
Foto Bernd Oei: Martfeld (35 km südlich Bremen), Fehsenfelder Mühle, im Gründungsjahr des Deutschen Kaiserreiches in und hundert Jahre später außer Betrieb genommen. Ca. 30 m hoch, ziert die Mühle auch das Wappen des Drei-Mühlen-Dorfes. Auch Paracelsus stammt aus einem Dorf.
Alles toxisch – heilsames Gift
„Alle Dinge sind Gift, und nichts ohne Gift, allein die Dosis macht, daß ein Ding kein Gift ist.“ Wenn das ein Arzt sagt, der zudem an einer Überdosis Quecksilber verstorben ist, macht dies nachdenklich. Grundsätzlich gilt ein gewisser Paracelsus als Vater der Homöopathie. Das flüssige Silber argentum vivum genießt spätestens seit dem in Verruf geratenen Amalgam nicht mehr uneingeschränktes Vertrauen wie bei der Verwendung von Thermometern. Es ist toxisch und seine Substanzen schädigen das Immunsystem, Niere, Leber, Nerven. Wie konnte ein Mediziner dazu anraten, es als Heilmittel zu verwenden?
Viel hilft nicht immer viel. Sicherlich stimmt es: „Der Mensch ist zum umfallen geboren“ – auch dieser pointierte Aphorismus aus dem Munde des im Kanton Schwyz geborenen Arztes und Alchemisten dient als Kalenderspruch. Man bedenke, der streitbare „Querdenker“ (durchaus nicht abwertend gemeint) lebte während der Hochrenaissance und war von einem anderen Weltbild überzeugt als die überwiegende Mehrheit. Geboren wurde der „Bombasticus“ Paracelsus bezeichnenderweise im Jahr einer der größten Pestepidemien und dem Prozessbeginn 1593 gegen den auf dem Scheiterhaufen verbrannten Giordano Bruno, mit dessen grausamem Tod endgültig eine neue Epoche einsetzte: der Barock.
Der Schweizer Art verstarb, möglicherweise auch durch Fremdverschulden (Mord?) 48 jährig in Salzburg an einer Blutvergiftung (Sepsis). Einen biographischen Überblick liefert https://www.deutsche-biographie.de/gnd11859169X.html#ndbcontent. In seinem Todesjahr hatten sich Katholiken und Protestanten beinahe schon endgültig zerstritten und das osmanische Reich befand sich auf dem Vormarsch.
Er brach u.a. mit der antiken Tradition der vier Säfte Lehre (Humoralpathologie) auf der Grundlage des Hippokrates. https://home.uni-leipzig.de/helium/Querdenker/Referate2025/Humoralpathologie%20Handout.pdf. Er setzte auf Beobachtung (Empirismus) anstelle von tradierten Rezepten oder Schulmeinung und führte, wenngleich auf Umwegen, in eine ganzheitliche Naturmedizin ein. Das archaische Denken wurde seitdem zersetzt in real und ideal.
Um- und Seitenwege erweisen sich manchmal als zielführend. Drei Grundelemente kannte der experimentierfreudige Chemiker, einem Pionier der sich aus seiner Alchemie entwickelnden Pharmakologie: Schwefel (sulfur), Quecksilber (mercur) und Salz (sale). Ersteres konserviert, mittleres ist feurig dynamisch und letzteres flüssig beweglich. Das Weltbild des passionierten Himmels-Körper-Beobachters entsprach eher Platon als dem gängigen seiner Zeit, der Scholastik. Paracelsus gilt als ein Vertreter des Neoplatonismus.

Foto Bernd Oei: Martfeld, Fehsenfelder Windmühle,1991 restauriert. https://www.martfeld.de/freizeit/martfeld-entdecken/muehlen/fehsenfeldsche-muehle.html
Mikro- und Makrokosmos:
Paracelsus verwirft die gängige Ansicht, Krankheiten basierten auf ein Ungleichgewicht im Körper (Vier Säfte-Lehre) und erblickt in jeder Krankheit die fehlende Balance zu seiner Mit- und Umwelt. Ein krankes bedeutet ihm immer ein denaturiertes Individuum. Überhaupt stellt er, ganz Vertreter der Renaissance, den Einzelnen und seine Physiognomie (aus der er Rückschlüsse auf den Charakter zieht) in den Vordergrund. Auch Ernährung spielt in das Gleichgewicht mit der Natur, dessen Teil der Mensch bleibt, eine entscheidende Rolle. Hier wird die Formel „Der Mensch ist was er isst“ von Ludwig Feuerbach zumindest angedacht. Paracelsus erkennt bereits so etwas wie das Immunsystem und Selbstheilungskräfte des Körpers. Dabei entspricht der menschliche Körper dem Mikrokosmos dem Abbild des Himmelsbildes. Die Mathematik wird zum idealen Erklärungsmodell von allem.
