Blick in die Tiefe

Foto Bernd Oei: Skelling Ring, Teil bzw. Fortsetzung des Ring of Kerry, Südwestküste Irlands, Grafschaft Kerry. https://de.wikipedia.org/wiki/County_Kerry. In dieser Region wuchs der zeitgenössich bedeutendste irische Philosoph (und praktizierender Pfarrer) John O’Donohue auf, dessen populärstes Werk „The inner landscape of Beauty“ ist – die innere Landschaft der Schönheit.

Wenn der Teufel Regen spendet

Fotos Bernd Oei: Grafschaft Kerry, Devil’s Ladder, Carrauntoohil, höchste Berg Irlands, irisch Corrán Tuathail mit einer Höhe von 1.039 Metern. Der keltisch-gälische Name verweist auf Sichel, weil von weitem die Bergkuppel sichelförmig erscheint. https://www.hillwalktours.de/wandern-reiseblog/carrauntoohil-wandern-auf-den-hoechsten-berg-irlands/ Der geplante Trip erwies sich wegen anhaltender Regenschauer zwei Tage lang als undurchführbar. So mutete der buchstäblich ins Wasser gefallene Aufstieg an:

Wer bessere Aufnahmen sucht, ist gut aufgehoben unter https://www.alltrails.com/trail/ireland/county-kerry/carrauntoohill-mountain-and-devil-s-ladder-loop. Die glitschigen Steine sind bei Regen nicht zu bewältigen und die Aussicht defizitär. Aus dem Gipfelstürmer wurde so ein Wassertreter.

Schönheit ist notwendig fürs Überleben

Stattdessen ging es für mich weiter über Kenmare und Killarney weiter zum Ring of Kerry und dessen Anschluss, den Ring of Skelling. So nennt man aufgrund der vorgelagerten Inseln die Panoramastraße entlang der Steilküste als Fortführung des 180 km langen Ring of Kerry, der durch das Country Kerry (Provinz Munster) führt. Wer kein eigenes Fahrzeug hat ist mangels des öffentlichen Busverkehrs auf Reiseagenturen angewiesen, welche die Strecke abfahren und an besonders schönen Stellen halten. Bei gutem Blick wäre der Blick auf die vorgelagerten Inseln, von denen aus Mönche im 6. Jahrhundert Irland christianisierten, möglich. https://www.gruene-insel.de/blog/2020/der-skellig-ring-in-irland/

Dort geboren und aufgewachsen ist John O’Donohue, der sich verdient gemacht hat um den Naturschutz (der unter dem massiven Tourismus leitet), die Verbindung von Glaube und Philosophie und die Aussöhnung katholischer Iren mit (aus England eingewanderten) protestantischen Nordiren. Sein Credo: „Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für das Überleben der menschlichen Seele.“

Der deutsch sprechende Ire lehrte auch in Tübingen und war überzeugter Hegelianer, der dessen List der Vernunft mit der Schöpfung Gottes interpretierte. Sein Buch (auch für unbelehrbare Ungläubige) ist lesbar und betont als Leitmotiv die Verbindung von Vernunft und Glaube bzw. Spiritualität und Natur und schlägt die Brücke zwischen sensibilisierter Wahrnehmung im Hier und Jetzt mit der Erkenntnis bzw. der Einbildungskraft. Sinngemäß sagt er, Schönheit sei ein sanfter Aufruf zur Ordnung inmitten des Chaos. Die Natur hat ihren eigenen Logos und Rhythmus, eine göttliche Chiffrensprache, so weiter. Glaube öffnet den Blick.

Fotos Bernd Oei: Skelling Ring, Grafschaft Kerry, Steilklippen bis über 305 m (1000 Fuß), Naturschutzgebiet aufgrund seltener Vögel wie dem bunten Papageitaucher (puffin) https://de.wikipedia.org/wiki/Papageitaucher und dem schneeweißen Basstölpel mit seinen markanten schwarzen Flügelspitzen https://de.wikipedia.org/wiki/Basst%C3%B6lpel. Beide glänzten allerdings bei schlechten Witterungsbedingungen mit Abwesenheit.

Aufruf zum sanften Chaos

Die größte Schönheit offenbart sich oft im Stillen, im unbemerkt Guten und in der Fähigkeit, trotz allem zu lieben, schreibt der irische Pfarrer und Philosoph, der Natur als Spiegel der Seele und die Schönheit für die elementare Verbindung von Wahrnehmung und Erkenntnis erachtet. Es komme darauf an, das Jetzt wirklich bewusst zu erleben und die Gesetze der Natur als schöpferische Intelligenz zu betrachten, u. a. ihr Erfolg durch Beharrlichkeit und Geduld, welche bizarre Formen zeitigt. https://en.wikipedia.org/wiki/John_O%27Donohue

Wörtlich heißt es in seinem Buch The inner landscpae of beauty, das mir „zufällig“ auf einem Campingplatz in die Hände fiel, „In der Sehnsucht nach Schönheit liegt der tiefste Wunsch des Menschen, mit dem Göttlichen und dem Kosmos eins zu sein.“ Eine Zusammenfassungs dieser Schrift über die unsichtbare Welt hinter der sichtbaren ist einzusehen auf der Seite

Fotos Bernd Oei: Skelling Ring mit imposanten Blick in die Tiefe. Leider auch an diesem Tag 40 shades of fog and rain. Doch in Irland sollen ja auch der Regen Persönlichkeit und der Nebel Charakter besitzen – windig und rau war‘ s zudem , doch die 12 km der Küste vorgelagerten Skelling Inseln blieben somit unsichtbar. Deren herbe Schönheit erinnerte mich an das (wärmere) Vaucluse.

