
Foto Belinda Helmert: Steyerberg dreibogige historische Steinbrücke an der Aue und der Mühlenstraße samt Meyersiekische Mühle. Das 750 jährige Bauwerk ist heute Eigentum von Steyerberg und wird von dem lokalen Heimatverein aufrecht erhalten, u. a. mit einem Museum,Veranstaltungen, Führungen. https://heimatverein-steyerberg.de/die-wassermuehle-2/
Es ist kein Gott
In „Siebenkäs“ (1796/97) zweites Buch, verfasst der in Wunsiedel geborene und in Bayreuth verstorbene oberfränkische Dichter Jean Paul (1763-1825) eine weitere Abschweifung mit theologischen und philosophischen Ansprüchen. Sie ist nachzuhören auf https://www.youtube.com/watch?v=HTz0–AkaIM wortgewaltig. In diesem Albtraum, der sich auf einem Friedhof zuträgt, stürzt der tote Christus vom Himmel und verkündet, dass es keinen Gott gibt. Durch den verbreiteten Schrecken verweist der Dichter auf die Notwendigkeit des Glaubens, weil eine Welt ohne ihn sinnlos und leer sei, „ein starres dummes Nichts, kalte ewige Notwendigkeit, wahnsinniger Zufall“.
Jean Paul liebte das Wandern und das Bier, er liebte das Wort, welches springt und hüpft, folglich verfolgte er nicht den geraden Weg zum Ziel , sondern bevorzugte die Digtression. Seine Art zu philosophieren blieb die humoristische. „Ach wenn jedes Ich sein eigener Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht sein eigener Würgeengel sein. ‚“
Diese Worte richten sich dezidiert an und gegen Fichte, den der Dichter persönlich kannte und anfangs wohl auch bewunderte. Dass eine Philosophie mit radikaler Subjektivität ihn auf Dauer nicht saturieren konnte, ergibt sich schon aus seiner Passion für Jean Paul Rousseau, doch in der Frühromantik mischten sich klassische Elemente mit denen des Turm und Drangs. Fichteaner und Frühromantiker war der Pastorensohn zweifellos. „Das Ziel der Dichtung ist die Entschuldigung der Kühnheit, die Leugnung Gottes..“.. so lautet der Beginn, der mit fernen Abendglocken endet.Nachzulesen ist der Text vom scheinbaren Antichrist auf http://www.zeno.org/Literatur/M/Jean+Paul/Romane+und+Erz%C3%A4hlungen/Blumen-,+Frucht-+und+Dornenst%C3%BCcke/Zweites+B%C3%A4ndchen/Erstes+Blumenst%C3%BCck
Die Paul’sche Suche im All erweist sich als existentielle Frage nach einem Leben, in dem das Nichts die Allmacht besitzt, welches die Menschheit als Waisen zurücklässt Der kalte Atheismus, versinnbildlicht durch eine „Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte“, was vom Triumph der Aufklärung zu halten ist, sofern er im Szientismus mündet. Glaube als Gefühl und lebendiger Glaube triumphieren – erinnert sei hier an Kiewrkegaard, obschon der gewiss nicht das Vorbild von Jean Paul Richter ist, sondern, wie bereits erwähnt, J.J. Rousseau. Daher müsste die Überschrift lauten Es ist kein Gott, darum muss er sein oder das Kapitel im opulenten Roman „Siebenkäs“ (Erstes Blumenstück) nicht „Rede des toten Christus, warum kein Goitt sei“, sondern „Plädoyer, warum ein Gott sein muss, damit wir sein können, wie wir sind.
