Schönheit wandert überall umher

Foto Bernd Oei: Killarney, Interieur von Courtney’s, dem ältesten Pub von Illarney in der Fußgängerzone, Plunket Street 24

Dracula

Killarney hat über die Jahrhunderte hinweg eine ganze Reihe weltberühmter Schriftsteller und Dichter angelockt. Die dramatische Landschaft der Seen und Berge galt vor allem im 19. Jahrhundert als Inbegriff der romantischen Inspiration. Der bekannteste dürfte Bram Stoker, Autor von „Dracula“ sein https://de.wikipedia.org/wiki/Bram_Stoker. Der nahe Dublin geborene Schriftsteller erlebte den Erfolg um den Hype der Vampire und die zahlreichen Verfilmungen jedoch nicht. Obschon Monarchist setzte er sich für die Rechte der Arbeiter ein, u.a. unterstützte er die Home Rule für Irland. Obschon sein literarischer Ruhm auf Fantasy und Okkultismus beruht, war er ein wissenschaftlich orientierter Mann mit großem Interesse an technischen Innovationen.

„Dracula“ (1897) beruht auf eine 7 jährige Recherche rund um die historischer Figur Vlad III, als Pfähler des 15. Jahrhunderts bekannt, der für seine grausamen Foltermethoden v.a. gegenüber den Osmanen berüchtigt war. Das Buch erschien in seinem 50. Lebensjahr und es blieb sein einziger Vampir-Roman, zudem seinerzeit ein absoluter Misserfolg. „Dracula“ erlangte seinen heutigen weltweiten Ruhm erst ab den 1920er und 1930er Jahren – und das paradoxerweise nicht durch das Buch selbst, sondern durch das Kino. https://de.wikipedia.org/wiki/Vlad_III.

Stoker reiste im späten 19. Jahrhundert regelmäßig und über längere Zeiträume nach Killarney, also in jener Epoche seines Lebens, in der er sich mit „Dracula“ beschäftigte. Dabei dürfte die Kulisse der Ruinen und dem imposanten Friedhof von Muckrose Abbey Inspiration gewesen sein.

Fotos, Bernd Oei: Killarney, Innenstadt, Fußgängerzone mit Geschäften im EG und Wohnungen darüber. Charlie Foley war der irische Gründer des gleichnamigen Traditionspubs in Killarney. Zusammen mit seiner Frau Ellen Foley eröffnete er das Geschäft im November 1896 in der New Street. Mittlerweile ist es ein klassischer, gemütlicher irischer Live-Musik-Pub mit angeschlossener Bed-&-Breakfast-Unterkunft. Killarney gilt sogar als Wiege irischer Pub-Kultur.

Die Magie aus Killarney

Eines der frühesten und bekanntesten topografischen Gedichte aus der Zeit der Romantik, das die malerische Schönheit der irischen Seen, Wälder und Berge feiert, trägt den schlichten Titel „a Poem“ und stammt aus der Feder von John Leslie, der als irischer Geistlicher und Hauslehrer in die Stadt kam und wie viele von ihrer wilden Natur begeistert war – nicht umsonst ist der angrenzende Nationalpark der erste und vermutlich schönste des Landes.

Das Gedicht „A Poem“ (1772) umfasst 50 Seiten und besteht aus mehreren Landschaftsbeschreibungen. Zitiert sei eine markante Stelle: „To paint Killarney’s undisputed claim, And give her second world a deathless name …“ In diesen Zeilen vergleicht der Dichter die majestätischen Berge und Seen von Killarney mit dem antiken Griechenland (wie dem Berg Parnass oder dem Fluss Helikon, was sich wiederum auf den wesentlich bekannteren Poeten Shelly auswirkt. Das Gedicht nutzt diese Eröffnung, um den Leser mit auf eine poetische Wanderung vorbei an den historischen Ruinen von Muckross Abbey, den steilen Klippen von Mangerton und den tiefen Gewässern des Lough Leane zu nehmen. https://archive.org/details/bim_eighteenth-century_killarney-a-poem-by-jo_leslie-john-am_1772

Fotos Bernd Oei: Killarney, Courtney’s Bar in der Plunkett Street 24 (Fußgängerzone) wurde im Jahr 1891 eröffnet. Das Besondere ist, dass der Pub seit nunmehr über 130 Jahren ununterbrochen im Besitz derselben Familie (der Familie Courtney) liegt und von ihr betrieben wird. ie markante, klassische Außenfassade des Pubs ist so historisch wertvoll, dass sie heute unter offiziellem Denkmalschutz steht. Sie gehört zu den am meisten fotografierten Pub-Fronten der Stadt. https:///courtneysbar.com/

Das Porträt einer Gouvernante

Charlotte Brontë, die gefeierte englische Autorin des Literaturklassikers Jane Eyre hat eine tiefere Verbindung zu der Stadt, als viele wissen. Im Jahr 1854 verbrachte die in Yorkshire, Nordostengland aufgewachsene Autorin gemeinsam mit ihrem frisch vermählten Ehemann Teile ihrer Flitterwochen in Killarney. Das Paar logierte im damals brandneu eröffneten Luxushotel Great Southern Killarney. Viel Freude an der relativ spät geschlossenen Ehe hatte sie nicht, denn Charlotte Bronte starb im Folgejahr im Alter von 39.

