
Foto Bernd Oei: Goslar, Grubenwagen (Hunt) auf dem Rammelsberg mit Blick auf Goslar und Ausläufer des Herzbergs gegenüber.
Glauben ist mehr als Wissen
Nikolaus von Kues (Cusanus, 15. Jahrhundert) gehörte keinem Orden an, sondern war ein berühmter deutscher Philosoph, Theologe, Mathematiker und Kirchenjurist, der als Kleriker viele hohe Ämter bekleidete, darunter Kardinal und Bischof von Brixen (Südtirol, Italien), und für seine universelle Gelehrsamkeit bekannt war, ohne jedoch ein Mitglied eines bestimmten Ordens zu sein. Er ist ein Kind der Schwellenzeit.
Nikolaus von Kues (Cusanus) stand für Universalgelehrsamkeit, die Überwindung von Gegensätzen und die Suche nach Gott durch die Anerkennung der eigenen Unwissenheit („docta ignorantia“), die Einheit von Geist und Materie sowie ein neues Weltbild der Unendlichkeit, das über die Scholastik hinausging und die frühe Neuzeit vorbereitete. Er kämpfte für Kirchenreformen und Religionsfrieden, indem er die Koexistenz verschiedener Wege zu Gott befürwortete.

Foto Bernd Oei: Bergbaumuseum Rammelsberg, Weltkulturerbe. Der Bergbau im Harz nahe Goslar begann bereits in der Bronzezeit, mit systematischem Bergbau am Rammelsberg (Goslar) mindestens seit dem 10. Jahrhundert wodurch dieser Ort zu einem der ältesten und bedeutendsten Erzbergwerke Europas wurde, hauptsächlich für Silber, Blei, Kupfer und Zink.
Gedanken ergründen
Nikolaus von Kues, aus dem Moselgebiet stammend stand philosophisch in einer Übergangsphase, die sowohl nominalistische Züge (betont die Subjektivität des Wissens und die Konventionalität von Namen) als auch Elemente aufwies, die über einfache Gegensätze hinausgingen, hin zu einer „Doppel-Sein“ oder „Gleich-Sein der Gegensätze“ im Unendlichen, wodurch er sich von rein nominalistischen oder universalistischen Positionen abhob und eine eigene mystisch-philosophische Synthese schuf, die das Unendliche als Ort der Einheit aller Dinge sah. Denken und Sein sind eins, fallen zusammen. Er ist Nominalist.
Er schrieb und dachte die Wahrheit als intrinsisch und immanent an, war ein Vertreter des bewegten organischen und dynamischen Weltbildes und ging von der All-Beseelung aus, die man vom Pantheismus her kennt. Die Sinne können die Welt nicht so erfassen, wie sie wirklich ist . Generell war Kues ein Dialektiker, der Gegensätze als vermeintlich, als Schein bezeichnete und an die Einheit sowie die Ideen unabhängig bzw. hinter aller Wahrnehmung festhielt. Im Nominalismusstreit https://anthrowiki.at/Universalienproblem hielt er damit an die Eigenständigkeit der Ideen fest und erwies sich nicht zur Gänze als Neuplatoniker, der die Koinzidenz nicht kennt. Alle Dinge sind einzeln (singularisiert) durch den/das Eine (Gott). Die Existenz ist daher nie autonom.
Daher muss der Mensch sich selbst ergründen und sich selbst einen Glauben (gemeint ist hier sicherlich nicht das naive Wünschen des Guten) erarbeiten, um tiefer zu denken und die Einheit in der Vielheit, die Gemeinsamkeit hinter, in und über den Unterschieden mit innerem Auge zu sehen. Die Wahrheit liegt nicht extern, sondern in uns vor: allerdings verschließen viele vor ihr bewusst die Augen, Ohren und höheren Sinne. Die Dinge sind nicht grundsätzlich oder gar widersprüchlich verschieden, nur viele Teile einer Einheit.

