Von Schwarz Weiß führt kein Weg zu Purpur

Foto Bernd Oei: Killarney National Park, Ring of Kerry, Eibe im Abbbey Kloster, ältester Baum Irland inmitten der Ruine. https://www.ireland.com/de-de/destinations/county/kerry/county-kerry/

Es ist mein Feld

John B. Keane (1928–2002) ist einer der berühmtesten Dramatiker Irlands. Sein weltbekanntes Stück The Field wurde später mit Richard Harris hochkarätig verfilmt. Seine Familie betreibt bis heute den legendären Pub John B. Keane’s Bar in Listowe nahe Killarney, irisch Cill Airne (wörtlich Kirche der Schlehen), eine Stadt mit ca. 14 000 Einwohnern. Diese Stadt liegt ca. 35 km von Tralee, dem Zentrum der Grafschaft Kerry entfernt. Keanse berühmtestes Werk heißt „The field“ (1965), ein in Dublin uraufgeführtes Drama. Es basiert auf einer erschütternden, wahren Tragödie, die sich wenige Jahre vor der Entstehung des Stücks in der Region Kerry abspielte. John B. Keane verarbeitete darin die tiefe, fast religiöse Verbundenheit der irischen Landbevölkerung mit ihrem Boden.

Das verfilmte Stück spielt in Südwestirland, in den 1930er Jahren. Ein Feld, das die Familie von Bull McCabe schon seit Generationen gepachtet und bewirtschaftet hat, soll von der Besitzerin, einer Witwe, verkauft werden. Bei der Versteigerung wird McCabe von einem Amerikaner überboten. Dieser will dort eine Straße bauen. Bull McCabe wird bei seinen Versuchen, sein Feld zu retten und zu behalten, zunehmend starrsinniger. Obwohl er das Feld am Ende behält, hat er dabei sein Leben, seine Familie und sein Auskommen zerstört. Außerdem kommen dabei sowohl der Amerikaner als auch Bulls Sohn Tadhg ums Leben. Alles wird gerechtfertigt mit dem stereotypen Satz „Es ist mein Feld„.

Keane griff eine wahre Begebenheit auf. Im November 1959 geschah im kleinen Ort Clooneet im Süden von County Kerry ein Verbrechen, das ganz Irland erschütterte: Der unverheiratete, 59-jährige Kleinbauer Moss Moore verschwand spurlos. Mehr als einen Monat später fand man seine Leiche in einem Flussbett – er war brutal erschlagen worden. Moss Moore lag in einem langjährigen, erbitterten Streit mit seinem Nachbarn Dan Foley um ein Wegerecht und ein kleines Stück Land. Keane beschreibt, wie die Gier nach Land familiäre Bindungen und moralische Grenzen komplett auslöschen kannn und eine Mauer des Schweigens den Täter schützt. Niemand will in Irland ein Verräter sein, nicht einmal gegenüber einem Mörder.

Foto Bernd Oei: Rothirsch(kuh), Red Deer, Cervus elaphus im Killarney National Park (100 km²) mit den ältesten Eichenwäldern der Insel und dem letzten einheimischen Wild https://de.wikipedia.org/wiki/Killarney-Nationalpark

Foto Bernd Oei: Killarney, Zwei kämpfende Hirsche, lebensgroße Bronzeskulptur vor dem Gerichtsgebäude, Main Street von Will Fogarty https://www.geograph.ie/photo/6242088

Dem Fleisch einen Wert geben

Neben The Field hat er eine Vielzahl weiterer erfolgreicher Theaterstücke, Romane und humorvoller Briefsammlungen verfasst. Seine Werke drehen sich fast immer um das ländliche Irland, Bigotterie, unerfüllte Liebe, Ehevermittlung und den harten Alltag in Kerry. Zu seinen Erfolgen zählt das Drama „Sive„. (1959). Keanes erster großer Triumph und Durchbruch als wichtigster Dramatiker der Nachkriegsära in Irland. Er erzählt von der jungen, unehelichen Sive, die von ihrer geldgierigen Familie an einen reichen, viel älteren Bauern verschachert werden sol und greift die düstere Tradition der arrangierten Ehen im ländlichen Irland an.

Die Geschichte spielt im ländlichen County Kerry und dreht sich um das junge, wunderschöne Mädchen Sive. Sie ist eine Waise und wächst bei ihrer verbitterten Tante Mena und ihrem Onkel Mike Glavin in sehr ärmlichen Verhältnissen auf. Sive ist heimlich in einen jungen Mann namens Liam Scuab verliebt. Die Tragödie nimmt ihren Lauf, als der skrupellose, lokale Ehevermittler (Matchmaker) Thomasheen Seán Rua auftaucht. Er schlägt ein Geschäft vor: Der steinalte, aber steinreiche Bauer Seán Dót (ein geiziger Mann über 70) will die junge Sive heiraten.Für das Mädchen bricht eine Welt zusammen. Sie wird von ihrer Familie psychisch terrorisiert und regelrecht gefangen gehalten, um die Hochzeit zu erzwingen.

m Morgen des Hochzeitstages sieht Sive keinen Ausweg mehr aus diesem Albtraum und nimmt sich das Leben, indem sie in einen tiefen Brunnen springt. Ihr Leichnam wird am Ende von reisenden Musikern (Tinkers) ins Haus getragen, was die Gemeinschaft in Schock und Schuldgefühlen zurücklässt.