Bereits Jahrzehnte zuvor, im Jahr 1818, verfasste ihr Vater, der Pfarrer Patrick Brontë, eine Novelle mit dem prophetischen Titel The Maid of Killarney. Er besaß irisches Blut und wurde in der Grafschaft Down geboren. So gesehen sind die Brontés auch Iren.

Charlotte verband eine innige, aber auch ambivalente Beziehung zu ihrer ebenfalls schreibenden und zwei Jahre jüngeren Schwester Emily („Sturmhöhe“, 1848), die gleichzeitig ihre Poesie unter männlichem Pseudonym publizierte. Auch die dritte Schwester Anne (Wiederum zwei Jahre nach Emily geboren) schrieb einen Roman „Agnes Grey“ , der fast im selben Jahr erschien. Die beiden sollen aber nie Irland besucht haben.

„Jane Eyre“ handelt von einer jungen, mittellosen Waise, die sich trotz schwerer Schicksalsschläge weigert, sich den starren, ungerechten Regeln der viktorianischen Gesellschaft zu unterwerfen, und stetig um ihre persönliche Freiheit, Würde und wahre Liebe kämpft, wobei sie um keinen Preis ihre Unabhängigkeit gefährden möchte. Die Figur der Jane Eyre, in der sicherlich viel von Charlotte Bronte steckt, gilt heute noch als Inbegriff und Personifizierung einer Gouvernante (alle drei belesenen Schwestern verdingten sich als Gouvernante in Herrenhäusern).

Foto Bernd Oei: Killarney Innenstadt mit alter Markthalle (old town hall), 1788 in der Main Street. https://de.wikipedia.org/wiki/Killarney. Pastor Hugh O’Flaherty rettete im 2. Weltkrieg an die 7000 Verfolgten vor dem Transport in ein KZ.

Foto Bernd Oei: Pferdekutsche. Überall in der Stadt sieht und riecht man sie – besonders beliebt sind die Ausflüge zum angrenzenden Nationalpark mit Stationen wie Ross Castle oder Muckross Abbey bzw. Muckross House.

Eine Liebe aus Killarney

Auch Jane Austen sagt man nach, sie sei in Killarney gewesen, was sich jedoch nirgendwo belegen lässt. Austen, eine Vorreiterin der Bronte-Schwestern, stammt aus dem Süden Englands und wurde wie die Bronte-Schwestern früh in ihrer Bildung (inklusive Griechisch und Latein) gefördert. Sie blieb unverheiratet, auch aufgrund ihres Unabhängigkeitsstrebens. Man kann also anhand der vier kurz skizzierten Frauen sagen, dass Ambitionen auf Schriftstellertum bzw. Emanzipation ihren Preis einforderte und dass dieser Frauentyp eine starke Neigung zu Natur besaß. Zudem wurden alle vier erwähnten Frauen nur um die 40 Jahre alt.

Im Gegensatz zu den Geschwistern verfasste Jane Austen sieben Romane, wovon drei in den Kanon der bedeutendsten 100 in englischer Sprache aufgenommen wurden: Verstand und Gefühl, Stolz und Vorurteil, Emma, zudem mehrfach verfilmt wurden.

Austens Beziehung zu Killarney besaß einen amourösen Hintergrund. Als junge Frau lernte sie im Winter 1795/1796 den aus dieser Stadt stammenden Juristen Thomas „Tom“ Lefroy kennen, der Verwandte in ihrer Nachbarschaft besuchte. Die beiden flirteten heftig auf Bällen und verliebten sich ineinander. Da beide Familien mittellos waren, wurde die Verbindung von Toms Familie unterbunden, da von ihm erwartet wurde, eine wohlhabende Frau zu heiraten. Er kehrte nach Irland zurück. Dies ist zugleich der rote Faden, das wiederkehrende Leitmotiv in allen Austen-Romanen. https://janeausten.co.uk/blogs/regency-history/irish-i-dare-say-ireland-in-jane-austens-novels

Fotos Bernd Oei: Killarney, Bischofskirche St. Mary’s Cathedral, Kill ist das gälisch (kelitsche) Wort für Kirche. Die Stadt mit ihren rund 14 000 Einwohnern heißt daher Kirche der Schlehen (Schlehdorn). Erbaut während der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts und mit 87 m die dritthöchste Kirche des Landes. Architekten Ashlin and Coleman.