In Bad Berneck ist ein Wanderweg nach dem Schriftsteller benannt, da er im nahegelegenen Bayreuth lebte und den Ort in „Siebenkäs“ ($. Teil, 222. Kapitel) erwähnte sowie des öfteren diese Route spazieren ging. https://www.jeanpaulweg-oberfranken.de/themen/bad-berneckjean-paul-jubilaeum-2025/ Die Stelle lautet: „Spät erblickte er ihn auf der hinter dem Dorfe Bindloch aufsteigenden langen Anhöhe, einer Bergstraße im eigentlichen Sinne, auf der weder ab- noch aufwärts zu eilen war. Nach Vermögen schnell watete Leibgeber hinauf, um den Advokaten unerwartet einzuholen schon vor Hof, etwan in Münchberg oder in Gefrees, wenn nicht gar in Berneck, das wenige Post-Stunden von Baireuth abliegt…..In Berneck übernachteten sie zwischen den hohen Brückenpfeilern von Bergen, zwischen welchen sonst die Meere schossen, die unsere Kugel mit Gefilden überzogen haben. Die Zeit und die Natur ruhten groß und allmächtig nebeneinander auf den Grenzen ihrer zwei Reiche – zwischen steilen, hohen Gedächtnissäulen der Schöpfung, zwischen festen Bergen zerbröckelten die leeren Bergschlösser, und um runde grünende Hügel lagen Felsen-Barren und Stein-Schollen, gleichsam die zerschlagenen Gesetztafeln der ersten Erdenbildung.“ http://www.zeno.org/Literatur/M/Jean+Paul/Romane+und+Erz%C3%A4hlungen/Blumen-,+Frucht-+und+Dornenst%C3%BCcke/Viertes+B%C3%A4ndchen/Zweiundzwanzigstes+Kapitel
Eine Marginale: Siebenkäs ist nicht nur der Familienname des Helden, eines armen Advokaten, der einen Scheintod inszeniert, um seiner unglücklichen Ehe zu entgehen und der in seinem besten Freund den in der Romantik üblichen Doppelgänger hat, sondern auch ein Synonym für viel Käse und dick auftragen. Den Inhalt der komplexen, immer wieder unterbrochenen Handlung liefert https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/siebenkaes/6830 Noch vor „Ahlverwandtschaften“ Goethes erscheint es als erster Eheroman im Sinne der Eheproblematik in deutscher Sprache. Erst im Alter von 38 Jahren und damit nach Erscheinen des Romans wagte Jean Paul die Ehe mit der Berlinerin Karoline Mayer – drei Kinder wurden dem Paar geboren. Der zeitgemäße Erfolg ging damit flussabwärts…. https://www.jeanpaulweg-oberfranken.de/themen/jean-paul-die-frauen/

Foto Belinda Helmert: Styerberg, Große Aue vor Eintritt an die Schleuse und historischer Brücke – links das Museum, rechts das Sägewerk der Wassermühle. aus der Distanz https://www.steyerberg.de/portal/seiten/meyersieksche-muehle-steyerberg-12000055-21600.html
Jean Paul ein Fichteaner?
Um die Jahrhundertwende zog der seinerzeit bekannte, auch mit Goethe und Schiller verkehrende Jean Paul nach Berlin, wohin Gottlieb Fichte als Rektor der ersten Feeien Universität gezogen war, trotz und wegen seiner Demission aus Jena aufgrund des Atheismus-Skandals. Fichtes Wissenschaftslehre, die zunächst ein radikaler Subjektivismus und eine Abkehr von Kants Transzendentalismus darstellte,, zog den Oberfranken in seinen Bann. In seinem Roman „Titan“ (1800-03) widmet er ihm ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana“ nachzulesen auf https://projekt-gutenberg.org/authors/jean-paul/books/jean-paul-clavis-fichtiana-vorrede/ Clavis, übersetzt aus dem Latein, bedeutet Schlüssel.
Darin kritisiert er spöttisch den radikalen Subjektivismus und die Ich-Existenz des Absoluten als Hybris – Fichte erscheint als satirischer Titan, der ans Realitätsverlust leidet. Mitwelt und empirisches Ich werden darin gleichermaßen aufgehoben, in dem abstrakten System fehlte die wichtigste Zutat eines jeden Romantikers: die Liebe. Folglich warf er Fichte vor, nur einen abstrakten Gott ohne persönliches Verhältnis zu kennen. U.a. würde durch Fichtes Gott die Freiheit eskamortiert und zum bloßen Grund herabgewürdigt: „Wird der fichtische Gott – das absolute, … Ich, dieses zwar uns, aber nicht seiner bewußte Bewußtsein des Bewußtseins – praktisch oder moralisch betrachtet: so ist es … die Freiheit, nicht unsere, sondern der Grund der unsrigen„.#
Zum einen wäre ein solches Fichte-Ich zur ewigen Einsamkeit verdammt wie ein sich selbst umkreisender Trabant und extremer Egoismus. Die Natur verkümmert zu einer Nichtigkeit. Alles Geistige im Außen verkommt gleichfalöls zu einem Spiegelkabinett.Folglich bezeichnet Jean Paul Fichtes Gedankengebäude als philosophischen Nihilismus. Zweiter Kritikpunkt: Fichte erstickt die Kunst und tötet die organische Natur. Nirgendwo kommt sein Roussseauismus deutlicher zum Tragen als hier. Bei Fichte bleibt Natur Anstoß und passiv, erst das Ich in seiner Kraft, Natur zu überwinden, erzeugt Moral. Gott ist für Jean Paul jedoch mehr als moralische Weltordnung, worauf ihn Fichte reduziert.
