Wenn einem der Gaul durchgeht

Foto Bernd Oei: Nadelöhr und Bergketten, die das schwarze Tal (Black Valley) und den engen Pass Gap of Dunloe bilden: im Westen die Macgillycuddy’s Reeks, im Osten die Purple Mountain Group. Thackary ging in der Schlucht, seinem Rivalen Dickens in der Ehe der Gaul durch.

Thackary sprachlos, aber nicht ohne Worte

William Makepeace, der im Alter von 52 Jahren einem Schlaganfall erlag, ist vermutlich der bekannteste Schriftsteller, der die Grafschaft Kerry wie die Corks (Beara Halbinseln, Dursey) bereiste und darüber ein populäres Reisebuch verfasste – The Irish Sketchbook (Skizzenbuch mit Zeichnungen). Sein Leben, das er zum Großteil in London verbrachte, wurde von Tragik und Armut überschattet. So heiratete er 25 jährig die Irin Isabella Shawe aus dem Country Corke. Er verbrachte daher nicht nur 1842 in Südwestirland. Beide hatten sich in Paris kennengelernt. https://www.klett-sprachen.de/william-makepeace-thackeray/p-1/3491?srsltid=AU7gw4XgjMmhDPS6j2F3wY1HEyJya2ogpws2kzudHChcEv7KuC6hQGuE. Unter anderem schrieb er:

„Es ist eine Landschaft, die einen sprachlos macht vor Staunen; eine Schönheit, die so gewaltig ist, dass Feder oder Pinsel sie unmöglich treffend beschreiben können.“ … „„Die Natur hat hier eine Szenerie von so wilder und düsterer Einsamkeit geschaffen, dass man sich fast wie ein Eindringling vorkommt. Die riesigen Felsmassen hängen über dem Pfad, als wollten sie den Reisenden verschlingen.“ … „„Man reitet an Seen vorbei, die so schwarz und tief wirken, als hätten sie keinen Grund, eingebettet in die schiere Einsamkeit dieser gigantischen Berge.“ (Quelle: Chapter XI: Killarney—Stag-hunting on the Lake (Killarney– Hirschjagd am See).

Das entsprechende Kapitel ist eingestellt unter https://dn760103.eu.archive.org/0/items/irishsketchbooko00thac/irishsketchbooko00thac.pdf Obwohl der Titel primär die Hirschjagd erwähnt, nutzt Thackeray dieses Kapitel, um seine gesamte Exkursion rund um die Seenlandschaft und die dramatischen Pässe zu beschreiben. Die Reiseberichte in diesem Teil des Buches gehen fließend ineinander über, weshalb auch angrenzende Beobachtungen über Muckross (dem Ross Castle am See unweit des südlichen Zugangs) oder die Anreise aus dem Südwesten in den direkt umschließenden Kapiteln zu finden sind.

Foto Ausgangspunkt: Bergketten West und Ost und dazwischen liegendes Tal Black Valley mit dem hier nicht sichtbaren beinahe-Berührungspunkt, dem Gap of Dunloe an der engsten Passstelle. https://www.travelling-britain.com/black-valley/

Foto Bernd Oei: Ausgangspunkt Nationalpark Kerry, die drei Seen: Lough Lough Leane, Muckross Lake und Upper Lake von Lady’s View aus betrachtet. Von hier aus nähert man sich dem Black Valley, den Gebirgsketten und der Schlucht Gap of Dunloe.

Ein riesiges Amphitheater

Das Black Valley verdankt seinen Namen der Tatsache, dass die umliegenden Berge das Sonnenlicht stark abschirmen. Als Thackeray die Passhöhe (Head of the Gap) überwand und hinab blickte, beschrieb er den Ausblick auf das abgelegene Tal und den Upper Lake im elften Kapitel wie folgt: „Der Blick, der sich vor einem öffnet, wenn man die Höhe des Passes verlässt, entlohnt für jede Mühe. Ein riesiges Amphitheater aus Bergen breitet sich aus, düster und majestätisch zugleich, während tief unten die glitzernden Arme der Seen in die Wildnis hineinreichen.“

Thackeray beschreibt sehr humorvoll und scharfsinning, dass eine Reise durch das Gap keineswegs eine einsame Angelegenheit war. Sobald man sich dem Pass näherte, wurde man von einer Schar lokaler Händler und Führer belagert: zunächst berichtet er von den Frauen, die am Wegrand standen und den Reisenden beharrlich eine Mischung aus Ziegenmilch und irischem Whisky (Poteen) anboten.