Fotos Bernd Oei: Ross Castle Ufer des Lough Leane aus dem 15. Jahrhundert Killarney National Park und Bootshafen.

Foto Bernd Oei: Lough Leane (wörtlich See des Lernens), ca 20 km² nahe Killarney mit einer maximalen Tiefe von 60 m , Unesco Naturschutzgebiet und inmitten der höchsten Berge Irlands gelegen. https://de.wikipedia.org/wiki/Lough_Leane

In Ruhe gelassen werden

Das Stück „Sieve“ war damals so provokant, dass das berühmte Abbey Theatre in Dublin es zunächst ablehnte, weil es als „zu roh und ungeschliffen“ für das Publikum galt. eane ließ sich nicht entmutigen und brachte das Stück mit einer Laienschauspielgruppe (The Listowel Drama Group) auf die Bühne. Es wurde ein sensationeller Erfolg, gewann die irischen Theater-Amateurmeisterschaften und gilt heute als absoluter Klassiker der irischen Literaturgeschichte.

Sieve sagt, was Irland über England denkt: „Ich will ihn nicht, ! Ich will weder sein Geld noch sein Land. Ich will nur in Ruhe gelassen werden! Ist es ein Verbrechen, in Ruhe gelassen werden zu wollen?“ Die junge zwangsvermählte Frau ist zugleich eine Allegorie ihres Lande, eine offene Anklage gegen die Familie und den Verkauf des jungen Mädchens an einen alten reichen Mann.

Das Stück traf bei seiner Veröffentlichung einen schmerzhaften, absolut nervtreffenden Punkt der irischen Nachkriegsgesellschaft. Die Zwangsheirat aus rein finanziellen Motiven war keine Erfindung Keanes, sondern bittere Realität. Viele Familien im ländlichen Irland waren bitterarm. Junge Mädchen wurden oft als wirtschaftliche Absicherung an ältere Bauern verschachert, während junge Männer ohne Land nicht heiraten konnten.

Foto Bernd Oei: Lough Lane im Killarney National Park. https://de.wikipedia.org/wiki/Lough_Leane

Foto unds Video Bernd Oei: Torc Waterfall, Killarney National Park, Kaskade von ca. 20 m. Das Wasser stammt vom Fluss Owengarriff.

Vorsorge dient dem Verbrechen

Keane schuf keine eindimensionalen Figuren, sondern Charaktere von Shakespeare’scher Wucht, die den Zuschauern im Gedächtnis bleiben und um nur drei zu nennen: Mena ist zwar die bösartige Antagonistin, aber das Publikum versteht, dass ihre Grausamkeit aus einer tiefen, lähmenden Angst vor der Armut entspringt. Thomasheen Seán Rua ist der wortgewaltige Ehevermittler verkörpert das personifizierte, manipulative Böse , der gleichermaßen fasziniert. Sive wirkt als das unschuldige, Zentrum, deren unvermeidlicher Untergang mitleiden lässt.

Keane nutzt die reiche, poetische und bildhafte Sprache des ländlichen Kerry (Hiberno-English). Das Stück besitzt einen unnachahmlichen Rhythmus. Ein genialer theatralischer Schachzug war zudem der Einsatz der reisenden Musiker Pats Bocock und Carthalawn. Sie bringen eine mystische, fast unheimliche Atmosphäre auf die Bühne. Wie ein altgriechischer Chor kommentieren sie das Geschehen durch ihre Lieder und sprechen aus, was die Dorfgemeinschaft aus Feigheit totschweigt.

Obwohl die konkrete Praxis der arrangierten Ehen in Irland längst Geschichte ist, bleibt das Kernthema von Sive universell und zeitlos: Der Kampf des Individuums gegen ein korruptes, herzloses System. Es ist die klassische Tragödie von der Unschuld der Jugend, die von der Gier und dem Materialismus der älteren Generation buchstäblich erdrückt wird. Dieser Generationenkonflikt funktioniert heute in Dublin oder London genauso wie 1959 in Kerry.

Summa summarum dient in Keanes beiden berühmten Dramen die angebliche Vorsorge und Absicherung der Familie nur dem Verbrechen, sei es die emotionale Verstümmelung oder der physische Zwang zu Gehorsam.

