Entkleistet oder entgleist?

Foto: Bühne in Verden, Stadthalle Am Holzmarkt 3 https://www.stadthalle-verden.de/stadthalle.html. „Der zerbrochene Krug“ wurde am 18.11. 2025 leider miserabel inszeniert aufgeführt. Eine Frechheit für alle Kleistianer und vielleicht auch neutrale Zuschauer. Frage: Wie kann man nur?

Der zerbrochene Krug

Nicht nur ein Krug kann zerbrochen werden, sondern auch ein Stück (Lustspiel, das Lust machen sollte). Es ist nichts Neues, dass Regisseure von heute sich zur großen Kunst berufen fühlen und sich an Klassikern vergreifen. Im Bestreben, das Stück an die moderne Zeit anzugleichen, mitunter Sprach-und Rollenverständnis und es aufzupeppen mit eigenen Einfällen, bleiben manchmal nur Scherben. So auch am 18.11.2025 in der Stadthalle Verden. https://www.stadthalle-verden.de/stadthalle/geschichte.html

Heinrich von Kleist (1877-1811) hat seine Komödie nie aufgeführt gesehen, zum Glück für ihn, muss man sagen: weder die willentliche Verhunzung von Geheimrat Goethe in Weimar am 2.8. 1808 https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/deutsch-und-literatur/heinrich-von-kleist-dossier100.html noch die nachfolgenden in der an Text und Aufbau gehörig gedreht, verqueert und der ursprüngliche Sinn wie der schöne Krug von Marthe Rull zerschlagen wurden. Nach dem Motto Hauptsache modern wurde Kleist zum x.-ten male verspielt zu Grabe getragen.

Verantwortlich für die Inszenierung (Premiere 13.9. 2025 im Großen Haus, Hildesheim) ist Ulrike Müller, mehrfach ausgezeichnete Spielleiterin aus Cottbus https://ulrikemueller.de/vita. Die heute in Berlin lebende 44-Jährige ist auch Autorin und hat sich mit Kindertheater früh einen Namen gemacht, was dem „zerbrochenen Krug“ auch anzumerken war/ist. Ihr Stück gastiert(e) an zahlreichen Orten in Niedersachsen und reist(e) daher fast ebenso viel wie der umtriebige Heinrich von Kleist, der über eine entgleiste Vorstellung mehr kaum verwundert sein dürfte.

Zugutehalten möchte man Frau Müller(siehe Bild oben), dass Sie sich an die Textvorlage hält und weder unnötige Längen noch Kürzungen vorgenommen hat wie ihre Kollegen. Zumindest fast, denn am Ende weicht sie dann doch vom Original ab: So verlangt der bisher auf das Recht besonnene Gerichtsrat Walter in der Manier des Dorfrichters Adam angetrunken Jungfer Eve Rull einen Kuss für den Freikauf ihres Bräutigams Ruprecht Tümpel ab. Zudem spart sie sich die Person seines Vaters, der im Original (12. Auftritt) anstelle des Gerichtsrats ausruft „Küßt und versöhnt und liebt euch; / Und Pfingsten, wenn ihr wollt, mag Hochzeit sein!“ http://www.zeno.org/Literatur/M/Kleist,+Heinrich+von/Dramen/Der+zerbrochene+Krug/12.+Auftritt

Das zum Positiven des reichlich verkleisteten Abends. Zu hören ist das Original (Betonung liegt auf saubere sprachliche Artikulation u.a. unter https://www.youtube.com/watch?v=_zV2fDEGlMA. Dort wenigstens kommt das Wort und damit die Sprache noch zu ihrem Recht.

Inszenierung

Wer eine lustige, kindgerechte Zusammenfassung wünscht, der möge sich Sommers Weltliteratur mit üblichen Playmobilfiguren zu Gemüte führen. https://sommers-weltliteratur.de/videos/der-zerbrochne-krug-von-heinrich-von-kleist-2/ Der Hinweis erscheint hier geboten, da Ulrike Müller selbst das Stück infantilisiert. Das beginnt mit der kindergerechten Kleidung (O-Ton) Müller: „Bühne und Kostüme entziehen sich einer klaren Zuordnung. Ich wollte einen Spielraum, weniger einen Bedeutungsraum“) und Kinderfrisur, die zumindest Eve und Ruprecht in die Pubertät zurückversetzen. Des weiteren wird munter geschubst und am Boden gekrochen, viel gerannt und geschrien, mit Türen geknallt und roten Bällen sowie richterlichen Akten bzw. Kassenbüchern hin und her geworfen. so dass Hänschen und Gretchen ihre Freude daran haben. Auch so erzeugt man Chaos, das Kleists Stücke auszeichnet.

