
Foto Bernd Oei, patinierte Gipsbüste von Auguste Rodin (1883), die er zwei Jahre vor dem Tod von Victor Hugo anlegte im Maison Hugo, Paris, Place des Voges. 6, einem kostenlosen Museum mit vielen Originalen in einem Haus, das der Schriftsteller 16 Jahre vor seinem langen Exil bewohnte.
Maurice Blanchot (1907 geboren, in Burgund aufgewachsen, in Straßburg Philosophie und Deutsch studierend) zog in den späten 20 er Jahren nach Paris. Nach dem zweiten Weltkrieg zog er in Eze sur Mer an die Côte d’Azur, wo auch Nietzsche zwei Sommer verbrachte Ich besuchte den malerischen Ort auf meiner tour de France 2018. Blanchot beschäftigte sich intensiv mit Nietzsche, was in meiner Quadrologie „Nietzsche unter französischen Literaten“ (S. 365-410) auch Thema ist. Der als „Adlerhorst“ bezeichnete Ort, der zu den schönsten „village perché“ Frankreichs zählt, bietet vieles, aber keine literarische Szene, die der Intellektuelle auf Dauer nötig hat.
Darum kehrte Blanchot Ende der Fünfziger Jahre in die Metropole zurück, um sich in de Rue Madame (6. Arrondissment) niederzulassen. https://www.youtube.com/watch?v=L8rnA_qhlY4. Das Arrondissement du Luxembourg liegt am linken Seineufer (rive gauche). In ihm liegt auch das Café Flore, dem Stammlokal Sartres und Beauvoirs. https://parisjetaime.com/ger/artikel/auf-entdeckungstour-im-6-arrondissement-von-paris-a823 Wie dieser trat auch Blanchot sowohl als Literat (überwiegend Erzählungen) als auch als Philosoph, als Journalist und als Literaturtheoretiker bzw. -Kritiker in Erscheinung. Neben Roland Barthes https://www.perlentaucher.de/autor/roland-barthes.html wurde er die einflussreichste Gegenstimme zum Existentialismus und der engagierten Literatur.
Im deutschsprachigen Raum blieb das intellektuelle Schwergewicht Blanchot lange Zeit ein Unbekannter, was auch daran liegen mag, dass seine Texte im Ruf standen, opak, sperrig, gar hermetisch zu sein. Vor allem seine „récits“ mussten lange auf eine Übersetzung warten. Wie bei Barthes bilden Tod, Identitäts-Verlust, Andersartigkeit die zentralen Motive seines Werkes. Bereits seine literarischen Vorlieben Kafka, de Sade, Lautréamont, über die er Essays verfasste.
Das privilegiert aufgewachsene Intellektuelle, der sich immer zu seinen katholischen Wurzeln bekannte, wurde 95 Jahre alt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er im Südwesten von Paris.

Foto Bernd Oei: Paris, Café Place des Vosges in unmittelbare Nachbarschaft zu Victor Hugos Museum, ehemals seine Wohnung bis zur Februarrevolution ’48. Die Vogesen grenzen an das B urgunderland, der Herkunft M. Blanchots an. Über Victor Hugo, der an diesem Platz bis zu seiner erzwungenen Emigration auf die Kanalinseln lebte, äußert sich der Kritiker in „L’entretien infini“ (das unendliche Gespräch) nur positiv.

Foto Belinda Helmert: Selber Platz mit künstlerischer Aufwertung in Form einer Verzerrung. So stellt sich auch Blanchot die Literatur als poetisierte Wirklichkeit vor.
