
Foto Bernd Oei: Maison Victor Hugo, Paris, Place des Vosges, Rodin-Skulptur (Zerbrechlich. Bitte nicht anfassen) zu Ehren von Victor Hugos Les Misérables. Der Vater beweint den Tod seines Sohns „Gavroche“ (Dreikäsehoch), der bei den Barrikadenkämpfen der Februarrevolution sein Leben verliert.
Gilles Deleuze wird 1925 im 17. arrondissement de Paris (Batignolles-Monceaux,) auf dem rechten Seineufer im Nordwesten geboren und gilt als insbesondere von Bergson Nietzsche und Heidegger beeinflusst. Auch er sieht sich der Betonung des Unterschieds, der Brüche und interpretatorischen Sprachverschiebungen im Denken verpflichtet. Er zählt zu den Poststrukturalisten, weil seine Philosophie zentrale moderne Leitideen wie Einheit, Identität, Ursprung und feste Hierarchien kritisiert und stattdessen Differenz, Vielheit, Pluralität und Bewegungsbilder betont. Zudem verbindet er Philosophie mit Psychoanalyse, indem er psychoanalytische Begriffe wie Begehren, Unbewusstes und Ödipus philosophisch neu deutet und dabei die Psychoanalyse kritisch gegen ihre eigenen Voraussetzungen wendet. Leitmotivisch hier seine Aussage „Ich möchte mit den Mitteln der Philosophie das Terrain der Philosophie verlassen.“ https://www.deutschlandfunk.de/werden-statt-sein-100.html
Deleuze analysiert Film, Fotografie, Musik und Malerei; hier erkundete er das Spannungsfeld zwischen Figuration und Defiguration. In „Über Malerei“, ein Buch, das aus 8 Vorlesungen in Paris-Vincennes (Université VIII) 1981 entstand, Eine der Fragestellungen lautet, welche Beziehung sie zur Katastrophe und zum Chaos hat. Kernpunkt ist darindie Katastrophe von Turner bis zu Cézanne.
Über Victor Hugo äußert sich Deleuze in seiner Vorlesung über das Kino, die in die Bände „Kino I: Das Bewegungs-Bild“ (1983) und „Kino II: Das Zeit-Bild“ (1985) punktuell. In „Kino I, Wahrheit und Zeit. Die Verfälschung“ zitiert er dessen Gedicht „Une émeraude à ses facettes“ (Ein Smaragd in seinen Facetten), das in „Contémplations“ 1856 veröffentlicht wurde. Er nimmt es als Beispiel für die Komplexität von Wahrnehmung und Gefühl und knüpft eine Verbindung zu Undine, die er als Symbol für das Unbewusste geltend macht. Entscheidend ist dabei, dass die Begierde nur scheinbar auf das Objekt fixiert ist, in Wahrheit jedoch andere Quellen hat. Der Text lautet:
L’émeraude en ses facettes
Cache une ondine aux yeux clairs
Je la trouve en sa cachette
Et lui dis en un éclair :
Montrez-moi cette jambette
Que je puisse humer sa chair
J’ai le doigt sur la gâchette
O charmante bayadère
Deutsch: Der Smaragd in seinen Facetten Verbirgt eine Wassernymphe mit klaren Augen Ich finde sie in ihrem Versteck Und sage ihr blitzschnell: Zeig mir dein kleines Beinchen, Damit ich ihren Duft riechen kann Mein Finger liegt am Abzug O bezaubernde Tempeltänzerin.