Um es vorwegzunehmen: Ulrike Müller gibt an selbst an, dass sie den Schwerpunkt des „zerbrochenen Kruges“ auf der sexuellen Gewalt im Sinne einer Me too Debatte gelegt hat und zeigen will „Wie schwer es bis heute ist, Machtstrukturen , patriarchale Systeme zu durchbrechen … Der zerbrochene Krug ist ein Metapher für die zerbrochene Unschuld der Eve Rull“ (Zitat wie oben Theaterprogramm theater für niedersachsen, Hildesheim) Armer von Kleist.

Das Bühnenbild zeigt die Amtsstube des Dorfrichters Adam. Bald ist im Fenster ein Ziegenkopf zu sehen, die Anspielung nebst Klumpfuß des Beamten auf seinen teuflischen und sexistischen Charakter ist deutlich. Der Boden, auf dem Adam sich anfangs wälzt – wobei der Kleistschen Eingangsszene ein gesangliches Präludium im Faust’schen Stil vorgeschaltet wird ­­– weist ein Schachbrettmuster auf. Müller: „Der schachbrettartige … Fußboden zwingt die Figuren, die Form zu wahren oder sie zu sprengen.“ Einen visuellen Eindruck vermittelt der offizielle Trailer https://www.youtube.com/watch?v=RGsoSa9Ywg4

Die Akustik war zumindest in Verden, das auf die türkischen Untertitel verzichtete, die u.a. in Nienburg und in Hildesheim eingeblendet wurden, nicht immer die Beste. Vor allem die Musikeinblendung synchron zu den gesprochenen Texten war übersteuert und wenig ohrenfreundlich. Dabei erschloss sich das viele Schreien und überlaute Deklamieren nicht immer in seiner Funktion. Neben der Musik durch zweimal eingestreute Gesänge, die Kleists Poesie verdichten, wurde auch bei jeder gerichtlichen Ankündigung fleißig mit Glocken gespielt, nach der Pause ein Glockenspiel hinzugefügt. Mag sein, dass diese Innovation Ulrike Müllers musikalischer Zusatzausbildung geschuldet ist.

Foto Bernd Oei: Stadthalte Verden, Holzmarkt 3, errichtet wurde sie in den Jahren 1828 – 1829. Bis 1987 wurde das Objekt als Kaserne genutzt.

Schauspieler

Sie hatten es nicht leicht, denn Schreien, am Boden herumkriechen, fallen, schubsen und stoßen kann anstrengend sein und zu Lasten sauberer Artikulation gehen. Daher soll an dieser Stelle kein Urteil über die Leistung der Darbieter gefällt werden, zumal weder der Autor dieses Blogs jemals Schauspielunterricht nahm noch ermessen kann, was vorgegeben und was individuell interpretiert wurde. Jedes Urteil ist subjektiv und selbst der sparsame Beifall des Publikums nur bedingt aussagekräftig. Als Kleistianer, der vielen seiner Dramen beiwohnte, bleibt persönlich nur Fassungslosigkeit. Danke, Frau Müller …

In die Rolle des schurkischen und vom zweifach Zerschlagen des Kruges an seinem Kopf gezeichneten Adams schlüpft Martin Schwartengräber, westfälischer, auch in Österreich auftretender Mime, der heute in Hildesheim lebt. https://tfn-online.de/ueber-uns/person/martin-schwartengraeber. Er erinnert sich an seine spektakulärsten Bühnenstürze https://www.youtube.com/watch?v=t9N1UZ-asjI, zu denen seine bei Kleist gezeigten nicht gehören, doch das Video ist auch vor diesem Engagement entstanden. Seit fast zehn Jahren ist er Teil des Ensembles theater für niedersachsen. Seine Fähigkeiten sollen hier keinesfalls diskreditiert werden, es fiel durch das angewiesene Rennen, Stolpern und Fallen nur schwer, seine Charakterdarstellung zu würdigen. Anstelle von Komik regierte Klamauk, der allerdings gewollt und angewiesen sein dürfte, dafür hat man bekanntlich eine Spielleitung.

