
Foto Bernd Oei: Black Head Lighthouse, vielleicht der kleinste Leuchtturm der Welt: auf der N 27 Küstenstraße von Ballyvaughan nach Doolin im County Clare an Irlands Westküste. Der 1936 erbaute Turm misst nur 8 m, steht aber auf einer natürlichen Kalksteinterrasse. https://www.wild-atlantic-way.de/sehenswuerdigkeit/black-head/
Weder hier noch da
Mein längste Wanderung an einem Tag betrug- ohne Gepäck – 27 km. Sie führte von Ballyvaughen am südlichen Rand der Galway Bucht https://de.wikipedia.org/wiki/Ballyvaughan im County Clare zurück nach Doolin, wo ich buchstäblich meine Zelte aufgeschlagen hatte. Anfangs lief ich den Burren Way oberhalb der extrem kurvigen Küstenstraße N 67, doch führte der durch feuchtes Hochmoor und Stolpersteine, weshalb Asphalt die bessere Alternative darstellte. Sonntags herrschte auch nicht viel Verkehr. Ich befand mich irgendwo und zugleich nirgendwo.
Das Fischerdorf mit dem – für mich – unaussprechlichen Namen besitzt eine Ausstrahlungs- und Anziehungskraft für junge Autoren. Das dort ansässige Burren College of Art bietet Programme für kreatives Schreiben (Creative Writing) an. Viele internationale Autoren verbringen dort Zeit als Artists in Residence, wodurch das Dorf immer wieder Eingang in moderne Kurzgeschichten und Gedichte findet. Der wohl bedeutendste irische Dichter der Moderne, Seamus Heaney (Nobelpreis 1995), war Stammgast in Ballyvaughan. Er nutzte die Einsamkeit des Ortes, um Gedichte zu schreiben, die die irische Landschaft einfangen.
Sein Gedicht „Postscript“ aus dem Band The Spirit Level (1996) beschreibt eine eindrucksvolle Autofahrt entlang der Flaggy Shore im County Clare und fängt die raue, von Licht und Wind geprägte Atmosphäre des westirischen Küstengebiets ein. Daraus stammt die Zeile „You are neithere here nor there“ https://genius.com/Seamus-heaney-postscript-annotated

Foto Bernd Oei: County Clare, Westküste, Hinterland kurz vor Ballyvaughan. Hier beginnt/ endet der Wanderweg Burren-Way.

Foto Bernd Oei: Ballyvaughan, Newtown Castle, ein runder Burgturm aus dem 16. Jahrhundert, heute Burren College of Art.
Ein Eilen, durch das Bekanntes und Fremdes zieht
Heaneys 16 reimlose Verse beschreiben einesehr karge, einsame und windgepeitschte Küstenlandschaft mit Blick auf das dunkelblaue Meer auf der einen Seite und kleine, von Steinen gerahmte Seen im Landesinneren auf der anderen Seite (Galway). Die Zeile des Poems a hurry through which known and strange things pass elektrisiert mich (siehe Überschrift). Darin kommt ein Leitmotiv von Heaney zum Tragen: das Verwischen der Zeiten und Grenzen zwischen bekannt und unbekannt.
Für Heaney, der aus einer Bauernfamilie stammt, existieren zwei Formen des Grabens: die Art seines Vaters, den Boden fruchtbar zu gestalten und seine eigene, durch Poesie Erinnerung zu bergen. Dabei wird das nahezu allgegenwärtige Moor zum kollektiven Gedächtnis Irlands. Das ländliche Leben durchzieht immer seine Lyrik. Mensch, Tier, wilde Natur bilden darum eine Einheit. Am eindrücklichsten beschreibt er wie aus Schwere Leichtigkeit entsteht durch die Elementarkräfte Erde und Luft.
Ein perfektes Beispiel hierfür ist das oben übersetzte Gedicht „Postscript“, in dem das schwere, starre Element (die Steine des Burren) durch das Zusammenspiel von Licht, Wind und flüchtigen Schwänen plötzlich eine spirituelle Leichtigkeit erfährt, die das Herz „weit aufbläst.

