Das Leben ist ein Spiegel

Foto Bernd Oei: Aufstieg zum „Hungrigen Berg“, der höchsten Erhebung der Beara-Halbinsel. https://trips.ie/de/hungry-hill/

Der hungrige Berg

Die britische Schriftstellerin Daphne Busson du Maurier (alias Lady Browning, 1907-87) schrieb einen Roman, der den Titel eines Berges auf der Beara Halbinsel trägt: The hungry hill. Berühmtheit erlangte die Autorin durch die Verfilmung ihrer Klassiker Rebecca und Die Vögel durch ihren Landsmann Alfred Hitchcock sowie die filmische Adaption „Wenn die Gondeln Trauer tragen„. Sie gilt als bestes Beispiel für äußerst erfolgreiche Schriftsteller, denen die poetische Anerkennung der Fachwelt versagt blieb, da man ihren Schreibstil als klischeehaft bemängelte.

Hungry Hill – deutsche Version Die Erben von Clonmere – stammt aus dem Jahr 1943. Er ist der höchste Berg der Beara-Halbinsel, der Titel und Schauplatz eines berühmten historischen Romans von Daphne du Maurier und ein geschichtsträchtiges Zentrum des Kupferbergbaus im 19. Jahrhundert, der für den starken Rückgang der Wälder verantwortlich zeichnet, so dass die Beara-REgion heute weitgehend karstig, teilweise wie eine Mondkraterlandschaft wirkt.

Hungry Hill ist mit 685 Metern (2.247 Fuß) die höchste Erhebung der Caha-Berge und der gesamten Beara-Halbinsel. Er liegt im Südwesten Irlands an der Grenze zwischen den Grafschaften Cork und Kerry, wobei sich der eigentliche Gipfel auf der Cork-Seite befindet. Die nächstgelegne Ortschaft ist Adrigole.

Fotos Bernd Oei: Der Hungry Hill, zu Füßen des Ortes Adrigole, Beara – Halbinsel Südwestirland und auf seinem Rücken mit der charkateristischen Entwaldung unter Einfluss des Kupferabbaus: Im 19. Jahrhundert brauchte man für 1 kg Kupfergewinn 200 bis 300 kg Holzkohle, umgerechnet rund 700 bis 1.200 kg Baumholz entspricht, also über eine Tonne Holz pro Kilogramm Kupfer.

Foto Bernd Oei: Hausruine auf dem Hungry Hill. Viele der ehemaligen Bergarbeiterwohnungen aus dem Indusrialismus stehen heute leer. https://www.hillwalktours.de/wandern-reiseblog/beara-way-uebersicht-wander-wo-die-zeit-still-zu-stehen-scheint/

Das Erbe der Mienen

Im Roman – ähnlich wie in „Die Glasbläser“ – beschreibt Daphne du Maurier eine epische Familiensaga das Schicksal der anglo-irischen Familie Brodrick über einen Zeitraum von hundert Jahren von 1820 bis 1920 (über fünf Generationen hinweg). Die Geschichte beginnt, als „Cooper John“ Brodrick auf dem Berg Hungry Hill eine Kupfermine gründet. Dadurch wird der einheimische Morty Donovan, dessen Familie das Land früher gehörte, bitter enttäuscht. Er belegt die Brodricks und ihre Mine mit einem Fluch: Die Mine und ihr Haus würden in Ruinen enden, die Kinder vergessen sein, aber der Berg bleibe bestehen.

Die Brodricks werden durch den Kupferabbau reich, doch der Wohlstand bringt kein Glück. Das Buch begleitet fünf männliche Erben der Familie. Wie ein roter Faden ziehen sich Gier, frühe Tode, Selbstzerstörung, Unglück und der unversöhnliche Konflikt mit den enteigneten Donovans durch das Leben der Familie.

Der Roman basiert lose auf der realen Geschichte der Familie Puxley, anglo-irischen Großgrundbesitzern, die im 19. Jahrhundert auf der Beara-Halbinsel im Südwesten Irlands (County Cork) ein Bergbauimperium aufbaute. Die Familie Puxley betrieb ab 1812 extrem erfolgreiche Kupferminen in Allihies auf der Beara-Halbinsel. Im Roman verlegte du Maurier den Kupferabbau direkt auf den nahegelegenen Berg Hungry Hill mit seinem symbolträchtigen Namen.