Foto; theater für niedersachsen, Dorfrichter Adam (Schwartengräber) links und Gerichrsrat Walter (Klein) rechts

Den karrierebeflissenen Gerichtsschreiber Licht, der seine Chance auf das Dorfrichteramt wahrnimmt, gab/gibt Paul Hofmann der nach dem Mauerfall geborene und in Hamburg aufgewachsene Paul Hofmann, der erst vor kurzem zur Hildesheimer Truppe stieß. https://tfn-online.de/ueber-uns/person/paul-hofmann. Er kam der angelegten Rolle ehrgeizig, skrupellos und dennoch dem sprechenden Namen gebührend aufklärerisch wirken zu wollen, am nächsten.

Die dritte Rolle des Gerichtsrats Walter fiel / fällt Manuel Klein zu, der in der Pfalz geboren und auch als Dozent tätig ist. https://www.theapolis.de/de/profil/manuel-klein-1 Seine Rolle als penibler, auf dir korrekte Ausführung des Justizverfahrens und unbestechlicher Vorgesetzter füllte er mit einer spröden Art bis zum Ende aus, bevor er betrunken (per Regieanweisung) Eve einen Kuss für seine Dienste abverlangt und damit nur zeigt, dass auch er Teil des Patriarchats und der egoistischen Vorteilnahme des Mächtigen verkörpert. Das Kleistische Moment des in der Schwebe Haltens wurde somit ad absurdum geführt.

Foto theater niedersachen, Stadthalle Verden, Bühnenbild. Zweiter von rechts Paul Hofmann in der Rolle des Gerichtsschreibers Licht.

Daniele Veterale, als Ruprecht Tümpel, dem kein Vater an die Seite gestellt wird, mimt(e) mit seiner Struwelpeterfrisur den überaus eifersüchtigen Verlobten von Eve. Wie der sprechende Name verrät, ist seine Rolle als schlichter Vertreter seines Geschlechts angelegt. Der in Wiesbaden aufgewachsene Deutsch-Italiener hat in seiner Vita zahlreiche Jugend- und Kinderstücke vorzuweisen, ebenso Shakespeare und Faust- Inszenierungen. Auch er lebt und wirkt erst seit kurzem im Hildesheimer Ensemble mit. Seine Deklamation wurde durch die, möglicherweise angewiesene, extrem laute und hastig vorgetragene Sprechweise, befremdlich hysterisch. Das ohnehin schlichte Gemüt seines Charakters erschien infantilisiert.

Nochmals: Eine Möglichkeit, den Originaltext ungestört von Nebengeräuschen zu hören ist https://www.youtube.com/watch?v=_zV2fDEGlMA

Foto Bernd Oei: Verden, Stadthalle, Theatersaal, Empore, Kleist fast vor eintreffendem Publikum. Etwa 60 Kulturveranstaltungen finden hier p.a. statt.

Schauspielerinnen

Simone Mende https://www.dt-goettingen.de/menschen/simone-mende gab die resolute, wie eine Löwin um die Erstattung ihres Kruges kämpfende Mutter Marthe Rull, eine gewiss tragende Rolle im Stück. Als Einzige der Akteure stammt sie aus den ehemaligen DDR (Thüringen) und bekleidete bereits zahlreiche Hauptfiguren in klassischen Stücken an verschiedenen Bühnen in Ost und West. Sie kam dem vorgegebenen Charakter Kleists am nächsten, da sie sich am allgemeinen Überbrüllen und Wegschubsen oder Ball- und Akten-Auffangen nicht beteiligen musste, sondern stets die Marthe Rull sein durfte. Ihr Weg führt im Stück konsequent nach Utrecht zum Gericht und erlaubt ihr die Schlussworte des Stücks: „Gut! Auf die Woche stell ich dort mich ein.“

Foto programmheft theater für niedersachsen, Simone Mende und der zerbrochene Krug.

