
Foto Bernd Oei: Foto Bernd Oei: gälisches Kreuz auf dem Weg von Tralee über Blenville nach Camp auf der Dingle Halbinsel in den kargen Bergen der Slieve Mish Mountains im County Kerry an der rauen Atlantikküste Südwestirlands.
Böll vor den Toren Dingles
Der rheinische Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (1917-85) besaß ein Ferienhaus ganz in der Nähe auf der Achill-Insel, übersetzte aber unter anderem Werke der Blasket-Islands-Autoren wie Tomás Ó Criomhthain ins Deutsche und war tief mit der irischen Westküsten-Literatur verbunden, Die Blasket Islands haben eine unmittelbare Verbindung zu Dingle, da es sich um eine Inselgruppe handelt, die direkt vor der Spitze der Dingle-Halbinsel im Atlantik liegt.Die Achill-Insel liegt ein ganzes Stück weiter nördlich in der Grafschaft Mayo, teilt aber mit Dingle und den Blaskets eine tiefe literarische und landschaftliche Verbindung. https://www.deutschlandfunkkultur.de/heinrich-boell-achill-island-irland-100.html
Heinrich Bölls Beziehung zu Irland war von einer tiefen Sehnsucht geprägt: Er suchte in den 1950er Jahren einen Rückzugsort vor dem materialistischen, vom Wirtschaftswunder und der Nachkriegszeit geprägten Westdeutschland. Irland bot ihm eine „Gegenwelt“ voller Einfachheit, rauer Natur und menschlicher Wärme. 1954 reiste Böll das erste Mal nach Irland. Schon im Jahr darauf entdeckte er mit seiner Familie Achill Island, die größte Insel Irlands im Nordwesten (County Mayo). Vieles aus seinem Bestseller „Irisches Tagebuch“ (erschienen 1957) beruht auf seinen Eindrücken auf Achill Island – mit Böll begann der Run auf Eire. https://www.goethe.de/ins/ie/de/kul/sup/deutsche-spuren-in-irland/25702070.html

Foto Bernd Oei: nördlichen Hänge der Slieve Mish Mountains (290m) unterhalb des Berges Baurtregaum (851 m) bei Tralee.

Fotos Bernd Oei: Beginn des Dingle Ways, County Kerry, der von Tralee bis Camp führt, ein Fischerdorf am Strand und Eingangstor zu Dingle Island. Genaueres unter https://walkingholidayireland.de/wandergebiet-dingle-way?utm_source=google_search&utm_medium=cpc&utm_campaign=de_wandergebiete&utm_source=adwords&utm_medium=ppc&utm_term=dingle%20way&utm_campaign=&hsa_cam=23956751478&hsa_mt=p&hsa_ver=3&hsa_src=s&hsa_ad=813609948471&hsa_net=adwords&hsa_tgt=kwd-365987288044&hsa_acc=6678625771&hsa_grp=197367006949&hsa_kw=dingle%20way&gad_source=5&gad_campaignid=23956751478&gclid=EAIaIQobChMIkKz4xqG8lwMVq6JQBh3hLgLBEAAYAyAAEgJr7_D_BwE
Böll lernt gälisch
Dem kölschen Jung Böll faszinierte faszinierte die gälische Sprache: er und seine Ehefrau Annemarie lernten Irisch und interessierten sich leidenschaftlich für die vom Aussterben bedrohte Kultur der Gaeltacht, zu denen die Dingle-Halbinsel gehört. Heute spricht man dort soviel gälisch wie nirgendwo sonst. Die Bewohner der 1953 evakuierten Blasket Islands vor Dingle hatten eine einzigartige, rein irischsprachige Literatur hinterlassen. Die Bewohner der 1953 evakuierten Blasket Islands vor Dingle hatten eine einzigartige, rein irischsprachige Literatur hinterlassen. Böll war von den Memoiren des Inselfischers Tomás Ó Criomhthain so tief beeindruckt, dass er und Annemarie das Buch 1960 unter dem deutschen Titel „Die Boote fahren nicht mehr aus“ herausbrachten. https://www.boell.de/de/2025/08/06/warum-hatte-gerade-irland-eine-so-grosse-bedeutung-fuer-boell
Bölls Popularität verhalf den Autoren aus Dingle und von den Blaskets zu internationalem Ruhm im deutschsprachigen Raum. Er erwähnt auch Im Kapitel „Abfahrt um elf“ beschreibt er seine Schiffsüberfahrt nach Irland und begegnet dort einem irischen Auswanderer, der sehnsüchtig auf dem Weg nach Hause ist. Dieser sagt im Gespräch den einprägsamen Satz: „Ich bin nämlich aus Tralee. Und ich war über ein Jahr da draußen in England. Und jetzt fahre ich das erste Mal wieder nach Hause, nach Irland…“ https:/www.iudicium.de/katalog/9783891298602.pdf

