Der chinesische Franzose

Foto Belinda Helmert: Hereinspaziert! Paris, Place des Vosges 6, Eingang zum Maison Victor Hugo, in dem der Schriftsteller/Maler 16 Jahre lebte.

Der Tod kommt, das ist gewiss …

Der Tod spielt in Hugos Werk eine tragende Rolle. Seine älteste Tochter, Léopoldine Hugo, ertrank am 4. September 1843 zusammen mit ihrem Ehemann Charles Vacquerie bei einem Bootsunglück auf der Seine. Ihr Boot kenterte, beide stürzten ins Wasser, ertranken, da sie nicht schwimmen konnten. Der tragische Tod löste bei Victor Hugo eine tiefe Lebenskrise aus und inspirierte ihn literarisch. Sicherlich gilt dies auch für die Februarrevolution, das damit verbundene Exil, das gesamte politische Engagement des Schriftstellers, der sich immer für soziale Benachteiligte einsetzte- Fortan widmete sich der ohnehin religiöse Hugo der Mystik. Hugo widmete sich dem Spiritismus und glaubte, mit seiner verstorbenen Tochter durch Séancen kommunizieren zu können, wie es in der fiktiven Erzählung in Amazon.de beschrieben wird.

Lépoldine, seine älteste Tochter, traf bereits mit 14 Jahren die Liebe ihres Lebens und natürlich war das für ihren Vater zu früh. Fünf Jahre später, nach damaligem Gesetz noch immer minderjährig, willigte der Schriftsteller und Maler in die Hochzeit ein. Das war Februar 1843. Fünf Monate später folgte die Katastrophe. Es folgte eine Schreibblockade, Hugo verstummte und nur noch zeichnete. Ein Beispiel liefert sein eingestürztes Aquädukts 1849. https://kunstgeschichte.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/i_kunstgeschichte/Rosenberg/Ritter_Henning.pdf Insgesamt hinterließ Hugo über 4000 Zeichnungen.

Das mir bekannteste stammt bereits aus seiner Zeit im Exil und kann auch symbolisch gedeutet werden, doch greift Hugo das Motiv des rasch umschlagenden Meeres und die trügerische Stille vor dem Sturm häufig als Motiv auf. Das Gemälde aus Gouache trägt den Titel „Mon destin“ und zeigt ein Schiff, das gerade von der aufgepeitschten See verschlungen wird.

Zwanzig Jahre nach seiner ersten Tochter verlor Hugo auch seine zweite, Adèle Hugo, die wohl immer im Schatten ihrer Geschwister stand und erst 1830 (Julirevolution) als Nachzüglerin geboren wurde. Wiederum ein Drama: sie verschwand, vermutlich, weil sie sich nicht geliebt fühlte, am 18. Juni 1863. Hugo lebte Guernsey, nicht mit der Ehefrau und Mutter, die in Paris blieb und ihren Gatten nicht ins Exil folgte, sondern mit seiner langjährigen (50 Jahre) Geliebten. Auch Adèle war künstlerisch doppelt begabt, Komponistin und Schriftstellerin. Sie folgte als einzige aus der Familie dem Vater in die Verbannung. Sie floh über Nacht über den Atlantik, schwer depressiv und offenkundig krankhaft in einen Mann verliebt, der ihre Gefühle nicht erwidert, lebte nach ihrer Rückkehr lange in einer Nervenheilanstalt und verstarb kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Sie war ein Opfer jenes Strudels, den das Bild oben zeigt.

Victor Hugo: letztes Porträt seiner Tochter Léopoldine, die auf ihrer Hochzeitsfahrt 1843 vor seinen Augen in der Seine ertrank.. Der Dichter verarbeitete ihren tragischen Tod im Gedicht „Morgen wenn die Dämmerung anbricht“ (Volltext unter https://lkfranzoesisch.wordpress.com/2013/03/24/victor-hugo-demain-des-laube/ Unteres Bild: Lépoldine als Vierjährige., ebenfalls ein Porträt von seinem Malerfreund Louis Bolulanger https://de.wikipedia.org/wiki/Louis_Boulanger Zu sehen im ersten Raum.

