
Foto Bernd Oei: Der Bulle, die Kuh und das Kalb – drei vorgelagerte Inseln vor Dursey gegenüber der Beara Halbinsel. Auf dem Bull’s Rock thront ein Leuchtturm, den die einheimischen Iren auch Pforte zum Jenseits nennen.
An meinem vierten Tag entlang der Beara-Halbinsel musste ich fast unentwegt an „Wuthering Heights“ denken, nicht nur, weil „Stürmische Höhen“, mehrfach verfilmt, von Eimly Bronté 1847 publiziert, zu meinen Lieblingswerken zählt. Er passt auch in die karge und windreiche, ja stürmische Gegend und die stets aufgepeitschte See. Dass Bronté nichts vom posthum erfolgten Ruhm ihres Klassikers mitbekam, passt dabei ins Bild.
Die Hochmoore von Yorkshire im noröstlichen England, Schauplatz des Romans, erinnern sehr an Dursey und Beara allgemein, da seine baumlosen Berge im Hochmoor (ombotrophe Vegetation) liegen. Man vergisst leicht, dass viel Natur unter Wasser stand oder steht und dass gerade Moore eine Unzahl von für unser Auge kaum wahrnehmbare Lebensformen bieten.
Wer die Geschichte um das stiefmütterlich behandelte, später zu Reichtum gelangende Findelkind Heathcliff und seine toxische Beziehung zur Gutsherrin und Stiefschwester Catherine nicht kennt, der sei auf die Inhaltsangabe verwiesen unter https://wiki.bildungsserver.de/weltliteratur/index.php/Sturmh%C3%B6he. Eine Dissertation darüber ist eingestellt auf https://netlibrary.aau.at/obvuklhs/content/titleinfo/4382175/full.pdf.
Drei Komponenten genügen an dieser Stelle: Heathcliff (und auch Catherine) sind in diesem Generationskonflikt zweier Familien weder gut noch böse, sie sind sowohl willensstark als auch getrieben von ihren Leidenschaften, so dass man von komplexen Charakteren sprechen muss. Wem das Gut einfach zufällt, der verliert es auch leichter, wie das Beispiel des Stiefbruders Hindley zeigt, der buchstäblich ernte, was er sät: Gewalt und Demütigung. Die Kinder, die Ehen entspringen, die nicht aus Liebe, sondern Berechnung geknüpft werden, sind schwach und ohne Zukunft. Leider vermag auch Heathcliff den Teufelskreis nicht zu durchbrechen und gibt das Leid, das er erfuhr, an den unschuldigen Sohn seines Stiefbruders weiter. Auf diese Weise treibt er auch die im Grunde geliebte Stiefschwester in den Tod.

Foto Bernd Oei: Dursey, cable car. Die Insel Dursey ist geologisch Fortsetzung von Bearas felsiger Südwestküste und von Steilküsten umgeben. 1969 wurde in der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufschwung für Dursey die erste und bis heute einzige Seilbahn Irlands errichtet. Sie hat eine Kapazität von sechs Menschen, sechs Schafen oder einer Kuh. https://de.wikipedia.org/wiki/Dursey_Island