Meine Randnotiz hier: wie Fichte stammte Jean Paul aus ärmsten Verhältnissen und schaffte es um die Jahrhundertwende bis zur königlichen Audienz; er verkehrte trotz Standesunterschiede mit dem who is who seiner Zeit. Im „vierbändigen Titan“ (eine Tetrarlogie) geht es auch um die Macht der Bildung und ihren Missbrauch. Freilich zugestanden: die 1000 Seiten waren auch mir viel zu viel, aber politisch sei so viel gesagt: es ist ein Affront gegen das Weiter so nach der Französischen Revolution in deutschen Landen und ein Plädoyer für die Menschlichkeit: „Nur durch Menschen besiegt und übersteigt man Menschen, nicht durch Bücher und Vorzüge.“
Über die Ich-Suche und Konfrontation mit Fichte informiert https://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/split_lehrstuehle/didaktik_deutsch/Daten/Material_Beisbart/Publikationen/Jean_Pauls_ICH-Suche/Jean_Pauls_ICH-Suche_Texte.pdf

Foto Belinda Helmert: Alte Steinbrücke (1726) an der Mühlenstraße in Steyerberg, Große Aue, aus der Nähe.
Weltschmerz
DEr Begriff Weltschmerz,m für den es bis heute keine Übersetzung gib t, stammt auch aus der Feder Jean Pauls; esffindet sich in seinem Spätwerk Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele, das Fragment blieb (1823 begonnen) Das titelgebende Motiv führt dementsprechend zur Melancholie, besser Weltschmerz. Selina, die Titelheldin – ihr Name bedeutet die dem Mars Geweihte, da die Römer die Mondgöttin auch selena nannten – argumentiert für die Unsterblichkeit ohne auf Himmel und Hölle zu verweisen, also mit einem aufgeklärten Glauben, der vom Gefühl getragen wird, nicht von bloßer Rationalität. Wie in der Abhandlung über den toten Christus geht es Jean Paul um die menschliche und emotionale Qualität, die vor einem mathematischen Determinismus bewahrt werden muss – diesen rationalen nennt er „Vernichtglauben“.
Jean Pauls romantische, nach wie vor an Rousseau orintierte Weltvorstelleng, bezieht die gesamt Natur ein, bezeichnet sie als steigende Glückseligkeitsinsel, was die kosmische und mystische Seite an ihm offenbart.Ironischerweise kristallisiert sich Selina als Jean Paul Leserin heraus.Ohne den Weltschmerz keine Poesie, ohne Glaube keine bessere als eine trostlos nüchterne Welt, so das Fazit. „Gott, um den Weltschmerz auszuhalten, muß die Zukunft sehen“ lautet die Stelle im Buch III Erde, das um die Seelenwanderung kreist.
Eine Selbstbeschreibung bzw. vorgelesene Auszüge über Jean Pauls Erinnerungen, welche die Besonderheit der Kindheit (Sie kennen nur eine Gegenwart der Zukunft) zum Gegenstand haben, bietet https://www.mdr.de/kultur/videos-und-audios/audiothek/jean-paul-selbsterlebensbeschreibung-lesung-100.html

Foto Belinda Helmert: Große Aue, die in Nordrehein Westphalen entspringt und nach 88 km in die Weser mündet am Ufer der Jacobiinsel vor der Schleuse der Steyerbegischen Wassermühle.https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Aue_(Weser)
Christus kam nicht nach Eboli
Der Titel“ J.P. kam nicht nach Steyerberg“ lehnt sich bewusst an den verfilmten Roman „Christus kam nicht nach Eboli“ (1935), der u.a. auch das faschistische Italien, sein notorisches Nord-Süd-Gefälle und .damit einhergehend die fehlende Humanität beleuchtet. Der Autor Carlo Levi vewrfasste jedoch nur dieses einzige, zudem ganz und gar autobiografische Werk, um die Verelendung durch Vernachlässigung der Süditaliener zu dokumentieren und den bisweilen animalischen Zustand, in dem sich seine Landleute befanden. Hyperbeln bis zur Groteske sollen für die Situation sensibilisieren.