Lene Jäger https://www.theapolis.de/de/profil/lene-jaeger hatte die heimliche Hauptrolle, zumal ihr Schweigen beredt ist und erst im Schlussakt durch einen langen Monolog gebrochen wird. Die um die Jahrtausendwende in Worms geborene Mimin wirkt auch erst seit vergangenem Jahr an der Bühne Niedersachsens und war vorher in Mainz engagiert. Ihr wichtigster Redebeitrag litt unter lauten Nebengeräuschen der ihrer klagenden Stimme unterlegten Musik, die zudem überteuert war, so dass der Text kaum in die hinteren Ränge drang. Ihr burschikoser Look sah sich durch das Kostüm nicht vorteilhaft in Szene gesetzt, so dass die Eva als Verführerin kaum zu erkennen war.

Foto: theater für niedersachsen, links Lena Jäger, mittig Linda Riebau, die eine Doppelrolle als Frau Brigitte und Magd Grete ausfüllte. Glöckchenspiel vor dem letzten Akt.

In einer Doppelrolle zu sehen ist Linda Riebau: sie gibt sowohl die devote – mehrfach am Boden kriechende, wie eine Schülerin die Wand bekrittelnde oder sich unter dem Tisch versteckende – Magd Grete als auch die Zeugin Brigitte, welche im Stück die Perücke des Richters am Tatort findet. Riebau ist geborene Hildesheimerin und bekleidete zahlreiche Rollen in klassischen Stücken; seit 2020 ist sie als Rückkehrerin Teil des Ensembles in ihrer Geburtsstadt. https://tfn-online.de/ueber-uns/person/linda-riebau. Den Charakter der Brigitte füllte sie außergewöhnlich aus, ging es doch um ihre ambivalente Darstellung von Kronzeugin und abergläubischen Dörflerin. Kleist integriert die Rückständigkeit seines deutschen Volkes mehrfach in seinen Dramen.

Foto Bernd Oei: Stadthalle Verden, 18.11. 2025 Gut gefüllte Ränge vor der Aufführung von Kleists „Der zerbrochene Krug“

In dubio pro Autor

Kleistinaner dürften sich nicht wohl gefühlt haben an diesem Abend in Verden in einer prall gefüllten, wenngleich nicht ausverkauften, Mehrzweckhalle, die so modern war wie die Interpretation der Regisseurin. Me too, das Patriarchat, Frau Müller artikuliert es selbst: „Das Komödiantische … ist e, der Figur Adam dabei zuzusehen, wie sie versucht, ihre Haut zu rette … Kleist nutzt hier das Tempo und die Logik einer Komödie.“

Es gab eine Einführung im Vorraum der Bühne durch die dramaturgische Leitung Maren Simoneit, die sich verstärkt um Kooperation mit dem ukrainischen Theater bemüht. https://www.theater-senftenberg.de/person/simoneit-maren. Es sei unkommentiert festgehalten: Eine Einführung, wie das Stück angegangen wurde, fehlte. Abgelesen wurde die Vita Kleists und der Hinweis auf die Entstehung, ein Wettstreit mit Wieland und Zschokke, der Verweis auf den Kupferstich, das diesen drei Poeten zum literarischen Wettstreit Anlass gebot und die Pleite bei der einmaligen Aufführung von Kleists durch Goehte. Ebenfalls abgelesen wurde das Zitat Thomas Manns, quasi die Gegenstimme, welche die Originalität des Dichters rühmt. Kleist selbst spricht allerdings von einem niederländischen Meister, nicht einem französischen oder belgischen, wie Simoneit in ihrer Einführung explizit ausführt. Das ist auch im Programmheft nachzulesen. Summa summarum gab die Einführung bereits das zu erwartende Niveau der Aufführung (Regie-Theater) vor.

Da einige Schüler, freiwillig oder von ihren Lehrern instruiert, dem Stück beiwohnten, könnte es sein, dass sie zu den wenigen Applaudierenden zählten. Kleist ist für sie sehr wahrscheinlich weiter weg als die Me too Debatte und das Verständnis für sexuelle Übergriffe, gegen die man sich wie in jeder Institution nur schwer erwehren kann. Durchaus vorstellbar, dass diese Zielgruppe „durch die Reduktion auf diese Botschaft samt dem trivialisierten Humor abgeholt“ wurde oder das quirlige Auftreten pubertierender Mimen. Auch möglich, dass man im Theater Hildesheim Akzente gegen die übernehmende männliche Sexualität setzen muss.