Foto Bernd Oei: Blick aus der einspurigen Seilbahn (cable car) auf dem Weg von Beara Island nach Dursey Island. Hauptgrund für die Errichtung der Seilbahn waren die mit den Gezeiten verbundenen Gefahren des Übersetzens auf das Festland.
Video Bernd Oei. Die Seilbahn überbrückt eine Distanz von ca. 380 Metern über dem offenen Atlantik. Die Höhe schwankt zwischen 21 und 30 m. Die kartierte Mindesttiefe im Fahrwasser (Seekartennull) beträgt 11,6 Meter bei einem maximalen Tidenhub von 3 Metern. Die Strömung presst sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 4 Knoten (ca. 7,4 km/h) durch die Meerenge. Das führt zu gefährlichen Strudeln, welche die Überfahrt erschweren.
Psychologische Deutung
In Heathcliff mag man das freudianisch „Es“ erblicken: Bereits seine Name heath Heide und cliff Klippe symbolisiert Naturverbundenheit und sein Charakter erinnert sehr an die ungezügelten, primitiven Triebe, pure Leidenschaft, Wut und Rache (im weitesten Sinn Naturgewalten).Oft wird er als tragischer Charakter interpretiert, weil er sich trotz oder gerade aufgrund seiner Vitalität nicht aus dem zerstörerischen (auch autodesktruktiven) Kreislauf zu befreien vermag. Im Grunde will er nur Catherine besitzen, selbst die Frage, ob er sie in seiner fixierenden Leidenschaft wirklich liebt, bleibt offen.
Catherine heiratet aus Verstandesgründen, um den familiären Besitz zu sichern. Edgar Linton In diesem kann Freuds das „Über-Ich“ festmachen: Edgar steht für die gesellschaftliche Zivilisation, Moral, Ordnung und Unterdrückung der Triebe. Was Heathcliff zu viel besitzt, hat er zu wenig, was sich in mangelnder Durchsetzungskraft niederschlägt.
Zwischen Protagonist und Antagonist steht in einer von insgesamt drei Dreierbeziehungen Catherine. Sie wirkt, psychoanalytisch betrachtet, als das zerrissene „Ich“, denn sie steht genau zwischen den Extremen. Ihre berühmte Aussage „Ich bin Heathcliff“ zeigt, dass sie ihn nicht als Partner, sondern als Teil ihrer eigenen Identität versteht. Ihre Ehe mit Edgar ist ein psychologischer Selbstbetrug, der sie in den Wahnsinn und Tod treibt.

Foto Bernd Oei: Festland der Halbinsel Beara gegenüber Dursey. Im 19. Jahrhundert war Dursey Island vom irischen Festland fast vollständig abgeschnitten. Die tückische Strömung des Dursey Sound machte jede Überfahrt mit Ruderbooten lebensgefährlich. Es gab weder Straßen noch eine Infrastruktur, die Reisende angelockt hätte.

Fotos Bernd Oei: Zwei typische Häuser auf Dursey, wo neue Bauten an die historischen Steinhäuser angebaut werden mit Stallung für die Schafe.

Sozial- und gesellschaftskritische Deutung
In Brontés Roman finden sich ebenso starke soziakritische Elemente, die Englands Umbruch im 19. Jahrhundert Rechnung tragen, da der gentry, Landadel, an Bedeutung verlor und der Klassenkampf an Einfluss zunahm. So muss man Heathcliff als underdog bezeichnen, der wie die Iren unter der britischen Herrschaft, gar nicht erbberechtigt war und perspektivlos blieb. In der strengen Hierarchie wird er lange nur gedemüdigt und hätte auch an dem ihm widerfahrenen Torturen zerbrechen können.
Im Ausland, vermutlich illegal durch Schmuggel zu Geld gekommen, rächt er sich und zeigt die Büchse der Pandora, den Kapitalismus. Geld, Verträge, Zwang setzt er in seinem Vernichtungszug gegen den Rivalen, zunächst den Stiefbruder, danach den Ehemann Catherines ein, um beide zu ruinieren. In ihm personifiziert sich die Grausamkeit der viktorianischen Klassengesellschaft und die Macht des Geldes.
Das Narrativ erlaubt in seiner Art durchaus auch einen feministischen Ansatz. Catherine heiratet Edgar aus Berechnung, da auch sie nicht erbberechtigt ist und sie toleriert durchaus den Niedergang ihres Bruders, der ihr Möglichkeiten eröffnet. In ihrem Streben nach Anpassung assimiliert sie sich zu sehr, was zur Selbstverleugnung und schließlich in den Wahnsinn führt. Fazit: Ihre Emanzipation kommt zu früh.

Foto Bernd Oei: Von der Steilküste war vom Nebel verschluckt, wenig zu sehen. Da die Insel ungeschützt den heftigen, salzhaltigen Westwinden ausgesetzt ist, gibt es auf der gesamten Insel keine Bäume. Die Pflanzenwelt klammert sich flach an den Boden und bildet ein robustes, raues Ökosystem.

