
Foto Bernd Oei: Fanore, das längste Dorf Europas mit 14 km: einzelne Häuser, immer wieder Steine, die einen Ortsteil markieren, der bestenfalls aus drei Häusern besteht und kein Ende abzusehen: N 27, Serpentinen-Küstenstraße im County Clare.
Geld frisst sich immer tiefer
Tolkien, der britische Autor mit deutschen Wurzeln und Autor von „Her der Ringe“ besuchte die berüchtigte Mondkraterlandschaft entlang der Küstenstraße des Burren Way im County Clare, der Westküste Irlands.
Der irische Philosoph, Priester und Dichter John O‘ Donohue wurde durch seinen Weltbestseller Anam Cara international berühmt. Er stammte gebürtig aus dem County Clare und lebte und wirkte in dieser Region. Seine Familie stammte aus der Gegend und betreibt bis heute das bekannte O’Donohue’s Pub in Fanore. Ihm ist mein Blog in Zusammenhang mit den Cliffs of Moher bei Doolin hinter Fanroe //www.berndoei.de/blick-in-die-tiefe gewidmet. Nach seinem plötzlichen Tod im Jahr 2008 in Frankreich fand er seine letzte Ruhestätte auf dem Craggagh Cemetery in Fanore direkt am Atlantik. Mehr über diesen, zumindest in Irland (und laut Webseiten weltweit) äußerst populären Denker liefert die Webseite https://rlandnews.com/john-odonohue-eine-spurensuche/
Das Geld aus Dublin und Galway (den Industriemächten) frisst sich immer weiter durch die Insel und verschlingt die Natur. So oder so ähnlich hat es o Donnhue gesagt. Er triff damit den Nagel auf den Kopf und gräbt sich in Irlands Küsten-Seele ein.

Fotos Bernd Oei: Deeren, ein Teil von Fanore, ein Dorf an der Westküste Irlands an der Straße zwischen Ballyvaughan und Doolin im County Clare. Ein idealer Ort für Surfer, weshalb es an der Küste auch nur moderne Unterkünfte für Surfer gibt.

Mehr als ein Mythos
Der bekannte irische Romancier Francis Stuart verbrachte seine späten Lebensjahre in Fanore. Er verarbeitete seine Eindrücke der rauen irischen Westküste in seinen autobiografisch geprägten, oft kontroversen Werken und Essays. Auch er verliebte sich in die Region mit ihrer rauen Küste, den Mondkratern, dem ständig wechselndem Wetter und den tief hängenden Wolken.
Stuart wurde zum Verhängnis, dass er in Berlin als Radiosprecher unter Hitler blieb – viele Menschen stellen Beruf und Familie ja über politische Ereignisse – ob und inwieweit er der Ideologie anhing, müsste man recherchieren, es gibt da unterschiedliche Aussagen. Fakt ist, dass er dadurch in seiner Heimat zum outcast, zur unerwünschten persona non grata wurde und sich für die Einsamkeit der Westküste entschied. Das erinnert an Wittgenstein, wenngleich sein Wunsch nach Isolation andere Hintergründe besaß. Auch Böll verliebte sich in den Charme der irischen Westküste (County Mayo, etwas nördlicher). Es muss also mehr als ein Mythos sein. https://www.deutschlandfunkkultur.de/heinrich-boell-achill-island-irland-100.html
In seinem „Irischen Reisetagebuch“ reist Böll durch den Westen Irlands trifft eine lakonische Beobachtung über die irische Identität, die sich für ihn wohltuend vom Muff des Nachkriegs-Deutschlands (Adenauer Epoche) abhebt „Die Bügelfalten verlieren hier rasch ihre Schärfe, und man begreift schnell, dass das Leben an diesem atlantischen Rand nach ganz anderen, älteren Gesetzen verläuft.“

Foto Bernd Oei: Küstenstraße N 27 durch Fanore auf dem Weg nach Doolin mit Dornengestüpp zur Rechten.

Foto Bernd Oei: Keltisches Kreuz und Friedhof von Fanore entlang des Burren Way am Atlantik. Hier ruht John O’Donohue.