Jeder Nachteil birgt seinen Vorteil

Nicht nur jedem Anfang wohnt ein Zauber inne: Hesse, der es seltsam fand, im Nebel zu wandern, kannte vielleicht das Sprichwort Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf. In Irland – und O ‚Donnohue greift inseinem Buch „Die innere Landkarte der Schönheit“ darauf zurück – Every cloud has a silver lining (Jede Wolke hat einen Silberstreifen). Gemeint ist: jedem Nachteil wohnt ein Vorteil inne, wenn man nicht blind ist, erkennt man ihn und kann aus Zitronen Limonade oder Marmelade machen (so in Italien).

Die schwingt mit, wenn er schreibt „Wir müssen lernen, die Augen des Herzens zu öffnen, um die unsichtbare Schönheit zu sehen, die uns im Alltag umgibt.“ Der Spiegel erinnert in seinem Todesjahr an den außergewöhnlichen Vermittler zwischen Glauben, Natur und Erkenntnisphilosophie Hegels.https://www.spiegel.de/kultur/literatur/irischer-schriftsteller-und-philosoph-john-o-donohue-ist-tot-a-527319.html

Sowohl das Buch des 2008 plötzlich verstorbenen Philosophen als auch meine Reisebekanntschaft, der sein Glück darin sieht, anderen Menschen mit seiner Lebensfreude und Positivität zu infizieren, indem er für die Möglichkeiten und Schönheiten des Erlebten und nicht des entgangenen Erhofften sensibilisiert, wollen mit dem Sprichwort dreierlei sagen:

Psychologistisch die Resilienz zu stärken, der mit dem Glauben, dass im Schlechten Gutes verborgen liegt, beginnt. Philosophisch die Erkenntnis, welche mit der Ästhetik/Wahrnehmungslehre einsetzt und das Sehen schult (vieles was da ist, sei es eine Möglichkeit oder eine Realität, wird lediglich übersehen). Drittens spirituell: die Natur hat immer etwas zu geben, selbst Regen oder Nebel eröffnen einen spezifischen Blick auf die Landschaft. Vor allem aber kann ein Umweg wichtiger oder erlebnisreicher enden als der vorgenommene Plan und laut O’Donnohue geschieht nichts umsonst (grundlos), sondern mit Vorsehung.

In meinem Fall vereitelte das dauerhaft schlechte Wetter gleich drei Motive, weshalb ich unbedingt die grüne Insel bereisen und durchwandern wollte. Gewöhnlich traure ich solchen entgangenen Momenten nach, doch in Irland war dies, dem Buch und den Reisebekanntschaft sei Dank, invers. Aller Verlust entwickelte sich im Grunde zu einem Gewinn. Es kommt eben auf die Verinnerlichung an, nicht auf die Absicht oder Erwartung.

Foto Bernd Oei: Exponat auf Skelling Ring, Nachgestellte Iglus aus Stein, die ersten Wohnhäuser der „gestrandeten“ Mönche, die in solchen Bienenhäusern vor 1500 Jahren Irland christianisierten und kultivierten (Medizin, Sprachen, Wissen). Ihre Vision (Glaube versetzt Berge) führte dazu, dass sie ein Kloster auf den Klippen von Skelling Michael errichteten.https://de.wikipedia.org/wiki/Skellig_Michael

Foto Bernd Oei: Holzfigur in Killarney, die an die Christianisierung von 12 Mönchen vom Südwesten Irlands aus (Kerry) christianisierten, erinnert.

Staub im Wind

„Zufall“ oder nicht: Seine letzten Lebenstage verbrachte der irische Pfarrer/Philosoph im Luberon, Vaucluse, das ich 2015 bereiste. Im Exil Petrarcas (auch John Stuart Mill, Camus und De Sade verbrachten viel Zeit in der Region), genauer in Maubec https://de.wikipedia.org/wiki/Maubec_(Vaucluse) erlitt der Geistliche 2008 52 jährig einen Herztod. Wen Gott liebt, den holen die Engel früh zu sich, sagt man.

Videos Bernd Oei: Skelling Ring (35 km Küstenschleife), Teil des Ring of Kerry (180 km im Landinneren) bietet eine raue Natur, schroffe Klippen.

Aufgrund der Landschaft, dem jähen Tod und dem Wind musste ich permanent an den Song von Kansas 1978 denken: Dust in the wind. Die markante Songzeile darin lautet Just a drop of water in an endless sea. All we do crumbles to the ground, though we refuse to see Nur ein Tropfen Wasser in einem endlosen Meer. Alles was wir tun, zerbröselt am Boden, doch wir weigern uns es zu sehen.

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