Foto Bernd Oei: Wanderweg Dingle Way, Slieve Mish Mountains, Sicht auf den Atlantik vor Tralee. Der Dingle Way ist 179 km. https://www.pitchup.com/campsites/Republic-of-Ireland/Republic-of-Ireland/Co_Kerry/Tralee/

Foto Bernd Oei: Einer der zahlreichen Überquerungen eines Gebirgsbaches, der auf dem nördlichdn Bergkamm der Slieve Mish Mountains entspringt und in den Atlantik mündet. Das Idyll trügt: Man wandert durch Hochmoor, sinkt ein, bekommt nasse Socken.
Nicht auf der Erde zu Hause
Die Slieve Mish Mountains – der Gebirgszug, der das logische Tor zur Dingle-Halbinsel bildet – werden von Böll nicht namentlich erwähnt, sind aber untrennbar mit der Region verbunden und er muss sie gekannt, gesehen haben.
Im Kapitel „Abfahrt um elf“ fängt Böll perfekt die melancholische Stimmung der irischen Emigranten ein. Die Begegnung zeigt eindringlich, wie tief die Sehnsucht der Iren nach ihrer Heimat – in diesem Fall Tralee – war, selbst wenn sie nur für kurze Zeit im Ausland lebten. Der Auswanderer, mit dem Böll auf dem Schiff spricht, hat in England gearbeitet und gibt sein mühsam verdientes Geld nun für die Heimreise aus. Für Böll war diese Begegnung bezeichnend für ganz Irland: Ein armes Land, dessen Menschen aber eine unzerstörbare Bindung an ihre Heimatorte wie Tralee besaßen. Der Begriff der Heimat gewann für ihn eine neue Dimension.
„Heimat ist immer noch Sehnsucht nach der Kindheit.“ (zitiert aus dem titelgebenden Essay „Heimat und keine. Schriften und Reden 1964–1968“) aus dem Jahr 1965.
„Eigentlich wissen wir, dass wir hier auf der Erde nicht zu Hause sind.“ (Quelle: „Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen. Ein Gespräch“ (1985). In diesem Gespräch mit einem katholischen Theologen führt der katholische Böll seine Sichtweise aus, dass die tief sitzende, menschliche Gewissheit, „nicht ganz auf diese Erde zu gehören“, für ihn eine Art existenzieller Gottesbeweis sei, da der Mensch letztlich noch „woanders hingehöre“.
Für Böll wie für die meisten Iren gehören Ethik, katholische Religion und Poesie zusammen. Grundsätzlich gilt: Da die Welt unvollkommen, ungerecht und von Leid geprägt ist, versucht der Schriftsteller durch das Erzählen von Geschichten, eine Ahnung von Transzendenz und Würde zu schaffen. Literatur ist der Versuch, der Einsamkeit und Entfremdung des Menschen Ausdruck zu verleihen und gleichzeitig Trost zu spenden. Böll lehnte die l’art pour l’art Bewegung, den reinen Ästhetizismus, kategorisch ab.

