Walter Benjamin: Vom Leben mit der Katastrophe

W. Benjamin: „Die Maske des Erwachsenen heisst Erfahrung.“

Von Igeln und Füchsen

Manche Autoren haben im Grunde nur ein Thema, alle anderen Motive arbeiten diesem zu. Laut Isaiah Berlin gilt, was Achilochos schon wusste: „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß eine große Sache.“ Tolstoi war so ein Igel, sein Thema ist Gott und das markante Gleichnis dafür: „Die Blätter eines Baumes gefallen uns mehr als seine Wurzeln.” Er veranschaulicht damit, wie sehr der Mensch zu oberflächlichen Betrachtungen neigt und wie schwer es ist, in die Tiefe, in das uns sinnlich Verborgene vorzudringen.

Benjamin ist ein Fuchs, der drei Bereiche ineinander führt. (Jüdische) Religion, daher rührt auch sein starkes Interesse an Tolstoi; zweitens die Tragik der Kunst, die ihn sehr mit Nietzsche verbindet und schließlich Politik, die seine Wurzeln, den historisch dialektischen Materialismus, erklären. Daher beschäftigen sich manche nur mit seiner esoterischen oder messianischen Seite, andere nur mit dem Neo-Marxisten und eine dritte Gruppe nähert sich ihm über die poetische Prägung.

Benjamin war vielseitig, u. a. ein Meister des Essays, obgleich er als Übersetzer (Proust, Baudelaire) und Analyst („Ursprung des Deutschen Trauerspiels“) nicht nur kurze Arbeiten verfasste und sein Hauptwerk „Passagen“, bedingt durch seinen frühzeitigen Tod, ein gewaltiges Fragment blieb Vor allem war er ein Katalysator, bildete ein wichtiges Bindeglied zur französischen Avantgarde, schrieb u.a. für die Acéphale, wo er in Bekanntschaft mit Georges Bataille und Pierre Klossowski trat, um nur zwei Koryphäen in Frankreich zu nennen, die hierzulande weit weniger Beachtung erfahren. Er war Vordenker und damit auch Mitbegründer der Frankfurter Schule, was ihn zu einem kongenialen Gesprächspartner von Adorno und Horkheimer qualifizierte.

Als Theaterkritiker unterhielt Benjamin für die Literaturwissenschaft fruchtbare lang anhaltende Freundschaften, u. a. mit Berthold Brecht, über den er elf Aufsätze verfasste; viele davon sind in „Einsbahnstraße“ enthalten.

Blick vom Grab auf die Bucht von Port Pou
Gedächtnismonument Benjamin mit Tunnelgang in die Bucht

Spannungsfeld Mystik, Kunst und Politik

Drei Werke sind elementar und umreißen die drei Bereiche, die Benjamin beschäftigten und die er wechselseitig durchdrang: „Kunst im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist sowohl eine Reflexion über Kunst an sich, aber auch ihren religiösen und politischen Charakter, den sie oft unfreiwillig einnimmt, vor allem aber vergleicht Benjamin darin die Möglichkeiten von Fotografie und Film am Rande auch von Skulptur und Architektur; er schärft auf diese Weise die Sensibilität für Aura, die unwiederbringliche und einmalige Beziehung von Individuum und Ereignis, die Folgen der Technik und der Technologisierung für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Kunst im Geist. Ein Beispiel für die Neigung zur Literatur ist „Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik“. Um dieses zu leisten, bedarf es expliziter Kenntnis von Philosophie der Aufklärung, namentlich Kant.

Das zweite Schlüsselwerk ist der Aufsatz „Zur Kritik der Gewalt“, in der Benjamin wie sonst nur Hannah Arendt der Verfall der Demokratie, das systemische Verzichten auf eigene Macht und Verantwortung zugunsten einer Diktatur oder Fremdbestimmung deutlich macht. An Aktualität hat dieser Essay nichts eingebüßt. Das zeichnet Benjamin aus: gleichzeitig politisch wach und engagiert auf der Höhe der Zeit zu sein, aber auch zeitlos, indem er Strukturen und nicht nur Phänomene analysierte. Zu diesen zählen die Essays „Kapitalismus als Religion“ und „Über den Begriff der Geschichte“ – beides Aufsätze, die begründen, weshalb es immer wieder zu einer Siegermentalität und damit Verfälschung der angeblich objektiven Tatsachenwahrheiten kommen muss.

Das dritte Buch, das Benjamins Neigung zur Philosophie charakterisiert, lauet „Zur Sprachphilosophie und Erkenntniskritik“ – sie dokumentiert Benjamins fundamentale Kenntnis von Saussures Zeichentheorie, Heidegger und Wittgenstein, beweist aber auch die Eigenständigkeit seines Denkens.

