Ein gefallener Stern

Foto Bernd Oei: Dublin, Ha’penny Bridge am River Liffey, der hier in die irische See (Atlantik) mündet. Die 1816 – ursprünglich nach dem Sieger bei Waterloo Wellington benannte, aus Gusseisen erbaute Fußgängerbrücke ist eine von 24 in der Innenstadt.

Trinken ist der Fluch der Arbeiterklasse

Oscar Wilde (den ich oft erwähne, aber nie einen eigenen Blog gewidmet habe) ist ein Dubliner: er wurde 1854 in der Westland Row 21 im östlich gelegenen gregorianischen Viertel geboren. Das stattliche Geburts- ist ein Reihenhaus und noch gut erhalten; es steht unter Denkmalschutz. Es wird heute vom Trinity College Dublin genutzt und beherbergt das Oscar Wilde Centre. Nach seinem Masterabschluss an dieser Hochschule verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach London, so dass er ähnlich wie Joyce als „verlorener Sohn“ Irlands zu bezeichnen ist.

Mein letzter Tag in Eire und ein Kreis schloss sich geografisch. Vom Flughafen Dublins ging es am ersten Tag gen Cork, in den Südwesten, auf die Halbinsel Beara (County Cork) mit den anschließenden Stationen Dursey, County Kerry, Dingle, County Clare und schließlich den Norden Sligo und Carrick on Shannon. Dublin war mit rund 600 000 Einwohnern damit die erste Großstadt der Reise.

Die Liste berühmter Autoren aus Dublin, die den Hintergrund meiner Wanderungen an der rauen Küste bildeten, ist in der Hafenstadt der Ostküste (Irish Sea) naturgemäß lang. Sie reicht von Jonatan Swirft (Gullivers Reisen“) im 17. Jahrhundert über Bram Stoker („Dracula“) im 19. Jahrhundert bis zu Beckett („Endspiel“), Yeats und Joyce („Ulysseus“) ins 20. Jahrhundert.

Über Stoker handelt der Beginn meines Blogs www.berndoei.de/schoenheit-wandert-ueberall-umher, Joyce-Beiträge bieten //www.berndoei.de/dublin-sex-whiskey-und-joyce und www.berndoei.de/ein-genie-macht-keine-fehler. Yeats sind folgende Blogs gewidmet: www.berndoei.de/die-liebe-verschwindet und .berndoei.de/die-kunst-des-scheiterns.

Wildes Geburtshaus in der Westland Row.

Der folgende Beitrag ist also dem Exzentriker Wilde gewidmet und fällt persönlicher aus – jeder Beitrag ist subjektiv (selbst die Faktenauswahl) – dieser bewusst aus dem Gedächtnis geschrieben, weil sonst noch jemand glaubt, ich sei ein wandelndes Lexikon. Was also wusste ich von Wilde und könnte es jederzeit ohne Nachschlagwerk rezitieren? Als leidenschaftlicher Guinness-Trinker (die Brauerei wurde Mitte des 18. Jahrhundert in Dublin gegründet) fällt mir zunächst sein Satz ein, den man auch auf Bierdeckeln findet: „Work is the curse of the drinking classes.“

Fotos Bernd Oei: Dublin, Pub O Connells am 30 Bachelors Walk gegenüber dem River Liffey,innen und außen.

Eine lebenslange Romanze

Wilde ist der Schöpfer zahlreicher geistreicher und in jedem Fall witziger Bonmots. Sie bildeten stets das Gerüst seiner auf spritzigen Dialogen beruhender Theaterstücke wie z.B. „Bunbury“, gleichfalls bekannt unter dem Namen „The importance of being Earnest“, was ein Sprachspiel ist, da sich ein echter Ernst mit falschem Namen und umgekehrt ausgeben.

Neben Komödien ist Wilde bekannt für Essays, auch Märchen („Das Gespenst von Canterburry“ und den kurzen Roman „The picture of Dorian Gray„. Daraus stammt das Zitat „„To get back my youth, I would do anything in the world except take exercise, get up early, or be respectable.“ Nein, das hätte ich nicht englisch so perfekt ausdrücken können. Sinngemäß aber schon: Um meine Jugend zurückzuerhalten würde ich alles tun, außer ehrbar zu leben. Es ist sehr bezeichnend für den homosexuellen Dandy, der gerne provozierte und keinen Skandal scheute.

Da wären wir noch ein letztes Mal bei seiner Biografie: nicht zu wissen, dass Wilde als gebrochener verarmter Mann starb, weil er gedemüdigt und ins Gefängnis geworfen wurde, hinterher sozial geächtet blieb, wäre eine echte Wissenslücke. Denn allein dafür lohnt es sich, Partei für Minderheiten zu ergreifen und vor allem sich zu solidarisieren, auch wenn das Thema selbst einen nicht betrifft oder sogar unangenehm ist. Wilde steht also auch für Entrechtung sexuell nicht der Norm entsprechender Menschen.