Hugo als Geburtshelfer
Der Literaturkritiker Blanchot schätzte durchaus die Klassiker, etwa Victor Hugo, der gleichfalls seine Wiege in der Bourgogne besitzt. In einem seiner wohl bekanntesten und gewiss einflussreichsten Werke „Das unendliche Gespräch“ (1969) – Inhaltsverzeichnis der diversen Essays unter https://www.turia.at/pdf/inh_blanchot_entr.pdf – beschäftigt er sich auch mit Hugo, dem Hauptvertreter der französischen Romantik, die auf den ersten Blick nicht zu Blanchots Vorlieben der Avantgarde zählen (die z.B. Flaubert oder Kafka, Lautréamont und auf seine Art auch de Sade verkörpern). Im Beitrag „Die Abkehr von der Rhetorik“ – La rurpture de la rhétorique) analyisiert Blanchot, wie Hugo die traditionellen Gesetze des Romans und des Dramas brüskiert und findet auch in seiner reimlosen Lyrik Ansätze zur Moderne, die viele andere Kritiker kaum oder gar nicht erwähnen, wenn sie Hugos Narrativ auf die schwarze Romantik limitieren.https://abi.unicum.de/epochen/schwarze-romantik
Bereits 10 Jahre vorher wertet Blanchot in „Das kommende Buch“ (im Original Le livre à venier), das im deutschen Sprachraum kaum bekannt ist, Hugo auf als Geburtshelfer moderner Poesie, die u.a. auch politische Züge trägt wie in der Sammlung „Melancolica“, welches auf das Schicksal des Proletariats verweist. Ein Zitat lautet: „Hugo ist der Erste, der geahnt hat, dass die Poesie keine höhere Rhetorik ist, sondern der Ort, an dem die Sprache dem ;Menschen entweicht und anfängt, von sich selbst zu sprechen, unpersönlich und souverän.“ (Quelle: Die Abkehr von der Rhetorik, S. 65). Als Beispiel wählt er Hugos Tendenz zur Mystik, insbesondere nach dem Tod seiner Tochter, mit der er über Séancen Kontakt aufzunehmen versuchte. Dies fügt sich zur allgemeinen Faszination Blanchots für den oder am Tod als einzige Grenze, die nicht überschritten werden kann.Das Zitat lautet „An den Tischen von Jersey spricht nicht Hugo; es ist das Unbekannte der Sprache, das seine Stimme durch die Abwesenheit des Autors findet.“ (ebenda, S. 69).
Zentrale Aussage: Schreiben vollzieht sich nicht mehr im Dienst des Idealismus oder Moralismus wie in der Klassik bzw. der Aufklärun, sondern über Zufall, Besonderheit (Andersartigkeit) und Identitätslosigkeit. Es erzeugt eine „aufgeschobene und versprengte Art“ (dieser Gedanke inspiriert Derrida zu seiner Theorie der différance-différence) , das alles in Frage stellt, was gemeinhin als gesichertes Wissen galt. Ein autktorialer oder autonomer Erzähler existiert daher für Blanchot ebensowenig wie die direkte Einflussnahme auf den Leser, die u.a. Sartre und die engagierte Literatur forciert.
Einen aufgeklärten, dennoch überzeugten Katholiken wie Blanchot (und Hugo) muss die Frage nach der Idee von Gott, (Balzacs Stil, der allwissende Erzähler) damit verbunden dem Ich, als dem auseinander fallenden Subjekt, beschäftigen, so dass er notwendigerweise bei dem Autor, dem Werk, der Idee unterscheidet, seine Lösung sucht. De Sade spricht bei aller Sexualität vom Menschen als deus ex machina, Flaubert von der Desillusion, Lautréamont von der Überrealität, die sich der Logik entzieht und Kafka von dem Absurden in der Welt schlechthin. Dies ist mit rationalen Erklärungsmustern, wie sie Sartre und Co liefern, unvereinbar. Das Ich vermag sich durchaus keine Freiheit zu erschaffen oder gar zu sein- aller Unaufrichtigkeit (la mauviase foie) zum Trotz.
Für Blanchot repräsentiert Hugo demnach jene Literatur, die nicht nur sagen / verordnen wiil. Er wird so zum Geburtshelfer einer der Metaphysik beraubten Gesellschaft, die wich selbst immer neu erfinden muss.