Passion für China

Im 19. Jahrhundert war die chinesische Kultur in Frankreich vor allem durch politische und koloniale Beziehungen sowie den kulturellen Austausch im Rahmen von Handel und Bildung präsent. Frankreich war eine koloniale Macht in Südostasien, und es gab militärische und diplomatische Interaktionen mit China selbst. Fast gleichzeitig mit Hugos Exil musste sich das Reich der Mitte nach militärischer Okkupation zwangsweise öffnen; daher kamen viele war die chinesische Kunstwerke nach Frankreich. Die Tricolore war unter Napoleon III eine koloniale Macht in Südostasien, und es gab militärische und diplomatische Interaktionen mit China selbst.Chinoiserie findet sich vor allen im Musée Guimet und im Musée Cernuschi. Prominentester Literat, Sammler und späterer Kulturminister, der sich für chinesische Kunst interessierte war André Malraux. („Das unsichtbare Museum, 1954“)

Dieser Trend wurde nach dem massiven Aufkauf von Weinbergen (längst wieder rückläufig) https://www.focus.de/finanzen/news/50-winzerbetriebe-schon-chinesisch-reiche-chinesen-kaufen-in-frankreich-weingueter-auf_id_3335632.htmlvor allem um die Region Bordeaux wiederbelebt. https://german.cri.cn/2024/05/07/ARTIjgmPHlHlZZIcpNdyEbvK240507.shtml

Victor Hugo sammelte chinesische Kunst und es gibt eine Sammlung namens „Hugo und die chinesische Kultur“ in Frankreich, die im Museum Victor Hugo zu sehen ist. Diese Sammlung ist Teil einer Ausstellung, die Möbel, Fotos, Kunstwerke und historische Dokumente umfasst- https://parisjetaime.com/ger/kultur/maison-de-victor-hugo-p3500

Foto Bernd Oei: Chinesisches Zimmer, Raum 2 im Maison Victor Hugo . Zwar bewohnte der Schriftsteller das Haus am Place des Vosges von 1832 bis 1848 (Februarrevolution), doch stammen viele der Exponate stammen aus seinem Exil auf Guernsey. Als überzeugter Demokrat, Sammler und Bewunderer chinesischer Kultur übte Hugo scharfe Kritik, Als der Alte Sommerpalast in Peking durch französische und englische Truppen 1860 geplündert wurde..

Nichts auf der Welt ist so mächtig …

Hugo kaufte und sammelte während seines Exilsauf Guernsey vorwiegend im Chinoiserie-Stil, eine europäische Kunstbewegung, die von der chinesischen Kunst inspiriert wurde. Europäische Künstler waren fasziniert von chinesischen Mustern wie Landschaften, Blumen und Vögeln, kopierten diese und schufen so eine einzigartige Mischung aus asiatischen und westlichen Stilelementen, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung der Motive oft nicht verstanden wurde. Europäische Künstler und Handwerker ließen sich von chinesischen Motiven wie Landschaften, Vögeln, Blumen und Menschen inspirieren. Zu den Pionieren gehörte Victor Hugo. Sehnsucht und Wirklichkeit, romantisches Ideal und realistischer Pragmatismus, fanden ihr ihn hier zusammen.

Während die Impressionisten sich v. a. für japanische Holzschnitte interessierten, lag Hugos Augenmerk auf chinesischen Tusche- und Holzarbeiten. Zu sehen sind seine Sammlungen auf dem youtube Video https://www.youtube.com/watch?v=XJ_mDvaUiro. Einen Eindruck vermittelt auch https://www.sortiraparis.com/de/was-in-paris-zu-besuchen/ausstellung-museum/articles/206754-das-haus-von-victor-hugo-in-paris-ein-kunstlerisches-eintauchen-in-die-welt-des-beruhmten-autoren

Im Zusammenhang mit seiner Faszination am Fernen Osten steht das Zitat Il y a une chose plus forte que toutes les armées du monde, c’est une idée dont le temps est venu“ (übersetzt: „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“)

Foto Bernd Oei: Chinoiserien, Keramik und Holzbildhauerei, lackiertes Möbelstück aus dem 18. Jahrhudert. Victor Hugos asiatisches Zimmer (Raum 2 im Musée Maison Victor Hugo). Der Schriftsteller war ein begeisterter Sammler chinesischer Kunst und ließ sich wie viele französische Künstler in der zweiten Jahrhunderthälfte von ihr inspirieren. Dies gilt auch für den Tintenfass-Kasten (unteres Foto) von 1860, mit dem er „Die Elenden“ im Exil schrieb.