Deleuze spricht von Kristallisation, in der sich das Aktuelle und das Virtuelle ununterscheidbar ineinander verschränken. Im Kristallbild des Kinos zeigt sich die Zeit selbst als ein Punkt, an dem Gegenwart und Vergangenheit, Wirkliches und Mögliches, nicht mehr sauber getrennt werden können. In englischer Sprache ist dies nachzulesen auf https://deleuze.cla.purdue.edu/lecture/lecture-02-5/

Foto Bernd Oei: Eingang zum Victor Hugo Museum
Differenz am Anfang und am Ende
In seinem Buch „Über die Malerei“ beleuchtet Deleuze das Repräsentative mit Hilfe der Adjektive figurativ, illustrativ und narrativ. Gemäß seinem philosophischen Programm, dass es keine Anfänge gibt, beginnt für ihn auch der Maler sein Werk nicht mit und auf einer weißen Leinwand. Er ist immer schon eingebettet in ein Wirrwarr an Erinnerungsbildern und Klischees – „figurative Gegebenheiten“. Der Maler muss also – will er seine Kunst der Repräsentation entreißen – eine bewusste Entscheidung gegen das Figurative treffen.https://literaturkritik.de/deleuze-francis-bacon-sensation-als-aesthetische-kategorie-gilles-deleuzes-auseinandersetzung-mit-francis-bacon,22933.html
Deleuze bezeichnet mit figurativ, illustrativ und narrativ drei Weisen der Repräsentation, gegen die sich besonders seine Kunsttheorie richtet: Das Bild soll nicht bloß ein erkennbares Objekt zeigen, nicht nur etwas erklären, und auch keine Geschichte erzählen, sondern Kräfte, Affekte und Sensationen direkt sichtbar machen. Er führt dies am Beispiel des irischen Malers Francis Bacon durch.
Ein Bild ist figurativ, wenn es sich auf wiedererkennbare Formen oder Motive bezieht und damit an Klischees, Erinnerungsbilder oder mimetische Darstellung gebunden bleibt. Dies ist v.a. in Bezug auf antike oder biblische Mythen der Fall.
Ein Bild ist illustrativ, wenn es etwas bereits Vorhandenes veranschaulicht oder erklärt, also auf einen äußeren Inhalt verweist, statt eine eigene malerische Logik zu entwickeln.
Ein Bild ist narrativ, wenn es eine Geschichte erzählt oder Figuren so verknüpft, dass sie als Handlungsträger gelesen werden; Deleuze will gerade solche erzählerischen Verbindungen oft unterbrechen.
Auch hier gilt wie bei allem die Differenz als entscheidend (Verschiebung, Verräumlichung einer Idee durch die Materie). „Die Differenz ist der wahre Anfang von allem“ (Zitat aus Differenz und Wiederholung, Original Différence et Répétition, 1968. Genau deshalb widmet er auch Nietzsche eine Hommage (1962), da dieser als erster auf den Mythos der Kausalität und der Logik als „weiße Metapher“ aufmerksam gemacht hat.

Foto Bernd Oei: Garten und Pavillon des Victor Hugo Museums am Platz der Vogesen 6, einem öffentlichen Gratis-Museum zu Ehren des Schriftstellers/Malers. Unteres Foto: Detailaufnahme mit Brunnen im Garten, der zum Café Mulot gehört.
Anti-Ödipus
Das wohl meistgelesene Buch und in Deutschland populärste ist die Freud-Kritik und an Lacan (Neofreudianismus) in „Anti-Ödipus“. Das Subjekt ist demnach nicht vom negativen Mangel gekennzeichnet (wie bei Lacan), sondern vom positiven Wunsch. Deleuze nennt seine Methode Schizoanalyse; Sie soll nicht das Begehren auf Ödipus, Familie und Repräsentation zurückführen, sondern es als produktiv und gesellschaftlich verstehe. https://de.wikipedia.org/wiki/Schizoanalyse
Das Begehren ist Produktion: Für Deleuze und Guattari ist Begehren keine bloße Mangelstruktur, sondern eine Wunschmaschine bzw. ein maschinelles Gefüge von Verbindungen und Prozessen, das Unbewusste eine „Fabrik“ bzw. „Werkstatt“:
„Denn was Freud und die ersten Analytiker entdecken, ist der Bereich freier Synthesen, in dem alles möglich ist: die endlosen Konnexionen, die nichts
ausschließenden Disjunktionen, die unspezifischen Konjunktionen, die Partialobjekte und Ströme. Tief im Innern des Unbewußten dröhnen und brum-
men die Wunschmaschinen …“ (Deleuze/Guattari: Anti-Ödipus, Kapitel II, Die heilige Familie, S. 68)
Der Untertitel zu Anti-Ödipus lautet „Kapitalismus und Schizophrenie“ und er heißt so, weil Deleuze / Guattari die These vertreten, dass der Kapitalismus nicht nur ökonomisch funktioniert, sondern auch Wunschproduktion, Subjektivität und gesellschaftliche Repression formt; Schizophrenie steht dabei nicht einfach für eine klinische Diagnose, sondern für eine Grenzfigur und einen Prozess, an dem sie die Dynamik des Kapitalismus analysieren.
