Ein großes Wachsen in den sich entwickelnden Sternen

Foto Bernd Oei: Slieve Mish Mountains mit Blick auf Tralee, County Kerry an der Atlantikküste. https://en.wikipedia.org/wiki/Tralee

Irlands populärster Kritiker der Industriegesellschaft

Der aus dem County Kerry stammende und lange in Tralee lebende John Moriarty (1938–2007) gilt in Irland als einer der radikalsten, tiefgründigsten und unkonventionellsten Denker der Moderne. Er kehrte der akademischen Philosophie (den Rücken, um als Gärtner und Einsiedler am Fuße der Mangerton Mountains in Kerry zu leben. Seine komplexen Werke sind eine dichte Mischung aus Öko-Philosophie, Mythologie, christlicher Mystik und Zen-Buddhismus, eine Mischung, für die Irland sehr offen ist.

Er sah die moderne Welt in einer tiefen ökologischen und spirituellen Krise, die durch die Trennung des westlichen Menschen von der Natur (kartesischer Dualismus) verursacht wurde. Er forderte ein radikales Umdenken – eine Heilung des kollektiven Geistes durch das Eintauchen in uralte Mythen und die Natur. https://www.theguardian.com/news/2007/aug/30/guardianobituaries.booksobituaries1

Ein Zitat aus seinem letzten Buch 2007, What the curlew said. (Was der Brachvogel sagt) „Wir betrachten eine Kuh nicht mehr als ein heiliges Geheimnis, sondern als eine Milchfabrik auf vier Beinen.“

Foto Bernd Oei: River Lee, der durch gezeitenabhängige Tralee fließt (nicht identisch mit jene, der Cork durchquert) und nur ein Bruchteil des 90 km langen Namensvetter ist und an dem (mein) Campingplatz lag. Keltischer Name Tra Li, Strand des Flusses Lee. Das Gewässer entspringt unweit der Hauptstadt der Grafschaft Kerry, Südwestirland (26 000 Einwohner) im Ballincollig Hill.

Foto Bernd Oei: Tralee, Rose Garden und St. Johns (1861 vollendet), direkt an den Lee angrenzend und nur eine Brücke plus Straße entfernt. Der Park ist über 14 ha groß. https:// www.gruene-insel.de/blog/2019/sehenswuerdigkeiten-in-tralee/

Der Mensch verkümmert ohne Bezug zur Natur

In seinem letzten Buch widmet sich Moriarty intensiv der Transformation der irischen Landwirtschaft. Er kritisiert das Konzept, Lebewesen und Bäume auf reinen Nutzwert zu reduzieren, und nennt diese verengte Sichtweise das „Böse Auge“ der Moderne. Seine Flucht aus den Städten und der Zivilisation in die Natur (ein irischer Rousseau) begründet er mit den Worten: „Hier unten, im Gras und im Wind, spricht die Wahrheit eine einfachere Sprache.“

Der Gedanke widerspiegelt die Quintessenz seiner Krise. Der „Öko-Philosoph“ empfand die europäische Kultur und das rein rationale, wissenschaftliche Denken als „potbound“ (eingewachsen) wie eine Pflanze, deren Wurzeln in einem Plastiktopf gefangen sind und verkümmern. Für den Öko-Philosoph ist die Schöpfung auch nicht abgeschlossenes Produkt, sondern stetes Wachstum.

Bereits 1971 (flower power, hippy-Zeit) brach Moriarty mit seiner aufstrebenden akademischen Karriere – er galt als Wunderkind irischer Intellektueller, um als einfacher Gärtner, unter anderem in einem Kloster zu leben. Dabei verbracht er jahrelang in völliger Einsamkeit in einer kleinen Hütte in Connemara, Kerry, Tralee. Credo: „Wir müssen uns und die Welt neu erkennen„.

In einer Anekdote beschreibt Moriarty, wie er im Moor von Connemara sein Gesicht tief in die warme verlassene Mulde einer Wildhasen-Mutter drückte. Er bat die Natur symbolisch darum, diese Mulde möge wie ein Umschlag all das blockierende, rein rationale Wissen aus seiner teuren europäischen Ausbildung heraussaugen, um Platz für den „Geist der Natur“ zu machen. Wenn Moriarty die Ausbeutung der Natur kritisiert, spricht er als jemand, der den modernen Raubbau am Planeten als direkte Folge einer inneren, seelischen Erblindung des homo faber sah.

Foto:Bernd Oei: Tralee, Stadtpark, The Kerry Woman bei Nacht, um die Rolle von Frauen während der irischen Revolution 1912-23 zu würdigen. Die 2,5 m hohe Bronzefigur (2026) stammt von der nordirischen Bildhauerin Elizabeth O’Kane, die viele historische Persönlichkeiten abbildet. Bei Tag https://www.rte.ie/news/regional/2026/0725/1584988-tralee-sculpture/

Bernd Oei: Tralee, The Pikeman Statue (Spitzname The Croppy Boy) bei Nacht. Die von dem aus Dublin stammenden Albert Power 1939 erschaffene Figur aus Kalkstein und Marmor im Stadtzentrum (Ecke Castle Street / The Mall) zeigt einen irischen Rebellen, nachdem das vorher aufgestellte Denkmal von der britischen Polizei zerstört wurde. Die Figur bei Tageslicht https://vanderkrogt.net/statues/object.php?webpage=ST&record=ie234