Vom Royalisten zum Republikaner

Hugos Weg war ungewöhnlich, denn er entwickelte sich vom Befürworter der Monarchie und konservativen Katholiken zu einem sozialkritischen Rebellen, der die früh, sogar noch vor Georges Sand, die Grausamkeiten der industriellen Revolution (Kinderarbeit, Rechtlosigkeit der Arbeiter, Ausbeutung der Frauen) als die neue Form der Sklaverei brandmarkte. Verwiesen sei exemplarisch auf „Melancholica“ (zwei Fassungen im Paarreim), das als eines der ersten Werke im Exil entstand. Die zweite Fassung ist etwa viermal so lang wie die erste. Der Beginn ist aber gleich und von mir hier reimlos übersetzt:

Wo sind all die Kinder, von denen keines lacht ?

Von diesen süßen Wesen, vom Fieber bleich gemacht ?

Diese achtjährigen Mädchen, die man alleine laufen sieht ?

Sie werden 15 Stunden unter deb Mühlsteinen arbeiten.

Sie gehen, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang

Quelle und Original (erine deutsche Version habe ich nicht gefunden): https://www.medranoavocat.fr/medias/files/melancholia.pdf

Hugo ging für seine Überzeugung, seine erbitterte Gegnerschaft zu Napoleon III und dem Seconde Empire (Zweiten Kaiserreich, 1852-1870) konsequent ins Exil und betrat Paris erst wieder als alter Mann. Er konnte es kaum wiedererkennen, wovon ein berühmtes Gedicht Baudelaires, de mit ihm in Briefkontakt stand, trotz seines politischen und vor allem ästhetischen Dissens. Verwiesen sei auf „“Les sept vieillards„, deutsch: https://gedichte.xbib.de/Baudelaire_gedicht_Die+sieben+Greise.htm, französisches Original: https://fr.wikisource.org/wiki/Les_Fleurs_du_mal_(1861)/Les_Sept_Vieillards

Foto Bernd Oei: Chinesisches Zimmer im Hugo-Museum

Das Elend aus der Welt schaffen

War er nur ein Träumer und unverbesserlicher Idealist? Der Beitrag vor 10 Jahren widmet sich dem sozialen Gewissens Frankreichs wohl populärsten Schriftweller (trotz eines Balzac, Flaubert, Zola, Proust, Sartre oder Camus) https://www.deutschlandfunk.de/victor-hugo-das-elend-aus-der-welt-schaffen-100.html

Wie der er doch irrte in seinem Glauben, nach dem débacle, dem Ende der Kaiserzeit durch den preußischen Sieg, die Zeit könne nie mehr zurückgedreht und die Zensur nicht mehr eingeführt werden. Wie sehr er doch an das Gute im Menschen und ihre Lernfähigkeit vertraute. So gesehen ein Romantiker der alten Schule.

Die soziale Anklage der in Frankreich damals üblichen Kinderarbeit nimmt die romanesken Schilderungen in „Les Misérables“ bereits vorweg. Doch auch dieser Roman zählt aufgrund zahlreicher Abweichungen von den historischen Fakten zu den fiktive Wirklichkeit und mythischen Werken. So weist der peruanische Noblepreisträger und sozialistisch engagierte Politiker Mario Llosa Vargosin seinem über 200 seitigen Essay „Victor Hugo und die Versuchung des Unmöglichendarauf hin, dass für den Brotdiebstahl in Frankreich keine mehrjähriges Gefängnisstrafe verhängt wurde. Hugo nutzt derlei Abweichungen für seine Dramaturgie wie das Pathos für die Evokation von Mitgefühl. Zudem ergreift er deutlich Partei und begnügt sich nicht mit der Darstellung in der Hoffnung, den Leser zu schockieren.

Foto Bernd Oei: Büste von Victor Hugo Büste- Schöpfer ist sein Freundes, dem Bildhauer Pierre Jean David d’Angers (weil er aus Angers stammte) im dritten Raum. des Musée Maison.

Der Zeichner – der schwarze Romantiker

Baudelaire entfachte in seinen Kunstbetrachtungen die Streitfrage, ob dem Kolorit oder der Linienführung für einen Maler mehr Bedeutung zukommen müsse. Da Farben für Emotionen stehen, lautete sein Credo für Delacroix und später für die Impressionisten und gegen die alte Schule des Klassizismus, der Hugo angehörte. In seinen „Salons“ , dem Bildbetrachtungen geht er mehrfach auf Hugos mittelmäßige Begabung ein, übrigens schätzte er ihn auch nicht über alle Maßen als Dichter. Da er und ihm folgende Generationen jedoch mit dem Auswendiglernen der frühen romantischen Gedichte von Hugo traktiert und malträtiert wurde, dürfte dies nur allzu verständlich sein.