Foto Bernd Oei: Aufgrund es Golfstroms gibt es auch exotische (importierte) Pflanzen im County Clare.
Mit bloßen Händen graben
Nicht nur im Sport herrscht eine große Rivalität zwischen irischen Provinzen. So streiten die Bauern leidenschaftlich, wer das grünere Land, die fetteren Schafe oder die rassigeren Pferde besitzt. Ein bekanntes Beispiel für literarischen Vergleiche an der Westküste liefert der irische Dramatiker John B. Keane (1928-2002). Er stammt aus dem benachbarten County Kerry und beschreibt in seinem verfilmten Stück „The Field“ (1965) präzise den fast besessenen Stolz der Bauern auf ihr Land und die teils erbitterten, oft skurrilen Fehden zwischen den Männern aus verschiedenen Regionen (insbesondere Clare, Kerry und Limerick), wenn es um Viehmärkte, die Qualität der Weiden oder die sprichwörtliche Dickköpfigkeit der Nachbarn geht. https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Feld_(1990)
Leitmotiv: Der starrsinnige Farmer Mc Cabe will partout sein Land nicht verkaufen, treibt dabei sich, seinen Sohn und seine Frau in den Ruin. Er argumentiert, warum das Land im Westen Irlands nicht einfach nur eine Immobilie ist, sondern mit dem Blut und Schweiß der Vorfahren bezahlt wurde. „Outsider? … No outsider will ever buy a field in this parish while I’m alive! … My father spent his life in that field, and his father before him. They made it out of the rocks and the weeds, and they paid for it with their sweat. It’s not just grass and dirt; it’s our family’s life!“ Sinngemäß: kein Fremder darf jemals sein Feld, seine Farm besitzen. Er betont, dass er alle Steine mit seinen bloßen Händen ausgegraben hätte und keine Pflanze ohne seinen Großvater, Vater oder ihn dort wachsen würde.
Die archaische anmutende Aussage „I dug the rocks out of it with my bare hands“ beruht im ländlich geprägten und rückständigem Irland um die Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg durchaus auf einen wahren Kern. Selbst Böll befand, dass er in den Sechziger Jahren auf der grünen Insel die Zeit zurückgedreht vorfand.
Beeindruckend gespielt ist die verfilmte Brandrede von „The field“ nachzuhören unter www.facebook.com/forgottenireland.ie/videos/a-scene-from-the-field-where-the-bull-describes-what-outsiders-done-to-the-irish/2340722066222699/
Wort für Wort nachzulesen unter https://www.quotes.net/mquote/1090814

Foto Bernd Oei: Fanroe, typisches Steinhaus am Rande der Küstenstraße N 27 nach Doolin und den Cliffs of Moher.

Foto Bernd Oei: Fanroe kann auch farbig. Erstens gibt es einige Gästehäuser für Touristen/Surfer, zweitens lieben die Iren nun einmal farbige Fassaden.
Eire is different
Franco bzw. sein Minister Iribarne prägte einmal den Satz Spain is different, v.a. um den Tourismus in dem damals isolierten Land zu beleben und von der Ächtung einer 30 jährigen Diktatur abzulenken. Dies gilt auch für die grüne Insel, in abgewandter Form heißt es „Are the Irish Different?“ (das Buch vonTom Inglis lag sufgeschlagen auf einem Küchentisch in Doolin). Es geht geht darum, ob die Iren sich in ihrer Kultur, ihrer Historie, ihrer Beziehung zur katholischen Kirche und ihrer Modernisierung grundlegend vom restlichen Europa unterscheiden. Dazu fällt mir natürlich die Pub Kultur ein, denn Iren trinken, singen und tanzen defintiv ausgelassener und häufiger als anderswo. Einige Sportarten wie gälischer Fußball, vor allem aber Hurling, gibt es nur hier.
Auch die keltischen Mythen, die in ihrem Reichtum ihresgleichen suchen, sind besonders. Drittens die eigenständige Sprache, gälisch, die genau genommen heute eine Art Kunstsprache ist, weil sie die regionalen Aspekte vernachlässigt und stattdessen eine Einheitssprache formt. Viertens die erzwungene Teilung des Landes durch die britische Politik, die wiederum mit einem langen Bürgerkrieg verbunden bleibt. Fünftens entnehme ich aus der Literatur die enge Verknüpfung von Katholizismus (auch religiösen Fanatismus), unterdrückter Sexualität (bzw. verbotener Abtreibung), verbunden mit tiefem Scham- und Schuldgefühl. Die Iren bezeichnen das Zusammenspiel als moral monopoly – sicherlich galt dies auch für Spanien unter Franco.
Ein so lang gezogenes Dorf wie Fanore (geografisch bedingt und ohne Zentrum) gibt es sicherlich nicht so schnell woanders, auch nicht die direkte Nachbarschaft von mindestens einer Kirche und einem Pub, sei der Ort auch noch so klein. Man spricht hier gemeinhin von linear settlement, das für die Küste im m County Clare charakteristisch ist. Meines Wissens wird Jeder Ort hat zudem in gälischer Sprache eine Bedeutung, Fanore etwa goldener Hang.