„Da-bei, und das ist wohl das Problematische, vereinnahmt der Staatsapparat auch die Operationalität der Kriegsmaschine als eine Art strategisches Werkzeug.“11“ (Anti-Ödipus, Kapitel III, Wilde, Barbaren, Zivilisierte, S. 288)
Die kritische Auseinandersetzung mit der Freudschen Psychoanalyse (ein Wesensmerkmal der Postmoderne),richtet sich an den Mechanismus der ‘bürgerlichen Repression, die u.a. über Triebsteuerung und Familie als heilige Institution und als verlängerter Arm des Staates funktioniert.’ Deleuze spricht vom Terror einer erdachten und simulativen Moral (hier Nietzsche radikalisierend), An die Stelle der Objektivierung tritt bei ihm seine Subjektivierung, Diese zielt nicht wie in der Aufklärung auf die Bildung eines autonomen, innerlich einheitlichen Ichs, sondern auf die Produktion von vorläufigen, relationalen und historisch veränderlichen Subjektformen innerhalb von Wunsch-, Sozial- und Machtprozessen. Reformuliert: das Subjekt ist nicht ursprünglich; es entsteht erst aus Wunschproduktion, sozialen „Maschinen“ und Verknüpfungen von Kräften. Bereits Nietzsche negiert die Einheit des „Ich“ und dessen Macht über sich selbst.
Daher stellt Deleuze die Frage, wer Ödipus eigentlich ist, da sein Mythos eine Reihe von Tabus aufgestellt hat und das Brechen dieser Tabus bestraft wird. Er wird für Freud zum Ur-Ich, das in allen Subjekten schlummert. und es auf ein Mangelwesen reduziert.
„Selbst Freud kommt nicht aus diesem beschränkten Blickwinkel des Ich heraus. Ihn hinderte daran seine ihm eigene trinitarische Formel – ödipal, neurotisch: Papa-Mama-Ich.“ (Anti-Ödipus, Kapitel I, Die Wunschmaschinen, S. 32)
Für Deleuze aber ist „Ödipus ein Erfordernis oder eine Folge der gesellschaftlichen Reproduktion, als diese darauf aus ist, eine
genealogische Materie wie Form zu beherrschen, die ihr doch allseits entwischen“. (ebenda, S. 21)
Der Volltext „Anti-Ödipus“ ist eingestellt unter https://monoskop.org/images/e/e4/Deleuze_Gilles_Guattari_Felix_Anti-Oedipus_Kapitalismus_und_Schizophrenie_I.pdf

Begehren über allem
Die Art des Philosophierens (Anti-Dialektik) richtet sich vornehmlich gegen Hege, daneben auch Husserl und Heidegger. Besonders Hegel ist für ihn der Stammvater jenes Denkens, das er akristisiert, weil es immer Identität und Versöhnung sucht anstelle Differenz und Aushalten eines paradoxen Zustands. Hegels Aufhebung aller Erscheinungsformen in der Bewegung des sich verabsolutierenden Geistes, so der Vorwurf von Deleuze, arbeite dem Triumph des Identischen zu und verrate damit das eigentliche philosophische Denken. Dieses begreift der Franzose als Akt der Entdeckung von Neuem und Differentem.
