
Foto Belinda Helmert: Ytri Tunga, Strand an der Südwestküste Islands, Robben-Naturschutzgebiet. https://guidetoiceland.is/travel-iceland/drive/ytri-tunga-beach Die lateinische Bezeichnung für die säugenden Raubtiere lautet pinnipdia, Flossenfüßler.
Reise in die Existenz
Ludwig Wittgenstein (1889, Wien-1951, Cambridge) bereiste Island 1912. Er kam mit dem Schiff und seinem Lebensgefährten im Alter von 23 Jahren auf die damals noch schwer zugängliche Insel und sah Reykjavik und seine Umgebung. Island war damals nicht erschlossen, dünn besiedelt und im Gegensatz zu heute arm, da weder die natürlichen Energieressourcen genutzt noch der Import von Waren so durchgeführt werden konnten.
In der Einsamkeit, die beide Logiker suchten, entstanden bereits Teile des „Tractatus“ – die Abgeschiedenheit der rauen Natur soll hilfreich gewesen sein und Wittgenstein suchte sie auch später, z. B. in Irland, wiederholt auf. Abgeschlossen wurde das für den Positivismus (Wiener Kreis) elementare Werk erst im Ersten Weltkrieg.
Der reiche Fabrikantensohn meldete sich freiwillig zum Dienst an der Front, um unter exististenziellen Bedingungen Erfahrungen zu sammeln, obschon der gerade weil er als kriegsuntauglich eingestuft wurde. Todessehnsucht und Wunsch, ein besserer Mensch zu werden, mögen die Motive dieses extrem zerrissenen Menschen, der suizidal gefährdet war, den Ausschlag gegeben haben.
In jedem Fall suchte Wittgenstein sowohl in Island – denn die Reise war extrem strapaziös – immer wieder seine Katharsis. Ich kann nur vermuten, dass dies mit seiner Homosexualität und Schuldgefühlen eines streng gläubigen Katholiken in Zusammenhang stand. Von Gefühlen handelt der „Tractatus“ allerdings nicht.
Wittgenstein ging es seinerzeit darum, Sprache auf Aussagelogik zu reduzieren und auf Sinnhaftigkeit zu überprüfen. Denn bei allem Wert der Aristotelischen Logik bleibt das Phänomen, dass logische Aussagen (Obersatz, Untersatz, Schlusssatz) durchaus nicht einen Sinn ergeben müssen; nur weil sie widerspruchsfrei in ihrer Konklusion sind. Die Schwäche war zuletzt von Leibniz und seinem vierten Postulat, dem Satz vom zureichenden Grund, erkannt worden.

Foto Belinda Helmert: Südwestküste Islands, 2km langerWanderweg entlang der Bucht Ytri Tunga. https://www.west.is/en/place/ytri-tunga-walking-trail

Foto Belinda Helmert: schwarzer Vulkanstrand Djúpalónssandur, Südwestküste Islands, Strand der schwarzen Perlen genannt. Die Küste ist gekennzeichnet von skurrilen Felsformationen und Lavagestein https://just-iceland.com/de/island-djupalonssandur
Bildtheorie
Entscheidend war die Generalaussage von Aristoteles: ein Satz ist entweder wahr oder unwahr, ein drittes gibt es nicht. Wittgenstein schuf mit dem „Tractatus“ eine radikalere Form der Aussagenlogik, die Grauzonen durch mangelnde sprachliche Präzision eliminierte. U. a. arbeitete er mit Wahrheitstabellen. Die von ihm geleistete Verknüpfung durch Operatoren war wegweisend für die heutigen Logarithmen der Computersprache mit ihrem binären Code.
Der „Tractautus“ ist deshalb so besonders, weil er den Anspruch erhob, alle Probleme der Philosophie mit einer einzigen radikalen Idee ein für alle Mal gelöst zu haben – und das auf nur rund 80 Seiten. Er erscheint mir, wegen seiner spartanischen und zugleich kompakten Form an Island zu erinnern. Wittgenstein argumentiert, dass die wichtigsten Dinge des Lebens (Ethik, Religion, Kunst) sich der logischen Sprache entziehen: „Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“ (Satz 6.522)
Während der Mystiker aus der Steiermark Jakob Lorber (1800-64) versuchte, das Unaussprechliche in Worte zu fassen, gebot der Logiker Wittgenstein an dieser Grenze das Schweigen.
Wittgenstein verbindet die Struktur der Welt direkt mit der Struktur unserer Sprache. Seine Grundidee: Ein Satz ist ein „Bild“ der Wirklichkeit.Genauso wie sich Gegenstände in einem Sachverhalt verhalten, verhalten sich die Wörter im Satz. Wenn der Sachverhalt in der Realität existiert (eine Tatsache ist), ist der Satz wahr; wenn nicht, ist er falsch.

