
Foto Bernd OeI. Waterville, die Stadt, die Chaplin eine zweite Heimat wurde. https://de.go-to-ireland.com/tourismus-seiten/die-charlie-chaplin-statue/
Ein großer Fisch geht an die Angel
Vermutlich ist Dave Allan (1936-2005) der bekannteste irische Komiker. Er war in Dublin geboren, gastierte aber auch mehrfach in Waterville an der Südwestküste Irlands im County Kerry am rauen Atlantik. https://de.wikipedia.org/wiki/County_Kerry
Der Name Kerry leitet sich von einem Sohn des Königs aus Ulster (heute Nordirland) ab. Die Grafschaft grenzt an Cork, wo die maternale Linie Charly Chaplin wurzelt. Da der Komiker 20 Jahre lang den Ort Waterville besuchte, hat dieses Dorf mit seinen nicht einmal 600 Einwohnern einen legendären Stellenwert in Irland und besonders in Komikerkreisen. Zwischenzeitlich veranstaltete die Gemeinde seit seit 1998 ein Charly Chaplin Film Festival – Corona machte dieser Tradition ein Ende.
Neben Chaplin besuchten Walt Disney, das Schauspieler-Ehepaar Michael Douglas und Catherina Zeta-Jones und Shirley Mac Lane den Fischerort, der für seine Hummer lukullische eine überregionale Popularität genießt.
Chaplin war wie Disney ein leidenschaftlicher Angler, besonders für das Fliegenfischen. Das soll der Hauptgrund für seine Wahl von Waterville als seine Sommerresidenz gewesen sein. Ihm ging es dabei nicht um den Fang, sondern um die Entspannung.

Foto Bernd Oei: Strand von Waterville, irisch/keltisch An Coréian, (kleiner Strudel). Charlie Chaplin kam im Jahr 1959 zum ersten Mal hierher. In diesem Sommer suchte dieser nach einem Ort, an dem er mit seiner Frau und den acht gemeinsamen Kindern ungestört Urlaub machen konnte. Sein enger Freund Walt Disney, selbst ein begeisterter Fliegenfischer, empfahl ihm Waterville.

Foto Bernd Oei: Promenade von Waterville in Südwestirland, Teil des Ring of Kerry. https://de.wikipedia.org/wiki/An_Coire%C3%A1n#Einzelnachweise. Mit dem Beginn des Nordirlandkonflikts (The Troubles) wuchs jedoch Chaplins Sorge, dass die politischen Unruhen und die Gewalt auf den Süden der irischen Insel übergreifen könnten. Aus Sicherheitsgründen für seine große Familie entschied er sich schweren Herzens, die Reisen in die Grafschaft Kerry, Waterville, einzustellen.
Ein Buch als Auslöser
Die größte literarische Vorliebe entwickelte der in London in bitterer Armut geborene Chaplin (1889-1977, Corsier sur Vevey in der Schweiz) zu Charles Dickens (1812-70). Seinen Memoiren zufolge war „Oliver Twist“ (Erstveröffentlichung als Feuilletonroman zwischen 1837-39) das erste Buch, das er las und das ihn lebenslang beeindruckte. Angeblich beeinflusste es seinen Karriereschritt zum Komiker und gab ihm Mut, als Außenseiter der untersten Schicht den Weg zum erfolgreichsten Schauspieler seiner Zeit zu schaffen.
Der Roman von Dickens erzählt die Geschichte des titelgebenden Findelkindes und Waisenjungen, der im Armenhaus einer englischen Kleinstadt aufwächst, ohne etwas über seine Herkunft zu wissen. Chaplins familiäre Herkunft war kaum weniger tragisch und entbehrungsreich und zudem mit Irlands Südwestküste verbunden.
Da Chaplin als Kind im spätviktorianischen London in extremer Armut aufwuchs, kaum zur Schule ging und erst spät richtig lesen lernte, war „Oliver Twist“ für ihn ein persönlicher Durchbruch. Er beschreibt in seiner Biografie, dass er die Dickens-Charaktere schon vor dem Lesen durch Theater-Imitatoren auf der Straße kennengelernteund erinnert er sich an den Moment, als er das Buch schließlich kaufte: „Ich wollte wissen, was das für ein tiefes Geheimnis war, das in Büchern verborgen lag – diese Sepia-Dickens-Figuren, die sich in einer so seltsamen Welt bewegten. Obwohl ich kaum lesen konnte, kaufte ich mir schließlich ein Exemplar von Oliver Twist.“ https://neilsinyard.britishtelevisiondrama.org.uk/?tag=great-expectations
Für Chaplin war „Oliver Twist“ darum keine reine Fiktion, sondern Realität. Im Alter von nur sieben Jahren wurde Chaplin selbst von seiner psychisch kranken Mutter getrennt und in das berüchtigte Newington-Arbeitshaus gesteckt – eine Institution, die genau den grausamen Waisenhäusern entsprach, die Dickens in diesem Roman beschreibt.
Die seelische Parallele ist evident: Chaplin erklärte, dass Olivers Leiden, der Hunger, die Einsamkeit und das Stigma der Armut exakt seine eigenen Kindheitserinnerungen widerspiegelten und ihn über sein hartes Schicksal stets trösteten.