Seine Werke kann jeder heute auf Wikipedia oder sonstwo googeln. Zwei, die ich gut kenne, habe ich bereits genannt. Ein drittes ist das Lustspiel „An ideal husband,“ das er relativ spät kurz vor seiner Verhaftung schrieb. Der populäre Satz „Sich selbst zu lieben ist der Beginn einer lebenslangen Romanze“ stammt aus diesem Stück. Bescheidenheit konnte man Wilde nicht vorwerfen.

Da ich nur diese drei Werke von ihm gelesen habe vermag ich nicht zu beurteilen, ob er ein besonders guter Dichter war, denn er schrieb auch diverse Balladen. Welchen Stil hat Wilde geprägt? Zum einen den bissigen satirischen, teilweise auch sardonischen, den ich sonst nur von Thackary kenne. Grundsätzlich rechne ich ihm den Ästhetizismus zu, gerade aufgrund der Ausrichtung auf eine wohlfeile Sprache und des Motivs in „Dorian Gray“, das um Schönheit kreist. Englisch sprechen wie Wilde, das wär’s ….

Aphorismen, Epigramme, Bonmots ist das eine Metier, das Wilde meisterlich beherrscht(e). Da andere der damit verbundene Humor. Verwechslungskomödien gibt es viele und zumeist enden sie in Trivialität oder schrammen nah daran vorbei. Nicht so Wilde, der mit einer Leichtigkeit Tiefgang vermittelt. Lakonie in Vollendung: Da sagt der eine Page am Hofe des Holofernes zum anderen, der Mond gleiche einer toten Frau oder einer Frau, die nach dem Tod sucht. Der andere erwidert, der Mond gleiche einer tanzenden Prinzessin. Damit ist der Antagonismus von Salome, die dem moralisch integren Propheten indirekt töten wird, gut beschrieben, denn die schöne (Jung)Frau vereint beide Seiten: Melancholie (romantische Sehnsucht) und femme fatale.

In „Vormärz“, einem meiner Bücher, setze ich Wilde’s Drama „Salome“ mit dem von Hebbel gegenüber, der sich auf den biblischen Stoff konzengtriert, wohingegen Wilde die amoralische Verführerin betont. Eros und Thanatos oder in und mit Schönheit sterben.

Foto Bernd Oei: Dublin, River Liffey mit Blick auf das Custom House. https://www.dublin.de/custom-house/. Der Fluss mündet nach 125 km in den Irish Sea (maixmale Tiefe nur 52 m), wie der Atlantik an der Ostküste Irlands genannt wird. Auch Liverpool grenzt an den Irish Sea.

Foto Bernd Oei: Dublin, Custom House, ursprüngliches Zollamt, Klassizismus (1781-91) am River Livey flussabwärts im Osten, Während des Irischen Unabhängigkeitskrieges 1921 brannte es die IRA das nieder. Das ursprüngliche Interieur wurde im Feuer völlig zerstört, die Hauptkuppel brach zusammen. Nach der letzten Restauration zog das Umweltministerium Irlands hier ein.

Natur imitiert Kunst

Vermutlich fürchtete Wilde nichts mehr als Langeweile oder als Tugendwächter zu gelten. Wohl jeder Schriftsteller hat schon „Brücke“ metaphorisch genutzt, doch selten jemand so elegant wie Wilde, weshalb mir sein Wortbild auch im Gedächtnis geblieben ist. In seinem berühmten kunstphilosophischen Essay „Der Verfall der Lüge“ (The Decay of Lying) nutzt Wilde das Bild einer Brücke, um seine radikale These zu beweisen, dass die Natur die Kunst nachahmt – und nicht umgekehrt. Das ist originell.

Wilde beschreibt durch seine Dialogfigur, wie die Menschen den dichten Londoner Nebel erst dann als schön und poetisch empfanden, nachdem die Impressionisten ihn gemalt hatten. In diesem Zuge führt er metaphorisch aus, dass es die Kunst ist, die unseren Blick schärft und alltägliche Dinge verwandelt. Sorry, das Zitat muss ich doch recherchieren: „Wem, wenn nicht den Impressionisten und ihrem Meister verdanken wir jene lieblichen Silbernebel, die über unserem Fluss brüten und die geschwungene Brücke und den schwankenden Kahn in zarte Formen schwindender Anmut verwandeln?“

Ich denke, Wilde würde mir den Wortbruch, nur aus dem Gedächtnis zu zitieren, verziehen. Der Gedanke invertierter Imitation hat seinen Charme, vor allem, wenn man daran denkt, dass Naturbewusstsein paradoxerweise ein Produkt der Frühindustrialisierung (Romantik) bleibt und von Stadtpoeten wie Baudelaire / Wilde geprägt wurde, die keineswegs die Natur als Idyll empfanden. Für Wilde dient Brücke als Metapher für den Übergang von der realen Welt der Arbeit und der Natur in eine Welt der reinen Farbe und Kunst, kurz der Schönheit aus zweiter Hand, die dem banalen Alltag entgegengesetzt wird.