Betachtet man Hugos Kreide- Tusche- Aquarelle und Gouache-Werke, wie sie im Maison de Victor Hugo zu sehen sind, fällt einem auf, dass er häufig seine Romane selbst illustrierte. Dies brachte ihn den Namen schwarzer Romantiker ein.

https://www.leopoldmuseum.org/de/presse/presseunterlagen/930/VICTOR-HUGO-Der-schwarze-Romantiker

Grundsätzlich arbeitete er seine drei Gesetzmäßigkeiten heraus, die den Menschen prägen und teilweise auch determinieren: die Religion (Der Glöckner von Notre Dame), die Gesellschaft (Die Elenden) und die Natur (Die Arbeiter des Meere). Sie alle basieren wiederum auf drei Zugangsformen zum Tod, dem alles bestimmenden Leitmotiv in seinem Werk. Die Helden sind allesamt fähig, uneigennützig zu lieben. Den Altruismus sah Hugo als das substantielle christliche Erbe an. Ohne bigott zu sein, glaubte er dennoch, der Mensch besitzt die Aufgabe, sich selbst zu schöpfen und damit über die drei Gesetzmäßigkeiten hinauszuwachsen. Die Schlichtheit seiner Bilder, die fast immer den Menschen im Kampf mit sich selbst und und Natur zeigen, unterstreicht dies,

Foto Bernd Oei: Illustrationen von Achille Granchi-Taylor (1857-1921) zu Hugos Roman „Der Arbeiter der Meere“ 1869). Nach einem Werk über die Kraft der Religion (Notre Dame) und einem Werk über den Einfluss der Gesellschaft auf das Individuum (Die Elenden) vollendete Hugo seine Trilogie über die Macht der Natur auf Guernsey, bevor er nach dem Sturz Napoleon III aus dem Exil zurückkehrte und seinen vierten Roman 1793 über die Gräuel der Revolution schrieb. Granchi-Taylor stammt aus Lyon und nahm sich vornehmlich bretonischer Motive an. https://en.wikipedia.org/wiki/Achille_Granchi-Taylor

Der Poet

Hugo war Dramatiker – so begann er seine Laufbahn, was nicht verwundert, weil erst Mitte des 19. Jahrhunderts der Roman, das Epos, zum neuen Gattungsführer in Frankreich avanciert, so dass Hugos Zeitalter auch das des Romans wurde. Sein literarisches Schaffen umfasst aber auch drei literarische Epochen: Klassik, Romantik (die er mit Hernani und Cromwell dramaturgisch einführte) und Realismus. Daher ist der vermeintliche Widerspruch zwischen Royalist und Sozialist keiner ebensowenig wie der zwischen Träumer und Realist; all dies macht Hugos Schreiben aus.

Manche halten ihn nicht für den größten, aber viele für den bedeutendsten (im Sinne von einflussreichsten) Poeten Frankreichs. seiner Zeit und darüber hinaus . Ein aussagekräftiges Zitat, das Bleiben im Wandel pointiert, der zu Hugos Schaffen zweifellos gehört (allein schon aufgrund der langen Schaffenszeit), lautet: Ändere deine Meinungen, aber bleibe deinen Prinzipien treu; ändere deine Blätter, aber behalte deine Wurzeln. Manches daran erinnert an Konfuzius.

Hugo mochte es einfach und er wollte von einfachen Leuten im Volk verstanden werden. Ein zweites, das gerade in heutiger Zeit dem einen oder anderen gut zu Gesicht stehen würde, es auswendig zu lernen und auch zu verinnerlichen, heißt: „Die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist sie das Unbekannte. Für die Mutigen ist sie die Chance.“

Vor 140 Jahren starb Hugo am 22. Mai 1885 – er erlag einer Lungenentzündung. Er prägte damit fast ein gesamtes Jahrhundert. Seine letzte Adresse – heute Avenue Victor Hugo 50 (Hausnummer 124) – liegt im Südwesten der Stadt, im 16. Verwaltungsbezirk nahe dem Bois de Boulogne. Die fast 2 km lange Straße führt heute vom place Charles de Gaulle zum Triumphbogen. Er hatte drei Söhne und zwei Töchter, von denen er eine besonders liebte und die andere wohl zu wenig. Das Leben ist nicht immer gerecht und zu einer Tragödie gehören auch immer zwei….

Schreibtisch von Victor Hugo im Zimmer vier des Maison Victor Hugo.

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