Doolins Bohème

Foto Bernd Oei: Steilklippen Cliffs of Moher nahe Doolin, Westküste Irlands, County Clare.

Bohème auf dem Lande

Obwohl Doolin vor allem als Welthauptstadt der traditionellen irischen Musik bekannt ist, taucht der Ort und seine Umgebung (wie das angrenzende Burren-Gebiet und die Klippen von Moher) in verschiedenen literarischen Gattungen auf. Der aus der Region stammende Autor Eddie Stack hat Doolin zum zentralen Schauplatz mehrerer seiner Kurzgeschichten und Romane gemacht. Seine Prosa fängt die Transformation des Dorfes von einem isolierten Küstenort zu einem Mekka für Musiker und Reisende ein.

Nicolette MacNamara – Two Flamboyant Fathers: Dieses autobiografische Prosawerk beschreibt das exzentrische Leben im Doolin House. Es ist eine Mischung aus Memoiren und literarischer Erzählung, die das intellektuelle und künstlerische Leben im Doolin des frühen 20. Jahrhunderts detailreich dokumentiert. Die kurz vor dem Ersten Weltkrieg geborene vielseitige Künstlerin verbrachte ihre Kindheit unkonventionell und lernte auf Doolin Castle früh die Bohèmezene kennen.

Doolin ist aufgrund seiner dramatischen Lage am Atlantik und seiner Verbindung zur Musik ein extrem populäres Motiv in der modernen irischen und internationalen Poesie. Bezogen auf die Dramen verbrachte George Bernard Shaw mehrere Aufenthalte in dem kleinen Fischerdorf.

Ebenso sein Zeitgenosse .John Millington Synge. Sein populärstes Stück The Playboy of the Western World (Uraufführung 1907 im Abbey Theatre) erwähnt den Ort sogar.

Synge verbrachte viel Zeit im County Clare und in Doolin. Obwohl seine Stücke oft an anderen Orten der Westküste (wie den Aran-Inseln direkt vor der Küste Doolins) spielen, flossen die Dialekte, die Geschichten und der Charakter der Menschen, die er in Doolin traf, direkt in seine weltberühmten Dramen ein-(1966) fest. In den ersten Kapiteln beschreibt sie das historische Doolin, die dortigen Dorfbewohner und das exzentrische Treiben ihrer Familie detailreic

Foto Bernd Oei: Doolin, Country Clare, Westküste Irlands, Fisher Street mit Gus O’Connor’s Pub. (jeden Abend live music)

Das Ende der Welt

Niolette MacNamara ist einerseits ein Beispiel für regionale Popularität, denn ihre Werke wurden nicht in andere Sprachen übersetzt und ihre Gemälde kennt man in Irland. Andererseits repräsentiert sie eine Reihe selbständiger Künstlerinnen, die Wertschätzung von ihren männlichen Kollegen erfuhren und eine Brücke zu England schlugen. Um ihre Verbindung zur Westküste des County Clare zu veranschaulichen, bietet ihre Autobiografie „The Flamboyant Fathers“ – sie erschien unter dem Namen Devas – reichlich Stoff. Mit den schillernden Vätern sind ihr leiblicher Vater Francis Macnamara, ein Dichter und ihr Ziehvater, der in England bekannte Maler Augustus John gemeint.

In den ersten Kapiteln beschreibt sie das historische Doolin, die dortigen Dorfbewohner und das exzentrische Treiben ihrer Familie detailreich, zudem die vielen Gäste, darunter B.B. Shaw, die in den Zwanziger und Dreißiger Jahren den Fischerort als Künstlerkolonie und Sommerresidenz nutzten. Die beiden männlichen Vorbilder führten im konservativ-klerikalen Irland ein radikal libertäres, fast nomadisches Künstlerleben voller Affären, Kinder und kreativem Chaos. Die Künstler trafen sich im Doolin Castle von MacNamara.