Die Romanfigur des Patriarchen „Copper John“ Brodrick ist dem realen John Puxley nachempfunden. Dieser legte den Grundstein für den immensen Reichtum der Familie durch die industrielle Ausbeutung der irischen Erzvorkommen. Der Roman endet im Jahr 1920 mit der vollständigen Erfüllung des Generationenfluchs, dem physischen Untergang des Familiensitzes und einer bitteren, aber auch befreienden Schlusserkenntnis, dass der wahre Feind der Familie nicht die Magie der Donovans war, sondern der eigene Charakter ist.

Fotos Bernd Oei: Der Hungry Hill zwischen Adrigole und Castletownbere, eine Strecke von 21 km. Die Halbinsel ist nach der altirischen Fruchtbarkeitsgöttin Beara (Caillech Bhéarra) benannt. Der höchste Berg – 685 m (2.247 ft) – besteht aus Schiefer.

Felsen wie Kathedralen

Auch William Makepeace Thackeray (1811-63)- u .a. Vanity Fair (Jahrmarkt der Eitelkeiten) – bereiste Irland ausgiebig und hielt seine Eindrücke in seinem Werk „The Irish Sketchbook“ (1843) fest. Er bereiste dabei die Beara-Halbinsel zu Pferd und war besonders von Glengarriff, dem östlichen Tor zur Halbinsel, tief beeindruckt. Er rühmte die dortige Landschaft als so prachtvoll, dass „keine Feder eine Vorstellung davon vermitteln könne“ und verglich ihre Schönheit mit der Schweiz.

1842 reiste der in Kalkutta geborene britische Schriftsteller entlang der Südküste der Beara-Halbinsel. Seine Route und die markantesten Punkte, die er sah und beschrieb, lassen sich präzise rekonstruieren Er beschrieb überschwänglich die Bucht mit ihren bewaldeten Inseln und den Kontrast zwischen der subtropischen Vegetation am Wasser (dank des Golfstromes) und den kahlen Bergen im Hintergrund.

Ausführlich schildert Thackary die Bantry Bay und die Caha-Berge: Von Glengarriff aus blickte er über die weite Bucht auf die majestätische Kette der Berge. Er bezeichnete bzw. verglich das Panorama der Halbinsel mit einer Aneinanderreihung „großer Dome“.

Hungry Hill & Castletownbere: Thackeray reiste weiter westlich in Richtung Castletown Bearhaven (heute Castletownbere). Auf diesem Weg passierte er unweigerlich die markante Silhouette des Hungry Hill, des höchsten Berges der Halbinsel. Er sah den Berg allerdings in einem sehr düsteren, sozialkritischen Kontext: In seinem Reisebuch schilderte er eindringlich die extreme Armut in den winzigen, provisorischen Steinhütten am Fuße dieser kargen Berge, in denen die irische Landbevölkerung kurz vor der großen Hungersnot hauste.

Eine Binsenweisheit hat der Meister des satirischen Romans in seinem Reisebuch auch parat: „Das Leben ist ein Spiegel: Wenn man finster dreinblickt, schaut es finster zurück; wenn man lächelt, erwidert es die Freundlichkeit.“

Fotos Bernd Oei: Beara-Wanderweg auf dem Hungry Hill, der Adrigole mit Castletownbere verbindet und dabei immer wieder spektakuläre Blicke auf den wilden Atlantik (Bantry Bay) freigibt. https://de.wikipedia.org/wiki/Bantry_Bay

Foto Bernd Oei: Von den zahlreichen Wasserfällen, die den „Hungrigen Berg“ speisen, ist der Mareś Tale der größte. Thackary erwähnt ihn, wie er in mehreren Kaskaden über 200 m in die Tiefe rauscht und dies 4 km westlich von Adrigole. https://irlandnews.com/der-mares-tail-wasserfall-ein-tosend-stiller-champion/ Die Speisung erfolgt aus einem Gletschersee.

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