Rasiere dich und zu wirst erkennen !

Foto Bernd Oei: Türme der Marktkirche St. Cosmas und Damian in Goslar, begehbarer Nordturm (66 m) und Glocken-Südturm (65,5 m)

Ockhams Rasiermesser

Wilhelm von Ockham (1288 im Südosten Englands geboren, 1347 verstorben in München) gilt als Begründer der Spätscholastik und des Nominalismus, in der die Begriffe nur als Namen, Bezeichnungen für einzelne Erscheinungen der Wirklichkeit fungieren, d. h. als Allgemeinbegriffe nur im Denken existieren und keine Entsprechungen in der Realität haben. Damit bestreitet er , dass „Allgemeinbegriffe“ (Universalien) eine von den Einzeldingen unabhängige Realität haben; vielmehr sind bloße Namen (nomina) oder vom Verstand geschaffene Konzepte (Ideen) Ockhams Position wird oft als Konzeptualismus bezeichnet, da er die Universalien zwar nicht in der Außenwelt, aber als existierende mentale Konzepte im menschlichen Geist anerkennt.

Da Universalien keine Eigenständigkeit besitzen, lehnt Ockham die Existenz von. „Menschheit“, „Gerechtigkeit“) oder „Freiheit“ als autonome Entitäten ab, die vor oder in den Einzeldingen existieren. Sie existieren stattdessen nur relativ, also im Vergleich zueinander, um Ähnlichkeiten zwischen Einzeldingen zu erfassen und zu kategorisieren, oder um mentale „Konzepte“, im Verstand zu bilden. Er steht damit im Gegensatz zu Thomas von Aquino als Universalist auf den Spuren Aristoteles.

Seine Bedeutung für heute liegt darin, dass er damit einen empirischen Ansatz förderte, der sich auf konkrete, beobachtbare Phänomene beschränkt, was die Entwicklung der modernen Wissenschaft beeinflusste. Als Beispiel dafür gilt die Rasiermesser-Methode. Sie besagt, dass man den einfachen Erklärungsmodellen den Vorzug vor den komplexeren geben muss, da diese auf mehrere Hypothesen beruhen. Der Geist soll sich auf die Logik und das Notwendige beschränken. Wörtlich heißt es „das Seiende soll nicht ohne Notwendigkeit vervielfacht werden“ (Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem.“) bzw. Eine Mehrheit von Entitäten darf nie ohne Notwendigkeit angenommen werden“ (Pluralitas non est ponenda sine necessitate“) (Eine Mehrheit von Entitäten darf nie ohne Notwendigkeit angenommen werden.

Die Rasiermesser- Metapher steht für das Wegschneiden unnötiger Annahmen, um die einfachste Erklärung zu finden, die einen Sachverhalt erklärt. Sie wurde aber nicht von ihm selbst so bezeichnet, sondern von Johannes Clauberg in dessen Übersetzungen und Erläuterungen auch obige Zitate zu entnehmen sind.Clauberg war ein aus Solingen stammender Theologe und Philosoph (1622-56), ein überzeugter Cartesianer.

Man nennt die Rasiermessermethode im Fachjargon Parsimonitätsprinzip, was sich von parsimonia, Sparsamkeit, Genügsamkeit, ableitet. Grundsätzlich lasssen sich Ockhams Schriften in politische, theologische, logische und naturbetrachtende (physikalische) Werke gliedern.

Foto Bernd Oei Goslar, St. Jacobikirche https://www.ausflugsziele-harz.de/ausflugsziele-sehenswertes/kirche-kloster-dom/goslar-st-jakobikirche.htm

Zwei Erkenntnisweisen

„Mit allen Dingen gleich, ist die einfachste Erklärung die richtige.“ Auch diese Übersetzung findet man, wenn von obigen Sparsamkeitsprinzip oder der Rasiermessermethode die Rede ist. Bis heute heißt dies, Wenn zwei Theorien die gleichen Phänomene erklären können, ist die einfachere (mit weniger Annahmen) die wahrscheinlichere. Der Franziskaner Ockham, der Aristoteles Zeichen-Logik mit vielen Worten und Begriffen füllte, hat aber mehr zu bieten.

Er spricht von zwei Erkenntnisweisen, der »abstraktiven« (»cognitio abstractiva« und der »intuitiven«»cognitio intuitiva«). Die abstrakte ist nur ein Denkvorgang, der keine Existenz der Begriffe begründet, wobei Existenz verstanden wurde als Möglichkeit, als Potenz im heutigen Sinn, also keine Realexistenz. Bei vielen Beobachtungen ähnlicher Einzeldinge abstrahiert der Verstand. Im Geist sind es nur Zeichen (»signa«, »termini«), als Sprachform nur ein »Lufthauch« (»flatus vocis«).