Foto Bernd Oei: Paris, Maison de Hugo, Bett von Victor Hugo, Raum 4 im Maison Victor Hugo, Place des Vosges 6
Der Tod steht über allem
Der bekannteste Aufsatz Blanchots trägt nicht zufälligerweise den Titel „L’ecriture du désastre“ 1980 (dt. D1s Schreiben über die Katastrophe) – in der deutschen Ausgabe „Das Rauschen der Sprache“ bzw. in dem Gesamtwerk Essays Band IV. Unter anderem lehnt Blanchot darin die Biografie als Instrument, sich dem Autor zu nähern ab – das Beispiel Kakfa, der meist auf den Vaterkomplex reduziert wird, sei hier exemplarisch erwähnt. Dieser Gedanke ist mit dem von Barthes „Der Tod des Autors“ (im Original La mort de l’auteur, 1967) geistesverwandt. Blanchot schreibt hier aphoristisch (Vorbild Nietzsche) über das Leitmotiv, dass es unmöglich sei, über Tod, Leid und Traumata zu sprechen/schreiben ohne Verlust von Intimität/Individualität, so dass am Ende das Cliché die Oberhand gewinnt.
Blanchot spricht über die Unbezeichnetheit (bloße Möglichkeit) durch poetologische Selbstreflexion einer Katastrophe und die eigene Sprache der Geschichte, in die sich das Subjekt nur einschreiben könne. Er schreibt über den Sinnverlust und die Abstraktion bzw. Absurdität der Geschichte. Er plädiert für das Fragment und der Verweigerung jeglicher Totalität (Hegel) sowie für die Passivität entgegen der engagierten Literatur Sartres, welche die Welt gewaltsam in ein geschlossenes System zwinge. Anstelle der Aufhebung des Ich im Objektiven (Hegel) verlangt Blanchot eine Aufklsung des Ichs (Nietzsche) inklusive der Verantwortung des Subjekts gegenüber einerverordneten Ethik. Meiner Meinung nach basiert diese Ausrichtung auf den Anderen auf den Humanismus von E. Lévinas, der sowohl Sartre als auch Blanchot beeinflusste. https://www.politische-bildung-bremen.de/veranstaltung/befreiendes-denken-im-schatten-von-auschwitz-emmanuel-levinas
Pointiert: den Sturz aus dem ursprünglichen, animalischen Nichtwissen in die Existenz eines denkenden Individuums. https://www.deutschlandfunk.de/der-schriftsteller-des-desasters-100.html. Im Kern bedeutet dies: Wenn der Tod das Reale ist, und wenn das Reale das Unmögliche ist, nähert man sich dem Gedanken der Unmöglichkeit des Todes.“ Im Gegensatz zu Sartre hält Blanchot das Subjekt für eingeschlossen und nicht befähigt, sich aus seinen Vorstellungen und Grenzen, seien sie epochen- oder milieubedingt zu befreien. Leere und Nichts bleiben negativ konnotiert. Dementsprechend liefert der Roman „Thomas, der Dunkle “ („Thomas L’Obscure“, 1941) sowohl eine Referenz zu Camus , den Blanchot gegen Sartre verteidigt, eine Blaupause für seine Literaturtheorie. Gleiches gilt für den zweiten Roman „L’árrét du mort“ (1948) – wörtlich das Todesurteil des Todes, aber auch die Abschlatung des Todes, was auf die Differenz hinweist. Ich persönlich halte jedoch Aminadab.“ (1942) für die beste Entsprechung auf Camus „Der Fremde“ (ebenfalls 1942). Es kann nicht überraschen, dass dies inmitten des zweiten Weltkriegs und der Okkupation von Paris geschah, wo Freiheit notwendigerweise Töten des Feindes erforderte.
Zugegeben, Blanchot war, dem allgemeinen Sprachgebrauch nach konservativ rechts und nie kommunistisch oder links orientiert. Zugegeben, er stand für eine gewisse Ordnung und Stabilität, die über dem Subjekt stand, dem er keine Souveränität attestierte. Dies heißt jedoch nicht, dass Blanchot ein Freund des Kolonialismus (Algerienfrage9 gewesen ist, ein Befürworter der Todesstrafe oder gar Sympathisant der Diktatoren. Er konnte vielmehr nichts mit ##Verallgemeinerung oder Rückbezug auf Geschichte anfangen, einzig die Gegenwart zählt in seinem Werk. Dazu gehört absurderweise der Tod.
Dementsprechend erlangt das Werk eines Autors immer erst in der Vergegenwärtigung des Lesers, immer in der Gegenwart, seine eigentliche Geburt.