Die Äquivalenz von Astronomie und Anthroposophie (im Volksmund Astrologie) hat neoplatonische Wurzeln, denn auch Platon sieht in der Astralwelt (Körpern) eine Teilhabe (methexis) an der Ideen. Über Plotin eignet sich Paracelsus u.a. den Unterschied an von abzählbarer logischer Differenzierung/ numerischer Mannigfaltigkeit und oszillierende Unentschlossenheit, Chaos und Instabilität der qualitativen Mannigfaltigkeit im Kosmos. Das Eine ist zugleich das Viele, darin besteht kein Widerspruch.
Paracelsus ist zutiefst religiös und betrachtet Wissenschaft, Medizin und Glauben als untrennbar verbunden, wobei er seine Arbeit als göttliche Pflicht sieht, Gottes Schöpfung zu entschlüsseln. Andererseits gehört auch er zu den radikalen Kirchenkritikern und sucht nach einer tieferen, innerlichen Spiritualität jenseits der erstarrten Formen der Kirche seiner Zeit. Er nutzt Bibelkommentare, um seine philosophischen und medizinischen Ideen zu untermauern, ähnlich den Reformtoren des 16. Jahrhunderts, allen voran Luther.

Foto Bernd Oei: Martfeld, Catharinenkriche in unmittelbarer Nachbarschaft zur Mühle. Auch der errichtete Sakralbau ziert das Martfelder Wappen. Aufgrund von Baufälligkeit entstand nach dem Siebenjährigen Krieg der Neubau, dem einzigen Nicht-Backsteinbau der Umgebung. https://www.martfeld.de/leben/kirchen/catharinenkirche.html
Drei Prinzipien Theorie
Da alle Dinge aus den drei Prinzipien von Salz, Schwefel und Quecksilber gemacht sind, finden die sich auch im menschlichen Körperkreislauf und stabilisieren diesen, so lange nichts von ihnen zu viel oder zu wenig vorkommt.
Die Drei Prinzipien Theorie (Schwefel / Quecksilber/ Salz) ist eine alchemistische Theorie , beruhend auf die „unstoffliche“ Zusammenhänge bezüglich der Seele und ihrer Beziehung zu Körper, Kosmos und Gott, aber nicht die drei Prinzipien mit Körper, Seele und Geist gleichsetzt.
Als Christ verankert Paracelsus seine Weltanschauung in den drei theologischen Prinzipien („vestigia trinitatis“) in der Tradition des Augustinus. Sie entspricht der Trinitätslehre Vater, Sohn, Heiliger Geist und projiziert sie auf auf triadische Erscheinungen (Schwefel, Quecksilber, Salz). Die Begründung der drei Prinzipien findet sich bei Paracelsus im „Liber de meteororum“ von 1530, das sich intensiv mit Wetterkunde befasst. Die „prima materia“ besteht nun aus drei Grundelementen analog zu Bruno (Der das die Eine) Einheit aus einer Dreiheit. Dies entspricht auch der christlichen Trinität Vater,Geist,Sohn.
Diese drei Elemente kommen niemals vereinzelt vor, sondern liegen immer in einem Mischverhältnis zusammen, worauf die Verschiedenheit der Einzeldinge beruht. Diese göttliche Trinität materialisiert sich folglich in allem als Idee hinter den Phänomenen. Im Fokus seiner vierbändigen „Astronomia magna“ 1538 steht die „compositione humana“ (Zusammensetzung des Menschen) in ihrer Beziehung zu Gott und Kosmos.Paracelsus den sterblichen Leib in den elementarischen, sichtbaren Leib und in den unsichtbaren und „ungreiflichen“, „siderischen“ Leib,
Der siderische Leib bewirkt Sinn und Gedanken und wird als „Geist“ bezeichnet. Über die Seele als Bindeglied steht er mit dem elementarischen Leib (Organe) in ständigem Austausch und produziert Wechselbeziehungen. Daher hat alles, angefangen von der Nahrung über das Wetter Auswirkungen auf Leib und Geist. Der dritte Leib ist der unsterbliche (bei Platon nur die Seele genannt), die ewig nach dem jüngsten Gericht dauert.
