
Foto Bernd Oei: Sneem (wörtlich Knoten), an dem Ring of Kerry (County Kerry) im Südwesten Irlands gelegen, mit ca. 400 Einwohnern. Benannt ist das Dorf nach dem gleichnamigen Fluss, der im Norden der Grafschaft in den Dunkerron Mountains entspringt und im Süden Sneem durchquert, bevor er in die Kenmare Bucht mündet. Der 14 km lange Fluss ist reich an Lachsen.
Alter macht nicht weise
Bernard Shaw war neben Yeats der wichtigste Dramatiker des frühen 20. Jahrhunderts wie Beckett der Nachkriegszeit. Zwei Besuche sind dokumentiert: 1910 und 1920. Aus dem September 1910 ist ein berühmter Brief von ihm erhalten, den er direkt im Hotel in Parknasilla in Sneem verfasste. Darin beschreibt er unter anderem seinen spektakulären Bootsausflug zur nahegelegenen Felseninsel Skellig Michael.
Während seiner längeren Aufenthalte in den 1920er-Jahren schrieb er in der Ruhe von Sneem große Teile seines weltberühmten Dramas „Die heilige Johanna“ (Saint Joan). Im Jahr 1925 – dem Jahr, in dem ihm auch der Literaturnobelpreis verliehen wurde – hielt er sich erneut dort auf und verfasste seine berühmten, schwärmerischen Zeilen über die Natur der Region, die er als absolute „Traumwelt“ beschrieb.
Shaw nutzte den Ort über mindestens anderthalb Jahrzehnte hinweg immer wieder als kreativen Rückzugsort. https://www.stefangeens.com/gbs.html
Weitere Prominenz, die Sneem – bekannt als „Heaven of Peace“ besuchte: Charles de Gaulle, Andrew Lloyd Webber, Charlie Chaplin sowie die Schauspieler Colin Farrell und Daniel Craig. https://www.stefangeens.com/gbs.html Dabei spielte die idyllische Lage eine Rolle, der Golfstrom mit seinem milden Klima und üppiger Flora, die wilde, spektakuläre Landschaft (Ring of Kerry), der Ruhm des mit ausschließlich friedlichen Mitteln kämpfenden Daniel O’Connell, der in der Nähe begraben liegt.
Zumindest bei Shaw (1856-1950) darf bezweifelt werden, dass er im Alter Weisheit erlangte, denn er entwickelte sich zu einem fanatischen Stalinisten. Diese Heroisierung war allerdings eine sich langsam über Jahrzehnte entwickelnde ideologische Sackgasse.

Fotos: Impressionen aus Sneem, dem Lachsjuwel der Grafschaft Kerry, Provinz Munster. https://en.wikipedia.org/wiki/Sneem

Sommer 1931 und die Insel
Der Fanatismus stand im krassen Gegensatz zum friedlichen Sneem und seinen Freiheitshelden O‘ Connell. Shaws offene Bewunderung für Josef Stalin und den sowjetischen Totalitarismus fand ihren konkreten und unumkehrbaren Wendepunkt im Sommer 1931. Sie wurzelte in der tiefen Enttäuschung der Demokratie, dem allgemeinen Rechtspopulismus in Europa, der nicht nur Deutschland betraf. https://utppublishing.com/doi/10.3138/md.2012-0503
Shaw forderte seitdem in seinen Texten immer wieder die staatlich gelenkte Vernichtung von unverbesserlichen Kriminellen oder „asozialen“ Elementen, Verbrechern und Perversen. Viele glaubten an poetische Hyperbel und Provokationslust, anders sind diese verbalen Entgleisungen nicht zu entschuldigen. Zumindest der Artikel beweist ein anderes Bild: die über Jahrzehnte aufrecht erhaltene Rechtfertigung Shaws der stalinistischen Säuberungen und Massenmorde, die in den 30 er Jahren einsetzte. 1931 besuchte er Moskau, danach schrieb er ein Drama, das seine Loyalität bekundete.
Dabei gebraucht er die Insel als Metapher für die verherrlichte Sowjetunion. Shaw verstand den Sozialismus als utopischen und alternativlosen Gesellschaftsentwurf, der jedes Opfer rechtfertigte. Er sehnte sich nach dem neuen Menschen (auch Über-Menschen) und sah Stalin als Vollstrecker eines Gedankenexperiments. 1935 fand „The Simpleton of the Unexpected Isles“ ( „Der Einfaltspinsel von den unerwarteten Inseln“) seine Uraufführung, pikanterweise in New York statt, das Stalin zu dieser Zeit allerdings nicht so feindlich gegenüberstand wie nach dem Kriegsende.
Die Geschichte beginnt auf einer fiktiven, tropischen Insel, die plötzlich aus dem Ozean aufgetaucht ist (die „Unerwarteten Inseln“). Dort haben sich eine Gruppe von Europäern und zwei Einheimische (Pra und Prola) zusammengeschlossen, um eine utopische Lebensgemeinschaft zu gründen. Sie praktizieren Polygamie und zeugen vier Kinder, die das Beste aus der Kultur des Westens und des Ostens vereinen sollen. Die Kinder wachsen zwar mit einem hochentwickelten Sinn für Kunst und Schönheit auf, besitzen jedoch keinerlei praktischen Verstand oder moralischen Kompass. https://www.nytimes.com/1935/02/19/archives/the-play-bernard-shaws-the-simpleton-of-the-unexpected-isles-has.html