Foto theater für niedersachsen, Richter Adam links, Gerichtsdiener Adam rechts. Ein Pakt für das Patriarchat?

Kleists Ansinnen war sicherlich nicht die Infragestellung des Patriarchats, sondern die Rückständigkeit des Gerichts, die erzwungene Versetzung der Geschichte in ein anderes Land und eine andere Zeit wegen der Zensur (die Goethe vielleicht Anlass gab, das Stück dermaßen zu karikieren) und den Machtmissbrauch der Fürsten. Dies kommt deutlich zum Ausdruck an der Stelle, wo Marthe Rull (die den Krug wichtiger nimmt als das Leiden ihrer Tochter) den Krug in Kleists 7. Szene ausführlichst beschreibt:

„Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr; /Der Krüge schönster ist entzweigeschlagen. / Hier gerade auf dem Loch, wo jetzo nichts, / Sind die gesamten niederländischen Provinzen / Dem spanischen Philipp übergeben worden. / Hier im Ornat stand Kaiser Karl der Fünfte: / Von dem seht ihr nur noch die Beine stehn. / Hier kniete Philipp, und empfing die Krone: / Der liegt im Topf, bis auf den Hinterteil, / Und auch noch der hat einen Stoß empfangen. / Dort wischten seine beiden Muhmen sich, / Der Franzen und der Ungarn Königinnen, / Gerührt die Augen aus; wenn man die eine / Die Hand noch mit dem Tuch empor sieht heben,So ist’s, als weinete sie über sich. / Hier im Gefolge stützt sich Philibert, / Für den den Stoß der Kaiser aufgefangen, / Noch auf das Schwert; doch jetzo müßt er fallen, /So gut wie Maximilian: der Schlingel! / Die Schwerter unten jetzt sind weggeschlagen. / Hier in der Mitte, mit der heil’gen Mütze,/ Sah man den Erzbischof von Arras stehn; / Den hat der Teufel ganz und gar geholt,Sein Schatten nur fällt lang noch übers Pflaster. / Hier standen rings, im Grunde, Leibtrabanten, / Mit Hellebarden, dicht gedrängt, und Spießen,/ Hier Häuser, seht, vom großen Markt zu Brüssel, / Hier guckt noch ein Neugier’ger aus dem Fenster.“

Es ist verständlich, dass kaum einer im Publikum diese historischen Persönlichkeiten kennt oder ihren Wert für Kleist Kritik am Deutschen Kleinstaat bzw. seine Begeisterung für die Revolution. Ob rote Bälle, die geworfen werden hier Abhilft schafft? Weniger verständlich erscheint, dass das Politische Kleists, die inneren als auch die gesellschaftlichen Zerrüttung, sprich Chaos / Unordnung, so wenig gezeigt wird (außer durch Schubsen, Rennen, Bälle und Akten–Werfen sowie Glöckchen klingeln). Frau Müller erklärt im Programmheft , dass alle versuchen, sich über Lüge oder Schweigen zu retten. Da sie sich auf den Machtmissbrauch fokussiert. Müller: „Das Tor zur Macht ist das Tor zur Welt“ – eine überdimensional große Tür, die häufig auf und zugeht, soll dies verdeutlichen.

Seltsam mutet an, dass Frau Müller Sprache und Sprachlosigkeit als zentrales Motiv bei Kleist ausmacht, doch durch ständige Musik, Klamauk und Aktionismus diese kaum zur Wirkung kommen lässt. Für die technische Ausrichtung in Verden kann sie sicherlich nichts, doch erscheint es gewollt, dass Musik und Text synchron verlaufen, was einfach nur peinlich ist. Der spärliche Beifall des Publikums könnte ihr, sofern sie anwesend war, einen Wink gegeben haben, dass ihre Kunstgriffe nicht wirklich angekommen ist. Wer Kleists Sprache liebt, ist fehl im Auditorium. Mutmaßlich ist das der Preisgekrönten aber egal, weil Me too wichtiger ist.

Foto Bernd Oei: Stadthalle Verden, Vorraum zum Theater. Frau Simoneits Vortrag fand bald gähnende Leere vor – nicht ganz zu Unrecht.