Der elementarische Körper ist „Geist, Fleisch und Blut„. Diese drei untrennbaren Begriffe beinhalten die ganzheitliche Existenz des Menschen als Mikrokosmos, in dem diese drei Aspekte – das Spirituelle (Geist), das Materielle (Fleisch/Leib) und das Lebensprinzip (Blut/Seele) – untrennbar verbunden sind und die Basis für Gesundheit und Krankheit bilden, sprich den Drei Prinzipien Salz, Quecksilber, Schwefel, die im Menschen wirken und durch die Heilkunde harmonisiert werden solle, weil er sonst in Dissonanz zum Makrokosmos steht. Ausführlich unter

Foto Bernd Oei: Martfeld, Drachenskulptur. Das 2800 Seelen zählende Dorf gehört zur Samtgemeinde Bruchhausen Vilsen
Ein Zwitter und ein Spagat zwischen zwei Systemen
Paracelsus kann weder eindeutig dem Nominalismus noch dem Universalimus zugerechnet werden, sondern er ist auch hier (wie Bruno) ein Zwitter im Spagat zwischen Mittelalter und Neuzeit. Der Nominalismus postuliert: es gibt keine selbständigen Universalien (Ideen, Begriffe); ausschließlich individuelle Dinge existieren, wie etwa Quecksilber. Laut Blumenberg hat die Neuzeit durch den Triumph Nominalismus seine Gottesidee eingebüßt und Religion rationalisiert.
Zu Vertretern des Nominalismus auf dem Weg zum Triumph der Naturwissenschaft über die Geisteswissenschaft gehören Descartes und Kant, also Repräsentanten durchaus unterschiedlicher Systeme (Materialismus versus Idealismus), die aber beide die Welt aus der Physik und Mathematik und damit Naturgesetzen ableiten. Die Welt, selbst Gott, wird damit auf Mathematik, Physik, Chemie reduziert und zerfällt in winzig kleine Teile, sie wird atomisiert.
Aus dem Nominalismus (betont die Existenz wahrnehmbarer stofflicher Einzeldinge) entwickelt sich der Empirismus/Rationalismus, aus dem platonischen Denken (Ideenlehre) und dem daraus abgeleiteten Universalismus (betont die Existenz von Ideen, Werten unabhängig ihrer Erscheinung bzw. Gebundenheit an die Materie) entwickeln sich weichere Wissenschaften, darunter das Rechtssystem mit der Vorstellung von Naturrecht Menschenwürde, Freiheit etc. die heute dem Realismus Rechnung tragen. Mit guten Gründen (Pflichtethik, Gesinnungsmoral) lässt sich hier Kant auch als Universalist bezeichnen.
Paracelsus vertritt eine Synthese von universellen (ganzheitlichen) Ideen mit empirischen, oft spezifischen Beobachtungen und einer christlich-magischen Weltsicht, die eine Verbindung zwischen Makrokosmos (Universum) und Mikrokosmos (Mensch) sucht, was ihn eher dem Realismus/Universalismus nahebringt, jedoch mit starken eigenen Abweichungen wie der Betonung der spezifischen Ars medica (Heilkunst). Er glaubt an universelle Prinzipien (wie die Astronomia Magna), die alles durchdringen, lehnt aber die scholastische Systematik ab und betont die individuelle Erfahrung und die Kraft der Natur.
Paracelsus geht auch auf die klassischen vier Naturelemente ein (Luft, Feuer, Wasser, Erde) und zwar in seiner Quadrologie „Philosophia de generationibus“ (erst 1590 posthum gedruckt); sie ist zugleich seine Schöpfungstheorie. Die Genesis legt Paracelsus dar in der Quadrologie „Philosophia de generationibus“. Die oberste Zone ist hier der „Himmel“, der mit der Luft assoziiert wird und als Sitz Gottes noch keine „Früchte“ hervorbringt. Darunter liegt das „Firmament“, in dem sich die Sterne befinden und welches mit dem Element „Feuer“ in Verbindung gebracht wird; ihnen werden bereits Früchte zugeordnet, die den irdischen als Analogie dienen. Die Vorstellung: Sterne im Himmel finden ihre Entsprechung in den Pflanzen auf der Erde
Die beiden unteren Elemente sind die „Erde“ mit den Pflanzen und das „Wasser“, als „Mutter“ der Steine und der hier als Minerale bezeichneten Metalle. Die Vierheit der Elemente ist wiederum der Dreiheit der Zusammensetzung der drei chemischen Elemente geschuldet. Ausführlich https://paracelsus.blog/die-drei-prinzipien-theorie-3/
Paracelsus naturwissenschaftliches Verständnis von der Welt ist zugleich fortschrittlich und rückständig – es bleibt verhaftet im Denken seiner Zeit, z. B. traut er es Hexen zu, durch bloße Willenskraft und schwarze Magie den Himmel zu vergiften und glaubt , dass die Konstellation der Himmelskörper bei Geburt bereits Frauen zu Hexen determiniere. Alles wird einer Analogie zugeführt, jedes geistige oder spirituelle Moment entspricht einer astro-chemischen Reaktion. Daher gibt es auch Anknüpfungspunkte für Brunos spirituellem Materialismus, der sich auch in Schellings Naturphilosophie wiederfindet.

