
Foto Bernd Oei: Küstenwanderweg Beary (Wild Atllantic) Way bei Allishine, einem ehemaligen Zentrum des Kupferabbaus auf Südwestirlands Halbinsel Beara unweit von Dursey.
Tränen des Himmels
Auf die Etappen des Beara Way Glengarriff- Adrigole – Castletownbere (ca. 130 km südwestlich von Cork gelegen) folgt die Strecke der Hafenstadt nach Allihies. Auf den 16 km sind steile Anstiege und sumpfiger Hochmoorboden charakteristisch. Gleichzeitig nimmt die Bewaldung wieder zu. Die höchste Erhebung mit rund 495 m ist der Knockoura. Dessen rauer Fels der ist überzogen von einem dichten Teppich aus tiefviolettem Heidekraut und leuchtend gelbem Stechginster. Je nach Licht verändern die Hänge ihre Nuancen von sattem Grün bis hin zu erdigen Rosttönen. Unter Ihnen glänzt das tiefe Blau des Atlantiks, das an stürmischen Tagen von weißer Gischt durchbrochen wird.
Der Regen folgte mir auf Schritt und Tritt; man kann von einer einseitigen Liebeserklärung sprechen. Doch wie schreibt ein irischer Schriftsteller, der die Region bestens kennt? „Der Regen hatte hier eine eigene Persönlichkeit. Er kam in so vielen verschiedenen Arten, dass die Menschen hier den Regen nicht nach seiner Stärke beurteilten, sondern nach seiner Absicht.“ Quelle: Niall Williams, „Das ist Glück“

Foto Bernd Oei: Castletownbere, ein Arbeiterstädtchen, das von der Fischindustrie lebt und in dessen Hafen viele kleine Boote liegen. Sein maritimes Flair ist unübersehbar. Der Name bedeutet Festungsort, doch die Burg ist längst verschwunden.

Foto Bernd Oei: Südwestküste Irlands (Irish Sea), Aufstieg auf dem Beara Weilc Coast Atlantic Way mit Blick auf Castletownbere. Der britisch-irische Reiseschriftsteller und Humorist Pete Mc Carthy setzte den bunten Häusern mit seinem millionenfach verkauften, extrem unterhaltsamen Reisebuch „McCarthy’s Bar“ ein Denkmal.
Auf der Suche
Genau genommen trägt sich die Geschichte der Puxley-Dynastie zwischen den Küstenorten Castletownbere und noch mehr in Allihies zu, wo die Kupfer-Bergarbeitersiedlung lag, doch Daphne du Maurier verlegte den Schauplatz ihrer Familiensage auf oder in den Hungrigen Berg. https://irlandnews.com/puxley-familie-beara/
Denkt man an Beara, so unweigerlich an Niall Williams – „Die Cumberland-Saga“ / „So ist das Glück“ (This Is Happiness): Niemand fängt die irische Landschaft, das Licht und den endlosen Regen so poetisch und liebevoll ein wie Williams. Seine Romane spielen im ländlichen Westen Irlands (County Clare) und zeigen die tiefe Verbundenheit der Menschen mit dem Rhythmus der Natur und dem Wetter.
Die Ausgangslage im Roman: Der 17-jährige Noel hat eine Glaubenskrise und bricht seine Ausbildung zum Priester ab. Er zieht für einen Sommer zu seinen Großeltern in das fiktive, abgelegene Dorf Faha, in dem es scheinbar seit Anbeginn der Zeit ununterbrochen regnet.
Die Wende: In diesem Sommer bricht eine neue Ära an – der Regen hört plötzlich auf und die Moderne zieht in Form von Strommasten (die Elektrifizierung des ländlichen Irlands) ein. Noel freundet sich mit Christy an, einem älteren Mann, der die Verträge für den Stromanschluss abschließen soll, im Dorf aber eigentlich eine alte Liebe sucht.
Video Bernd Oei: Blick auf die Bantry-Bucht vom Knockoura, 6 km nordwestlich von Castletownbere

.Foto Bernd Oei: Schafe sind allgegenwärtig und stets von ihren Eigentümern mit Farbe gekennzeichnet, so dass man die eigenen Tiere erkennt.
Ein schmaler Grad
Zwei Romane thematisieren den Kupferbergbau, der die Region Beara, insbesondere Allishine, prägte: „Hungry Hill“ von Daphne du Maurier (1907 in London geboren), über den mein Blog handelt.
Der andere literarische Meilenstein stammt von Winston Graham (1908 in Manchester geboren). Wenn man nach dem berühmtesten englischen Roman sucht, der das historische Kupferbergbaumilieu einfängt, kommt man an der zwölfteiligen Poldark-Saga (beginnend mit „Poldark: Ross Poldark“) nicht vorbei. Gemeinsam mit du Maurier hat er, dass einer seiner Roman („Marnie“) von Hitchcock verfilmt wurde. Er siedelt sie in Cornwall an (Daphne du Mauriers letzter Lebensort). Die Geschichte spielt von 1783 bis 1820, etwas vor dem goldenen Kupferminenzeitalter. https://www.ullstein.de/urheberinnen/winston-graham
Graham verwendet Kupfer als Chiffre sowohl für die Suche nach Reichtum als auch nach Liebe. Das wertlose Material wird als Katzengold, englisch fool’s copper bezeichnet im Gegensatz zu dem wertvollen Bodenschatz, der nur durch harte Arbeit gewonnen wird. Im Gegensatz zu Kupfer stehen die kalten Banknoten nur für menschliche Besitzgier. Kupfer hingegen hat Charakter und wird von Graham oft vermenschlicht. Wie es heißt: „Im Bergbau steckte stets ein Element des Glücksspiels, ein rücksichtsloses Aufrechnen von Schweiß und Kapital gegen die verborgenen Launen der Erde.„
Zwischen Reichtum und Armut bzw. Ruin liegt daher ein schmaler Grad.