Foto Bernd Oei: Bergbausiedlung Rammelsberg im Harz nahe Goslar, das seinem Namen dem Bergfluss Gose verdankt und im 15. Jahrhundert seine Blüte erlebte. Goslar war eine reiche und mächtige Freie Reichsstadt und auch Hansestadt, dessen Reichtum im Bergbau begründet lag.
Hinter den Gegensätzen herrscht Identität
Kues war ein Universalgelehrter, der wie alle Humanisten Theosophie betrieb und das Weltall mit der christlichen Lehre n in Einklang bringen musste. Er war ein Diplomat, der bei Konzilen wie in Basel aufkeimende Sektierung unter den Katholiken und fortschrittliche (am Papstdogma zweifelnde) Geistliche und erzkonservative Repräsentanten der Kirche befrieden musste. Dazu kamen Konflikte im Heiligen Krieg gegen den Islam. Zudem änderte sich das Reichsmodell des Mittelalters gegenüber der Renaissance.
Philosophisch verlagerte sich die Scholastik (Aristoteles) zum Humanismus (Neuplatonismus). Wiederentdeckung der Antike, die den Fokus von Gott auf den Menschen (Humanismus) verlagerte, eine neue Wertschätzung von Vernunft und Individualität, eine Revolution in Kunst und Wissenschaft durch Perspektive und Naturalismus, sowie technologische Durchbrüche wie den Buchdruck, die zu einer umfassenden geistigen und kulturellen Erneuerung führten. Es war ein Wandel von einer gottzentrierten zu einner anthropozentrischen Weltanschauung, der die Grundsteine für die Frühe Neuzeit legt.
In der Kunst trat die Hinwendung zu naturgetreuer Darstellung, Einsatz der Perspektive, um Räumlichkeit und Dreidimensionalität zu erzeugen in den Vordergrund; weltliche Motive waren gleichberechtigt neben den religiösen, eine Frühform des Laizismus entwickelte sich. Wissendes Unwissen und unwissendes Wissen schienen zwei Seiten des bewussten (vernünftigeren) und des unbewussten (intuitiven) Verstandes.
Das medizinische und naturwissenschaftliche Weltbild änderte sich gravierend und um eine Fehde zu vermeiden bedurfte es geschmeidiger Rhetoriker und Diplomaten vom Schlage eines Niklas von Kues.. In der (Natur)wissenschaft kam es zur Betonung von Beobachtung und Experiment; damit auch gleichzeitig zur Infragestellung des geozentrischen Weltbildes (ersetzt durch den Heliozentrismus). Dass es Kues nach Italien zog, war keinesfalls Zufall.
Zuletzt gilt von Kues auch für einen der wichtigsten und frühsten Vertreter der Koinzidenztheorie (Gleichzeitig trotz Unabhängigkeit zweier zufälligen Ereignisse am selben Ort und / oder zur selben Zeit). Dazu gehören nicht nur materielle Dinge, sondern auch Ideen, die sich autonom entwickeln.

Foto Bernd Oei: Goslar, Bergbaumuseum Rammelsberg, für traditionellen Erzabbau und Buntmetallgewinnung, heute UNESCO-Weltkultlurerbe.
Vom Orient gelernt
Das 15. Jahrhundert war ein epochaler Umbruch, geprägt durch die Renaissance (Wiedergeburt der Antike), den Humanismus (Mensch im Zentrum), die Erfindung des Buchdrucks (Revolution der Wissensverbreitung), die Entdeckung Amerikas (neues Weltbild), das Ende des Mittelalters und den Beginn der Frühen Neuzeit, was sich in Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft (Urbanisierung) und Politik (Machtverschiebungen) manifestierte.
Von Kues verband in seinem Werk „arabisches“ islamisches Wissen -Konstantinopel/Istanbul war seinerzeit ein Zentrum der Bildung und allgemein das aus dem Orient überlieferte Denken dem christlichen Abendland weit überlegen. Zudem sammelte er viele Handschriften bzw. transkribierte Bücher, was sein umfassendes Wissen erklärt und zudem seine Bedeutung als Kirchenhistoriker nährt.
Das naturwissenschaftliche (Neue) mit dem geisteswissenschaftlichen (Alten) zu verbinden, erwies sich als Spagat, der von Kues wohl gut gelang, was die Übertragung des Heliozentrismus auf den Kalender (Reform) veranschaulicht. Ein zweites Beispiel verdeutlicht sein diplomatischer Dienst auf dem Konzil in Basel und darauf die diplomatische Gesandtschaft in Byzanz, das Mitte des 15. Jahrhunderts hinter Paris und Venedig zurückfiel.
Er ist daher als Grenzgänger an der Schwelle von Mittelalter und Renaissance zu verstehen, der die Tür in die und zur Neuzeit weit öffnete und sich als ein wichtiges Bindeglied zwischen Okzident und Orient, Christentum und Islam, erwies.