Foto Bernd Oei: Letztes Porträt des sterbenden Victor Hugo (1802-1885) – er starb in der Avenue Victor Hugo 12 – samt Nachttisch aus seiner Wohnung . Das Gemälde stammt von dem Maler und Bildhauer Léon Daniel Saubes (1855-1922), der an der Grenze zum baskischen Spanien geboren wurde.
Ambivalenz zwischen Bild und Sehen
Gemeinhin hält man das Gemälde für prädestiniert, die Augen zu schulen – Seelenmalerei nennt es Kant. Entweder zeigt die Kunst, zumindest die moderne, zunehmend abstrakte Malerei, das Unsichtbare, welches hinter dem Gegenständlichen zu verschwinden droht oder sie verhüllt es in anderen als den gewohnten Formen. Dass gerade die Malerei/Fotografie dem wirklichen Sehen widerspricht ist eine Theorie von Blanchot, die sich nicht sofort logisch erschließt. Diese Theorie wird bereits in „Aminadab“ durch mehrfache Bezug auf das Porträt thematisiert.
Das Buch „Der Raum der Literatur“ ( L’Espace littéraire, 1955) differnzuiert zwei diametrale Perspektiven: den alltäglichen Blick, der Orientierung und Identifikation ermöglicht, und der zweite Blick, der ohne Vertrautheit und mit reinem Instinkt erfolgt, oft wider alle Konvention. Das Bild fängt da an, wo die Funktion endet Es befreit damit das Subjekt vom Dienst am Objekt, vom Fetisch, von der Leere.
Blanchot nennt diesen zweiten und für ihn wesentlichen Blick auf ein Gemälde das zweite Gesicht (le second regard).

Foto Bernd Oei: Maison Victor Hugo, Porträt Victor Hugo von Léon -Daniel Saubès Darunter und Skulptur von Rodin mit einem Motiv aus „Die Elenden„: Valjean trauert um den kleinen Straßenjungen Gavroche, der für die Rvolution 1948 und die ersehnte Freiheit sein Leben ließ.
Thomas der Dunkle
Der kurze Roman „Thomas l’obscur“ vermengt Erinnerung, inneren Monolog und Todesangst im surrealen Stil bzw. angelehnt an Kafka. Er gilt als Antizipation der Postmoderne, die keinen freien Autoren mehr kennt, sondern sich emanzipierte Leser vor Augen hält, die ihren Sinn in das vermeintlich Sinnlose. hineintragen. Essay mit eigenen philosophisch montierten Gedanken und fiktiver Text vermischen sich, der zugleich ein Bekenntnis zum Irrationalismus liefert. Was mit den Mitteln der Vernunft nicht zu begreifen ist, soll beseitigt werden, so Blanchot. Grundlegend ist dabei die Erfahrung des Verschwindens von einem Augenblick zum anderen.
Der (aus meiner Sicht) zentrale Schlüsselsatz lautet im Original „«Le mot me donne l’être, mais il me le donne privé d’être». Das Wort gibt mir das Sein, aber es gewährt mir (nur) die private Existenz. Es ist auch hier Sache des Lesers, die Gedanken bzw. Worte zu interpretieren und mit eigenem Sinn zu färben. Für Blanchot bildete „Thomas der Dunkle“ einen récit, eine Erzöhung, keinen Roman. Er steht natürlich in direktem Zusammenhang mit der Literaturtheorie in“Der Schriftsteller und die Katastrophe“, an der Blanchot nahezu gleichzeitig schrieb und in dem der Tod unussprechlich bleibt. Das Unsagbare ist gemeinhin Gegensatnd des roman nouveau von Sagan, Duras., Sarraute (um drei Autorinnen zu nennen), die mit dem Kreis des TelQuel verbunden bleibt. https://de.wikipedia.org/wiki/Tel_Quel Sie verbindet Philosophen wie Derrida, Foucault und Barthes mit Blanchot.