Fotos Bernd Oei: Waterville, Haus, in dem Chaplin erstmals übernachtete und das inzwischen Charly Chaplin Museum ist. Angesprochen auf die Kuriosität, er habe bei einem Double-Wettbewerb in Waterville anonym teilgenommen und nur den dritten Platz belegt, dementierte Chaplin 1966 diese Kolportage.

Symbiose Chaplin und Dickens
Zwischen Chaplin und Dickens bestehen einige Analogien, denn auch Dickens stammte aus ärmlichen, kinderreichen Verhältnissen und der Vater trank, lebte über die Verhältnisse und weigerte sich, seine Familie zu alimentieren, was diese um ihre Kindheit beraubte. So wuchs dieser in einem Londons Elendsviertel auf, das Chaplin gut kannte und musste ebenfalls von Kindheit an Geld verdienen, war fast ohne Schulbildung und hatte Mühe, Lesen und Schreiben zu erlernen. Beide Künstler setzten sich am Ende gegen die widrigen äußeren Umstände durch, auch gegen die Gefährdung der Jugendkriminalität. https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-lange-nacht-ueber-charles-dickens-der-charakter-in-100.html
Man kann als einen der größten Literaten und einen der größten Schauspieler und Filmemacher durchaus aufgrund ihres Lebensweges vergleichen. Beide waren dann sozialkritisch und engagiert, was Chaplin in den USA eine Verfolgung als Kommunist in der Mc Carthy Ära einbrachte, die in seiner Ausweisung endete, weshalb Chaplin lange in Irland und in der Schweiz (1952 bis zu seinem Tod) lebte. https://taz.de/Fall-Chaplin-McCarthy–la-Suisse/!1508281/
Vieles an der Mc Carthy Ära mit ihren Prozessen und Verboten erinnert mich an den Umgang der selbsternannten Demokraten mit der AfD oder vordem der Basis. Die Empörung gegen das Vorgehen des Staates hielt sich auch im Fall Chaplin in Grenzen. https://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-%C3%84ra
Kommunist zu sein hieß eine persona non grata zu werden. https://www.deutschlandfunk.de/ein-komoediant-unter-kommunismusverdacht-100.html
Durch seine radikale Sozialkritik in Werken wie „Oliver Twist“ zog sich Dickens den Zorn konservativer Politiker und reicher Industrieller auf sich. Seine Angriffe auf das unmenschliche System der Armenhäuser (Workhouses) und die Ausbeutung von Kindern stießen in den herrschenden Kreisen auf heftigen Widerstand. Seine Veröffentlichung der Streitschrift Sunday Under Three Heads, in der er sich gegen ein Verbot von Freizeitaktivitäten für Arbeiter am Sonntag aussprach, brachte ihm die Feindschaft religiöser Eiferer ein. Auch Chaplin überwarf sich früh mit der Kirche.

Foto Bernd Oei: Grafschaft Kerry, Waterville, Charly Chaplin Uferpromenade. Zwischen 1959 und 1970 machte der Komiker jeden Sommer hier Urlaub. Chaplin besaß eine irische Großmutter aus Cork, 134 km von Waterville entfernt.
Der Gang zur Suppe
Die wohl berühmteste Szene des Buches, in der Oliver um mehr Suppe bittet („Please, sir, I want some more“), steht exemplarisch für die Kritik am Armengesetz von 1834 (New Poor Law). Wenn der Staat Armut wie ein Verbrechen behandelt und Bedürftige in Arbeitshäusern (Workhouses) systematisch hungern lässt und demütigt, treibt er sie direkt in die Kriminalität. Dickens zeigt, dass institutionelle Grausamkeit die Gesellschaft nicht sicherer macht, sondern zerstört.
Auch Chaplin verband Humor mit Sozialkritik, besonders der Armut, die häufig als selbstverschuldeter Makel galt. Dickens war kein sozialistischer Parteipolitiker, sondern der wichtigste emotionale und kulturelle Wegbereiter für das Entstehen der britischen Arbeiterpartei. Die Labour Class, nach seinem Tod gegründet, berief sich häufig auf ihn.
Dickens widerlegte in seinen Romanen das damalige Vorurteil der Oberschicht, dass arme Menschen von Natur aus schlecht oder faul seien. „Oliver Twist“ führt den Leser in die Londoner Unterwelt zu Fagin, dem Artful Dodger und Nancy. Die Kinder in Fagins Bande stehlen nicht aus Gier, sondern um zu überleben. Die Gesellschaft, die ihnen legale Wege zum Überleben verwehrt, trägt die Mitschuld an ihrer Kriminalität. Kriminalität ist ein strukturelles und kein rein moralisches Problem.
Entscheidend: Trotz des extremen Drucks, des Hungers und der Misshandlungen verliert Oliver nie sein gutes Herz. Er weigert sich, ein Dieb zu werden, selbst als er dazu gezwungen wird. Wahre Güte und menschliche Würde sind unzerstörbar. Dickens glaubte fest daran, dass das Gute im Menschen angeboren ist und selbst durch die schwärzeste Umgebung nicht vollständig korrumpiert werden kann. Auch dies lässt sich in Chaplins Filmen nachweisen.