Den Allgemeinbegriffen entspricht also nicht Reales. Nicht einmal im Geiste Gottes existieren diese »universalia« vor den Dingen (»ante res«) – wie es vor Ockham. viele Denker formuliert hatten – denn sie müssten dann vor den Einzeldingen gewesen sein, was der Schöpfung Gottes aus dem Nichts widerspräche. Dies bedeutet eine Kritik an den traditionellen Gegenständen der Metaphysik, wie Formen, Substanzen, Akzidentien usw.; Feststellungen über Dinge sind möglich, und die gebrauchten Termini sind – wie man heute in den Wissenschaften sagt – von erster Intention, und spricht man dagegen von Wörtern wie in der Logik, so sind die Termini von zweiter Intention. Die Nominalisten wiesen damals den Allgemeinbegriffen die zweite Intention zu, während die Realisten behaupteten, sie wären von erster Intention und besäßen daher einen höheren Wirklichkeitsgehalt.

Die zweite Erkenntnisweise, die intuitive, schafft für ihn die »zweifelsfreie Gewissheit des Existierenden«, und er spricht von der »absoluten Singularität alles Wirklichen«. Diese intuitive Erkenntnis setzt andererseits die unbedingte Gegenwart des Objekts voraus. Damit bekämpft er scharf die scholastischen Realisten, die ein unabhängig von der erkennenden Instanz Existierendes postulieren: die Ideen im Geiste Gottes. Die vorherrschende Abbildtheorie über die Erkenntnis des Wirklichen wird so unterminiert.

Die Konzepttheorie von Ockham bekämpft die Vorstellung, dass ein Begriff eine abbildende Nachahmung des Wirklichen sei. Eine neue Eigenständigkeit des Denkens rückt mit dieser nominalistischen Auffassung in den Vordergrund, weil eine willentliche Zustimmung zu Sätzen und Urteilen möglich, sogar notwendig erscheint. Die Welt der Dinge wirkt wie im Vergrößerungsglas, indem das abstrakte Erkennen sich nun der Erfahrung am Konkreten öffnet. Diese Hervorhebung des Empirischen wird in der Folgezeit für die Naturphilosophie Übergewicht erlangen.

Quelle: https://www.spektrum.de/lexikon/philosophen/ockham-wilhelm-von/241

Foto Bernd Oei: Goslar, historisches Rathaus am Jacobiplatz gegenüber der St. Jacobi Kirche. Als Film https://www.youtube.com/watch?v=fDtlPabNAQ0

Die Schöpfung ist Abbildung göttlichen Denkens

Von Ockham stammt die Lehre von der „doppelten Macht Gottes“.

Wilhelm von Ockham meinte mit der „doppelten Macht Gottes“ Er trifft hier eine Unterscheidung zwischen der absoluten Allmacht Gottes (potentia dei absoluta) und seiner geordneten Macht (potentia dei ordinata), nicht zwei separate Machtarten, sondern die gleiche Allmacht, die sich auf zwei Weisen zeigt: Gott kann alles, was logisch möglich ist (absoluta), aber er hat sich durch seine Schöpfung und Offenbarung an eine Ordnung gebunden (ordinata), die er aber jederzeit durchbrechen könnte, was seine Freiheit betont und die Welt kontingent macht.

Die absolute Macht ist Gottes Fähigkeit, alles zu tun, was logisch denkbar ist, auch Dinge, die er in unserer Welt nicht tut z. B. die Schöpfung von mehr Welten, die Auferstehung von Toten, die Vergebung von Sünden ohne Sühne. Diese Macht steht über allen Naturgesetzen und logischen Notwendigkeiten, die er selbst gesetzt hat.

Die geordnete Macht ist jene die Gott in der aktuellen Welt durch die von ihm geschaffenen Naturgesetze und die menschliche Vernunft ausübt.Wir kennen Gott durch diese Ordnung, aber diese Ordnung ist nicht absolut bindend für ihn, da er sie jederzeit überwinden könnte, denn er ist nicht an seine eigenen Gesetze gebunden wie der Mensch an ihn.

Mit „doppelten Macht Gottes“ meint Ockham also nicht zwei verschiedene Mächte, sondern eine Allmacht, die sich in dem zeigt, was Gott tatsächlich tut (geordnete Macht), und dem, was er tun könnte (absolute Macht), was seine unbegrenzte Freiheit unterstreicht.

Gott bewirkt nicht das Gute, weil es gut an sich ist, sondern weil es sein Wille ist (Voluntarismus-Argument).