Walter Benjamin lässt sich keiner Schublade zuordnen; er leistete Widerstand sowohl gegenüber rechten als auch linken Systemen: so genügte ihm ein einziger Besuch in Moskau 1926, um zu erkennen, dass von Stalin mindestens eines so große Gefahr ausging wie von Hitler. Auch sein Kunstgeschmack verlief nicht uniltaeral: er gewann den innovativ anspruchsvollen Romanen der Jahrhundertwende wie Döblin oder Proust ebenso wie den Klassikern Goethe (Die Analyse der Wahlverwandtschaften), Hölderlin (Die Analyse Dichtermut und Blödigkeit) oder Hofmannsthal viel ab, schrieb Rezensionen über Lithografien und Architektur, erkannte das Talent von Joseph Roth, bei der Frankfurter Zeitung früher als die meisten seiner Kollegen, doch sein Interesse galt ebenso den Surrealisten. Dass er für seine Idee des freien unabhängigen Denkens auf dem Weg ins Exil bei Port Pou starb ist nahezu zwangsläufig. Zu den Siegern wollte er nie gehören. In den Spiegel sehen zu können war ihm weit wichtiger. Gewinnen soll immer die Puppe, die man historischen Materialismus‹ nennt, so lautet einer der ersten und bekanntesten Sätze aus „Über den Begriff der Geschichte.“

Journalismus und Widerstand

Da Benjamin im Broterwerb als Journalist für Zeitungen schrieb, musste er komplexe Zusammenhänge einfach oder zumindes verständlich darstellen. Ein Beispiel liefert sein Beitrag „Linke Melancholie“, die das Versagen der Weimarer Republik zum Hintergrund hat. Der Schlüsselsatz lautet:

Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergnügens, aus einem Produktionsmittel in einen Konsumartikel – das ist der letzte Schlager dieser Literatur.“1

Radikalismus ist keine Lösung, so das lakonische Fazit. Das Gedächtnis der Namenlosen wollte er sein, ein Chronist der Besiegten, der Opfer, der stillen Helden mit Zivilcourage. Die Ästhetisierung der Gewalt, in höchster Potenz des Krieges, hinterfragte er nicht nur, sondern suchte Lösungswege im Dialog, der Überzeugung, dem Argument. Dabei kam er immer wieder auf den Begriff der Echtheit zu sprechen. Echtheit oder Aura entzieht sich der Reproduzierbarkeit, sie muss erlebt werden uns bleibt an das einmalige Ereignis gebunden. In einer Zeit, die immer weniger erlebt, sondern nachlebt oder nacherzählt, die nicht Augenzeuge, sondern Kläger oder Richter ist, spiegelt sich die Erfahrungsarmut in fataler Weise: sie untergräbt das Verständnis für Anders-Sein und Andersartigkeit, sie fürchtet das Fremde, anstelle ihm mit Neugier und Ehrfurcht zu begegnen. Der Verlust der Aura steht über allem anderen.

Neben verstand sich Benjamin auch auf Aphorismen, eine Kunst, die er von Nietzsche übernahm. Ein illustres Beispiel: Erkenntnis ist der Blitz, Darstellung (wie der eigene Text) darstellende Text der Donner. Pointiert: „Die Maske des Erwachsenen heißt Erfahrung.“ Darüber lohnt es sich nachzudenken, denn die Erfahrung ist an sich etwas Gutes, doch sie zu verabsolutieren führt zur Ignoranz oder Lüge durch subjektive Verzerrung.

Kulturphilosoph und Ideologie-Kritik

Kulturphilosoph heißt man die Arbeit Benjamin heute. Dass er sich frühzeitig mit der Macht der Meiden, der Rolle von Zeitungen, Kino und Rundfunkt auseinandersetzte, macht ihn bis heute „spannend“, denn er war ein Teil dessen, was er als System kritisierte. „Sinn für das Gleichartige in der Welt“ nannte er das. Einseitiges Denken ist selbstgerecht und führt immer in die Permanenz der Katastrophe, die „Dialektik des Stillstands.“

Katastrophe ist gewiss neben Aura ein zweiter Leitbegriff im Werk Benjamins. Als Seismograf seiner Epoche, die zum größten Teil ein kollektives Versagen und Bereitschaft zum Untergang durch vorauseilenden Gehorsam war, erkannte er die Neigung zum Fatalismus, die jeder Ideologie anhaftet, auch der vermeintlich sozialen Idee der Gerechtigkeit.

Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch in ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren Zusammenbruchs.“ 2

Tunnel zwischen Spanien und Frankreich bei Port Bou, Katalonien:letzter Ausweg Benjamins

Daher, um ein Resümée voranzustellen: wer sich mit den Wurzeln deutscher Geschichte, ihrem Zusammenhang mit Politik und ethischen Werten, die in der Kunst ihren deutlichsten Ausdruck finden, beschäftigt, wird an einem Denker wie Walter Benjamin nicht vorbeikommen und ihm Respekt zollen für seine vielschichtigen Impressionen und Reflexionen. Geschichts-philosophische Thesen ist die Terminologie, das Schlagwort für seine Arbeit. Der Autor selbst sprach von „Schwellenerfahrung“.

Schon sehr früh verstand Benjamin, dass unser Hang zur Rationalität und Pragmatismus einer religiöse Wurzel und damit auch einem Irrationalismus entspringt. Ebenso erkannte er die Bereitschaft, sich zum Opfer oder Sklaven degradieren zu lassen, um Eigenständigkeit oder Souveränität des Handels zu entgehen. Drittens begriff Benjamin, dass mit der Beherrschung der Natur auch der Raub alles Menschlichen, die Unterjochung durch Technik und Bürokratie der erste Schritt zur Dehumanisierung ist. Vieles von seinen Prophezeiungen hat sich bewahrheitet. Um nur eine aufzugreifen:

Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ›so weiter‹ geht, ist die Katastrophe.“3

1 Benjamin, „Linke Melancholie“ in: „Die Gesellschaft“, Februar 1931; nach „Gesammelte Schriften 3“, Frankfurt am Main 1972, S. 279 ff.

2Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, GS I, 2, S. 698.

3Benjamins, Gesammelte Schriften 1, Passagen,Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus, S. 683.

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