Foto Bernd Oei: Die Ha’penny Bridge (ursrpünglich Wellington Brdige), Wahrzeichen Dublins, deren Name darauf zurückgeht, daher, dass man bis 1919 einen halben Penny (half penny) Zoll bezahlen musste, um sie zu überqueren. Sie ist 43 m lang und 3,7 m breit und verbindet den Süden mit dem Norden. https://de.wikipedia.org/wiki/Ha%E2%80%99penny_Bridge

Foto Bernd Oei: Dublin, das legendäre Abbey Theatre, immerhin irisches Nationaltheater, 1904 gegründet von William Butler Yeats und der Dramatikerin Lady Gregory, um irische Stücke zu spielen, teilweise in gälischer Sprache. Es spielt für sowohl für die Wiederbelegung einer von den Briten unterdrückten und fast toten Sprache als auch dem im Osteraufstand mündenden Unabhängigkeitskrieg eine Schlüsselrolle. Nach dem Brand 1951 neu erbaut 1966 im Brutalismus-Stil.

Was bleibt

Was bleibt von Wilde, der nie einen Nobelpreis erhielt, erstens, weil er zu früh dafür geboren/gestorben ist und zweitens, weil viele der ganz Großen keinen erhielten, da dieser Preis zum großen Teil einen gewissen moralischen Anstand und soziales Engagement erforderten. Ich weiß, einige werden nun empört „Hamsun“ einwenden, aber dieser Protest ist schlicht falsch, da viele Schriftsteller, z.B. die irischen Nobelpreisträger Yeats und Shaw nach dem Erhalt der höchsten Auszeichnung für einen Literaten scharf rechts bzw. links abbogen und Freunde der Diktatur wurden. Zu ihnen gehört auch der Norweger, der lange Zeit sozialkritische Romane schrieb wie „Hunger“ (weit vor der Jahrhundertwende) und zum Triumph des Naturalismus beitrugen.

Zurück zur Frage Was bleibt? Zunächst hat sich Wilde selbst intensiv mit diesem Thema beschäftigt, sowohl auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als auch in der absoluten existenziellen Katastrophe seines Lebens, dem Gang ins Gefängnis in Reading. Denn wie könnte man „Dorian Gray“ anders interpretieren als die Sorge um Vergänglichkeit bzw. invers den Wunsch, ewig jung zu bleiben? Die Antwort Wildes entbehrt nicht der philosophischen Qualität: der Körper mag verfaulen, doch die Kunst bleibt.

Es ist immer entscheidend, was uns ein Schriftsteller hinterlässt. Die meisten heute hoch gelobten Preisträger werden, da bin ich mir sicher, bald vergessen sein, zumindest aus der Hall of Fame verbannt bleiben, zurecht, weil sie Mode- Schriftsteller sind ohne Substanz. Ein hartes Urteil, gewiss. Aber verglichen mit dem Olymp, zu dem Wilde sprachlich zu rechnen ist, nicht ungerecht.

Ich habe die Memoiren von Wilde aus dem Gefängnis nicht gelesen, aber ich weiß durch zweite Hand, dass er eines begriffen hat: am Ende bleibt man nur noch selbst übrig, das Selbst (nicht das Ich) ist alles, was man wirklich „hat“ Wiederum recherchiert und sicherlich nicht memoriert: „Wenn man die Sonne auf der Waagschale gewogen, die Schritte des Mondes gemessen und die sieben Himmel Stern für Stern kartografiert hat, dann bleibt immer noch man selbst übrig.“ (De Profundis, Wilde’s Brief aus dem Gefängnis)

Foto Bernd Oei: O Connel Monument in der gleichnamigen Straße, einer der Hauptverkehrsadern (0,5 km lang, 50 m breit) Dublins. Daniel O ‚Connel aus dem County Kerry war einer der wichtigsten Köpfe der irischen Unabhängigkeitsbewegung mit friedlichen Mitteln. Das Denkmal ist 12 m hoch und auf dem Kopf (Blick auf Liffey) saß während meines Aufenthalts in Dublin immer eine Taube.

Foto Bernd Oei: Hostel in der Bachelor Street unweit des Abbey Theatres und gegenüber dem River Liffey.

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