Aristoteles: „Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, bleibt zu Recht ein Sklave.“

Aristoteles Büste
Aristotle’s Bust (plaster)

Man möchte meinen, wir hätten die Demokratie und die Freiheit (beides geht durchaus nicht Hand in Hand) in 2500 Jahren zumindest in unserer westeuropäischen Kultur verinnerlicht und sogar weiterentwickelt. Doch kritisch betrachtet waren die Hellenen wohl freier und demokratischer als wir, trotz Sklaven. Paradox? Idealisieren sollte man die Zeit nicht, aber Philosophie und Nachdenken galt als höchste Tugend und ganz gewiss nicht Geldverdienen oder Spaß haben. Was hat uns ein Denker aus dem längst unterggangenen Reich Makedoniens heute noch zu sagen?

Vordenker der Naturwissenschaft

Fast alle großen Forscher, erwähnt seien hier nur stellvertretend Humboldt, Linné und Darwin, geben den Makedonier und Lehrer Alexander des Großen als Vorbild und lexikalische Koryphäe an. Denken macht frei und nur wer genau beobachtet, kann auch wissen. Er ist weder auf Mutmaßung noch das Wissen anderer angewiesen. Er ist weniger fremdgesteuert und toleranter, weil weniger xenophob. Er ist neugieriger und versteht Wissenschaft als grundlegende Kultur und Basis für zwischenmenschliche Interaktion.

Einer der zehn bedeutendsten Philosophen ist sicherlich Aristoteles. Zusammenfassungen bieten nebst Wikipedia inzwischen auch you tube Videos.

Ergänzung zu Platon: drei Unterschiede

Fragt man nach seinen Leistungen, so würde ich in einem Kurzportrait folgendes zusammenfassen: Ja, er war ein Schüler, nicht Gegenspieler, aber eigenständiger und kongruenter Denker zu Platon. Ohne die beiden gäbe es unser abendländisches Weltbild so nicht und dies ist ausdrücklich nicht als Dualismus zu verstehen. Das Verhältnis zwischen ihnen, anfangs Lehrer-Schüler, zuletzt gleichberechtigt nebeneinander stehend ist fast vergleichbar mit dem jungen Platon zu Sokrates.

Die Unterschiede (Chorismos) https://www.schwabeonline.ch/schwabe-xaveropp/elibrary/start.xav?start=%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27verw.chorismos%27%5D

auf einen Idealismus (Platon) und Materialismus oder Empirismus (Aristoteles) herunter zu brechen, wird beiden nicht gerecht. Die drei elementaren Differenzen sind:

1) Aristoteles vertraute vornehmlich auf die fünf Sinne, das Beobachten und Kategorisieren.

Er trennte alle Wissenschaften nach Methode und hielt die Metaphysik für die Metaebene und Vogelperspektive. Platon hingegen, für den Physik als Welt des Scheins eine untergeordnete Rolle spielt, gewichtet die Hierarchien stärker und betont das Zusammenspiel aller natur- und geisteswissenschaftlichen Kräfte.

2) Aristoteles Weltbild ist auf Veränderung ausgelegt, sehr dynamisch und daher immanent. Er unterscheidet in seinen Syllogismen nach induktiver Methode wie von besonderen auf allgemeine Eigenschaften und Qualitäten geschlussfolgert werden kann. Generell hat die Logik einen größeren Stellenwert als bei seinem Lehrmeister. Wissen (episteme) wird folglich gemacht bzw. verändert sich permanent, wenngleich auch für Aristoteles elementare Bestandteile dianouetisch festgelegt sind. https://de.wikipedia.org/wiki/Dianoiologie

Platon hingegen hält alles Wissen für wesentliches Wiedererinnern, die Welt durch Ideen im inneren zusammengehalten und Veränderungen nur auf der phänomenologischen und akzidentellen, nicht der substantiellen Seite für gegeben. Er ist u. a. Vordenker von Nietzsches Ewiger Wiederkehr des Gleichen.

3) Ethik ist zwar auch für Aristoteles ein Teilgebiet der Politik, die Tugendlehre unterscheidet auch er in Charakter- und Vernunft-Tugenden, doch betont er die Notwendigkeit des praktischen Einübens des Guten (arete) und ist skeptisch, dass Ethik durch Wissen vermittelbar ist.

Für Platon hingegen sind die Wissenden automatisch näher an der Weisheit und letztlich Philosophen per se die besseren, weil vernünftigeren und damit automatisch auch moralischeren Menschen. Er zieht eine lineare und symmetrische Verbindung von Bildung und Ethos; Aristoteles verneint dies.

Analogien

Die Gemeinsamkeiten überwiegen und müssen hier nicht alle erwähnt werden. Tendenziell ist Aristoteles der praktischere und dynamischere von beiden, erdverbundener, weshalb er in der Philosophenschule von Rafael auch mit ausgestrecktem Arm und nach unten zeigenden Fingern allegorisiert wird. Platon mit der Geste gen Himmel ist der auf Ideale und Ideen, kosmologisch ausgerichteter Denker.