Foto Bernd Oei: Goslar, Türme der St. Jacobikirche. aus dem13. Jahrhundert. Das heutige Erscheinungsbild aus dem 17. Goslar gilt als Nordisches Rom

Der Papst als Feind

Wilhelm von Ockhams Hauptgegner waren die päpstliche Kurie unter Papst Johannes XXII., die seine Lehre der radikalen Armut des Franziskanerordens ablehnte, sowie realistische Philosophen und Theologen (wie der Konziliarist Jean Gerson, der ihm scharf entgegentrat), die gegen seine nominalistische Kritik an den Universalien und seine Betonung der empirischen Erkenntnis auftraten. Er geriet durch den Armutsstreit und seine politische Allianz mit Kaiser Ludwig dem Bayern in Konflikt mit der Kirche, was zu seiner Exkommunikation führte.

Der Armutsstreit bei Ockham bezieht sich auf seine entschiedene Verteidigung des radikalen Armutsideals der Franziskaner, im Gegensatz zu denen, die eine Lockerung der strengen Armut (Besitzlosigkeit) forderten, was zu einer großen Spaltung im Orden führte und ihn in einen schweren Konflikt mit dem Papsttum brachte.

Ockham argumentierte mit logischen und theologischen Schriften, wie dem Opus nonaginta dierum, gegen päpstliche Bullen, die eine Lockerung der Besitzlosigkeit erlaubten, und betonte die Notwendigkeit der völligen Armut für die Brüder, was ihn in die Nähe der Häresie brachte. Sie führte auch zu seiner Flucht nach München, wo er mutmaßlich der Pest erlag.

Foto Bernd Oei: Figur an der alten Ratsapotheke, Darstellung des „Kräutersammlers„, der Kräuter-August. https://touren.harzinfo.de/de/poi/hoehle/kraeuter-august-hoehle/11736788/

Gott wirkt unmittelbar

In vielen Deutungen wird Ockham gekennzeichnet als ein Theoretiker des göttlichen Gebotes: Er behauptet, dass alles, was Gott tut, Gott gerechterweise
tut,und dass Gott nicht das tun kann, was er nicht tun sollte, da er nicht durch irgend etwas verpflichtet werden kann, was außerhalb seiner Natur liegt.
In Bezug auf die Geschöpfe hat Gott keine Verpflichtungen, außer für diejenigen, die sein eigener Wille geschaffen hat. Welche Belohnungen oder Strafen
auch immer auferlegt werden, sie werden gerecht sein, sogar das Leiden des Unschuldigen. Gott hat sich selbst nicht dazu verpflichtet, das Leiden vom Un-
schuldigen abzuwenden; der Tod Christi am Kreuz zeugt davon.

Ockham hält daran fest, dass Gott als unser Schöpfer sich ohne Ungerechtigkeit dazu entschieden haben könnte, uns zu vernichten. Ob Menschen ihr Ziel
gemäß ihrer Natur erreichen, hängt gänzlich von Gottes freier und kontingenter Entscheidung ab; was als menschliches Verdienst gilt, ist bestimmt durch Gottes Gebot. Göttliche Gebote schaffen moralische Verpflichtungen für Geschöpfe sogar in der Sphäre natürlicher Tugend.

Quelle: https://philosophisches-jahrbuch.de/wp-content/uploads/2019/03/PJ101_S38-54_Wood_G%C3%B6ttliches-Gebot-und-Gutheit-Gottes-nach-Wilhelm-von-Ockham.pdf

Foto Bernd Oei: Goslar, Marktkirche St. Cosmas und Damian. Es besteht die Möglichkeit, die Aussicht auf die Altstadt in 50 m Höhe von oben zu genießen. https://de.wikipedia.org/wiki/Marktkirche_St._Cosmas_und_Damian_(Goslar)

Gottes Gnadentum

Ockhams Tugendlehre ist wieder dem Prinzip der Sparsamkeit geschuldet und betont, dass Tugend in der Einfachheit liegt: Man soll unnötige Annahmen und komplexe Erklärungen vermeiden und stattdessen das Wesentliche freilegen, wobei Vernunft und Wille eine wichtige Rolle spielen, auch wenn letztendlich die göttlichen Gebote entscheidend sind. Seine Ethik ist stark voluntaristisch (Gott als Wille) und empirisch geprägt, was eine Abkehr von komplexen spekulativen Systemen darstellt und einen Fokus auf das konkrete Handeln legt, wobei Tugendhaftigkeit im Streben nach Gottes Geboten liegt.