Fotos Bernd Oei: Pub The Lobster (Der Hummer, eine Spezialität der Stadt) in Waterville innen und außen und Livemusik. Das Etablissement feiert gerade seinen 60 jährigen Gründungstag. https://www.thelobsterwaterville.com/blank-c1xe6

Ein goldenes Geburtsrecht
„Der Roman“Oliver Twist“ stellt zwei Welten gegenüber: die kalte, bürokratische Welt der Reichen und die brutale Welt der Kriminellen. Doch Dickens brach diese Schwarz-Weiß-Malerei durch Figuren wie der Prostituierten Nancy auf. Sie ist zwar eine Diebin, opfert aber letztlich ihr Leben, um Oliver zu retten. Auf der anderen Seite stehen wohlhabende Figuren wie Mr. Brownlow und Rose Maylie, die Oliver ohne Vorurteile aufnehmen.
Wie für Dickens gilt auch für Chaplin: Ein Mensch sollte nach seinen Taten und seinem Herzen beurteilt werden, nicht nach seinem sozialen Status. Wahre Mitmenschlichkeit erfordert es, über den eigenen Tellerrand zu blicken und denen zu helfen, die am Rande der Gesellschaft stehen.
Zwei Denker und philosophische Strömungen spielten in Dickens‘ Leben und Werk eine überragende Rolle: zunächst Jeremy Bentham und der Utilitarismus als sei größter Gegner, weil der Literat sie als Nutzenmaximierung und Ideologie des Kapitalismus rezipierte. Zweitens und nun als Vorbild Thomas Carlyle, ein scharfer Kritiker des Manchester-Kapitalismus und des moralischen Verfalls der Industriegesellschaft.
Darüber hinaus ist auch eine große Sympathie zu J. J. Rousseau dokumentiert. Dieser vertrat die philosophische These, dass der Mensch (und insbesondere das Kind) von Natur aus gut auf die Welt kommt und erst durch die Institutionen der Zivilisation und Gesellschaft korrumpiert wird. Genau diese Denkweise zieht sich wie ein roter Faden durch Dickens‘ Romane – am deutlichsten sichtbar an der unschuldigen Figur des Oliver Twist, dessen angeborene moralische Güte selbst durch das Elend des Arbeitshauses und der Londoner Unterwelt nicht zerstört werden kann.
Vom Autodidakten Chaplin ist bekannt, dass er sich mit Schopenhauer, Bergson, Locke und Emerson beschäftigte. Emmersons Essay „Selbstvertrauen“ (Self-Reliance) beeindruckte Chaplin so tief, dass er das Gefühl hatte, ihm sei damit ein „goldenes Geburtsrecht“ in die Hand gegeben worden. Der Begriff „goldenes Geburtsrecht“ (im englischen Original „golden birthright“) beschreibt im übertragenen Sinne ein unveräußerliches, wertvolles Recht oder Privileg, das einem Menschen von Geburt an zusteht – sei es durch seine bloße Existenz, seine Herkunft oder seine Natur als freies Individuum. https://www.open.ac.uk/Arts/reading/UK/record_details.php?id=5317

Foto Bernd Oei: Kirche St. Michael von Waterville, 1866 vom Bischof aus Limerick eingeweiht. www.kduchurches.org/st-michael-and-all-angels-waterville/

Foto Bernd Oei: Keltisches Kreuz in Waterville. James Butler war ein einflussreicher Großgrundbesitzer und Namensgeber der Stadt An Coireán (Waterville)







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