Auch Jean Paul äußert sich sozialkritisch und erweist sich als akribischer Beobachter seiner Zeit, der vor einer unilateralen Technisierung und Rationalisierung eindrücklich warnt. Er repräsentiert einen literarischen Umbruch und Vorgriff auf die Avantgarde, gerade wegen der schweren Verdaulichkeit, der Polyphonie und Dialogizität sowie der Zwitterstellung zwischen Fiktion und Rhetorik, dem gesuchten philosophischen Traktat innerhalb der Poesie. Er liest sich sperrig, ein Grund dafür, verkannt zu werden. Exemplarisch dafür ein Satz aus „Grönländische Prozesse, oder Satirische Skizzen“ (Erstes Bänden, in der Einleitung:
Wie der weiß Schleim, womit der Wurm in der Perlenmuschel die Öffnungen seiner Schale stopfet, nach und nach zur Perle reift, ebenso wird der Nervensaft der oft gedachten Schriftsteller, der für schlechte Zwecke und oft bloß für die Verbesserung zerrissener Kleider verschwendet wird, mit der Zeit in den glänzenden Gegenstand der künftigen Bewunderung sich verwandeln ….
Im „Siebenkäs“- ich gebe zu, das einzige Werk, das ich von vorne bis hinten trotz zahlreicher Unterbrechungen der Handlung „durchhielt“ – liefert der Freund des Titelhelden namens Leibgeber einen Aphorismus nach den anderen.

Foto Belinda Helmert: Steyerberg, Rathaus und ehmaliges Amtshaus auf der Jacobi-Insel, umgeben von der Großen Aue gegenüber der Meyersiekischen Wassermühle.. https://www.mittelweser-tourismus.de/poi/amtshof-steyerberg-rathaus
Poetologische Differenz
Ein stehender Begriff in der Literaturwissenschaft ist poetologische Differenz. Darunter versteht ihr renommierter Vertreter Horst-Jürgen Gerigk den Unterschied zwischen der innerfiktionalen Begründung und der außerfiktionalen Begründung eines innerfiktionalen Sachverhalts.“ https://www.horst-juergen-gerigk.de/rezensionen/lesen-und-interpretieren/ Im Kern geht es um die Differenz zwischen der Selbstreflexion des Protagonisten und der des Lesers, der andere Motivationen und Kausalverbindungen sucht und findet als der involvierte handelnde Charakter. Bei Jean Paul ist dies besonders evident, da er literarische und wissenschaftliche Sachtexte ineinander montiert. und die Ironie bzw. Persiflage zum Äußersten treibt.
Anknüpfend an Fichte und der Kernfrage der (Früh)Romantik doppelt Jean Paul das Ich. Das erwachte Ich (Perspektivenwechsel): Jean Paul erlebte als Kind eine schlagartige Erweckung seines Selbstbewusstseins („Ich bin ein Ich“), was die Frage nach der Identität zum Lebensthema macht. Daherkommt der Erinnerung eine dominante Rolle zu. „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.“ (Aphorismus 29 in „Impromptus, welche ich künftig in Stammbücher schreiben werde“)
Das doppelte Ich (Identitätsvertauschung): Das Bewusstsein bedeutet für ihn, dass der Mensch nie ganz allein ist, sondern sich im Spiegel des eigenen Geistes und im Gegenüber zu anderen oder zu Gott erfährt. „Das ganze Reich des Unbewußten kann einmal als Reich des Bewußten erobert werden....“ J.P. war tief religiös und sah im Unbewussten zugleich Göttliches.