Foto Bernd Oei: ehemaliges Bergarbeiterhaus am Rammelsberg, Harz nahe Goslar. Der Abbau im 15. Jahrhundert erfolgte noch von Hand ohne Maschinen.
Philosophie der kleinere Bruder
Für von Kues bestand kein Zweifel, wer wessen Magd ist. „Philosophie ist die Magd der Theologie“ (Philosophia ancilla theologiae) ist ein mittelalterlicher Leitsatz, der besagt, dass die Philosophie (natürliche Vernunft) der Theologie (Offenbarungswissenschaft) untergeordnet ist, indem sie deren Konzepte mit logischen Werkzeugen erschließt und begründet, wobei Thomas von Aquin die Scholastik prägte, die Vernunft zur Fundierung des Glaubens nutzte, bis die Spannung zwischen beiden Disziplinen in der Neuzeit zur Trennung führte.
Von Kues glaubte an die Ewigkeit der Ideen; er war Universalist: alles was sein kann ist die Realität, die einzige Wirklichkeit ist zugleich die vernünftigste. Der analytischen Erkennbarkeit setzt Gott Grenzen, daher muss man sich an die intuitive und kontemplative Schau (Platon) verlassen.
Nikolaus von Kues nutzte Metaphern und Gleichnisse, um seine komplexe Philosophie zu erklären, insbesondere das Konzept des „wissenden Nichtwissens“ und die „Vereinigung der Gegensätze“ (coincidentia oppositorum), wobei er oft Symbolik wie das Globusspiel (Kugelspiel), das die Erde als bewegten „edlen Stern“ darstellt, und das Bild von Jesus Christus als Leib der Kirche für die Vereinigung der Gläubigen verwendete, um die Einheit und Unbegrenztheit Gottes zu vermitteln.

Foto Bernd Oei: Aufstieg zum Rammelsberg
Natur erschließt Gott und Gott die Natur
Nikolaus von Kues (Cusanus) sprach nicht spezifisch über den Bergbau als Wirtschaftszweig, aber seine Naturphilosophie und sein Denken über die „endliche Unendlichkeit“ (infinitas finita) und die Welt als sich bewegenden „edlen Stern“ (Erde) bieten einen Rahmen: Bergbau wäre ein menschlicher Versuch, die in der Erde verborgenen Schätze (Möglichkeit/Wirklichkeit in Gott) durch menschliche Vernunft (ratio) zu erschließen, indem er die materielle Welt ergründet und ordnet, auch wenn er die Erde nicht als Mittelpunkt sieht. Seine Philosophie betonte die Einheit in der Differenz, was bedeutet, dass materielle Schätze und das Wissen darüber Teil der göttlichen Ordnung sind, auch wenn die Erde sich bewegt und nicht statisch ist.
- Naturphilosophie: Cusanus sah die Erde als einen „edlen Stern“, der sich bewegt, nicht als unbewegten Mittelpunkt. Der Bergbau wäre eine Aktivität auf diesem bewegten Stern, die sich mit den verborgenen Schätzen der Erde beschäftigt.
- „Endliche Unendlichkeit“ (infinitas finita): Die Erde ist begrenzt, aber unendlich in ihren Möglichkeiten. Der Bergbau versucht, diese materiellen Möglichkeiten zu realisieren.
- Einheit von Möglichkeit und Wirklichkeit: Cusanus verband das göttliche „Können“ (posse) mit der Wirklichkeit. Bergbau ist der Versuch, das Potenzial (Möglichkeit) der Erde in konkrete Güter (Wirklichkeit) umzuwandeln.
- Erkenntnis durch Vernunft: Der Mensch erkennt die Welt durch Vernunft (ratio) und Verstand (intellectus). Bergbau ist ein Akt der menschlichen Erkenntnis und Bearbeitung der Natur.

