Todesursache Nummer eins: das Leben

Foto Belinda Helmert:Versailles, Petit Trianon (Gründung 1761) , Blick vom OG gen Norden auf den 400 m entfernten Grand Trianon (Gründung 1687).

Nichts kann ohne Ursache existieren – göttliches Uhrwerk

Wer kennt François-Marie Arouet? Der 1694 in Paris Voltaire (Saint-André-des-Arcs, Quartier Latin) geboren, und 1778 dort im verstorben nahe dem Eiffelturm und dem Musée d’Orsay ist wohl der bekannteste Aufklärer seiner Zeit. Er schrieb über 50 Theaterstücke, 25 epische Werke und an die 1000 Essays, die in der Enzyklopädie publiziert wurden. Zudem sprach er fließend englisch, italienisch und verstand deutsch. Versailles besuchte er erstmals 1725 unter Louis XV, nochmals 1745 (gleicher König) im Ancien Régime, was ihn zweimal zur Kritik an der Absurdität der Diskrepanz von Frankreich als Nation und dem verschwenderischen Luxus am Hofe inspirierte. Als sich Madame Pompadour, die Geliebte des Königs, von ihm abwandte, waren die Türen von Versailles (dem größten Königshof aller Zeiten) für ihn verschlossen.

Grundsätzlich strebte er dort nach Anerkennung und war zeitweise als königlicher Historiograph tätig, geriet jedoch wegen seiner radikalen aufklärerischen Schriften, die die absolute Monarchie und den Klerus kritisierten, oft in Ungnade. Anfänglich organisierte er sogar Erforderlichkeiten auf dem Schloss,, war in den Vierziger Jahren zum Historiografen aufgestiegen. Man darf also sagen, dass er aus Überzeugung auf einige Privilegien verzichtete.

Dreifach machte er sich unbeliebt: Erstens forderte er die Freiheit des Denkens und Glaubens sowie ein friedliches Miteinander der Religionen. Zweitens setzte er sich scharfer Kritiker der absolutistischen Herrschaft für die Meinungs- und Pressefreiheiheit ein. Drittens griff er den katholischen Dogmatismus, Aberglauben und die Vormachtstellung der Kirche an. Seine berühmt gewordene Devise lautete: Écrasez l’infâme! (Zerschlagt das Ehrwürdige/die Infame!), womit die klerikale Herrschaft meint war. Nietzsche wandte sich mit diesen Worten gegen Wagner.https://www.philomag.de/artikel/voltaire-und-die-toleranz

Als überzeugter Deist formulierte er zwei Sätze, die bis heute in Frankreich jedermann kennt: “ Nichts kann ohne Ursache existieren“.(Philosophisches Taschenwörterbuch). Eine Ursache von Gott ist nicht bekannt, weil er allen Naturgesetzen widerspricht. Voltaire glaubte allerdings an einen vernünftigen Schöpfer wie einem mechanischen Uhrwerfk (la raison est une horloge qui marche) und sah die Natur und das Universum als ein derart komplexes und perfektes Uhrwerk an, dass es zwingend einen göttlichen „Uhrmacher“ geben musste. Und wenn es nihn nicht gab, müsste man ihn erfinden (Epistel an den Autor des Buches der drei Betrüger): „Si Dieu n’existait pas, il faudrait l’inventer.

Foto Belinda Helmert: Versailles, Petit Trianon, EG, Billardsaal. Marie Antoinette (Büste und Gemälde) war eine ausgezeichnete Spielerin. Voltaire soll ein passionierter billardiste gewesen sein, ebenso wie Marie Antoinette. Zu einer Partie dürfte es aufgrund der 61 Jahre Altersunterschied nie gekommen sein.

Drama zur Aufklärung

Nicht weniger als 27 Tragödien verfasste Voltaire in einer Zeit,. in der diese Gattung als die Königsdisziplin galt. Darunter jene, die dem classique doctrine und der Antike geschuldet waren wie „Ödipus“, sozial- bzw. religionskritische wie „Der Fanatismus oder Mohammed“, der Aufklärung verpflichtete, die eegen der Zensur in einem exotischen Land spielten wie“ Die Waisen aus China“ oder das von Goehte geschätzte und übersetzte Ritterepos „Tancrède“. Dazu Alzire oder die Amerikaner (ein indigenes Stück)