In „Was ist Philosophie“ (1991) besteht diese (wie bei Nietzsche) im kreativen Bereich, nicht der Reproduktion oder Abstraktion, sondern der Kunst, Begriffe zu erfinden. Keinesfalls genügt es ihm, vorhandene Ideen zu erklären, sie mit Logik zu beweisen zu suchen oder bestimmte Wahrheiten festzuschreiben, Wörtlich nennt der Philosophie die „Kunst der Bildung, Erfindung, Herstellung von Begriffen“.
Es entsteht eine dialoghafte kreative Praxis, die bestehende Ordnungen und festgefügte Bedeutungen irritiert und neue Verbindungen eröffnet. Dadurch sollen alte Denksturkturen aufgebrochen, neue Denkweisen ermöglicht und die Bedingungen des Denkens verändert werden. Ideales Ziel ist die Rückgewinnung eines wahrhaft mündigen souveränen Subjekts und wahrer Individualität.
Konkret entzündet sich Deleuze Denken durch die Studentenunruhen. Seither entwickelt eine radikale Philosophie des Begehrens, die den politischen Impuls des Aufbruchs vom Mai 1968 fortführt. Er verwendet im Französischen vor allem désir für „Begehren“ im Sinne eines Triebes zzw. Wunsches, Je nach Kontext unterscheidet er außerdem plaisir (Lust“ „Vergnügen“, volonté (Wille“, Intention) und bei h Formulierungen wie machine désirante (Wunschmaschine“) sowie agencement de désir („Begehren-Arrangement“ „Gefüge des Begehrens). Dabei ist das désir/Begehren désir kein Mangel, der nach Befriedigung verlangt, sondern eine produktive Kraft, die nach Veränderung des Status Quo strebt. https://www.spektrum.de/lexikon/philosophen/deleuze-gilles/83
Eine Stelle, die belegt, wie konträr Deleuze Wunsch/Begehren (désir) von Freud und dessen Unterdrückungsapparat abhebt: „
„Die Freudsche Erpressung besteht darin: entweder erkennt ihr den ödipalen Charakter der kindlichen Sexualität an, oder aber ihr verzichtet auf jede Position der Sexualität. Doch nicht einmal im Schatten eines transzendenten Phallus richten sich die unbewußten Wirkungen des »Bedeutens« auf die Gesamtheit der Determinationen des gesellschaftlichen Feldes, vielmehr ist es die libidinöse Besetzung dieser Determinationen, die deren einzigartigen Gebrauch innerhalb der Wunschproduktion und die spezifische Ordnung festlegt, die diese Produktion gegenüber der gesellschaftlichen einnimmt, und aus deren Verhältnis der Zustand des Wunsches und seiner Unterdrückung sich ergibt.“ (Anti-Ödipus, II, S. 129)

Foto Bernd Oei: Treppenaufgang im Museum Victor Hugo, Karikatur Hugos von seinem Zeitgenossen Benjamin Roubaud (1811-47) https://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/benjamin-roubaud/
Denken der Differenz
In seinem letzten Werk „L ‚immanence, une vie“ (deutsch Fluchtlinien“, 1996) verwendet Deleuze die Metapher alignement bzw. ligne de fuite(Fluchtlinie), um die paradoxe Aufgabenstellung, einen Ausweg aus bisherigen (gedachten)Wegen zu finden, ohne selbst in eine eigene dogmatische Richtung zu verfallen. Er spielt mit der differenzierten Bedeutung des Wortes selbst. Im Zeitalter der Dekonstruktion und Negativität, womit der Verfall religiöser, politischer und soziokulturell-kommunikativer Seinsentwürfe einhergeht (Schlagwort „Tod Gottes“) will Deleuze einen Beitrag leisten, um aus dem Chaos herauszufinden ohne eine neue starre Struktur oder Logos etablieren zu müssen. Die Fluchtlinie steht für Ausbrechen, Befreiung, Entgrenzung
Anknüpfend an Nietzsche und Heidegger, die in der Neugier den ersten Schritt zur schöpferischen Tat sehen, fragt Deleuze mitder Metapher“ theatrum philosophicum” nach dem Verhältnis von Philosophie als das bewusste Denken zur ,Politik als die bewusste Tat) und dem Unbewusstem, das zumeist in der Kunst sicht- und hörbar wird. Er stellt dabei eine Gier nach Neuem fest, die dem menschlichen Streben nach Sicherheit entgegengelaufen und zu einer „Logik der Sensation” führen, die mit Konsum und Beobachten sowie Bewerten beschäftigt ist und den Wunsch nach radikaler Veränderung untergräbt.