Doolin wird darin aufgrund seiner Lage an einem Küstenvorsprung am rauen Atlantik als „the end of the world“ bezeichnet. Gerade die Wildheit der Natur stand im Gegensatz zum geordneten Leben, das in London herrschte, wo die meisten Besucher, auch die MacNamaras arbeiteten. Demgegenüber stand die Ungebundenheit zwischen den Klippen, die sich offensichtlich auf die Menschen übertrug, die hier ihre konventionellen Schranken ignorierten. https://time.com/archive/6890252/books-bohemian-girl/

Foto Bernd Oei: Fluss Aille, der nach 43 km von seiner Quelle direkt hinter Doolin in den Atlantik mündet vom Campingplatz aus betrachtet. Im Ort führen zwei Brücken über ihn.

Foto Bernd Oei: Auf dem Weg von Doolin zu den Cliffs of Moher

die malende Poetin

Bis zu ihrem Debütroman „Bonfire“ kannte man Niolette MacNamara, die inzwischen Devas hieß, nur als Malerin. Acht Jahre vor ihrer Autobiografie, die auch ihre Kindheit in Doolin zum Inhalt hat, fand sie Unterstützung bei dem gleichfalls in England populären Dichter Cecil Day Lewis (auch er hat irische Wurzeln), der ihr auch einen renommierten Verlag ermöglichte. Als „Bonfire“ (Lagerfeuer) 1958 erschien, war die Debütantin 47 Jahre alt. Die Motive ihres Lebensberichtes klingen darin bereits an.

„Bonfire“ ist eine psychologische Charakterstudie und Gesellschaftssatire und geprägt von MacNamaras eigenen Beobachtungen der britischen Upper-Class und der intellektuellen Künstlerkreise, in der sie aufwuchs. Im Mittelpunkt stehen komplexe Beziehungsgeflechte, familiäre Konflikte und die moralischen Verstrickungen der Figuren. Es geht um die Dynamik zwischen Sehnsüchten und den starren Konventionen der damaligen Zeit.

Der Roman erhielt nach seinem Erscheinen im Jahr 1958 hervorragende Kritiken in der britischen Presse. Er etablierte Nicolette Devas sofort als ernstzunehmende zeitgenössische Autorin und ebnete ihr den Weg für ihre späteren literarischen Werke wie die Romane Nightwatch (Nachtwache).

Auch in ihrem zweiten belletristischem Werk griff Nicolette Devas auf das Milieu zurück, das sie in- und auswendig kannte. Als ausgebildete Malerin der renommierten Slade School und Ehefrau des Malers Anthony Devas hatte sie jahrzehntelang im Zentrum der britischen Bohème und Kunstszene gelebt. In Nightwatch wirft sie einen ungeschönten, satirischen und zugleich packenden Blick hinter die Kulissen dieses Betriebs. https://furrowedmiddlebrow.blogspot.com/2013/01/british-women-writers-of-fiction-1910_88.html

Im Kern geht es in dem Roman um kriminelle Machenschaften, Betrug, Fälschungen und windige Geschäfte auf dem Londoner Kunstmarkt („skullduggery in the London art world“). Devas seziert die Gier von Händlern, Sammlern und Galeristen und beschreibt das Beziehungsgeflecht zwischen echten Künstlern und jenen, die aus der Kunst um jeden Preis Profit schlagen wollen.

Foto Bernd Oei: Steilküstenformation Cliffs of Moher

Videos Bernd Oei: Cliffs of Moher, zwei Aussichtsplattformen des Besucherzentrums in der Mitte der beiden Küstenwanderwege Doolin im Norden und Liscannor im Süden, die den 19 km langen Cliffs of Moher Coastal Walk bilden.

Der Verlust eines Helden

Der nahe Dublin geborene John Synge hingegen fand erst in der Nähe Doolins zu seinem Stil und schrieb einige Dramen in der rauen Küstenregion der Aran Islands. Sein Dreiakter „The playboy of the Western world“ indes ist auch über regionale und Landesgrenzen hinaus bekannt. So fand es in Ostberlin 1955 seine Uraufführung und feierte im Brecht-Theater (Berthold Brecht gab die Übersetzung in Auftrag) Erfolge. Brecht erlebte noch die Premiere und verstarb kurze Zeit später. Für das Berliner Ensemble ließ Bertolt Brecht das Stück von den jungen Autoren Peter Hacks und Anna-Elisabeth Wiede stark im Sinne seines Epischen Theaters und seiner gesellschaftspolitischen Absichten überarbeiten.https://dokumen.pub/peter-hacks-heiner-mller-und-das-antagonistische-drama-des-sozialismus-ein-streit-im-literarischen-feld-der-ddr-9783110432022-9783110439175.html