Foto Bernd Oei: Ruinen des ehemaligen Leuchtturms. Häufig ist von Europas Ende die Rede. https://weltwoche.ch/daily/europas-ende/
Mythische Interpretation
Der Roman Brontés ist vor allem eines: mythisch und daher in gewisser Weise keltisch. Die Beschreibung der Natur geht über Symbolismus hinaus wie das Moor hier mehr spiegelt als den Sumpf menschlichen Verlangens. Zu omnipräsent ist der Gegensatz zwischen Sturm, Energie, Wildheit der Natur einerseits und Ruhe, Passivität, Künstlichkeit der anderen Welt, dem Eigentum Edgars auf Thrushcross Grange.
Die Autorin spielt mit der unsichtbaren Welt der Geister, der Einbildungskraft im Nebel und erzeugt eine Atmosphäre der Transzendenz Die Liebe (zumindest die starken Emotionen) zwischen Heathcliff und Catherine sprengt die Grenzen des Irdischen. Sie entspricht keiner klassischen Romanze, sondern einer spirituelle Sehnsucht nach Verschmelzung, die erst im Tod und im gemeinsamen Spuken als Geister auf dem Moor Erfüllung findet.
Einige Kritiker sehen in Heathcliff nicht nur den unbestimmten Anderen, sondern einen Iren, der von den britischen Siedlern wie ein Sklave gehalten und stets verspottet wird. Konkrete Ansätze dafür gibt es nicht. Seine Brutalität entspricht jedoch der Landschaft, in der nur die Stärksten überleben können. Catherine, auf ihre Weise auch stark und vital, erkennt das schon im Kindesalter. Sie spricht von der Seelenverwandtschaft mit Heathcliff: „„Woraus unsere Seelen auch gemacht sein mögen, seine und meine sind gleich.„

Fotos Bernd Oei: Blick in die Tiefe und in das Auge der Nebelbank. Bei klarer Sicht file:///home/bernd/Bilder/island-cliffs-peninsula-ireland-2564478269.html

Liebe zu einem Felsen
Für manche ist auch nicht Heathcliff der wichtigste Protagonist, sondern eben Catherine. Ich persönlich spreche hier von Doppelhelden. Catherine analysiert ihre Beziehung zu ihrem Gatten, den sie zu keinem Zeitpunkt liebt, während ihr Begehren zu Heathcliff, dem sie (im Roman nicht, im Film schon) nachgibt, zunehmend verrückt macht. „„Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub im Walde: Die Zeit wird sie verändern, das weiß ich wohl, wie der Winter die Bäume verändert. Meine Liebe zu Heathcliff gleicht den ewigen Felsen darunter: Quelle wenig sichtbarer Freude, aber notwendig.“
Heathcliffs Stärke schwindet mit ihrem Tod. Auch er will wahnsinnig werden und ihr folgen, um ganz mit ihr zu verschmelzen. „Sei immer um mich, nimm jede Gestalt an, treibe mich zum Wahnsinn – nur lass mich nicht in diesem Abgrund, wo ich dich nicht finden kann!“
Beide sterben auf ähnliche Weise an physisch-psychischer Erschöpfung, als ihr Lebenssinn nicht mehr existiert. Catherine erleidet nach einer letzten Begegnung mit Heathcliff eine Frühgeburt; ihr männliches Alter Ego versteinert, um 18 Jahre in seiner Agonie zu versinken. Als Sterbeort wählt er das Mädchenzimmer Catherines, das er wie einen Schrein gehütet hat.
Summa summarum handelt es sich trotz der Intensität nicht um eine Liebesgeschichte oder eben eine der toxischen Art. Man kann das Narrativ in seiner Tonalität zur schwarzen Romantik zählen. Im Vordergrund steht der Furor, die Rache Heathcliffs, der auch bewusst die Tochter seines Schwagers verführt, heiratet und schändet. Liebe im tieferen Sinn kennt überhaupt niemand auf „Wuthering Heights“. /https:/soerenheim.wordpress.com/2025/02/28/absolut-keine-liebesgeschichte-emily-brontes-wuthering-heights/
Videos Bernd Oei: Dursey, Zwei Aufnahmen von den vorgelagerten Inseln Bull’s Rock, Cow’s Rock und Calf’s Rock mit Brandungsgeräusch.
An einem anderen Tag von der Ferne aus bei halbwegs gutem Wetter der Blick von oben auf die drei vorgelagerten Inseln:







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