Fotos Bernd Oei: Impressionen aus Sneem, vom gleichnamigen Fluss und der Hauptstraße N 70 mit farbfrohen Geschäften.

Der Einfallspinsel
Die Ankunft des „Einfaltspinsels“: Eines Tages wird ein junger, naiver britischer Geistlicher namens Iddy (Kurzform für Idiot, im deutschen Titel der „Einfaltspinsel“) von Piraten auf der Insel ausgesetzt. Er wird von der Gemeinschaft aufgenommen und lässt sich schnell von der unkonventionellen Lebensweise begeistern. Er heiratet die Töchter der Gemeinschaft und zeugt weitere Kinder, was im fernen, konservativen Großbritannien einen riesigen Skandal auslöst. Die britische Regierung droht sogar mit einer militärischen Invasion, um die „konventionelle Moral“ wiederherzustellen, entscheidet sich dann aber stattdessen, die Unabhängigkeit Englands vom eigenen British Empire zu erklären.
Shaw zeigte sich zunehmend begeistert von Stalins Pragmatismus und darin Marx, den er als zu theorielastig empfand, überlegen. Die ursprüngliche Hoffnung, auch in England und Irland schrittweise und friedlich vom Kapitalismus zum Sozialismus zu gelangen, erwies sich als Illusion, was den Iren verbitterte – er betrachtete das Parlament als Hemmschuh und demokratische Abstimmungen als kontraproduktiv für den Fortschritt. https://www.nytimes.com/2017/09/11/opinion/why-george-bernard-shaw-had-a-crush-on-stalin.html
Die Reise nach Moskau 31 mündete in einer persönlichen Begegnung mit Stalin, die Shaw vollkommen davon überzeugte, dass dieser der richtige Mann zur richtigen Zeit sei. Für die Hungersnöte und politisch motivierten Morde blieb er blind und leugnete sie. Nach seiner Überzeugung gab es ein Russland anders als in seiner Heimat keine Armut und nur Verbrecher würden ihrer gerechten Strafe zugeführt. So rechtfertigte er die Schauprozesse 36. https://www.deutschlandfunk.de/stalins-schauprozesse-gegen-den-vermeintlichen-gegner-100.html
Negativer Höhepunkt seiner Verehrung Stalins war die Verteidigung dessen Paktes mit Hitler, der ihn selbst unter kommunistischen Hardlinern isolierte. Hier greift ein Mechanismus des Backfire, der bei zunehmenden Gegenwind auftritt. Konfrontiert man jemanden mit harten Gegenbeweisen, die das eigene Weltbild bedrohen, schaltet das Gehirn oft in einen Verteidigungsmodus. Dies ist auch bei politischen Führern häufig der Grund für Verhärtung. Ein Porträt Stalins stand bis zu Shaws Tod im Jahr 1950 auf Shaws Kaminsims in in einem Dorf in der Grafschaft Hertfordshire, England.
Trotz seines Extremismus blieb Shaw ein anerkannter Dramatiker und seine Stimme besaß Gewicht. Er war damit Stalins verlängerter Arm in England. In Irland verlor der zweite Nobelpreisträger seines Landes zwar an Strahlkraft, doch man brach nicht mit ihm. Das lag daran, dass Irland mit seiner gewonnenen Selbständigkeit beschäftigt war und sich nicht mit Stalin beschäftigte, sogar nur geringfügig mit dem Zweiten Weltkrieg. Zwar lehnte die Kirche grundsätzlich den Kommunismus ab, doch sah man in Shaw keinen Verräter, sondern lediglich einen Wirrkopf.https://www.euppublishing.com/doi/10.3366/iur.2023.0619