Foto Bernd Oei: Martfeld, Pastors Hus; das Denkmal mit original Giebel stammt aus der Reformationszeit und ist das einzige Relikt aus dieser Umbruchszeit der Umgebung. Gegenüber der Feldmühle und der Catharinenkriche bildet es den dritten Anlaufpunkt der Gemeinde, zumal der Erhalt des historischen Erbes und heutigen Museums auf handwerkliche Eigenleistung der Martfelder beruht. https://www.pastorshus.de/ Ein Doku-Film ist einsehbar unter https://www.youtube.com/watch?v=Cx_1Vvg-y0E
Allein die Dosis macht das Gift
In seiner Schrift „Volumen Paramirum“ (1525) spricht der Arzt von fünf Ursachen für den Ausbruch von Krankheiten, die als „ens“ (wörtlich das Seiende) Bezeichnung finden – daher der Begriff 5 Entien – Theorie. Die Fünfheit spielt in der antiken Elementarlehre (der Äther als das alles verbindende, unsichtbare fünfte Element) eine zentrale Rolle. Obiger Satz stammt aus diesem Werk. „Das Ausmaß des Wunderbaren“, die mit der Einteilung in falsche Sekten von Ärzten beginnt, womit sich der Autor viele Feinde machte, darunter auch einflussreiche. Grundsätzlich geht es Paracelsus um die Fragilität des Leibes.
Das erste Seiende entspricht der Stellung der Gestirne, die günstig oder ungünstig auf Geist, Fleisch und Blut wirken. Das zweite Seiende betrifft die Ernährung, mit der wir unwillkürlich Gifte aufnehmen, die, wie oben erwähnt, auch heilsam wirken können und deren Folge von der Dosierung abhängt. Durch falsche Ernährung, sei sie einseitig oder überdimensioniert, schwächt sich der Leib selbst und erkrankt.
Das dritte Seiende hat mit der Umwelt bzw. Mitwelt zu tun. Menschen und ihre Art, uns zu begegnen, stärken oder schwächen den Leib. Vereinfacht: Notsituationen wie Stress lösen Krankheiten aus. Invers können positive Erlebnisse einen Selbstheilungsprozess in Gang setzen – auch der Glaube an Gott kann heilen. Leuchten diese drei Wesensmerkmale noch ein, so wird es mit den zwei übrigen aus heutiger Sicht diffizil. Zum Stöbern und Nachlesen empfiehlt sich die Seite https://ia801305.us.archive.org/29/items/b24867330/b24867330.pdf
Zum einen kann eine Krankheit, „ens dei“ als Gottes Strafe Folge auf einen falschen Lebenswandel (insbesondere geistiger Verirrung) auf den Menschen fallen, zum anderen kann eine Krankheit „ens naturalis“ durch innere falsche Positionierung des Gemüts (z.B. Depression) selbstverschuldet sein. Magie oder Esoterik ist in jedem Fall in diesen beiden Lehren immanent. Über die Wechselwirkung von Körper, Geist und Seele dürfte hingegen wenig auszusetzen sein. Einige interpretieren „ens naturalis“ aber auch als Beschaffenheit der physischen Konstitution, also einer Mitgift der Natur, die frei ist von moralischer Verwerfung. Ausführlicher:

Foto Bernd Oei: Martfeld, Heimatscheune, Theatersaal, Bühne. Vorwiegend werden die Stücke in plattdeutscher Sprache vorgetragen, darunter auch der Weihnachtsklassiker Dinner for One. Derzeit gibt man Landeiner „Buern stöökt Froons“, aber auch Gastspiele und Lesungen sind im Repertoire.