Daher gilt Voltaire sowohl als Höfling als auch als Revolutionär (beides Extreme, die ich nicht vertrete). da er zwischen Aristokratie und Demokratie stand. Alzire (Alzire, ou les Américains, 1736) https://www.deutschlandfunk.de/eine-lange-nacht-ueber-das-leben-voltaires-hoefling-und-104.html. Nahezu sensationell ist die Tatsache, dass Voltaire gerade über das literarische Instrument der royalen Herrschaft die Aufklärung vorantrieb. Seine Theaterstücke und Schriften bereiteten den geistigen Boden für die Revolution, indem sie Absolutismus und Kirche scharf kritisierten. Und dies spätestens seit „Zaire“ 1732. Das Stück spielt nicht in Afrika, sondern in Jerusalem und sind von Shakespeares “ Othello „inspiriert. Der Titel ist der Name der am Ende aus Eifersucht getöteten Geliebten, welche unschuldige Liebe verkörpert. Der kirchliche Zwang sich zu christianisieren spielt in dieser Tragödie eine entscheidende Rolle.

Einer der gepflegten Bonmots von Voltaire, den man zumindest in Frankreich als Philosophen wertschätzt, lautet „Man kann die Menschen zur Vernunft bringen, indem man sie dazu verleitet, daß sie selbst denken“ (Philosophische Briefe, 16. 3) fairerweise muss man sagen,. dass er es Sallust entlehnt hat.

Voltaire widerspiegelt in vielem das belesene, den Naturwissenschaften gegenüber aufgeschlossene Pendant Frankreichs zum letzten deutschen Universalgelehrten nebst Goethe. Auch hier stand der Altersunterschied im Wege, denn der Franzose, 1694 geboren, zählte erst 22 Jahre, als den bedeutendste deutsche Philosoph des Barock und Gegenentwurf zu Descartes in seiner Wahlheimat Hannover das Zeitliche segnete.

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, EG, Fenstertür des Billardsaals mit Blick ins Grüne, Türgriff Detail. Voltaire wollte die Aufklärung auch am Hof etablieren, doch selbst aufgeschlossene Monarchen ihrer Zeit verschlossen ihm früher oder später die Türen oder, wie Leibniz monadisch sagen würde, das Fenster zur Welt Leibniz und Voltaire korrespondierten nicht miteinander, obschon jeder von ihm ein maitre de l’homme de lettre war.

Verschlossene, weil aufgeklärte Türen

Seine Dramen waren vor allem eins: Zeitkritik und sie ließen reale Figuren des Hofes von Versailles auch in den antiken Protagonisten erkennen.

Voltaire musste bereits 1726 nach einem Konflikt mit dem mächtigen Hochadel für knapp drei Jahre nach England ins Exil fliehen. Nach einem Streit mit dem Chevalier de Rohan, der ihn auspeitschen ließ, wurde Voltaire auf Betreiben der Adelsfamilie in der Pariser Bastille inhaftiert. Er kam unter der Bedingung frei, Frankreich zu verlassen, was zu seinem Aufenthalt in London am englischen Hof führte. Hier entstanden seine „Philosophischen Briefe“. Er lernte dort u.a Newton und Locke kennen, wenngleich nicht persönlich. Drei Jahre lebte er in London.

Drei Jahre, 1750-53 verbrachte Voltaire am Hof voniFriedrich dem Großen in Potsdam/Sans Souci. Sein Aufenthalt – es ist ja nie Platz für zwei Könige in einem Raum – war von persönlichen Spannungen und Machtkämpfen geprägt. Voltaire lektorierte die Gedichte des Königs und verspottete dessen literarische Ambitionen. Zudem geriet er in illegale Finanzgeschäfte (Hirsch-Prozess), was zu großen Verstimmungen führte. https://www.potsdam-wiki.de/Voltaire

Anschließendverweilte Voltaire alsgern gesehener Gast an kleineren Höfen. Er besuchte beispielsweise den exilierten polnischen König Stanislaus I. Leszczynski in Lothringen und korrespondierte über 15 Jahre eng mit Zarin Katharina II der Großen in Russland, die er trotz ihres absolutistischen Systems als Star des Nordens feierte. Ein persönliches Treffen fand jedoch nie statt. Allerdings sah er in der russischen Zarin eine aufgeklärte Herrscherin, die ihr riesiges Reich modernisieren wollte. Katharina wiederum schätzte ihn als intellektuellen Ratgeber und kaufte sogar seine Privatbibliothek. Beide diskutierten schriftlich über Reformen, Gesetzgebung, die Lage der Bauern und philosophierten über Toleranz. Voltaire versuchte, Russland in den Augen Westeuropas als aufgeklärt und zivilisiert darzustellen. [Insofern beaß Voltaire als Literat maximalen Einfluss auf die sanfte Rvolution in Russland. Sein historisches Werk: im Auftrag der Zarin „Histoire de l’empire de Russie sous Pierre le Grand“, um das Wirken ihres berühmten Vorgängers, Zar Peter des Großen, in Europa zu glorifizieren ist sicherlich nicht neutral zu bewerten, dennoch von geschichtlicher Prägnanz.