„Thomas der Dunkle“ bietet weder einheitlichen Erzähler noch greifbare Handlung,. Die Protagonisten Thomas und Anne bleiben eigenschafstlos,ohne Biografie, die Handlung kennt keine Zeit, keinen Ort. Grenzgängern gleich pendeln sie zwischen Unmöglichkeiten und Verneinungen, zwischen Vernunft und Mystik. Die visionär-traumartige Prosa besteht aus Szenenfolgen, die das ambivalente Denken und das Schreiben an sich umkreisen, aus inneren Monologen, aus Schilderungen von Naturereignissen und Sinneseindrücken. Bestimmende Themen sind das Selbst und der Andere, Leben und Tod, Wahrnehmung und Bewusstsein, Sehnsüchte und Vorstellungen, Anfang und Ende, Schöpfung und Weltuntergang (Die Welt als Katastrophe)
Obschon sich Blanchot der Biografie verwehrt, bleibt sein Schreiben dennoch auch persönlichen Begegnungen geschuldet. Beispiel: Im Krieg schloss sich Blanchot der Résistance an und entging seiner schon angeordneten Erschießung nur durch die generöse Tat eines einzelnen Soldaten. Diese Situation hat er viel später in seiner Erzählung „L’Instant de ma mort“ (1994) verarbeitet. https://literaturkritik.de/id/11343

Foto Bernd Oei: Gouache, schwarz-weiß von Victor Hugo 1860, Der Leuchtturm (le phare des Casquets) aus dem Roman „Die Arbeiter des Meeres“ (Les travailleurs de la mer) Unteres Bild: Der Leuchtturm von Eddystone, bei Cornwall – gleicher Roman, – durch die Lichteinflüsse ein bizarres Eigenkunstwerk.

Foto Bernd Oei: Maison de Victor Hugo, identisches Motiv mit bewusster Spiegelung des Fotografen und des Museums samt Aufseherin im Hintergrund. Mehrfach benutzt Blanchot phare (Leuchtturm) als Motiv bzw. Metapher in seinen Texten. So in „Der Wahnsinn des Tages“ und „Thomas der Dunkle.
Das zweite Gesicht (le second regard)
„Amindinab“, dessen Name auf einen Vorfahren von Jesus basiert, ist ein mehrschichtig chiffrierter Roman (genau genommen ein récit) , der auch Kenntnisse des Alten und des Neuen Testaments voraussetzt oder zumindest fruchtbar macht .Als Hörspiel samt Einführung in sein Werk, das wiederum „Thomas den Dunklen“ als Protagonisten hat, liefert https://www.hoerspielundfeature.de/aminadab-teil-1-100.html
Die Erzählung ist auch als eine Auseinandersetzung mit Kafka zu werten mit der Verführung der Frau (Eva oder die Unbekannte) , die den Mann (Adam oder Thomas) scheinbar durch ein Zeichen, eine Geste, ermuntert, in ihr Haus einzutreten, aus dem er nicht mehr herausfindet. Ob man das Geschehnis als Reaktion auf den Sündenfall wertet oder auf eine Antwort auf das Absurde bleibt offen. Das Unerreichbare bezieht sich auf beides: die Wiederkehr zur alten naiven Zeit der Unschuld und die Rückkehr oder wenigstens Orientierung im Raum. Aus Versehen gelangt Thomas in das Haus, das nun sein Schicksal ist.
Der Leuchtturm bleibt bei Blanchot immer eine Chiffre der Sichtbarkeit inmitten der Finsternis und damit des Unsichtbaren, zugleich ein Zeichen für die Einsamkeit inmitten der Zivilisation. Die Handlung lässt sich nicht zusammenfassen, zudem bleiben die anderen Figuren namentose Repräsentanten wie Wärter, Pförtner etc. Der Identitätsverlust von Thomas, der eigenschaftslos bleibt, konvergiert mit der Überzeugung des Literaturtheoretikers Blanchot, dass der Autor, um zu schreiben, seine eigene Identität preisgeben muss und ein anderer wird, wenn er schreibt.