Der Rebell in Killarney

Der südenglische Romantik-Dichter Percy Shelley reiste im Frühjahr 1813 nach Irland, um die irische Unabhängigkeitsbewegung und die Emanzipation der Katholiken politisch zu unterstützen. Der bekenndende Atheist aus Sussex wurde nicht einmal 30 Jahre. Er Er lebte nahe Killarney im März 1813 für einige Tage in einem einfachen Cottage auf Ross Island am Ufer des Unteren Sees (Lough Leane / Lower Lake), vermutlich auf Einladung von Lord Kenmare. Während seiner Spaziergänge auf Ross Island und in der malerischen Umgebung von Killarney begann und vollendete Shelley sein episches Frühwerk Queen Mab.

Seine radikalen politischen Schriften und Flugblätter machten ihn in Irland rasch verdächtig, weshalb er das Land kurz darauf wieder verlassen musste. https://seniortimes.ie/killarney-calling/

In Killarney entstand der Entwurf (Rohfassung) seinew berühmtesten Essays „A Defence of Poetry„(Eine Verteidigung der Dichter): Ein berühmter literaturtheoretischer Essay, der den bekannten Satz enthält: „Dichter sind die unanerkannten Gesetzgeber der Welt.“

In dem, zumindest in Deutschland wenig bekannten Versen Queen Mab übt Shelly scharfe Kritik an Religion, Monarchie, Krieg und gesellschaftlichen Institutionen, die er mit seiner eigenen Utopie verbindet. Der Titel bezieht sich auf eine bekannte irische mythische Figur. Das Gedicht beginnt mit der schlafenden, schönen Jungfrau, der, im Traum die Feenkönigin Queen Mab in einem himmlischen Streitwagen erscheint.

Shelleys Utopie, wie er sie in Queen Mab und späteren Werken wie Prometheus Unbound beschrieb ( Der entfesselte Prometheus) basiert auf der radikalen Befreiung des Menschen durch die Vernunft, die Liebe und die Natur. Er glaubte fest daran, dass die Menschheit von Natur aus gut ist und das Böse nur existiert, weil sie durch gesellschaftliche Institutionen korrumpiert wurde. Zudem gilt er unter britischen Poeten als bedeutendster Vertreter des Anarchismus.

Fotos Bernd Oei: Killarney, Franciscane Friary. Das Mönchskloster wurde 1867 fertiggestellt. Bereits 1448 ließen sich Franziskaner in der Nähe von Killarney nieder und blieben bis 1849. Der Neubau vollzog sich unter Mithilfe des belgischen Ordens.

Das Kloster in Killarney ist mit dem Muckross Abbey wenige km entfernt eng verbunden, da die Ruine nicht mehr genutzt werden konnte/kann. Diese weltberühmte Klosterruine liegt mitten im Killarney-Nationalpark mit dem ältesten Baum Irlands, einer Eibe inmitten des Klostergangs.

Das irische Italien

Ein Zitat Shellys, das mir immer vor Augen stand, weshalb ich Killarney auch auf meiner Liste der Wanderung durch Kerry hatte, bevor ich den Nationalpark erleben durfte, lautet: „Beauty wanders ev’rywhere“ (Schönheit wandert überall umher). Immerhin hverglich er Lough Lane, den größten der drei Seen im Nationalpark (an dem Ross Castle liegt) mit dem Comer See. „This lake exceeds anything I ever beheld in beauty, with the exception of the arbutus islands of Killarney.“ https://www.cambridge.org/core/books/abs/percy-shelley-in-context/life-and-death/34742FD731265A8B8A8AD224D760B668

Aufgrund des Golfstroms besitzt die Region der Grafschaft Kerry um Killarney einen seltenen mediterranen Charme. Er bringt das ganze Jahr über warme, feuchte Luftströmungen aus der Karibik an die Südwestküste Irlands.

Fotos Bernd Oei: Muckross Abbey im Killarney National Park. Obwohl die Truppen von Oliver Cromwell das Kloster 1652 plünderten und niederbrannten, ist es heute eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Klosterruinen Irlands.

Ihr Markenzeichen ist ein gigantischer, 650 Jahre alter Eibenbaum (Yew Tree), der exakt im Zentrum des quadratischen, von gotischen Bögen umgebenen Innenhofs (Kreuzgang) wächst. Die Baumkronen bilden ein natürliches Dach über dem Hof und verleihen dem Ort eine magische Atmosphäre.

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