Wegen seiner scharfen Kritik an der Kirche und dem Feudalsystem wurde Voltaire mehrfach verbannt, zeitweise inhaftiert und seine Schriften wurden verboten. Er musste große Teile seines Lebens im Exil, unter anderem am preußischen Hof in Berlin und später auf seinem château de Vernay, wo er die letzten Lebensjahre verbrachte, blieben ihm verschlossen.https://www.chateau-ferney-voltaire.fr/de/entdecken-sie/willkommen-bei-voltaire

Foto Belinda Helmeert: Petit Trianon, EG, raumtrennende Tür

Philosophische Briefe

Ob man Voltaire im engeren Sinn als Philosophie bezeichnen mag divergiert über die Landesgrenzen, aber wie bei Goethe finden sich durchaus Ansätze, wenngleich kein geschlossenes System, und die Grenzen zwischen Poesie und Philosophie sind fließend. Sie entstanden im Londoner Exil und nähren die These, Voltaire sei für die aufgeklärte, am englischen Königshof und Parlament orientierten Monarchie gewesen. Das Buch ist zweigeteilt: Die ersten sieben Briefe, angelehnt an Mongequieus „Lettes persanes“ mit einem fiktiven Dialogpartner liefert ein Negativbild von den aktuellen Zuständen des Ancien Régime.

Die Briefe 8-12 beschreiben das englische Parlament. Bis dahin sind sie eine politische Bestandsaufnahme mit historischen Belegen. Dann spricht Voltaire über die Bedeutung von Leistung, Handel und Innovation gegenüber dem Establishment und argumentiert gegen die Sklaverei sowie den Merkantilismus. Dies mag man als Wirtschaftspolkit bezeichnen oder konsequente Fortführung von John Locke. Gleiches gilt für die Betonung der Wissenschaft für den Fortgang der Geschichte gegen den Aberglauben und Dogmatismus. In meinen Augen handelt es sich um politische Philosophie. Ein Beispiel liefert die viel zitierte Meinungsfreiheit. Voltaire schreibt, „auch wenn er h teile eine Meinung nicht teilt, h würde mein Leben dafür einsetzen, dass sie geäußert werden dürfe ohne Verfolgung oder Diskriminierung. Auch lehnt er den Elitarismus ab, wenn er schreibt, es sei gefährlich, in Dingen Recht zu haben, wenn der Vorgesetzte oder Mächtigere damit ins Unrecht gesetzt wird. Zudem verteidigt er das Überflüssige als notwendige Sache für die Kultur,. was an Mandevillse „Bienenfabel“ erinnert.

Einen Vorgeschmack liefert

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, Treppenaufgang vom EG zum OG. Aufklärung bezeichnet man in Frankreich als Les lumières, Die Erleuchtung.

Candide

Treppen werden in Voltaires Umfeld oft als Metapher für Hierarchien, Absolutismus und Machtstrukturen verwendet. Insbesondere im Barock, wo also sehr sehr viele Prachttreppen entstanden sind und ein Herrscher so auch seine bauliche Kunstfertigkeit zeigen konnte, waren Treppen eben auch Ausdruck von Macht.

Der satirische Roman Candide oder die beste aller Welten („Candide ou l’optimisme“), 1759 richtet sich eindeutig gegen Leibnizu und seine Auffassung, Gott habe die beste aller möglichen Welten geschaffen.

  • Voltaire lehnte Leibniz’ theodizeeischen Optimismus (die Aussage, dass dies „die beste aller möglichen Welten“ sei) vehement ab. Insbesondere nach dem verheerenden Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 sah Voltaire im Leibnizschen System eine Verhöhnung des menschlichen Leids. In seinem in Deutschland berühmtesten Werk, der philosophischen Erzählung Candide verspottete Voltaire Leibniz Prädestinationslehre scharf: Er karikierte ihn in der Figur des naiven Hauslehrers Pangloss, der trotz aller Katastrophen stetig wiederholt, dass alles zum Besten stehe. Nachzuhören ist das eingelesene Werk unter https://www.youtube.com/watch?v=YHyDJwUcrYs

Voltaire die Menschen dazu bewegen, sich gegen Intoleranz, Fanatismus und Aberglauben zu wehren. Gedankenfreiheit und die Würde des Menschen waren ihm dabei besonders wichtig. Nachzuhören ist seine Satire (und philosophischer Gegenentwurf zu Leibniz’Idealismus) auf https://www.youtube.com/watch?v=rIXyDsQXYNo.