Müller, bitte bleib bei denen Leisten (und weg von Kleist)

Frau Müller und Frau Simoneit haben wie die mitwirkenden Schauspieler Meriten in der Gesellschaft. Wer sich an Preisen orientiert ist da sicherlich gut aufgehoben. Der Respekt gebietet keine Häme, doch zu hinterfragen gilt, wer wie in Deutschland „Urteil fällt“ über ein, wie es im Programm heißt, „zerscherbtes Leben“.

im Patriarchatsductus polemisch: Wenn Frauen Kleist inszenieren, was soll dabei „herumkommen“? Etwas empirischer: niemand gefiel das nach Anfrage. Sich nur auf sexuelle Gewalt zu konzentrieren und mit dem Patriarchat zu kommen geht nicht mit Kleist zusammen, Frau Müller and Staff.

Sicherlich ist Frau Müller hervorragend, v.a. im Kindertheater aufgehoben. Anspruchsvolle Klassik, bitte neinl. Sämtliche Kleist’schen Figuren tragen sprechende Namen, u. a. Der bereits vor Adam entlarvte Richter Faul – vielleicht spricht auch (Achtung Sardonie) Frau Müller für sich.

Die Besucher passten sich dem Dargebotenen an und kamen ausnahmslos schlecht gekleidet, teilweise sogar in unvorteilhafter bis unpassender Robe ins Theater. Vorne saßen ausnahmslos „die Alten“, es scheint, als trügen sie die weiße Perücken, die eigentlich Symbolcharakter für den Machterhalt des Systems besitzen.

Hinten nahmen auch wegen der günstigeren Preise hauptsächlich kichernde Schüler ihren Platz, die sich an den infantilen Reigen auf der Bühne nicht stören dürften. Auf dem Podium (Schachbrett als Spielraum) schrien oder stammelten sicherlich gut ausgebildete Schauspieler in seltsamen Kinder- Kostümen (gar nicht neutral oder zeitlos, wie behauptet) oder gaben Gesangseinlagen. An alle Schüler: Das ist nicht Heinrich von Kleist. Geht nicht, hat er nicht verdient. Eine so preisgekrönte Regisseurin dürfte das auch sehen. Und bitte mal auf die Technik achten, wenn schon Musik synchron zum Text ….

Foto theater für niedersachsen, Programmheft- Zu sehen ist der Schachbrettboden, links Gerichtsrat Walter , sitzend die von ihm drangsalierte Magd Grete, Richter Adam, Gerichtsdiener Licht, rechts außen Marthe Rulle und der zerscherbte Krug. Aufführung am 18.11. in Verden.

Persönliches Gusto

Frau Müller hat Kleist nicht verstanden und nicht nur Akzente gesetzt. Ihn aktualisieren, o.k. Ihn und seinen Text kaputt-spielen hat er nicht verdient. Der Richter spricht: Schulnote setzen, Oder nach heutigen Maßstäben zeugnishaft formuliert: bemüht.

Meine Frau (aus der DDR wie Frau Müller) erwartete etwas Lustiges und fand nur nur Albernheit vor. Folgerichtig hörte ich mir am Abend eine Verwestlichung der ostdeutschen Mentalität, namentlich Kleist- Verstümmlung von ihrer Seite als Kommentar an. Sie war im Osten einfach ein anderes Niveau gewöhnt.

Meine Wenigkeit erwartete einfach fälschlich naiverweise Kleist und fand Müller vor. Schade, dass man solche Arbeiten diesem hervorragenden Schriftsteller zumutet und so Steuergelder für Kunst versenkt bzw. verbrennt.

Gut, dass meine Stimme nichts an der Miesere ändert. Schade aber, dass man auf diese Art Theater „überspielt „oder zerbricht wie einen Krug. Viel Glück, Frau Müller und der an diesem Abend zumindest indisponierten Frau Simoneit, beim Auflesen von Scherben, doch bin ich sicher, weitere Preise werden Ihnen zuteil werden. Leider kann ich niemanden, der Kleist liebt empfehlen, sich Ihre Form von Theater anzutun . Kein Mensch mit Geist hält das durch.

Liebe erfolgreiche preisgekrönte Frau Müller, danke dafür, dass Sie mir das Theatergehen abgewöhnen. Und meiner Frau so langsam den Zahn ziehen, da sie sieht, dass im Osten aufgewachsene Regisseure nicht schlechter Theater verstümmeln als das Regietheater im Westen.

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