schlaue Nomaden und tumbe Ofensitzer
Es gibt Menschen, welche die Sesshaftigkeit als Beginn allen Übels betrachten, da homo sapens mit dem Ackerbau zum einen beginnt, sich die Erde untertan zu machen und sie seinen Bedürfnissen anzupassen anstelle sich ihr zu assimilieren, wie es ein Nomade tut. Zum anderen, weil mit der Sesshaftigkeit Besitzdenken und Brauchtum beginnen, die apodiktisch in Kapitalismus, Industrialismus und Nationalismus münden. Die ersten Technologien entstehen in der Agrarkultur und Hochkulturen sind immer an die Entwicklung von Städten und Handelswegen gebunden. Passend dazu der Aphorismus von Paracelsus: „Wandern gibt mehr Verstand als hinterm Ofen sitzen.„
Wie Bruno, Erasmus und viele andere Gelehrte ihrer Zeit , bedingt durch die Notwendigkeit zu lernen und zu lehren, aber auch aus politischer Verfolgung oder Intrigen heraus, ist auch Paracelsus ein Weitreisender und wenn man so will Europäer. „Seine Wanderschaft führt ihn unter anderem nach Italien, Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande, England, Schweden, Preußen, Russland und Ungarn.“ Der Spiegelbericht 2009 „Paracelsus – Arzt und Rebell“ legt den Akzent auf die spezifischen lokalen Gegebenheiten hinsichtlich Natur und Kultur (Jedes Land hat seinen Arzt) legt. https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/mohrs-herzschlag-paracelsus-arzt-und-rebell-a-656003.html Seinerzeit waren Ärzte entweder Heilsbringer oder Scharlatane, niemals frei von Magie. Dies gilt sowohl für die innere (Organ-) als auch die äußere (Wund) Medizin. Neben den Schulärzten praktizierten viele Magier.
Insofern ist Paracelsus ein Vertreter des magischen Realismus, ein Rebell für den medizinischen Fortschritt und doch auch ein dem Aberglauben bzw. überhaupt dem Glauben verhafteter Denker, der die Gesundheit durchaus mit Gottesgnadentum in Verbindung bringt und nichts mit moderner Pharmazie oder Gerätemedizin gemein hat. Er sieht die Natur als Apotheke nicht losgelöst von Gott und der Schöpfung.

Foto Bernd Oei: Martfeld, Heimatscheune, Theatersaal, Podium. https://heimatscheune.wixsite.com/my-site-2 Am 29. Oktober eröffnete die Heimatscheune auf dem Gelände von Kirsteins Hoff, zu dem auch ein Restaurant gehört.
Krankheit und Gesundheit unterliegen göttlichem Einfluss
In einem Spiegel Beitrag aus dem Jahr 1957 mit dem Titel „Alles von Gold“ liegt der Schwerpunkt auf der Alchemie und ihrer Verbindung zur Medizin. Seine Rezepte, an denen er sogar möglicherweise selbst zugrunde ging, sollten weder gekocht noch verabreicht werden. Der Schwerpunkt des Artikels liegt auf seinen, der Stellung der astralen Gestirne vertrauenden Prophetie (sie zählt nach jenen des Nostradamus zu den populärsten) geschuldet, hier allerdings auf eine von ihm ausgelöste Schatzsuche. Näheres unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/alles-von-gold-a-0a547ea1-0002-0001-0000-000041758703Da
Obgleich er die vier Säfte Lehre widerlegt, spricht auch Paracelsus von Menschentypen bzw. Krankheiten und Gesundheit, die göttlichem Einfluss unterliegen. Seine Lehre von den Temperamenten, „Komplexionen“ basiert auf die vier aus der Antike bekannten Temperamente Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker. Sie stehen nun weder mit den vier Elementen, Jahreszeiten oder den Tierkreiszeichen in Verbindung, wie es der Großteil seiner Zeitgenossen und Ärztekollegen annahm.
Paracelsus spricht dagegen von Geschmacksrichtungen „sauer“, „süß“, „bitter“ und „salzig“: Diese Geschmäcker erklären die Physiologie als auch die Psyche primär über Nahrungsaufnahme.
Der Choleriker nimmt seinen Anfang aus dem Bitteren, das zwar heiß und trocken ist, aber nichts mit dem Feuer zu tun hat, wie Paracelsus ausdrücklich betont.
Die Melancholie kommt aus dem Sauren, welche kalt und trocken ist, aber definitiv nichts mit Erde zu tun hat.