Danach Ein widmet sich Thackeray den Männern, die kleine Kanonen im Tal aufgestellt hatten. Gegen eine Gebühr feuerten sie diese ab, damit die Touristen das donnernde Echo hören konnten, das minutenlang zwischen den Felswänden der Macgillycuddy’s Reeks und des Purple Mountain hin- und her geworfen wurde. Thackeray beschrieb den Sound als „frappierend und beinahe furchteinflößend“. Theatralisch wirkte nicht nur die Natur auf ihn.

Fotos Bernd Oei: Südlicher Eingang zum Black Valley. Drei Impressionen auf dem Weg zu Lord Brandon’s Cottage.

Eine Ritt durchs Nadelöhr

Während er die fünf Seen im Gap (wie den Black Lake) passiert, geht Thackeray sehr detailreich auf die Farben und die Lichtstimmung ein. Er bemerkte, dass das Wasser durch den Torf und die tiefen Schatten der senkrechten Felswände eine beinahe unnatürliche, tintenschwarze Färbung annahm. Er schrieb, das Wasser wirke so dicht und dunkel, dass es die monumentale Einsamkeit der Berge wie ein Spiegel des Todes verdoppele. Den Gang durch die immer engere Schlucht beschreibt der Romancier als eine emotionale Achterbahnfahrt.

Thackary ritt durch die Schlucht. Auf dem Pferderücken fühlte er sich in der eigentlichen Schlucht zunehmend erdrückt. Die Felsen wirkten auf ihn „roh, zerrissen und drohend“ (.craggy, wild, and caverned.), als ob die Natur hier absichtlich eine Barriere gegen die Zivilisation errichtet hätte. Er nahm den umgekehrten Weg wie ich, also von Norden nach Süden. Der Ritt durch den nördlich gelegenen Pass, die Enge der Felsen, beschrieb er als “ die riesigen Felsmassen hängen über dem Pfad“ (huge rock-masses hanging over the path)

Umso überwältigender schildert er den Moment, als er die Passhöhe erreichte und sich der Blick nach Süden öffnete. Das weite Panorama über das tief liegende, von der Sonne abgeschirmte Black Valley und den glitzernden Upper Lake empfand er als eine „plötzliche, majestätische Befreiung“, die den Atem raubte. Er hielt fest, dass dieser Kontrast zwischen der düsteren Enge zuvor und der endlosen Wildnis danach das Meisterwerk der Natur in Kerry sei. Über die Enge heißt es, er habe die Felsen fast mit den Händen greifen können. „As you ride through the gorge, the mountains close in until you can almost touch them.“

Foto Bernd Oei: Brücke über den Gearhameen River hinter Lord Brandon’s Cottage – der Weg führt ansteigend zu Dunlop’s Gap

Foto Bernd Oei: Black Valley kurz vor dem Gap of Dunloe mit westlicher Gebirgskette im Hintergrund. https://www.travelling-britain.com/black-valley/

Foto Bernd Oei: Straße, die direkt zum Gap pf Dunloe führt – sie wirkt einspurig, wird aber wie viele enge Pässe beidseitig befahren.

almost painful

Thackarys größtes literarisches und moralphilosophisches Vorbild war der Aufklärer und Schriftsteller Henry Fielding (Autor von Tom Jones). Dieser Autor des frühen 18. Jahrhunderts plädierte für einen radikalen Realismus und eine pragmatische Tugendlehre. Von ihm übernahm Thackeray die philosophische Überzeugung, dass Menschen weder rein gut noch rein böse sind. Thackerays Figuren (wie Becky Sharp in Vanity Fair) sind fehlerhaft, egoistisch, aber menschlich. Er lehnte das viktorianische Ideal des makellosen, ritterlichen Helden strikt ab – für ihn war das Heuchelei. Fast schmerzlich sind für ihn die Eitelkeiten der Menschen ebenso wie der lustvolle, aber gefährliche Ritt durch den Gap of Dunloe.

Thackeray misstraute absoluten Wahrheiten, Systemen und Ideologien. In seinen Romanen blickt er oft als distanzierter, ironischer Beobachter auf die Gesellschaft. Er glaubte nicht an das unaufhaltsame moralische Fortschreiten der Menschheit, sondern sah die Welt als ein ewiges, unvollkommenes Theater der Eitelkeiten (Vanity Fair).

Bewunderung hegte der deutlich jüngere Thackary auch für Goethe, insbesondere seinen in Weimar konzipierten Bildungsroman (die drei Wilhelm Meister Werke). Er besuchte diesen auch persönlich. Die Rolle Italiens spielte für ihn tatsächlich Irland, weil es ursprünglicher war als das bereits von Industrie verstellte englische Mutterland.