Wer nicht staunt und träumt, lebt nicht wirklich

Moriartys Versuch, das Christentum mit alten Naturmythen und der keltischen Tradition zu versöhnen, gehört untrennbar zu seinem Denken. Nach einer Phase des radikalen Bruchs – in der er sich symbolisch selbst „aus der Kultur und dem Christentum austaufte“ – kehrte er als Mystiker zum christlichen Narrativ zurück. Er tat dies jedoch unter der Bedingung, dass die Kirche ihre Mauern einreißen und die Natur wieder als heilig anerkennen müsse. Christus sei der Held der Evolution – damit trat er in Kontrast zu Darwin. Der Geist verkümmert durch die Wissenschaft und ihre rationalen Erklärungen, so die provokante These. Wörtlich: „What a poverty of mind and heart it is to have explanations for everything. What a poverty of mind and heart it is to never stand before things in their eternal unexplainableness.” https:://irlandnews.com/john-moriarty-irischer-philosoph-mystiker-7/?lang=en

Er argumentierte, dass Jesus in den entscheidenden Stationen (Gethsemane, Golgotha und dem Grab) die Trennung zwischen Mensch, Natur und Gott durchbrochen hat. In seinem ersten Buch „Dreamtime“ (1994) beschreibt der Mystiker, wie Jesus im Moment seines Opfers symbolisch bis ganz nach unten – über die Zivilisationsgeschichte hinaus, bis zum Ursprung der Arten – hinabstieg. Dort erlebte er eine totale, kosmische Einheit mit der gesamten Schöpfung. Christus ruft die Menschheit dazu auf, aus der offiziellen, dogmatischen Kirche herauszutreten und sich nicht gegen die Natur zu stellen.

Summa summarum soll der Mensch nicht nur die Natur durchwandern, sondern eins mit ihr werden wie Christus es tat. Dementsprechend finden sich mystische Stellen der Verschmelzung in „Dreamtime“ wie „Den ganzen Tag lang war ich ein einziges Mantra mit dem, was ist.“ Mit dem Titel lehnt er sich an Bruce Chatwins Buch Traumpfade an, der darin beschreibt, dass die Aborigines . Der Ethnologe betont ebenfalls, dass das Gehen und der Nomadismus die tiefste, natürlichste und einzig gesunde Seinsform des Menschen sind und die Welt durch Psalme/Gesang erschaffen wurde. Daher spielt der Begriff Mantra in „Dreamtime“ die Schlüsselrolle.

Chatwins These und die von Moriarty konvergieren: Die Ahnenwesen wanderten während der Traumzeit über den Kontinent und sangen den Namen von allem, was ihnen begegnete – Tieren, Felsen, Flüssen. Durch diesen Gesang wurde die Welt überhaupt erst ins Dasein gerufen. https://de.wikipedia.org/wiki/Bruce_Chatwin

Fotos Bernd Oei: Trailee, das legendäre Pub Baily’s corner von innen und außen in der Lower Castle Street unweit des The Pikeman mit täglich Livemusic und maximal Platz für 150 Menschen. https://www.discoverireland.ie/kerry/baily-s-corner

Unsere Dichter müssen Heiler sein

Bezüglich der Zeit besagt dieses Buch, dass ‚alle Zeit ein Es-war-einmal‘ ist. Bezüglich des Raumes besagt es, dass ‚jedes Anderswo, ob übernatürlich oder natürlich, genau dort ist, wo wir gerade sind‘. Die Utopie ist das eigentliche Leben. Moriarty sieht die Aufgabe von Künstlern und Autoren darin, als Heiler einer kranken, von der Erde entfremdeten Gesellschaft zu wirken, was an Hölderlin erinnert: „Unsere Dichter müssen Heiler sein. Unsere moderne, westliche Art der Wahrnehmung ist eine Krankheit. Wir müssen den Weg zurück zu einer Welt finden, die überall und in allem ausbrechend göttlich ist – voller Glanz, Terror, Gefahr und Wunder.“ (Dreamtime, Epilog)

Die deutschen Zitate wurden von KI übersetzt, da keine deutsche Buchfassung vorliegt Das englische Original lautet: „Our poets must be healers. Our modern, western way of perceiving is a disease. We must find our way back to a world that is everywhere and in everything eruptively divine – full of splendour, terror, danger and wonder.“ https://archive.org/details/dreamtime0000mori

Einen umfassenden Essay über Moriartys Kernphilosophie bietet die offizielle Biografie-Seite John Moriarty: Going the Soul’s Way. Ein weiteres Zitat aus „Dreamtime“ lautet: „A religion that fosters the Gethsemane experience, the Good Friday experience and the Easter experience in us is a religion that is fostering the evolving Earth, is a religion that is fostering a great growing in the evolving stars.“

Foto Bernd Oei: Blenerville, 3 km südwestlich von Tralee entfernt und über den Schiffskanal verbunden, mit signifikanter Windmühle. Die größte noch funktionstüchtige Windmühle in ganz Irland und Großbritannien wurde Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, diente im 19. als wichtiger Knotenpunkt für Auswandererschiffe während der großen Hungersnot und ist heute ein beliebtes Besucherzentrum. Der Ort liegt direkt an der Mündung des River Lee in die Tralee Bay. Der Hafen von Tralee versandete.

Blennerville Bridge, 1751 erbaut.

Foto Bernd Oei: Tralee, Gaelscoil Mhic Easmainn, einzige Schule, in der Gälisch Erst- und nicht nur Zweitsprache der Schüler ist. 400 Kinder erlernen hier die irische Unterrichtssprache. Im Hintergrund die Slieve Mish Mountains, das Tor zu den Dingle Islands. Die maximale Höhe der nach einer gälischen (keltischen) Göttin benannten Bergkette, der Baurtregaum beträgt 851 m.

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