„Denken der Differenz“, bedeutet, dass Differenz nicht nur als Abweichung von etwas Gleichem verstanden wird, sondern als etwas Eigenständiges und Produktives: Unterschied ist nicht bloß sekundär, sondern grundlegend für Sein und Denken. Zunächst gilt es, die Bedingungen des Denkens selbst zu denkenn und zu hinterfragen, wie Denken überhaupt möglich wird. An die Stelle von Identität, Ähnlichkeit und Repräsentation sollen dabei Denken von Differenzen, Virtualität und Veränderung treten.
Differenz erscheint bei Deleuze als positive Kraft, aus der Neues hervorgeht. In Anlehnung an Nietzsches ewige Wiederkehr des Gleichen, kommt es zu Variationen. Wiederholung bedeutet nicht bloß das selbe noch einmal, sondern eine Wiederholung, in der sich etwas jeweils anders aktualisiert und gleicht damit dem Vorgang des wieder Hervorlholens. So heißt es über die Moderne:
„Das moderne Denken ist aus dem Scheitern der Repräsentation, dem Verlust von Identitäten und der Entdeckung aller Kräfte geboren, die unter der Repräsentation des Identischen wirken. Die moderne Welt ist eine der Simulacren.“ (aus der Habilitation „Differenz und Wiederholung“ (im Original 1962 Différence et répétition). Simulacren meint Bilder oder Erscheinungen, die nicht auf Ähnlichkeit zu einem Original gegründet sind und die Unterscheidung von Original, Kopie und Modell unterlaufen. Quelle: www.reddit.com/r/Deleuze/comments/v5qp93/quote_from_difference_repetition/?tl=de

Die Deleuzsche Treppe
Deleuze verwendet auch mehrfach die Metapher Treppe in seinen Schriften. Die Deleuzsche Treppe meint fließende Übergänge statt starrer Grenzen, was auch für die Interdiziplinarität gilt. Gegensätze solen weder als unvereinbar betrachtet werden (das leben ist paradox) noch sich wie in der Hegelianischen Dialektik aufheben und damit neutralisieren. Anstatt von oben und unten zu sprechen. geht Deleuze von verbundenen Kontinua aus, die es zu entdecken gilt. Viele dieser unsichtbaren Stufen sind unbewusst.
Stufen sind keine trennenden Barrieren, sondern Verbindungen wie Brücken. Das Treppenhaus ist der Ort ständiger Bewegung, des auf und ab.. In seinem Buch über den irischen Maler Francis Bacon- Logik der Sensation.“ und dem Verweis auf den Maler Marcel Duchsamps – konkret seinem „Akt, eine Treppe herabsteigend“ https://www.kunst-meditation.it/a-bis-h/duchamp-/ führt Deleuze us, wie sich das repräsentative Bild vom Objekt und der Abbildungsfunmktion löst hin zu einer Ereignis und Bewegungslogik, die Sensation auslöst. Dies konkretisiert seine Vision von Phikosophie müsse etwas Neues erzeugen.