Fotos Bernd Oei: Allihies am südwestlichen Ende der Beara Halbinsel erweist sich als langgestreckte Straße an der Ballydonegan Bay. Im 19. Jahrhundert arbeiteten 1600 Menschen hier in den Kupferbergwerk – heute leben nicht einmal 200 Menschen hier.

Das Richtige tun, das Falsche bewirken
Ein Roman, der gleichfalls die Bergwerke und Fabriken thematisiert stammt von der stets sozialkritischen George Sand (alias Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil) und trägt den Titel „Die Sünde des Herrn Antoine“). Die Handlung dreht sich um den jungen Idealisten Émile Cardonnet, dessen Vater ein autoritärer, arroganter Fabrikbesitzer (chevalier d’industrie) ist. Dieser verlangt von seinem Sohn, sich seiner rein produktivitätsorientierten, kapitalistischen Weltsicht anzupassen.
Die soziale Utopie: Émile weigert sich und verbündet sich stattdessen mit dem einfachen Arbeiter Jean Jappeloup sowie einem exzentrischen Marquis. Am Ende nutzt er ein Erbe, um eine auf sozialem Fortschritt und Gemeinschaftseigentum basierende agrarisch-industrielle Mustersiedlung zu gründen. Zugegeben, ein unglaubwürdiges Szenario. Sand siedelt ihren Romanin der geschichtsträchtigen und landschaftlich rauen Übergangsregion zwischen dem Berry und der Marche im Herzen Frankreichs an.
Emile formuliert eine interessante These: „Ich glaube, wenn man nach der guten Seite der Dinge sucht, ist man öfter auf dem richtigen Weg, als wenn man das Gegenteil tut.“
Mir scheint, dass häufig aus guten Absichten Schlechtes entsteht, so dass es durchaus denkbar erscheint, den Gedanken umzudrehen. Man versprach sich vom Kupfer speziell und der Industrie allgemein Fortschritt, doch nur wenige profitierten vom Bergbau. Andererseits gingen aus dem existentiellen Kampf der Grubenarbeiter auch maßgebliche Sozialleistungen hervor.

Foto Bernd Oei: Allihies, Strand der Ballydonegan Bay

Foto Bernd Oei: Das North Engine (House), Wahrzeichen von Allihies und Herzstück des Copper Mine Trails, der sich mit dem Beara Way kreuzt. Von 1812 (Entdeckung des Kupfers) bis zur Stillegung des letzten der fünf Stollen 1880 prägte der Berbau die Region. Nach dem Schließen der Minen standen die Arbeiter vor dem Nichts. Viele von ihnen wanderten geschlossen aus; zurück blieb eine Geisterstadt, die der Tourismus wiederbelebte.
Was Asche aus uns macht
Ein verfilmter Bestseller, der auch hinsichtlich der Literaturkritik (Pullitzerpreis) Lob erntete, ist der autobiographische Roman „Die Asche meiner Mutter“ (Angelas Ashes, 1996) von Frank Mc Court – einer der zahlreichen irischen Emigranten in New York. Die Asche wird von den Brüdern in Limerick verstreut, woher die Auswanderer stammen. Allerdings kämpfen die Protagonisten hier mit chronischer Arbeitslosigkeit, der Abhängigkeit von Sozialhilfe (the dole), Mietrückständen oder Fabrikschließung in Limerick (Südwesten Irlands). Mehrere von Franks jüngeren Geschwistern sterben früh an den Folgen von Unterernährung und Krankheit.
Der erste Satz aus dem Roman lautet: „Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche lohnt sich ja kaum.“ Ein weiterer, der zusammenfasst, was Existenznot aus Menschen macht, heißt: „Sie sitzt am Feuer und starrt in die Asche, und es ist ihr völlig egal, ob der Regen durchs Dach kommt oder nicht.“

Foto Bernd Oei: Oberhalb des Bergarbeitermuseums liegen auf der einzigen Straße auch die bunten Häuser und Pubs von Allishie. Im Roman „Die Asche meiner Mutter“ versäuft der Familienvater regelmäßig seinen Lohn im Pub und verschlimmert die Miesere.

Foto Bernd Oei: Zerklüftete Bucht von Allishie, an der sich der copper mine trail mit dem atlantischen Wanderweg kreuzt. https://irlandnews.com/bull-rock/ Viele Minenarbeiter verließen Irland und fanden neue Jobs in den Kupfer-Minen in Butte/Montana/USA. Einige fanden einen neuen Job beim Bau der Leuchtturm-Anlage auf Dursey an der Spitze der Beara-Küste.







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