Foto Bernd Oei: Wanderweg Dingle Way von Tralee nach Camp (An Com): Der steile Abhang von den Slieve Mish Mountains ist nur selten mit einem Seil gesichert.https://en.wikipedia.org/wiki/Slieve_Mish_Mountains

Foto Bernd Oei: Dies ist die erste 18 km lange Etappe rund um die Dingle-Halbinsel. https://de.wikipedia.org/wiki/Dingle_Way
Augenblicke sammeln
Für Böll zeigt sich Moral in der Literatur nicht durch große politische Reden, sondern im Alltäglichen – im Teilen eines Stücks Brot, im Mitgefühl für einen Deserteur oder in der Zuwendung zu den Ausgestoßenen. Der Autor hat die Pflicht, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, Heuchelei zu entlarven und gegen Ungerechtigkeit anzuschreiben.
Böll Er sah Christus nicht in Prunk und Dogmen, sondern bei den Armen, den Obdachlosen und den vom Schicksal Gebeutelten, so wie er sie auch in Südwestirland (Kerry, Mayo) erlebte. Ein moralisches Handeln am Mitmenschen war für Böll der einzige echte Gottesdienst. Wer dem Hungernden hilft, praktiziert für ihn Religion, ohne dass er dafür ein theologisches Dogma braucht.
Im Roman„Ansichten eines Clowns“ (1963) arbeitet der der Protagonist, Hans Schnier als Clown. Er ist kein gläubiger Katholik, besitzt aber ein tiefes, fast kindlich reines Verständnis von Treue, Liebe und Moral. Er lebt in einer festen Beziehung mit Marie, einer gläubigen Katholikin. Der moralische und religiöse Konflikt eskaliert durch den „Kreis der fortschrittlichen Katholiken“ – eine Gruppe von einflussreichen, wohlhabenden Kirchenvertretern und Intellektuellen, die sich regelmäßig im Haus von Maries Familie treffen. Böll schildert das moralische Vergehen der Kirche
Marie wird von diesem Kreis psychologisch so stark unter Druck gesetzt, dass sie Hans verlässt. Der Grund: Da Hans sich weigert, ein Papier zu unterschreiben, das eventuelle Kinder dazu verpflichtet, katholisch erzogen zu werden, gilt ihre Beziehung in den Augen der Kirche als Sünde und Konkubinat.
Marie heiratet kurz darauf einen katholischen Funktionär namens Heribert Züpfner. Diese Ehe ist gesellschaftlich anerkannt und „rein vor dem Gesetz“, obwohl Marie eigentlich Hans liebt. Für die Kirche zählt das formale Einhalten des Dogmas (die Ehe auf dem Papier) mehr als die wahrhaftige, emotionale Treue zwischen zwei Menschen. Hans resümiert:
„Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke. Marie hat mir die intimsten und wichtigsten entwendet, um sie zu den Katholiken zu tragen, die sie legalisierten und mir die Reste ließen.“
Ein zweites Zitat, das Bölls tiefen Glauben, zugleich den Bruch mit der Kirche spiegelt, lautet: „Es gibt Leute, die an nichts glauben, aber alles tun für die Kirche; und es gibt Leute, die an alles glauben, aber nichts tun für die Kirche. „
In meinen Augen verwendet Böll den Clown als Metapher für den modernen Propheten. Während sich die Menschen in der Nachkriegsgesellschaft hinter Masken aus Wohlstand, bürgerlicher Moral und falscher Frömmigkeit verstecken, schminkt sich der Clown weiß, um seine eigene Maske sichtbar zu machen.

Foto Bernd Oei: Killeton Ruinen auf dem Dingle Way von Tralee nach Camp (An Com), 18 km entfernt. Der Bus braucht nur 20 Minuten für diese Strecke, das Wandern entlang des Dingle Ways über 4,5 Stunden. Ein professionelles Video mit Camp liefert https://dingle-peninsula.ie/explore/townlands-and-villages-dingle-peninsula.html?view=article&id=9:camp-an-cam&catid=10

Brücke über den Finglas River, der zu Camp (An Camp) führt

Foto Bernd Oei Die weiße Windmühle von Blennerville, Start- und Endpunkt des Rundweges (nach 19 km ging es bei mir mit nassen Socken per Autostopp zurück nach Tralee) mit Blick auf die Slieve Mish Mountains und die historische Brücke https://de.wikipedia.org/wiki/ Blennerville +






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