Die Flucht vor der Repräsentation kann für Deleuze zwei Wege nehmen: mit der Abstraktion zur Form hin oder mit der Isolierung zum Figuralen hin. Diesen zweiten Weg nennt Deleuze – in Anlehnung an Paul Cézanne – Sensation. Deleuze sieht in Bacons Kunst den zweiten Weg realisiert. Während die abstrakte Form direkt die intellektuelle Verarbeitung anspricht, wendet sich die Sensation an „das Nervensystem, das Fleisch ist.“ Gegenbegriff zur Sensation ist das Sensationelle, also der Schock und Schrecken. https://literaturkritik.de/deleuze-francis-bacon-sensation-als-aesthetische-kategorie-gilles-deleuzes-auseinandersetzung-mit-francis-bacon,22933.html
Deleuze hat Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend vor allem als Bild einer simultanen, zerlegten Bewegung lesbar gemacht: Nicht ein Körper „als Figur“ steht im Zentrum, sondern eine Abfolge von Bewegungszuständen, die im Bild gleichzeitig präsent sind. Das passt zu Duchamps eigener Erklärung, dass das Werk keine naturalistische Darstellung eines Nackten sei, sondern ein Diagramm einer Idee von Bewegung

Foto Bernd Oei: Portät Victor Hugo auf einem Felsen im Musée Victor Hugo, Paris durch den Maler Étienne Carjat aus dem Jahr 1867 (Guersey) https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne_Carjat#Einzelnachweise
Kunst braucht und flieht Chaos
Gilles Deleuze beschrreibt in seinem Essay „Postskriptum über Kontrollgesellschaften“ 1990 den Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft. Erstere wurde von Michel Foucault für das 18. und 19. Jahrhundert in Europa thematisiert. Der Kunst-Geschmack wird normiert und damit auch sterilisiert.. Deleuze schildert die Entwicklung im Bereich der Ästhetik. Er formuliert die Ausbildung eines „bürgerlich-autonomen“ Geschmacks für die Disziplinargesellschaft und den „konsumistisch-postmodernen“ Geschmack für die Kontrollgesellschaft. https://pop-zeitschrift.de/2017/09/20/social-media-septembervon-alicja-schindler20-9-2017/
In „Was ist Philosophie“ formuliert Deleuze seine ästhetische Theorie, „Kunst will Endliches schaffen , das Unendliches zurückgibt“ Er unterscheidet drei Formen des Denkens: Philosophie, die Unendliches retten will (in der Metaphysik) Wissenschaft, die auf Unendliches verzichtet (in der logischen Beweisführung) und Kunst, die Endliches erschaffen will. Den Gedanken der autonomen Kunst verwirft er, da sie gleichfalls in einen Kontext eingebettet bleibt. „
„Deshalb malt der Maler nicht auf einer noch unberührten Leinwand, wie auch der Schriftsteller nicht auf einem weißen Blatt Papier schreibt1, vielmehr sind Blatt wie Leinwand schon derart bedeckt mit bereits bestehenden, fertigen Klischees, daß es als erstes…zerfetzt werden muß, um einen Luftzug vom chaos eindringen zu lassen, der uns die Vision bringt.“
Dabeiegehen die drei Bereiche eine unfreiwillige, aber notwendige Wechselwirkung ein, so definiert er philosophische Kritik als „Kunst der freiwilligen Unknechtschaft“. Der Künstler bricht aus dem Chaos, den Urempfindungen, dem „Empfindungsblock“ „Variationen“ heraus gleich Splittern aus Kristallen. Ihm ist aber nicht um die bloße Abbildung dessen, was er organisch empfunden hat, zu tun, sondern um ein „Sein des Sinnlichen auf anorganischer Kompositionsebene zu erstellen“.