Auf insgesamt 30 Kapitel entfaltet Voltaire seine Handlung, die aufgrund der Übertreibungen sich an Rabelais‚ „Gargantua und Pantagruel.anlehnt und sicherlich auch aufgrund des in Frankreich äußerst beliebten Orient-Themas (verbunden mit Harem) ebenso an „Persische Briefe“ von Montesquieu. Wie diese verband er philosophische Reflexionen mit einer leichten Prosa und eleganten Bonmots. Auch der Titel verrät Intelligenz: candide bedeutet sowohl naiv als auch treu bzw. ehrlich, was in gewisser Weise unter gewissen Umständen sich wechselseitig bedingt.

Das Wort Stufe/Treppe kehrt nahezu Leitmotiv wieder.

Im 1. Kapitel nutzt Voltaire das Wort, um die kindliche, naive Rangordnung des Glücks aufzulisten, die sich Candide auf dem Schloss des Barons zurechtlegt.„Er schloß, die erste Stufe irdischer Glückseligkeit wäre Freiherr auf und von Donnerstrunkshausen, die zweite [wäre es] Baroneß Kunegunde zu sein, die dritte, sie täglich zu sehen, die vierte, den Magister Panglos zu hören, den größten Philosophen.

Im 8. Kapitel rettet Kunigunde Candide und führt ihn in ihr Zimmer „Sie führt Candide über eine geheime Treppe in ein vergoldetes Zimmer, weist ihm ein Brokatsofa, schließt die Türe und geht fort.“

Im 29. Kapitel flieht der Baron, als er Candide und Kunigunde wiedersieht, Hals über Kopf. Zitat>„Die Frau eilte auf den Lärm aus […] Er sprang rücklings zu Boden, dann schleunigst in der Meinung, er habe den Teufel secirt, halb tot vor Furcht davon lief und Hals über Kopf die Treppe hinunterfiel.“ [1, 2]„Die Frau eilte auf den Lärm aus […] Er sprang rücklings zu Boden, dann schleunigst in der Meinung, er habe den Teufel secirt, halb tot vor Furcht davon lief und Hals über Kopf die Treppe hinunterfiel.“

Die deutsche Übersetzung des Originaltextes steht u.a. unter http://www.zeno.org/Philosophie/M/Voltaire/Kandid+oder+die+beste+Welt. Eine Zusammenfassung samt Interpretation liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/candide/3831. Eine kurze Kurzversion

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, Treppenaufgang, Detail

zum Hassen und Verfolgen haben wir Religion genug

Wie aus seinem Essay „Le Philosophe ignorant“ (Kap. 10) hervorgeht, das auf Schloss Ferney in der Auvergne an der Schweizer Grenze 1762-64 entstand, vertrat Voltaire die Ansicht John Lockes (Sensualismus) und hielt den menschlichen Willen nur für bedingt frei. Er vertrat die Ansicht, dass der Wille des Menschen nicht unabhängig von Ursachen ist, sondern das notwendige Ergebnis von vorausgegangenen Motiven. Auch der Charakter sei nicht frei wählbar, sondern entweder angeboren oder anerzogen, weshalb er Freiheit primär als „pouvoir“ – das Können und das tatsächliche Ausführen des Gewollten – begriff.

In „Traité sur la tolérance„, seiner (Abhandlung über die Toleranz, (1763) hielt er einen flammenden Appell anlässlich der ungerechten Verurteilung des Protestanten Jean Calas. und einem der berühmtesten Justizmorde der Geschichte des Ancien Régime. Voltaire kritisierte religiösen Fanatismus und forderte Toleranz zwischen den Konfessionen. Nicht nur ein Unschuldiger, sondern zugleich der Vater eines Selbstmörders wurde Opfer der Hugenottenverfolgung und des rückständigen französischen Justizwesens, das noch immer auf Folter und grausame Strafen wie das Rädern der Verurteilten setzte und selbstverständlich kein neutrales Gericht oder gar Geschworene kannte. Voltaire enthüllte die Schattenseiten der Staatsräson bis ins Detail und bewies, was man mit fehlender Toleranz für ein Werk der Zerstörung im Namen des Rechts anzurichten vermag.