Foto Bernd Oei: Blick von der Küstenstraße N 67 auf Slieve Aughty Mountains

Foto Bernd Oei: felsiger Burren Way nahe Ballyvaughan, Slieve Elva. Leider nach dem langen Regen fast unbegehbar.
Wanderer zwischen den Welten
Der zitierte Schwan in „Postscirpt“ hat seine tiefen Wurzeln in der keltischen Mythologie. Er gehört der Anderswelt, dem Reich der Feen an. Es sind Götter in verwandeltem Gefieder. Schwäne sind Wanderer zwischen den Welten, dem Land und der Luft und dem Wasser. Ihre Musik und ihr Gesang haben in den Mythen eine hypnotische, heilende Wirkung, die Menschen in einen tiefen Schlaf versetzen oder Kummer vertreiben kann.
Der wohl bekannteste Schwan-Mythos handelt von den Kindern des Lir Die eifersüchtige Stiefmutter verwandelt die vier Kinder des Meeresgottes Lir aus Neid in weiße Schwäne. Sie werden dazu verdammt, 900 Jahre lang auf den rauen Gewässern Irlands zu leben – jeweils 300 Jahre auf verschiedenen Seen und Meeresstraßen.
Obwohl sie ihre menschliche Gestalt verlieren, behalten sie ihre menschliche Vernunft und die Fähigkeit, die schönste, gälische Musik zu singen, die jeden tröstet, der sie hört. Erst mit dem Aufkommen des Christentums und dem Läuten der ersten Kirchenglocken bricht der Fluch; sie erhalten ihre Gestalt als gealterte Menschen zurück und sterben friedlich.

Fotos Bernd Oei: Küstenstraße N 67 von Ballyvaughan nach Doolin, Ausblick auf Bucht und einsame Fischer.

Sehnsucht nach Frieden
Wenn man nach einem weiteren absolut kanonischen Gedicht sucht, das die raue Natur und die spirituelle Wucht des irischen Westens einfängt, muss man William Butler Yeats und sein Gedicht „The Lake Isle of Innisfree“ (1890) nennen, auch wenn dies dem nordwestlichen County Sligo entspringt. Während Heaney eine reale Autofahrt beschreibt, sehnt sich Yeats aus dem grauen, lauten Londoner Alltag zurück in die Einsamkeit der irischen Westküste. Es ist eines der meistrezitierten Gedichte in englischer Sprache und spiegelt die tiefe Sehnsucht nach der Ruhe wider.
Heaney lebt in einer anderen, motorisierten Zeit, so dass nicht zufällig eine Autofahrt entlang der Küstenstraße Thema von „Postscipt“ ist – den mythologischen Bezug liefern die Schwäne. bezeichnet – gilt aus geografischer, geologischer und kultureller Sicht als eine der faszinierendsten Regionen der Erde. Eingebettet zwischen dem rauen Atlantik im Westen und dem mächtigen Fluss Shannon im Süden, wird die Identität dieser Grafschaft durch ein extremes Wechselspiel aus Stein, Wasser und Musik geprägt.

Foto Bernd Oei: An eine Mondlandschaft erinnernde Küste an der N 27 im County Clare.

Foto Bernd Oei: kahle Kalksteinterrassen an der Küstenstraße N 27 kurz vor Fanore. Mein einziger Sonnentag auf Wanderschaft an Irlands rauer Küste.https://www.wild-atlantic-way.de/sehenswuerdigkeit/kalksteinkueste-des-burren/
Ein zweites Gedicht, das dem Burren Way im County Clare gewidmet ist „An Aisling in the Burren“. (Ein Traum in den Kalksteinplatten) – die Burren bestehen aus kargen, häufig vegetationslosen Kalksteinplatten. Für seine Mondlandschaft ist die Region an der Küste bekannt. Für den Dichter wird das harte Gestein zum Sinnbild für verkrustete Strukturen wie der Hass zwischen Iren und Nordiren, der seinerzeit (und Heaney stammt aus Nordirland) ein Trauma bildete.
Heaney fasziniert, wie das Leben auf diesem vermeintlich toten Stein überlebt hat. Er beschreibt, wie das vom Salzwasser gepeitschte, widerstandsfähige Gras der Natur Reichtümer von fast biblischem Ausmaß hervorbringt – er nennt es das „Erbe der Sanftmütigen ((the aftermath of the reign of the meek). Mehr über das Schlüsselwort aisling unter https://poets.org/glossary/aisling
Das Poem ist sehr kurz:
An Aisling in the Burren
A time was to come when we yearned for the eel-drugged flats and dunes
of a northern shore, its dulse and its seabirds,
its divisions of brine-maddened grass pouring over dykes
to secure the aftermath of the reign of the meek
übersetzt: Eine Zeit sollte kommen, da sehnten wir uns nach den vom Aal betäubten Watten und Dünen einer nördlichen Küste, nach ihrem Lappentang und ihren Seevögeln, nach ihren Abteilungen von salzgischt-tollwütigem Gras, das über Deiche quillt, um das Nachspiel der Herrschaft der Sanftmütigen zu sichern.
Mehr zu Seamus Heaney auf meinem Blog www.berndoei.de/lauf-auf-wolken-obwohl-du-es-besser-weisst

Foto Bernd Oei: Blick auf Slieve Elva, Schiefer und Sandstein. https://www.mountain-forecast.com/peaks/Slieve-Elva

Foto Bernd Oei: Fanore, typisches Steinhaus mit modernem Anbau an der N 27






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