Fotos Bernd Oei: Küste mit Blick auf Fanroes lang gezogenem Dorf an der N 27. https://de.wikipedia.org/wiki/Fanore

Das heilige Land der Göttin Ériu
Ériu (auch Eri oder Éire) ist in der irischen Mythologie die Schutzgöttin des Landes, von deren Namen sich das irische Wort für die Grüne Insel (Éire) und über das germanische Wort Land schließlich auch der Name Ireland ableitet.
In der irischen Erzähltradition und Kultur spielen Esel eine zentrale Rolle. In den klassischen Märchen „Ein Kobold in Eselsgestalt“ (The Pooka as a Donkey) wacht ein ängstlicher Knecht mitten in der Nacht in einer Küche auf, in der es spukt. Plötzlich steht ein riesiger Esel vor ihm. Doch statt ihn zu fressen, fängt der Esel mit seinen Vorderhufen an, geschäftig das Feuer anzuzünden, Wasser aufzusetzen, die Küche blitzblank zu putzen und das Geschirr abzuwaschen. Es stellt sich heraus, dass der Esel der verwandelte Geist (ein Kobold) eines ehemals faulen Knechts ist, der zur Strafe jede Nacht die Küche reinigen muss, bis man ihm als Dank einen warmen Rock schenkt.
Nachdem der Esel dem Knecht anvertraut hat, dass er die nächtliche Küchenarbeit zur Strafe für seine extreme Faulheit zu Lebzeiten verrichten muss, bittet er um ein wenig Kleidung, da es nachts oft empfindlich kalt ist. Der Geist hat durch das Geschenk seine Erlösung gefunden und die faulen Dienstboten müssen fortan ihre Küche wieder selbst sauber machen.
Zudem kursiert ein Witz, den man mir bei einem Guinnes erzählte.
Ein irischer Bauer namens Seamus geht mit seinem Esel spazieren. Plötzlich stolpert das arme Tier, fällt in einen tiefen Graben und bricht sich das Genick. Seamus ist am Boden zerstört. Er geht direkt zum örtlichen Pfarrer, um das Unglück zu melden.
„Vater“, sagt Seamus traurig, „mein treuer Esel ist tot. Könnten Sie eine kleine christliche Beerdigung für ihn abhalten?“
Der Pfarrer schüttelt empört den Kopf: „Aber Seamus, das geht doch nicht! Wir können doch keine heilige Messe für ein Tier lesen. Das ist gegen die Regeln der Kirche!“
Seamus kratzt sich am Kopf, seufzt und sagt: „Ach, das ist aber schade, Vater. Ich habe das Tier wirklich geliebt. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich der Kirche für die Beerdigung eine Spende von 5.000 Euro hinterlasse…“
Der Pfarrer reißt die Augen auf, packt Seamus am Arm und sagt schnell: „Mensch, Seamus, warum hast du denn nicht gleich gesagt, dass der Esel katholisch war?!“

Foto Bernd Oei: Esel – Viel Tier entlang Fanroe. Seit meiner Stevenson-Tour durch die Cevennen mit Esel Anatole begleiten mich die „störrischen“ Tiere.

Foto Bernd Oei: Ein letzter Blick auf den lang gestreckten Slieve Elva und den Burren Way am Ende von Fanroe







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