Grundsätzlich repräsentieren beide Mentalitäten oder, wie Jaspers es bezeichnet, Weltanschauungen und Einstellungen. Die platonische ist kontemplativ, die des Aristoteles aktiv: die Weltanschauung Platons ist  bei aller Vernunft mystisch, die des Aristoteles rational.

Drei Wesensmerkmale

Die wichtigsten Leistungen Aristoteles, die bis heute Geltung haben, sind: die Logik; bis auf wenige additive Modelle gelten noch immer die 64 von Aristoteles aufgestellten Denk-Sätze von zwei Prämissen, die zu einer eindeutigen Konklusion führen müssen. Generell ist Platon der poetischere von beiden, wobei Platon durchaus den Begriffen Spielraum lässt (sie haben nur Anteil an den Ideen): Aristoteles hingegen beschreibt sachlich nüchtern, präzise.

Neben der Logik verdanken wir Aristoteles die beiden Ethiken, wobei die Nikomachische die bekanntere ist. Drei Elemente sind entscheidend: Glück(Seligkeit) ist lernbar und objektiv. Es geht nicht wie bei Epikur um das persönliche Maß und auch nicht um Lust, wenngleich beide eine dauerhafte Zufriedenheit damit verbinden. Eudaimonia beinhaltet primär die Kenntnis der eigenen Fähigkeiten und diese überindividuell, folglich im Sinne der conditio humana zu entwickeln. https://www.eudaimonic.at/eudaimonie/

Es geht auch nicht wie bei Platon darum, diese Ethik gesetzlich nomologisch einer bestimmten moralischen Haltung zuzuführen, sondern um lebenslanges Lernen zum Verinnerlichen und Vervollkommnen dieser Haltung. Für Aristoteles gibt es nur einen Wert, der nicht situativ bedingt ist: die Gerechtigkeit. Alle anderen ethischen Verhaltensformen sind mehr oder weniger gut und schlecht, nie absolut.

https://www.textlog.de/4728.html

Zweitens: es gibt immer eine goldene Mitte des Maßhaltens. Diese muss von Fall zu Fall neu geprüft und beurteilt werden. Der Zweck, um den es Aristoteles immer geht, besteht nicht darin, glücklich für sich zu sein, sondern zur Glückseligkeit aller und damit zum Frieden innerhalb der Gesellschaft beizutragen. Daher sind die Kontingente immer zu beachten und interagieren mit dem eigenen Verhalten. Dies führt dazu, die Vernunft deutlich vom Verstand zu unterscheiden. Erstere ist ein flexibles Instrument, die zu einer Verhaltensveränderung führt; letzteres ein kognitiver Apparat, der wie ein Muskel geübt wird, aber doch zur gleichen Funktion dient.

Drittens: Verantwortung besteht immer politisch durch aufrechtes Kommunizieren. Es muss, wie Hanna Arendt weiterentwickelt, ein Versprechen und ein Verzeihen gewährleistet sein. Macht ist keineswegs etwas, was man haben oder an sich anstreben kann. Es leitet sich von Machen und Können im Sinn von Vermögen ab. ES bedeutet, dass es keine gute oder schlechte Regierungsform gibt, sondern diese wie das Verhaltend des Einzelnen der Situation entsprechen muss, damit Gutes verwirklicht werden kann zum Wohle aller. Aristoteles Ethik ist neben der Kantischen (Gesinnungsethik) und der Utilitaristischen (Erfolgsethik) die dritte grundsätzliche Wahl. Weder unterwirft sie sich einem Prinzip noch dem bloßen Nutzen einer Mehrheit. Sie ist zweckgerichtet, doch der Zweck ist keineswegs immer gleich.

Aristoteles ist dem Denken Hegels, Platon das dem Denken Kants intrinsisch verbunden und am nächsten. Beide deutsche Aufklärer sind allerdings Transzendentalsten und stellen die Idee bzw. das Prinzip über alles andere. Freiheit ist in diesem Fall immer das Wissen um Notwendigkeit und Handeln nur innerhalb der präskriptiven bzw. kategorischen Moral frei zu nennen.

Fazit: Wer sich mit Philosophie, gleich welche Richtung, beschäftigt, ist gut beraten, sich eingehend und nicht nur flüchtig mit Aristoteles zu beschäftigen. Für die Gegenwart ist er erstaunlich aktuell. Die Grundfragen zur Bestimmung eines Dings oder eines seelischen Zustandes, selbst eines Gefühls, führen immer auf seine vier Gründe zurück: Was, woher, wohin, wozu. Nach Aristoteles gibt es insgesamt vier Ursachen.

causa materialis (Stoffursache): Was

causa formalis (Formursache): Wozu

causa efficiens (Wirkursache): Wohin

causa finalis (Zweckursache): Wozu

Nur letztere, Philosophen häufig gestellte Frage nach dem Warum bleibt er uns schuldig – zurecht. Sie würde notwendig ein regressum ad infinitum und zu einer subjektiven Bewertung führen.https://de.wikipedia.org/wiki/Infiniter_Regress

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