Fotos Bernd Oei: Muckross Lake im Killarney Nationalpark (ca. 3 km²) mit einer maximalen Tiefe 75 m, tiefster See Irlands. Im Hintergrund Torc Mounatain.

Fotos Bernd Oei: County Kerry, Killarney Nationalpark, Muckrose Castle, viktorianisches Herrenhaus im Tudor Stil, 1843 erbaut und 1861 von Qeen Victoria besucht inmitten des ersten Nationalparks in Iralands, der 1981 zum Unesco Weltkulturerbe erhoben wurde. https://www.americanexpress.com/de-de/amexcited/travel/kerry-irland-13220

Der Magen ist der Oberbefehlshaber der Geistlichkeit

Insgesamt verfasste Keane 17 Dramen, die alle im Raum Kerry angesiedelt sind. Neben den düsteren Tragödien, die seinen Rum festigten, schrieb er auch Komödien wie „Moll“ (1971): Eine extrem populäre und bissige Komödie. Im Zentrum steht Moll, die schlaue und resolute Haushälterin eines ländlichen Pfarrers. Sie übernimmt im Pfarrhaus komplett das Kommando und kontrolliert mit viel Witz das Geld, das Essen und die Geistlichen. Ein absoluter Publikumsliebling im irischen Volkstheater.

Seine Stück parodiert mit viel schwarzem Humor und treffsicherer Satire die enorme Macht, die Haushälterinnen im ländlichen Irland des 20. Jahrhunderts über die katholische Geistlichkeit besaßen. Nach dem Tod der alten Pfarrhaushälterin stellt der gutmütige, aber konfliktscheue Pfarrer Canon Pratt die resolute Moll Kettle ein. Mit ihr zieht ein Wirbelwind in das Haus ein.

Moll ist extrem geschäftstüchtig, manipulativ und dominant. Innerhalb kürzester Zeit übernimmt sie die absolute Kontrolle über das Pfarrhaus. Sie kontrolliert das Geld, die Einkäufe und entscheidet eigenmächtig, wer zu den Priestern vorgelassen wird. Moll führt ein strenges Regiment, das sich vor allem beim Essen zeigt. Während der ältere Canon Pratt von ihr kulinarisch verwöhnt wird, hungert sie die jungen, reformwilligen Kapläne (Father Brest und Father Loran) regelrecht aus und serviert ihnen ungenießbare Reste. Wer sich ihr widersetzt, bekommt ihren Zorn zu spüren.

Als die Gemeinde Geld für eine neue Schule sammeln muss, beweist Moll ihr genialisches (und rücksichtsloses) Organisationstalent. Sie organisiert Tombolas und treibt Spenden ein, wodurch sie für die Diözese und den Bischof unersetzlich wird. Am Ende triumphiert Moll: Die Kapläne scheitern an ihrer Rebellion, und Moll sichert sich eine fette Pension und die lebenslange Herrschaft über das Pfarrhaus. Moll ist im Grunde die heimliche Herrscherin der gesamten Gemeinde ist, obwohl sie offiziell nur eine Angestellte (die Haushälterin) im Pfarrhaus.

Moll sagt im ersten Akt: „The stomach is the commander-in-chief of the clergy.“ („Der Magen ist der Oberbefehlshaber der Geistlichkeit.“) Dass Hunger oder Essen und damit Materie vor allem anderen kommt, wird ein Leitmotiv im Dreiakter.

n den 1970er Jahren besaß die katholische Kirche in Irland noch enorme gesellschaftliche Macht. Keane blickt in „Moll“ hinter die Kulissen dieser unantastbaren Fassade. Er zeigt uns, dass Priester und Prälaten keine unfehlbaren, rein geistigen Wesen sind, sondern ganz gewöhnliche Männer mit weltlichen Schwächen. Indem er den Magen zum „Oberbefehlshaber“ erklärt, ironisiert er den Klerus: Am Ende des Tages sind auch die Stellvertreter Gottes auf Erden komplett von weltlichen Bedürfnissen wie Hunger und Komfort gesteuert.

Am Ende heißt es „Es ist schwer, zum einfachen Schwarz-Weiß zurückzukehren, wenn man erst einmal an das Purpur gewöhnt ist.“ (‚Tis hard to come back to the plain black and white when one is used to the purple.“) Schwarz-Weiß steht für das Einfache, Purpur f+ür die Macht der Bischöfe/Kirche

Fotos Bernd Oei: Ruinen der Muckross Abbey im Killarne National Park, ein Franziskanerkloster 1340, das von den Briten unter Oliver Cromwell zerstört wurde, ca. 5 km von Killarney entfernt. Besonders bemerkenswert: Das Kloster wurde von Anfang an um den ältesten Eichenbaum des Landes herum gebaut. https://de.wikipedia.org/wiki/Muckross_Abbey

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