Das Phlegma gebiert sich aus der Süße, „denn was da süß ist, das ist kalt und feucht, und vergleicht sich dem Wasser nicht.“
Der Sanguiniker ist aus dem Salzigen, das sich durch die Qualitäten „heiß und feucht“ definiert. Hier spart sich Paracelsus den Hinweis auf den fehlenden Zusammenhang zur Luft.
Im Grunde folgt Paracelsus damit weitgehend dem klassischen Viererschema des Galen, nur ohne die vier Körpersäfte zu erwähnen – die er ja ablehnt – und mit der Betonung auf die Unabhängigkeit von den vier Elementen. Ausführlich unter https://paracelsus.blog/volumen-paramirum-die-5-entien-lehre/

Foto Bernd Oei: Martfeld, Kirsteins Hoff., ein Mehrgenerationehaus und kultureller Treffpunkt für diverse Aktivitäten und Veranstaltungen
Schwellen-Geist – Luther der Medizin
Paracelsus steht an der Schwelle einer neuen Epoche, in der das Pendel zwischen Natur- und Geistesphilosophie, Nominalismus und Universalismus umschlägt und sich zum Menetekel der Moderne entwickelt mit all ihren neuzeitlichen Katastrophen und selbst gemachten Problemen. Er ist noch nicht befreit von dem Rucksack des Mittelalters, sprich der Scholastik und noch zu den allumfassenden Geistern (Universalgelehrten), nicht den Spezialisten zu rechnen. So lehnt er gewiss die gängige medizinische Lehrmeinung, die Viersäftelehre, strikt ab und versucht stattdessen eine neue, eigene Medizin zu etablieren. Allerdings nicht als, wie häufig angenommen, Vorläufer einer modernen, wissenschaftlichen Medizin, sondern vielmehr eine auf alchemistischen Grundsätzen ausgelegte Heilkunde. Chemie meint hier die Lehre der drei Prinzipien Salz, Quecksilber, Schwefel aus der so bezeichneten Spagyrik. Diese beruht auf Trennen und Wiedervereinigen, Destillieren und Konzentrieren (Quinta essentia).
Diese Quintessenz ist jetzt nicht mehr – wie bei Aristoteles – der Äther, sondern die Therapieform, die Dosierung. Mehr zu Spagyrik: https://www.apotheken-umschau.de/therapie/kritisch-hinterfragt/spagyrik-eine-frage-der-zeit-848445.html – Seine Lehre stieß allerorten auf Ablehnung. „Ein seltsam wunderlicher Mann“, so wird er bei seiner Ankunft in Nürnberg beschrieben, wo er nichts veröffentlichen darf und von allen Ärzten gemieden wird. Dies ist angesichts des mangelnden medizinischen Wissens jedoch aus heutiger Sicht weder ein Makel noch eine Auszeichnung.
Der Schweizer Arzt und Wandervogel verbrennt bei seiner einzigen Lehramtsanstellung (Universität Basel) nicht nur den Kanon der Medizin (Avicenna) sondern hält seine Vorträge auf deutsch (wie Luther seine Predigten) – beides geschichtsträchtige Skandale. Zu jener Zeit sind berühmte Patientenheilungen noch die wichtigste Referenz für die berufliche Reputation. Er genießt das Heilsbringer-Image, denn was wirkt, hat Recht, selbst wenn es zufällig wirkt.
Ein Podcast, der die medizinischen Lehren des Paracelsus (ein Kunstname) der gängigen Humoralpathologie gegenüberstellt liefert https://www.antenne.de/mediathek/serien/geschichten-aus-der-geschichte/0001jebcjvng23n5wvq82d6b2h-gag413-paracelsus-arzt-und-alchemist – ratsam ist bei 6:18 einzusteigen, da alles Vorherige nichts mit dem berühmtesten Wanderarzt der frühen Neuzeit gemein hat.
Analogie zur Drei-Prinzipien- Lehre ist Holz: das Brennende ist Schwefel, das Rauchende das Quecksilber, die Asche ist Salz: alles zusammen ist Holz im Gleichgewicht. Das kann man als modern oder antiquiert betrachten; wissenschaftlich hält es neuzeitlichem Denken nicht stand.
Ein weiterer auditiven Beitrag ist eingestellt unter

Foto Bernd Oei: Kirsteins Hoff, Kamin aus dem Jahr 1934 im Flur und Eingangsbereich zum Restaurant.







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