Kunst ist primär Kampf mit dem Chaos und seiner Überwindung. Philosophie beschreibt diesen Kampf in Begriffen und Wissenschaft überprüft die Gedanken auf Nützlichkeit. Kunst liefert dabei das einzige Denke, das sich selbst bewahrt, gerade weil es sich mit und in ihr ständig verändert. Was sich in der Kunst bewahrt, ist der „Empfindungsblock“, eine Verbindung von Affekt und Perzeption. Deleuze unterscheidet in der Kunst einen Spannungsbogen über Affekt, Perzeption, und Begriffsbildung, denn das Bild geht dem Vegriff stets voraus. Affekte führen zur Rezeption (Gestimmtsein), Perzeption zu Werikung und Wahrnehmung..
Beispiel Malerei: Monochrome farbgebende Leere (Affekt) läßt die Empfindung von Unendlichkeit (Perzeption) hervortreten; Abstraktion (Begriff) den Übergang und der Begriff das Singuläre der Empfindung selbst.

Foto Bernd Oei: Zimmer im ehemaligen Wohnhaus Hugos, heutiges Museum Maison de Hugo. Unteres Bild: Inventar, Detail

Kritik als Funktion der Entunterwerfung
Der Begriff, ein Neologismus lfür Entunterwerfung lautet désassijettissement und stammt von Foucault (Esssay Was ist Kritik) Foucault stellt darin fest, dass auch Kritik genormt ist und keineswegs unabhängig oder dialoghaft, sonsern seinerseits ein Instrument der Macht.Desweiteren spricht er vom Redigieren, um regieren zu können. Er regt Diskurse an, welche zunächst die Machtfrage klären und Mechanismen der Repression unterlaufen.
Deleuze fügt an, Kritik sei nicht von Haus aus emanzipiert, sondern etabliert Subjekte in bestehende Macht- und Repressionsverhältnisse einpasst. Das betrifft besonders seine Analyse von Psychologie/Psychoanalyse, Faschismus, Kapitalismus und disziplinierenden Denkformen. So erscheint bei Deleuze – wie bereits im „Anti-Ödipus“ angedeutet – Psychoanalyseals Instrument der Repression, weil sie das Subjekt unter eine phallische Struktur der Kultur unterwirft und damit Dominanzverhältnisse stabilisiert. Das Subjekt ist das buchstäbliche subjectum, das Unterworfene und nicht Herr im eigenen Haus.
In seiner Kritik an Faschismus und Kapitalismus zeigt Deleuze, dass diese Systeme Kritik und Denken so organisieren, dass sie Instabilität leugnen und Handlungsmöglichkeiten einschränken; Kritik wird dann in eine Ordnung der Anpassung eingebunden Auch in der Literatur- und Kunstauffassung ist Kritik nicht primär ein Herrschaftsinstrument, sondern soll das Vermögen erweitern; „schlechte Literatur“ dagegen beschneidet und engt ein, also wirkt unterwerfend.
In Deleuzes Machtanalysen geht es allgemein darum, wie Deutungen, Institutionen und Wissensformen Subjekte formen und binden statt sie zu befreien

Foto Bernd Oei: Inventar im Zimmer 3 (von insgesamt 4 zugänglichen) des Maison Victor Hugo
Wenn Zeit zur Dauer wird
Laut Deleuze in seiner zweibändigen Kino- und Filmtheorie ist Ihm zufolge ist der Regisseur ein Philosoph mit anderen Mitteln, da er zwar nicht in Begriffen, aber mit Bildern und Tönen denkt. Der Film stiftet einen Glauben zweiter Ordnung, da die klassischen Parameter Gott und durch das Scheitern der Aufklärung auch die Vernunft fragwürdige Instanzen geworden sind. Er spricht von Filmosophie. Summa summarum geht es darum, festgefahrene Denkweisen und Begriffe zu sprengen. Daher „Ein Begriff ist wie ein Ziegelstein“ („Das Bewegungsbild“. Kino I , S. 25)
»Das Band des Menschen mit der Welt ist zerrissen«“ („Das Zeit-Bild „. (Kino II), S. 61.)
