „die neue Eigentümlichkeit“ benannt wurde, weil die Sprache hier ein neues Narrativ findet. Frisch war mit einer deutschen Jüdin lieert und weigerte sich dennoch lange, wie er beschämt zugab, die Ausmaße des radikalen Anti-Semitismus in Deutschland. Er war zu keiner Zeit Mitglied einer Widerstaandsgruppe.
Bereits „Andorra“ ist auch eine Reaktion auf den Mauerbau am 13. 8. 1961, an den auch fast niemand glauben wollte, trotz aller sich anbahnenden Vorzeichen. Politische Veränderung, zu denen der Kalte Krieg ebenso gehörte wie die zunehmende Bagatellisierung der Kriegsverbrechen und der ökonomische Anpassungszwang führten zu insgesamt drei Änderungen, die Frisch an seinem ersten Nachkriegsdrama vornahm.
In der letzten Fassung treten eine Reihe von historischen Figuren auf: der vorchristliche erste absolute chinesische Kaiser Qin Shi Huang Di, Gründer der Quin-Dynastie 221-207, Napoleon, Romeo und Julia, um nur einige zu nennen. Das Motiv der Atombombe kommt deutlich zur Sprache, damit auch die erstmalige historische Möglichkeit der globalen Weltvernichtung. Die Sintflut, so ein Atomphysiker, sei auch durch eine Art Atombombe (Urknall) ausgelöst worden.
Kolumbus und Iwan IV der Schreckliche, erster Großfürst von Moskau, treffen aufeinander. Dem berühmtesten Seefahrer der Geschichte ist ebenso wenig klarzumachen, dass er nicht Indien, sondern Amerika und damit einen neuen Kontinent entdeckte, also sein Ruhm auf einen Irrtum beruht wie Iwan, dass Gedankenfreiheit und Demokratie die Zukunft sind. Zudem weigert er sich, den Beinahmen der Schreckliche tragen zu müssen, wo Stalin doch der größte Verbrecher der Menschheit sei.
Frisch mischt historische Figuren wie Pontius Pilatus oder Kleopatra (eine der wenigen Frauen)und dichterische Protagonisten wie Don Juan oder Julia (ohne Romeo) Summa summarum lässt sich Machtgier und die Konsequenz falschen Handelns aber von niemanden begreifen. Der Bau der chinesischen Mauer ist nichts gegen jene Betonklötze in unseren Köpfen.

Foto Malte Godglück: Brunnen am Piazza del Popolo am Fuße des Piciono-Hügels unweit der Villa Borghese. In der ewigen Stadt zählt man über 2000 Brunnen, davon 50 historische „Prachtbrunnen“. Auch diese Löwenfontäne aus dem 16. Jahrhundert wechselte seinen ursprünglichen Platz https://www.turismoroma.it/de/places/fontana-dei-leoni-l%C3%B6wenbrunnen
„die Sintflut ist herstellbar.“
O-Ton Max Frisch aus „Tagebuch 1946-49“ Der Satz findet jedoch auch Eingang in „Die chinesische Mauer“, die Frisch als „Parodie auf unser Bewußtsein, eine Farce des Inkommensurbalen“ bezeichnete. Sämtliche Figuren sprechen ihrer Zeit gemäß bzw. belegt mit Zitaten, z.B. aus der Bibel oder Shakespeare. Frisch konfrontiert nicht nur sprachlich verschiedene Eben, sondern damit verbunden auch Epochen. So trifft das Denken der Neuzeit (Atomphysiker) auf Ideen der Antike bzw. des chinesischen Kaisers. Parallelen zum epischen Theater Brechts sind hier evident.
Es gibt folglich weder einen konkreten Ort noch eine Zeit, womit Frisch nicht nur gegen die Doktrin der Einheit verstößt (bzw. sie persifliert), sondern auch eine Utopie / Dystopie erzeugt, denn dies alles sind Gedankenspiele, die sich im Bewusstsein zutragen und nirgendwo sonst. Eine Möglichkeit, das Drama zu verstehen bietet daher die Interpretation der vielen Figuren als Stereo- und als Archetypen bestimmter Haltungen. Deutlich wird zudem Frisch’Ablehnung einer eindeutigen faktischen Geschichte und seine Skepsis gegenüber dem so genannten Fortschrittsgedanken.
Eine mögliche Umsetzung, denn davon gab es einige in der bis heute andauernden Historie der Inszenierungen, liefert das Studententheater in Wittenberg unter https://www.youtube.com/watch?v=Gd7M2-UNmDQ
Frisch beginnt (4. Fassung) sein Stück mit einem Vorspiel und dem ersten Satz „Du hast, verdammter Frevler, sie bezaubert; denn alles, was Vernunft hat, will ich fragen, wenn nicht ein magisch Band sie hält gefangen…“ Damit ist bereits die Kontroverse zwischen Rationalität und surrealem Traum umrissen. Eine Anlehnung an den Totentanz ist gegeben – einst diente er als Mahnmal für die Vergänglichkeit allen Lebens und die Gleichheit aller Menschen vor dem Tod. So lautet eine Sequenz: „Es ist, als sei’n sie tot, doch reden sie / Und tanzen auch und drehen sich im Kreis, / Wie sich Figuren einer Spieluhr drehn.“
Wiederholung und Spiel (selbst mit dem Tod) nehmen eine Schlüsselrolle auch hinsichtlich der immer wiederkehrenden Identitätsfrage auf. Einen Maskenball gibt der Autor auch als Auslöser für seine Idee zum Stück an. Zudem spielt der Bikini eine Rolle, denn er verkleidet den Menschen (die Frau) durch Entkleidung, verkörpert folglich eine Paradoxie und Anomalie. Die ersten Atomtest fanden auf dem Bikini-Atoll (Teil der Marschallinseln zwischen Hawai und Australien) statt.
Frisch spielt zudem mit historischen Zitaten. Beispiel: aus Maos Satz „Wer die Chinesische Mauer nicht bestiegen hat, ist kein wahrer Mann“ wird ein lakonisches „Steig die Mauer hoch, du wahrer Mann“. Summa summarum liefert das Stück, dessen letzte Version Frisch in Rom begann, einen Beitrag zum Anti-Militarismus.

Foto Malte Godglück: Goethe-Denkmal in Rom an der Viale Goethe in der Villa Borghese von 1902/04.. Das Monument ist 9m hoch; der Bildhauer Gustav Eberlein stammt aus Spiekershausen, südlichstes Niedersachsen. Auf der Rückseite befinden sich Faust und Mephisto. https://mapy.com/de/zakladni?source=osm&id=40481972&gallery=1&sourcep=foto&idp=6375770&x=12.4863354&y=41.9115373&z=19. Mehr zu Goethes Italienreisen unter https://www.deutschlandfunk.de/vor-235-jahren-ankunft-in-rom-goethes-sehnsucht-nach-italien-100.html







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