Zudem bildet das im deutschen signifikante Neutrum eine entscheidende Rolle – das Französische kennt es bekanntlich nicht.Für Blanchot bildet es den Zustand jenseits binärer Polarität oder Antithesen wie Subjekt und Objekt in der Philosophie. Beispielsweise blättert der Wächter in einem Buch voller leerer weißen Seite, um zu vergleichen und Gesetz zu sprechen, was primär absurd, sekundär Symbol für die Differenz und metaphorisch für die blinden Flecken der Vernunft zu werten ist. Nur die Literatur macht das Neutrum erfahrbar.
Wie in „Das unendliche Gespräch“ bildet die Sprache nicht nur Werkzeug zur Verständigung, eher invers, zur Dekonstruktion und zum Missverständnis. Es geht um das radikal Unbekannte, welches das Labyrinth – die vielen Räume, in denen sich Thomas verirrt, nachdem er das „Netz von Sein“ betreten hat, weil er dem winkenden Mädchen gefolgt ist.
Wie bei Kafka spielen Gemälde eine besondere Rolle in der Erzählung und somit auch die Wächter bzw. die Frage nach Identität, ausgelöst durch Metamorphose äußerer Gestalten. Die Daseinserklärung (Selbstexplikation) wird von bildlicher Kunst strukturiert, vielleicht sogar gesteuert. Wir leben alle in Räumen der Illusionen. Daher spielt der Sturz, das Fallen, der Verlust des Gleichgewichts von Thomas, in „“Aminadab““ eine entscheidende Rolle.
Sartre bezeichnete Blanchot als Epigonen von Kafka, auch aufgrund der masochistischen Elemente der Folter.. Persönlich befremdet mich diese Aussage, denn genauso hätte man Camus mit Kafka vergleichen können ohne auf die Idee zu verfallen, der eine kopiere den anderen. So transportiert Kafka eine Geschichte, eine Handlung, die Blanchot unterläuft. Was offensichtlich ist sind die Verweise auf poetische Vorlagen, sei es Kafka, sei es Dante. Das elementare Muster der Erzählung bildet die Suche, die traditionell den Schatz, den Gral, die Frau, die Wahrheit zum Ziel hat.
Thomas sagt, er habe Angst, sich zu verpflichten. Die Szenarien Blanchots sind noch weiter von der Alltagswelt entfernt als die Kafkas. In „Aminadab“ gibt es eine Straße und ein Haus ohne jeden urbanen Kontext. Das Haus erinnert an ein Sanatorium, was die Wärter erklärt. https://literaturkritik.de/blanchot-aminadab-literarische-mystische-erfahrung-roman-aminadab-1942-maurice-blanchot-liegt-endlich-auf-deutsch-vor,26597.html
Aus meiner Sicht ein Schlüsselsatz „Sie haben sich im Weg geirrt… denn Wenn man diese Schwelle überschritt, befand man sich gar nicht auf der Straße.“ Die Straß eund die Welt da draußen entspricht der Logik, die Welt im Haus dagegen dem Inneren, dem Unbewussten und allem der Logik entzogenen.Demzufolge interpretiere ich einen literarischen Text von Blanchot nach dessen Credo, dass dieser im Kopf des Lersrs entsteht, folglich keinen objektiv erschließbaren Zusammenhang, keine Kohärenz ergeben muss. Dies gilt auch für die Betrachtung von Bildern, wo der Blick einen Abgrund durchringen muss. Blanchot nennt dies Dimension existentieller Grenzerfahrung.

Foto Bernd Oei: Maison de Victor Hugo, Hugos eigene Illustration von Jean Geoffroy (1853-1924), Petit Paul (Kleiner Paul). ein Motiv aus „Die Legende des Jahrhunderts, in dem Hugo trotz des Fortschritts und Wohlstands die zunehmende Armut anprangert.

Victor Hugo: Jean Valjean und Cosette aus dem Roman „Die Elenden“, beide Bilder entstanden 1879 und wurden von der Familie Hugos erworben.

Foto Bernd Oei: Victor Hugo, Ecce Lex (Seht welch ein Gesetz), Feder und Tusche-Zeichnung 1854 nach Napoleons III begonnenem Krimkrieg und dem verbundenen Massensterben, das Hugo im Exil auf der Kanalinsel Guernsey verfolgte.