Foto Bernd Oei: Waldleichen auf dem Rammelsberg
Wofür die gelehrte Unwissenheit gut ist
Nikolaus von Kues (Cusanus) ist für die Moderne relevant, weil er mit seiner „gelehrten Unwissenheit“ (docta ignorantia) das Konzept der menschlichen Erkenntnisgrenzen vorwegnahm, ein unzentriertes Weltbild (Wegbereiter für Kopernikus) entwickelte, die Idee der Unendlichkeit der Welt einführte und den Grundstein für interreligiösen Dialog sowie das Prinzip des Konsenses (concordantia) legte, was ihn zu einem Vordenker der Wissenschaft, Toleranz und modernen Philosophie macht.
Einheit erscheint als Vielheit: so ist auch der Streit zwischen Christen und Muslime nur eine Schein-Debatte, ein Diskurs, der die Tiefe nicht erreicht. Es gilt das Gemeinsame hinter und über und in den vermeintlichen Verschiedenheiten aufzuspüren. So schreibt er in „Vom Gottsuchenden“ (De quaerendo deum), 1445 „Den Baum des Wissens hielten sie umschlungen; den Baum des Lebens aber faßten sie nicht“. Dies gilt als Abbreviatur für gelehrtes Unwissen.
In der Bibel ist der Baum des Lebens der paradiesische. Es bleibt den Menschen seit Adam nur der Baum des Wissens. Wir tragen die Weisheit in das Wissen hinein. Das Leben aber ist mehr als alles richtig zu denken. Von Kues glaubte mit Paradoxa Gottes Wahrheit näher zu kommen. Je älter er wird, desto mehr solcher Bilder streut er in sein Denken ein und wird optimistisch, Gott auf diese Art besser zu erkennen.

Foto Bernd Oei : umgestürzter Baum beim Aufstieg auf dem Rammelsberg, Harz. Grund dafür: der Klimawandel schwächt mit Dürre und Hitze die Fichten die oft als Monokulturen angepflanzt wurden. Der Naturwald existiert seit der systemischen Aufforstung auch hier nur noch als Illusion.
Von den Alten lernen
Das 15. Jahrhundert war bahnbrechend durch die Entdeckung neuer Seewege (Kolumbus, da Gama, Cabral, Magellan), die Revolution des Buchdrucks durch Gutenberg, die Entwicklung der Karavelle für längere Reisen und Instrumente wie den Jakobsstab sowie die Etablierung des Schießpulvers in der Seefahrt, was alles zu einem tiefgreifenden Wandel in Wissenschaft, Handel und Weltbild führte. Diese Entdeckungen und Erfindungen veränderten die Weltkarte, den Handel, das Denken und das Machtgefüge nachhaltig und leiteten die Frühe Neuzeit ein.

Foto Bernd Oei: Ausblick ins Tal von der Rammelsberger Aussichtsplattform auf Goslar .
Von der Natur lernen
Es scheint verloren, die Demut vor der Natur und die Fähigkeit oder Bereitschaft, von ihr zu lernen. Mit Fortschritt ist fortschreitende Technik und damit Entmündigung, teilweise Entfremdung der menschlichen Existenz sakrosankt.
Nikolaus von Kues übernahm aus der Antike die Beschäftigung mit antiker Philosophie (Platonismus), das Studium klassischer Texte und die Idee des Streben nach universellem Wissen (Universalgelehrter); entscheidend war aber seine kritische Auseinandersetzung und Überwindung der scholastischen Antike-Rezeption hin zu einem neuen Weltbild, das die Unendlichkeit der Welt und das Prinzip der „Übereinstimmung der Gegensätze“ (coincidentia oppositorum) betonte, womit er die Neuzeit einleitete.
Die Koinzidenztheorie des Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus) beschreibt das philosophische Prinzip der „Coincidentia oppositorum“ (Zusammenfall der Gegensätze) in Gott, der ultimativen Einfachheit, wo alle Widersprüche wie Bewegung/Ruhe, Maximum/Minimum oder Sein/Nicht-Sein in einer Einheit zusammenfallen und absolut sind. Während der menschliche Verstand Gegensätze trennt, nähert sich die Vernunft Gott an, indem sie diese Einheit durch spekulative Mathematik (z.B. unendliche Gerade als Kreis) annähert, aber letztlich nur über „negative Theologie“ versteht, da Gott selbst über die Gegensätze hinausgeht.

Bernd Oei: Herzberger Teich, früher Wasserspeicher, heute Freibad am Fuße des Rammelsberg und des Herzberges nahe dem Bergwerkmuseum.







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