Foto Bernd Oei: Blick auf die Berge Dunkerron Mountains und den Fluss von der Sneem Bridge aus entlang der Straße N 70.

Foto Bernd Oeui: Unweit von Sneem, an der N 70 gelegen, eröffnet sich der Ausblick auf Dursey und deren drei vorgelagerte Inseln Bull’s Rock (mit dem Leuchtturm), Bull’s Cow und Bull’s Calf, also Bulle (größte Insel), Kuh und Kalb (kleinste Insel).
Das Drama mit dem Drama
Der Stalinismus und Shaws Hinwendung zu autoritären Herrschaftsformen schlugen sich in den 1930er und 1940er Jahren direkt, explizit und ideologisch in seinen Dramen nieder. So liefert das Stück „On the Rocks („Festgefahren, 1933) ein Plädoyer für den starken Führer und staatliche Gewalt. Shaw exemplifiziert am Beispiel eines scheiternden Premierministers die Fehler und Schwächen der Demokratie. Der liberale britische Premierminister Chavender scheitert am parlamentarischen System. Inspiriert von den Erfolgen der Sowjetunion versucht er, eine „wohlwollende Diktatur“ und massive Verstaatlichungen durchzusetzen, scheitert jedoch am Widerstand der Fraktionen und kapitalistischen Interessen.
Der stalinistische Niederschlag: Im berüchtigten, seitenlangen Vorwort des Stücks bricht Shaw eine Lanze für Stalin. Er verteidigt die brutale Zwangskollektivierung der sowjetischen Landwirtschaft und argumentiert explizit, dass ein moderner Staat das Recht – und sogar die Pflicht – habe, „unproduktive“ oder „gesellschaftsschädigende“ Bürger physisch zu eliminieren. Er rechtfertigt die Tscheka (die sowjetische Geheimpolizei) als notwendiges Instrument der politischen Hygiene. Neben den faschistischen Herrschern tritt auch der sowjetische Kommissar Posky (eine Anspielung auf den sowjetischen Außenminister Litwinow bzw. Stalin selbst) auf. Während Hitler und Mussolini als hysterisch, eitel und kriegslüstern karikiert werden, wird der sowjetische Vertreter als der einzig rationale, besonnene und intellektuell überlegene Staatsmann auf der Bühne dargestellt. Shaw nutzt das Drama, um die Sowjetunion als einzige echte Friedensmacht und rationale Alternative zum westlichen Chaos zu inszenieren. https://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Rocks:_A_Political_Comedy
Die allererste Aufführung des Stücks fand überraschenderweise in einer polnischen Übersetzung (von Florjan Sobieniowski) am 15. November 1933 im Teatr Polski in Warschau statt.Nur wenige Tage später, am 25. November 1933, feierte das Stück in seiner Originalfassung am Winter Garden Theatre im Londoner West End seine Premiere. Die deutsche Uraufführung erfolgte in Bonn 1975.

Foto Bernd Oei: Blick auf die Steilküste von Kerry und Blick auf die drei Seen vom Lady’s View aus, benannt nach Queen Victoria, die der Einladung des Eigentümers von Ross Castle (am oberen See gelegen) Lord Muckross vom 27–29. August 1861 folgte. Sneem liegt dazwischen, von beiden spektakulären Ausblicken nur wenige Kilometer entfernt.







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