Aus einer irischen, teils mythologischen Komödie wird so ein gesellschaftskritisches Lehrstück über falschen Heldenepos. Die Dorfbewohner werden deutlicher als eine durch Armut, Isolation und koloniale/kirchliche Unterdrückung degradierte und abgestumpfte Gesellschaft gezeigt.Das Publikum sollte das Theater nicht mit Mitleid für Pegeen verlassen, sondern mit der Einsicht, wie absurd blind der Glaube an falsche Autoritäten und erfundene Mythen macht.

Synge (1871-1909 hatte sein letztes und erfolgreichstes Stück 1906 in einem sehr lyrischen, gälisch geprägten Englisch fertig gestellt. Brecht verlangte eine Übersetzung, die diesen romantisch-irischen Tonfall komplett abstreifte. Die Sprache sollte zwar bildhaft, aber nüchtern, klar und rhythmisch liedhaft strukturiert sein. Ziel war es, dem Zuschauer die Möglichkeit zur kritischen Distanz (Verfremdungseffekt) zu geben, statt ihn in irische Romantik einzuwiegen.

Allerdings erzielte auch Synges Drama Schockwirkung. Bei der Premiere im von Yeats gegründeten Abbey Theatre kam es zu den „Playboy Riots“, da das Publikum sich in seiner Ehre gekränkt fühlte und während der Aufführung lauthals intervenierte.

Synges Tragikomödie zeigte die ländlichen Iren als einen Haufen von leichtgläubigen, Gesetzlosen, die einen vermeintlichen Vatermörder spontan als Helden feiern. Das Publikum fühlte sich zutiefst beleidigt und erkannte darin eine Bestätigung britischer Vorurteile.

Im dritten Akt des Stücks wird das Wort „shift“ (Damenunterwäsche) erwähnt. Dies auf einer öffentlichen Bühne auszusprechen, galt im streng katholisch geprägten Dublin jener Zeit als vulgärer Tabubruch. An diesem Wort entzündete sich der größte Protest im Saal. Man warf Synge vor, die Werte der irischen Familie und die christliche Moral komplett in den Dreck zu ziehen.Der Skandal machte das Stück gleichzeitig weltweit berühmt.

Kern des Dramas ((in Berlin bereits 1912 uraufgeführt) bildet ein vermeintlicher Vatermörder, den die Dorfgemeinschaft als Helden feiert. Die Liebe zu der zurückgelassenen Verlobten macht den flüchtigen Kriminellen auch in der Damenwelt überaus anziehend. Über den Inhalt des Stückes informiert https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Held_der_westlichen_Welt. Ausführlicher nur in englischer Sprache unter https://www.litcharts.com/lit/the-playboy-of-the-western-world/summary

Die Pointe: Nachdem herauskommt, dass der Vater noch lebt verliert der vermeintliche Mörder schlagartig seinen Heldenstatus im Dorf und die Frauen das Interesse an ihm. Als der junge Mann vor den Augen der Dorfbewohner seine Tat wiederholt, wird er geächtet, da erzählte und erlebte Wirklichkeit für seine Mitwelt nun auseinander klaffen. Auch die Verlobte, für die er den halsstarrigen Vater beinahe erschlägt, wendet sich nun von ihm ab. Doch der vordem schüchterne Außenseiter ist nun selbstbewusst und tyrannisiert seinerseits seinen alkoholkranken Erzeuger. Zudem verlässt er die Gemeinde (hauptsächlich spielt die Tragikomödie in einem Pub) und will in Amerika sein Glück versuchen.

Fotos Bernd Oei: Cliffs of Moher Coastal Walk von Doolin zur Steilküste mit wildem Atlantik, friedlichen Pferden, Schafen, Kühen.

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