Vier Säulen des literarischen Raums
Blanchot spricht vom Eintreten des espace littéraire als handle es sich um einen Ort, eine wirkliche dreidimensionale Dimension. Einer der entscheidenen Punkte (von ihm Säule genannt) im „Der literarische Raum“ betrifft den Verlust des Ich, quasi ein Ant-Fichte. Eine Metapher dafür in „Amindanab“ ist grauer Schatten. Es betrifft auch den verschwindenden Autor (Der Tod des Schriftstellers à la Barthes) , dessen Text erst im Leser lebendig wird und Sinn erfährt.
Die zweite Säule betrifft die Einsamkeit, sowohl des Schreibenden als auch des Werks, das, wie man am Beispiel aufgehängter und ausgestellter Bilder augenscheinlich erfährt, weil es vom Betrachter/Leser abhängig bleibt. Dennoch existiert das Werk in seiner eigenen Intimität, der Verschlossenheit. Ansatzweise findet man dieses Thema auch bei Heideggers im Essay „Der Ursprung des Kunstwerks“, insbesondere wenn er von der Fragwürdigkeit, die eine Unhingtergehbarkeit einschließt, spricht. Kunst lässt sich nicht konsumieren, nicht einmal vereinnahmen.
Folglich, eine Konsequenz dieser Säule, bildet jedes (literrarische) Bild ein Neutrum: das Bild, das Gemälde, das Buch, das Schreiben. Da dieser Artikel nur in wenigen Sprachen existiert, ist er von fundamentaler Bedeutung für Blanchot. Gleichzeitig vermeint dieser, wenn man eine Rose malt oder sie beschreibt, verschwindet die wirkliche Rose (der Ursprung des künstlerischen Abbilds) dahinter.Die Poesie ist darum, so der Kern der Aussage, ein anonymes Rauschen, ein Simulacrum, ein oszillierendes Etwas zwischen Leben und Tod. Sprache kann weder subjektiv noch objektiv sein.
Das dritte Elemente: der orphische Blick. Für Blanchot bildet Orpheus und Eurydike das zentrale Motiv seines Schreibens. Es ist eine besondere Art des Begehrens damit verbunden, der Gang des Künslers in den literarischen bzw. den unbekannten Raum, der alle Möglichkeiten einschließt, vergleichbar mit dem Tod, von dem niemand weiß, was auf ihn folgt. Zugleich handelt es sich um den verbotenen Blick, der sich aller Norm und dem Bewusstsein (Kontrolle) entzieht. Weil Orpheus dies nicht gelingt (er blickt zurück, um sich zu versichern, dass seine tote Braut lebendig ist), bleibt er einsam.
Die vierte (aus meiner Sicht interessanteste) Säule liefert die Paradoxie als eigentliche Aufgabe der Kunst. Der Autor muss das Werk riskieren, sich im opfern, um die Tiefe des Imaginären – das Geheimnis schöpferischen Tuns – ermessen und räumlich durchschreiten zu können. Die Konsequenz daraus ist das Sterben als gleichzeitige Unmöglichkeit des Todes. Damit ist nicht das Verlöschen bioloogischer oder physischer Existenz gemeint, wovor sich die meisten Sterbenden fürchten, sondern jener Zustand, der die Grenzue überschreitet anstelle sich vor ihr zu fürchten. Pointiert: Schreiben ist eine Vorform des Sterbens, weil das Subjekt die Macht über sich selbst verliert und auch das Objekt (Kunstwerk) zeitlos wirkt.
Im literarischen Raum ist man also tausend Meilen entfernt vom eigentlichen Ort. An die Stelle des aktiven Autors rückt bei Blanchot somit der proaktive Leser. https://www.textem.de/index.php?id=3296 Nicht zufällig fällt in die produktivste Zeit seiner wirkungsmächtigen Rezension in den 1960/70er Jahren, mit der Parole vom „Tod des Autors“, zusammen.

Foto Bernd Oei: Paris, Place des Vosges , Park im Hintergrund links das Maison Victor Hugo, das seit 1903 ein Museum ist. Schreiben bleibt für Blanchot unbedeutender Papierkram, so lange ihn der Leser nicht entziffert hat.






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