Das Historiendrama Voltaire et l’affaire Calas)aus dem Jahr 2007.beleuchtet den historischen Justizskandal, bei dem der französische Philosoph Voltaire gegen religiösen Fanatismus und für die Rehabilitation der Familie Calas kämpfte. https://www.moviepilot.de/movies/voltaire-und-die-affaere-calas

Toleranz bedeutet für Voltaire vor allen anderen Dingen, dass man diejenige Institution, die jede abweichende Meinung Jahrhunderte lang mit Feuer, Schwert und Scheiterhaufen ausgelöscht hat, endlich zwingen muss, gegenüber anderen Religionsgemeinschaften und anderen Meinungsäußerungen zurückzustecken: die Kirche. Der Fall Calas bildet beileibe keine Ausnahme. Erwähnt sei nur der Fall de la Barre, der wie viele Werke gut dokumentiert ist auf der Seite https://www.correspondance-voltaire.de/tag/kampf-gegen-terrorurteile/ Hier findet man auch die diversen Orte, die seinen Aufenthalt verbürgen.

Den digitalen Volltext über die Toleranz habe ich leider nirgends gefunden, wohl aber eine Zusammenfassung mit vielen Zitate unter https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/ueber-die-toleranz/24892 Daraus ist auch das titelgebende Zitat entnommen: „Denn zum Hassen und Verfolgen haben wir Religion genug, aber nicht zum Lieben und Helfen.“

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, OG, Leuchter und Gemälde

Bürger von Calais

Von Calas zu Calais: Voltaire hat sich intensiv mit den Bürgern von Calais beschäftigt. Er widmete sich vor allem dem historischen Mythos um die sechs berühmten Geiseln (angeführt von Eustache de Saint-Pierre), die sich 1347 im Hundertjährigen Krieg dem englischen König Eduard III. opferten, um ihre hungernde Stadt zu retten, denen Rodin ein Denkmal setzte. Seine von der Stadt Calais im Jahre 1885 bestellte Skulpturengruppe der Bürger von Calais ist ein emblematisches Werk der Karriere des Bildhauers Auguste Rodin. Diese übermenschengroßen sechs Männer erinnern alle an eine tragische Episode der Geschichte der Stadt. https://de.wikipedia.org/wiki/Die_B%C3%BCrger_von_Calais

Als aufgeklärter Historiker und Philosoph hinterfragte Voltaire die traditionellen Überlieferungen, die auf den mittelalterlichen Chronisten Jean Froissart zurückgingen. Nein, er schrieb kein eigenes Stück zu diesem symbolisch überladenen Heldenkult, sondern im Gegenteil eine negative Rezension das patriotische Drama Le Siège de Calais (Die Belagerung von Calais, 1765) von Pierre-Laurent Buirette de Belloy große Erfolge. Dieses Stück diente als französische Propaganda, um nach dem verlorenen Siebenjährigen Krieg den Nationalstolz zu stärken. Voltaire, der eine kritische Distanz zu dieser Art von überschwänglichem Patriotismus und verklärter Monarchie hatte, machte auf dieses Phänomen der Verklärung aufmerksam. Als junger Mann war Voltaire selbst von Calais aus nach Dover übergesetzt – er verband mit seiner ersten Verbannung aus Paris sicherlich keine guten Erinnerungen.

Für Voltaire bliebGeschichtsschreibung kein reiner Selbstzweck, sondern stets Mittel zum Zweck: Er wollte aufklären, moralische Lehren ziehen und die Dummheit sowie den Fanatismus der Vergangenheit anprangern.

Er forderte zwar, Legenden und Mythen durch kritische Quellenprüfung zu widerlegen, seine eigenen historischen Werke (wie das Siècle de Louis XIV) waren jedoch stark von den Idealen der Aufklärung geprägt. Er schrieb aus der subjektiven Perspektive des Fortschritts.

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, OG, Spiegel, Kamin mit Büste Marie Antoinette, Stuckwand, Stühle. Auch um Marie Antoinette ranken sich viele Mythen, die bekannteste dürfte die Halsbandaffäre sein, auf die auch Stefan Zweig in seiner historischen Monografie ausführlich eingeht.