Die erste Konsequenz daraus ist sein thematisiertes Verhältnis zum Unendlichen: Wortwitz und Humor entspringen der Einsicht, dass der Mensch eine körperlich-geistige Doppelnatur besitzt und sich immer in einer Parallelwelt befindet. Siebenkäs flüchtet von einer Frau, die er nicht mehr liebt in die Arme einer anderen; sein Platzhalter wird der beste Freund, der ihm zum Scheintod verhilft. Die zweite Konsequenz betrifft das wiederkehrende Scheitern in der Endlichkeit: Da der Mensch das Unendliche anstrebt, es aber in seiner Endlichkeit nie ganz fassen kann, blickt der Humor milde und zugleich kritisch auf diese menschliche Notlage.

Foto Belinda Helmert: Myersiekische Mühle, Seitenansicht mit Veranstaltungsplatz und ausgeflogenem Storchennest
Geld regiert und Geld verliert
Wie bereits angeführt gilt der Roman „Siebenkäs“ als Vorläufer aller Eheromane. Lenette verkörpert die nüchterne, Siebenkäs den fantasievollen Part. J.P. artikuliert, dass ebenso, wie man aus zu viel Fantasie seinen Verstand verlieren könne, so läge es im Bereich des Möglichen, dass aus zuviel Verstand das Herz verloren ginge. Dieser Konflikt spielt sich nicht nur in einem Menschen ab, sondern innerhalb einer Epoche: die Romantiker galten der Weimarer Klassik als gemütskrank, diese wiederum empfanden die Rationalisten als Marionetten. Laut J.P. sucht der Mensch für seine Liebe dieselbe Einheit, die er für seine Vernunft begehrt. Diese kann zu einer fruchtbaren Polarität führen (wie Mann und Frau sich ergänzen können anstelle sich zu bekämpfen), muss es aber nicht, wie der anfänglich gute Beginn der Beziehung zweier fremder Menschen, Lenette und Siebenkäs,belegt, der alsbald kippt: „Er mochte sagen, was er wollte: sie sagte, was sie wollte.““ (II. Buch, 5. Kapitel) http://www.zeno.org/Literatur/M/Jean+Paul/Romane+und+Erz%C3%A4hlungen/Blumen-,+Frucht-+und+Dornenst%C3%BCcke/Zweites+B%C3%A4ndchen/F%C3%BCnftes+Kapitel
Nicht unwesentlich oder untypisch für die Entfremdung sind unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und noch elementarer, vom Wert des Geldes. Siebenkäs verdient in dem kleinen Ort Kuhschnappel viel zu wenig Geld. Das Paar kann die täglichen Lebenskosten kaum decken, was seine Frau besonders bei der Freigiebigkeit des Gatten empört. Die Gattin eidet extrem unter der materiellen Unsicherheit. Sie sehnt sich nach bürgerlicher Ordnung, Ansehen und einem sorgenfreien Alltag.
Weil das Geld ausgeht, muss das Paar nach und nach Möbel und Gegenstände aus der Wohnung versetzen. Mit den Dingen verschwindet auch nach und nach die Bindung zwischen den jungen Eheleuten. Die täglichen Auseinandersetzungen drehen sich oft darum, welcher Besitz als Nächstes geopfert werden muss. Symbolisch: Als Lenette sogar ein persönliches Liebesgeschenk von Siebenkäs verpfändet, bricht die letzte emotionale Verbindung zwischen ihnen zusammen.