Zum einen handelt es sich um Voluntarismus: Die göttliche Gnade und das Wollen Gottes (Voluntas) stehen im Zentrum. Tugendhaftigkeit bedeutet, dem Willen Gottes zu folgen, wie er in den Geboten offenbart wird. Zum anderen aber auch um Rationalismus. Die Vernunft (Ratio) hilft, das Wesentliche zu erkennen, aber der Wille ist wichtiger, da er sich für oder gegen Gottes Gebote entscheidet.

Obwohl Ockham die Vernunft nutzt, sind die göttlichen Gebote die absolute Grundlage für wahre Tugend. Dennoch vertraut der Philosoph nicht blind, sondern prüft alles emprisch und steht damit am Beginn einer langen Tradition britischer Empiristen (Bacon, Berkley, Hume, Locke). Im Gegensatz zu früheren Denkern konzentriert sich Ockham stärker auf die konkrete Erfahrung und das Einzelne (Singularia), was die Komplexität reduziert und eine pragmatischere Ethik fördert. Diese Tugendlehre ist eine radikale Vereinfachung der Ethik, die sich von überflüssiger Metaphysik löst, um sich auf die Einfachheit des göttlichen Willens und die Rolle des menschlichen Willens und der Vernunft zu konzentrieren, um diesem zu folgen.

Wilhelm von Ockham posutliert, dass Gottes Gnade ein Ausdruck seiner absoluten Freiheit und Barmherzigkeit ist, die auf Gottes unbedingtem Willen beruht und nicht durch menschliche Werke oder Vernunft begrenzt wird. Er betont die Unbedingtheit und Spontaneität der göttlichen Gnade, die primär auf seiner Wahl beruht, nicht auf Verdiensten, was seine Betonung der göttlichen Macht und Freiheit unterstreicht, auch wenn Gott an seine eigene widerspruchsfreie Ordnung gebunden ist

Foto Bernd Oei: Es besteht die Möglichkeit, die Aussicht auf die Altstadt auf dem Nordturm in 50 m Höhe von oben zu genießen.

Naturphilosophie als scientia realis

Der Ockhamsche Wissenschaftsbegriff hat eine grundsätzliche Bedeutung für alle vier Teile des umfangreichen Werkes des Philosophen. Sowohl in den theologischen, den naturphilosophischen, den logischen als auch den kirchenpolitisch-sozialtheoretischen Schriften äußert er sich zu diesem Thema.

Traditionale Gesichtspunkte, z. B. die These von der Magd aller Wissenschaften gegenüber der Theologie, und die These von der Logik als universellem Organon der Wissenschaften, sind dabei genauso zu finden wie zugespitzt Polemisches wie die Leugnung bzw. Einschränkung des Wissenschaftscharakters der Theologie. Das Neuartige besteht in der Fassung der „scientia realis“ im Gesamtrahmen einer nominalistischen Erkenntnistheorie, die Ontologie in die naturphilosophischen Schriften einführt.

Der Grammatik und der Logik misst Ockham selbst in seinem politischen Schrifttum aus seiner letzten Lebensphase überragende Bedeutung bei, ohne sich jemals völlig von einer als Wissenschaft verstandenen Metaphysik und Theologie loszusagen. Auch Ethik gehört zu den wissenschaftliche Disziplinen, denn er misst dieser ein hohes Niveau an Präzision, Nützlichkeit und Evidenz für die sensus communitas zu.

Ockham ist kein reiner Aristoteliker mehr, sondern ein radikaler Denker, der Aristoteles‘ Logik und Ontologie kritisch weiterentwickelt, insbesondere durch sein Sparsamkeitsprinzip und seine Betonung der Kontingenz und des göttlichen Willens, wodurch er die scholastische Tradition sprengt und Brücken zur frühen Neuzeit schlägt, auch wenn er sich auf aristotelische Kategorien (andere existierten seinerzeit auch nicht) stützt. Er behält das aristotelische Widerspruchsprinzip (zwei gegenläufige Aussagen können nicht gleichzeitig richtig sein) bei, lehnt aber viele seiner metaphysischen Annahmen ab, besonders die Notwendigkeit universeller Entitäten, was ihn zu einem Vorläufer des metaphysischen Empirismus macht (was im Grunde Aristoteles nicht mehr ist). universalia sunt realia: alles andere, die Synthesis des Mannigfaltigen, sind menschliches Zutun zum göttlich Gegebenen. Ideen werden nicht mehr in der Materie geformt. Dem permutativen Denken sind keine Grenzen gesetzt, wobei den ersten Schritt Oackham geht.

Foto Bernd Oei: ehemalige Zu- und Abflussrohre, Kanalsystem Goslars

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