Auch das Christentum spielt für Thackary eine tragende Rolle. Z.B. bezieht sich Vanity Fair („Jahrmarkt der Eitelkeit“, 1847-48 als Fortsetzung im Feuilleton gedruckt) auf das biblischen Buch Kohelet (Prediger Salomo) Der biblische Satz „Es ist alles ganz eitel“ (alles ist vergänglich, bedeutungslos) zog sich als philosophischer Leitfaden durch Thackerays Leben. Er litt unter schweren privaten Schicksalsschlägen (dem frühen Tod einer Tochter und der schweren psychischen Erkrankung seiner Frau). Diese Erfahrungen mündeten in einer stoisch-melancholischen Lebensphilosophie: Der Mensch strebt nach Reichtum, Ruhm und Status, merkt am Ende aber oft, dass er nur Illusionen hinterhergejagt ist.

Foto Bernd Oei: Gap of Dunloe, Einer der vielen Gebirgsbäche, die in Flüssen und/oder Seen münden.

Video Bernd Oei: Gebirgsflüsse im Black Valley, umgeben von den Gebirgsketten, zulaufend auf Gap of Dunloe, wo sich beide beinahe berühren.

Kontroverse mit Dickens

Thackary mochte Dickens nicht und dies nicht nur aufgrund literarischer Rivalität. Er empfand ihn als populistisch und heuchlerisch, zu sentimental und auf Mitleid bedacht. Thackary verachtete Idealismus, bevorzugte einen sarkastischen Stil und wähnte sich realistischer als Dickens, der das Happy End suchte. Thackarys Helden sind nicht gut und die Menschen haben alle Schwächen. Er wollte die Menschen so zeigen, wie sie wirklich waren: fehlerhaft, egoistisch und grau (ein Roman „ohne Helden“, wie der Untertitel zu Vanity Fair lautet).

Thackary (Juli 1811) und Dickens (Februar 1812) trennen nur sieben Jahre; sie waren Rivalen im viktorianischen Zeitalter. 1858 herrschte in London die Pestilenz, was die Geburtsstunde der Kanalisation nach sich zog. m August 1858 gelang ein technologischer Durchbruch: Das erste dauerhafte Telegrafenkabel auf dem Meeresboden zwischen Irland (Valentia Island in Kerry, ganz in der Nähe des Black Valley) und Neufundland wurde fertiggestellt.

Der bittere Streit im Jahr 1858 zwischen William Makepeace Thackeray und Charles Dickens – bekannt als der „Garrick Club Affair“ (in diesem honorigen Club waren beide Mitglieder) – entflammte durch eine hochexplosive Mischung aus einem privaten Eheskandal, verletzter Ehre und einer tief sitzenden beruflichen Rivalität. Dickens trennte sich von seiner Gattin nach über 20 Jahren, um für eine blutjunge Schauspielerin, seine Geliebte frei zu sein. Thackary machte dies öffentlich und kritisierte die Doppelmoral des Rivalen.

Daraufhin mobilisierte Dickens seine Befürworter und Thackary die seinen. Der Streit spaltete die gesamte Londoner Künstler- und Literaturszene in zwei unversöhnliche Lager. Am Ende gewann Thackeray das Club-Votum: Im Juli 1858 wurde Yates hochkant aus dem Garrick Club geworfen. Thackary war auch deshalb so empört, weil er, der vermeintliche Zyniker, seiner depressiven Frau beistand. Heute spricht man von einer Wochenbettdepression (sie setzte nach der Geburt des dritten Kindes ein), die in Suizidversuchen und Einweisung in diverse Kliniken endete.

Videos Bernd Oei: Beide Seiten des Black Valley mit dem Gap of Dunloe am Ende (zweites Video). Gap of Dunloe ist ein tief eingeschnittener, eiszeitlicher Gebirgspass, der von zwei markanten Bergketten umschlossen wird. Im Hintergrund der Black Lake. https://de.wikipedia.org/wiki/Gap_of_Dunloe

Zu den westlichen Mac Gillycuddy’s Reeks zählt der höchste Berg des Landes, der Carrauntoohil befindet mit 1.039 Metern. Die östliche Puple Mountain Kette erreicht 762 m Maximum. Der geringste horizontale Abstand am Talboden beträgt an den schmalsten Engpässen – wo sich der Fluss Loe und die winzige Asphaltstraße dicht aneinander vorbei quetschen – weniger als 15 bis 20 Meter von Felswand zu Felswand.

Der nördliche Ausgang, 11 km von Lord Brandon‘ s Cottage entfernt, heißt Kate Karney’s Cottage. Die Reiseanbieter setzen die Gäste dort aus, weil es bergab geht und im Süden eine Bootsfahrt über den Lough Lane lockt.

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