Summa summarum kollidieren zwei Lebensentwürfe: Siebenkäs nimmt die Armut mit Humor und ignoriert gesellschaftliche Konventionen. Lenette hingegen wünscht sich Anpassung und bürgerliche Sicherheit. Lenettes pflichtbewusste Hausarbeit stört Siebenkäs beim Schreiben. Seine Nachlässigkeit treibt sie wiederum in die Arme des biederen, aber geordneten Schulrats Stiefel

Foto Bernd Oei: Storchenpaar auf dem Dach des Mühlenmuseums in Steyerberg. Im zweiten Band von Siebenkäs (im 5. Kapitel) heißt es: „Siebenkäs schickte sogleich den Eifersucht- und Ehe-Teufel zu allen andern Teufeln, als er am Morgen erwachte – denn der[150] stillende Schlaf hält den Fieber-Puls der Seele an, und seine Körner sind die Fieberrinde gegen das kalte Fieber des Hasses wie gegen das hitzige Fieber der Liebe –; ja er legte das Schatten Reißbrett hin und nahm von der gestrigen freien Übersetzung und Abschrift des Egelkrautschen Gesichts mit dem Storchschnabel eine verjüngte und treue und schwärzte solche gehörig
Ein Humorist als Moralist
Jean Pauls Religiosität ist kompliziert, da er sich keineswegs mit der Haltung der Kirche und dem traditionellen Christentum anfreunden konnte. An vielen Stellen opponiert er gegen das auferlegte Korsett. Dagegen hielt er sich an die Bergpredigt mit der gebotenen Nächstenliebe und Jesu Rede an die Pharisäer, die zentral das Armutsgebot inkludiert und die Sklavenwirtschaft anprangert. Er erweist sich als Befürworter des stillen häuslichen Glücks und des Wunder- nicht des Aberglaubens. Man möchte meinen, er war ein Moralist, der im Humor die Wurzel aller Moral erblickte. https://religion.orf.at/radio/stories/3232818/
Die Gleich Setzung, die Einheit, das Zusammenhaltende ist als Liebe das Göttliche im All wie im Menschen. So formuliert es Karoline Sprenger in ihrer Promotion „Studien zu Levana“ in ihrem Kapitel über Jean Pauls Religiosität außerhalb der Norm und innerhalb des christlichen Glaubens im Zusammenhang mit der sittlichen Erziehung. Sie ordnet ihn als Pädagogen, Reformer und Humoristen ein, der weitere Spaltungen und Sektierungen innerhalb der Kirche befürchtete und den Erziehungsauftrag durch lebensferne Bildung gefährdet sah. https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/deliver/index/docId/79860/file/79860.pdf
Alles auf der Welt bedarf seines Gegenpols, um sein zu können. Aus religiösem Eifer, das Gute zu wollen, kann Böses entstehen wie die Inquisition, die Hexenverfolgung, die Religionskriege, das Missionieren, Strafen und Tyrannisieren. Am Ende geht es um das Große und Ganze und nicht das Zerlegen und Zergliedern in feinste Teile: „Wir klagen so oft über das Böse, das in der Welt vorhanden ist, und bedenken nicht, daß es notwendig ist, um’s Gute zu fühlen.
Die physischen Übel in der Welt vermindern, heißt eine große Anzahl Freuden aus derselben hinweg nehmen.„
(„Übungen im Denken“, 2. Teil, erstes Kapitel)
Darum hat jede Volkommenheit die Unvolkommenheit nach sich, wie der Körper den Schatten

Foto Belinda Helmert: Eingang zur Hochzeitsmühle“ und Wassermühlen-Museum samt Café“.https://heimatverein-steyerberg.de/hochzeitsmuehle/
Gott ist tot
Über die Wirkungsgeschichte der Aussage „Gott ist tot“ durch Jean Paul wäre ausführlich zu sprechen. Man müsste an den liberalen protestantischen Theologen Friedrich Schleiermacher erinnern: Schleiermacher wollte den Glauben im Gefühl„verankern“, Gott, so wörtlich, im „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit“ spürbar werden lassen. Das Wesen der Religion definierte er als Anschauung und Gefühl, nicht aber als kritisches Denken. Man müsste in unserem Zusammenhang die Literatur der Romantik weiter diskutierten, etwa die „Nachtwachen des Bonaventura“ von E.T.A. Hoffmann. Friedrich Nietzsche hat in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ (Nr. 125) sehr deutlich den Tod Gottes verkündet: Allerdings war für Nietzsche dieses erschütternde Ereignis nur ein Durchgang zu etwas Größerem, in seiner Sicht Hilfreichen, nämlich der Ankunft der Übermenschen und des Glaubens an die „ewige Wiederkehr des Gleichen“. Das alte Gottesbild als dogmatischer „Sinnstifter“ musste getötet werden, um Raum für Neues zu schaffen… https://religionsphilosophischer-salon.de/keys/die-rede-des-toten-christus-vom-weltgebaeude-herab

Foto Belinda Helmert: Steyerberg, Schild , das bei Veranstaltungen und Öffnung der Mühle (mit Führung) einlädt. Aus der historischen Zwangsmühle, die alle ansässigen Bauern verpflichtete , ihr Korn hier zu mahlen, ist ein Ort der Freiwilligkeit entstanden, das Besucher informiert und kulinarisch verwöhnt.







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