Deutlicher als in diesem Zusammenhang kann sein übernommener Bergsonismus nicht sein, denn das bewegte Bild gestattet keine Punkte und löst Zeit in Dauer auf. Er spricht von Bewegungsbild (image-mouvement). Es ist in sich different, so gib t es Aktionsbilder und Perzeptionsbild, die unterschiedliche Formen des Films begünstigen.https://filmlexikon.uni-kiel.de/doku.php/b:bewegungsbild-1431
Entscheidend ist dabei, dem Film die Fähigkeit zuzuschreiben, seine eigene epistemische (erkenntnisfördernde) Einsicht von philosophischer Bedeutung zu produzieren. Deleuze untersucht die intrinsische Beziehung zwischen Film und Denken in Kino 1: Das Bewegungs-Bild und Kino 2: Das Zeit-Bild, zwei in der . In letzterem stellt Deleuze die Behauptung auf, das Wesen des Kinos priorisiere das Denken in Bildern. und trage so zur Veränderung des Denkens bei. Für Deleuze sind die Zeit und das filmische Bild miteinander verwoben, es widerspiegelt daher den Zeitgeist.
Einer der zahlreichen Neologismen lautet ‹Nooschock›. Es handelt sich um eine Synthese aus nous, Geist und choque. Pionierarbeit auf diesem Gebiet leistet Benjamin, der den Schock als Inspiration für neues Denken und Ausbruch aus der Einbahnstraße begreift.Kino wird zur ersten Form der künstlichen Intelligenz. Im Gegensatz zu Benjamin zieht er eine radikale Trennlinie zwischen Film (Werden, Dynamik) und Fotografie/Malerei (Starrtheit, Stillstand). Nur der Film zerbricht die lineare Chronologie und damit die Mechanik der Zeit – er verwandelt sie in Dauer. Zudem vermag er sich von der Handlung zu lösen.
Fotografie friert die Bewegung ein und erdrückt die Sensation, geht in Repräsentation auf. Mareio ermöglicht Interaktion, bringt Fmit Farben einen eigenen Rhythmus hervor. In seinem Buch über den Maler Baconbeschreibt Deleuze, wie er Unsichtbares sichtbar macht und damit eine Tür zum Unbewussten öffnet. Dies ist in der Filmkunst mehrfach gesteigert der Fall, weil es kein statisches Medium darstellt. Der Film präsentiert der Film reine Bild- und Zeitlichkeit, ohne Unterordnung unter narrative Stereotypen, (Klischees).
Auch hier spielt Deleuze mit der Differenz und unterscheidet Deleuze unterscheidet in der Kinogeschichte maßgeblich zwischen zwei Phasen, die sich beide durch die Beziehung der Bilder zur Bewegung ergeben: das (normale) Bewegungs- und das Zeit-Bild mit Montage und Zeitlupe oder Zeitraffer Deleuze geht mit Bergson nicht nur davon aus, dass, damit überhaupt etwas gegenwärtig werden und vergehen kann, es sich in gewisser Weise vorauslaufen und schon vergangen sein muss. Sondern jede zeitliche Realisierung, des Denkens wie des Films, stellt für ihn eine Weise der Verkehrung dieser beiden Dimensionen des »Äon« und »Chronos« ineinander dar:https://zkm.de/de/michaela-ott-virtualitaet-in-philosophie-und-filmtheorie-von-gilles-deleuze

Foto Bernd Oei: Fries mit Pegasus-Motiv, Symbol für Freiheit der Poesie und Einbildungskraft. Eine historische Darstellung zeigt Victor Hugo auf einem Pegasus reitend mit einer Fahne, auf der „Das Hässliche ist der Gral“ steht, um seine Rolle als „König der Hugo-Anhänger“ und seine Auseinandersetzung mit Schönheit zu symbolisieren.






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