Die königliche Mätresse in der Rolle der Inidanerin

Der Franzose spricht gerne von irreconcilable Contradiction (unauflöslichen Widerspruch) zweier Systeme: hier der Rationalismus und Deismus eines Voltaire, der Kultur / Zivilisation über alles stellt, aber Monarchist bleibt und die Vernunft stets als philosophische Waffe betrachtet, um nicht wie die Tiere auf Intuition und Gefühl vertrauen zu müssen. Dort der auf die Kraft der Emotionen und Herzensbildung setzende Rousseau, tief gläubig (wenngleich er den gelehrten Katechismus mehrfach abschwor), der die Zivilisation / Kultur als Ursache für den Triumph des Bösen betrachtet, überzeugter Republikaner ist und den Intellekt als eine Bedrohung wahrnimmt (freilich nicht die Intelligenz). Wenn man so grob verfährt, was von der Weltanschauung tendenziell nicht aus der Luft gegriffen ist, stellt sich die Frage, wie sich beide in den Dienst der Enzyklopädie zu stellen vermochten, oft dieselben Freundschaften pflegten und einige Jahre auch zumindest koexistierten, mitunter sogar kooperierten.

Rousseau ist immerhin 17 Jahre jünger als Voltaire und damit fast gleichaltrig mit Diderot. Letztere verband eine Innigkeit, die später in Hass umschlug, wie das bei enttäuschter Liebe oft der Fall zu sein pflegt. Diderot achtete Voltaire ein Leben lang, aber in distanzierter Art und Weise. Rousseau und Voltaire standen sich zwar näher und hassten sich nie, führten aber aufgrund ihrer unterschiedlichen Lösungswege (denn die Probleme erkannten sie nahezu identisch) weil sie andere ursachen für die weltweite herrschende Ungerechtigkeit und Ungleichheit ausmachten. Ein Beispiel für die Gemeinsamkeiten, die es durchaus gab, bildete die Sensibilisierung für indigene und wilde Naturvölker. Diese ist in Voltaires Drama „Alzire“ am ausgeprägtesten

Die Tragödie (1736) in fünf Akten kann als Kritik am Kolonialismus und christlichen Missionarismus gewertet werden. „Alzire“ (vollständiger Titel: „Alzire ou les Américains spielt in Peru während der spanischen Kolonialzeit und behandelt den Konflikt zwischen spanischen Eroberern und der indigenen Bevölkerung, weshalb es überhaupt in der Comédie-Française aufgeführt werden durfte. Mehr noch: Das Stück wurde sehr positiv aufgenommen und schaffte es an den königlichen Hof von Versailles. Ein besonderer Höhepunkt der höfischen Theaterkultur war eine Aufführung, bei der keine Geringere als Madame de Pompadour, die einflussreiche Mätresse Ludwigs XV., die Titelrolle der Alzire in ihrer Rolle gegen den spanischen Gouverneur spielte. Im finalen Akt heißt es an sie gerichtet: „Es stimmt, dass eine Frau, die die Pflichten ihres Standes  verlässt, um sich der Förderung der Wissenschaften zu widmen, selbst in ihren Erfolgen verurteilenswert wäre. Jedoch, Madame, die Geisteshaltung, die das Wissen zur Wahrheit führt, ist jene, die uns  zur Erfüllung unserer Aufgaben befähigt.”

Die Erzählung „Der Hurone“ (L’Ingénu): In dieser philosophischen Erzählung aus dem Jahr 1767 (oft als die Freimütige übersetzt) lässt Voltaire einen nordamerikanischen Ureinwohne des Stammes der Huronen nach Frankreich reisen. Hurone sind Angehörige deren Siedlungsgebiet ursprünglich bei den Großen See nahe dem heutigen Ontario und Québec in Kanada liegen und damit bis 1763 auf französischem Terrain. Durch den unvoreingenommenen Blick des Huronen auf die europäische Gesellschaft führt Voltaire die Heuchelei, die Intoleranz und die theologischen Widersprüche der damaligen Zivilisation und des Christentums vor. Rousseau hätte dies nicht besser vermocht. In Essays verwies Voltaire zudem auf die Unterdrückung der Inka und Azteken) an. Er nutzte diese historischen Berichte, um europäische Arroganz und Intoleranz zu geißeln. Auch er wusste einige Vorteile des Wilden im Einklang mit der Natur zu schätzen. Der Konflikt zwischen beiden spitzte sich ab 1755, ausgehend von Rousseaus „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen)“ bis 1762 zu.

Foto Belinda Helmert: Petit Trianon, Flügeltür, Verbindung vom Kamin- zum Speisezimmer

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