Foto Belinda Helmert: Djúpalónssandur, Südwestisland, Vulkansandstrand am Fuße am Fuße des Snæfellsjökull westlich von Borgarnes auf ener Halbinsel gelegen. https://de.wikipedia.org/wiki/Sn%C3%A6fellsnes
Sagen und Zeigen
Wittgensteins Bezug zu Vögeln ist legendär. Bereits auf Island begann er mit der Zähmung von Wildvögeln. Sie spielten bei seinem linguistic turn, den Sprachspielen, eine Schlüsselrolle. So zieht der Logiker in „Philosophischen Untersuchungen“ zahlreiche Vergleiche, v.a. zur Papageiensprache und stellte sich die Frage, ob diese wissen, was sie sagen, also die Bedeutung erkennen. Absicht oder Humor, gesellschaftliche Einbettung, die dem Analytiker so zentral wichtig waren, besitzt kein Tier, nur der Mensch. Insofern haben zwar alle Lebewesen Artikulationsformen, aber nicht im engen Sinn eine Sprache, weil dies in engem Zusammenhang mit der Lebenswelt steht. Genau dies hatte Wittgenstein im „Tractatus“ noch ausgeschlossen.
Dies mündet in dem skurril anmutenden Satz „Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir würden ihn nicht verstehen.“ Isoliert betrachtet Unsinn, im Kontext der Lebenswelt jedoch durchaus logisch. Vordem heißt es „Ein Mensch kann für einen anderen ein völliges Rätsel sein.“ https://wab.uib.no/agora/tools/alws/collection-6-issue-1-article-8.annotate
Sinnvolle Sätze sind laut Wittgenstein naturwissenschaftliche Beschreibungen der Tatsachen. Unsinnige Sätze sind das, was die traditionelle Philosophie jahrhundertelang ausgemacht hat: Fragen über Ethik, Gott, den Sinn des Lebens oder Metaphysik. Über diese Dinge kann man logisch nicht sprechen – man kann sie höchstens zeigen.

Foto Belinda Helmert: Island, Südwestküste Borgarbyggð , 72 km nördlich der Hauptstadt Reykjavik https://de.wikipedia.org/wiki/Borgarbygg%C3%B0
Ein Paradox oder warum Perfektion falsch ist
Über allen steht folglich die Einsicht: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Die 80 Seiten komprimierte Sprachphilophie (die in Logik und Mathematik aufgeht) sind nicht in normalem Fließtext geschrieben, sondern in einem streng dezimalen, aphoristischen System nummeriert (Hauptsätze 1 bis 7, mit Unterpunkten wie 1.1, 1.11, etc.), wobei die Nummern das logische Gewicht der Thesen anzeigen sollen. Jeder Satz wirkt wie ein geschliffener Diamant – orakelhaft, dogmatisch und hochpräzise zugleich. Wittgenstein schreibt selbst, die Sprache verkleide den Gedanken.
Dennoch steht am Ende ein Paradox: Wittgenstein erklärt am Ende des Buches seine eigenen Sätze im Grunde für unsinnig: Seine Sätze seien wie eine Leiter, die man hinaufsteigen muss, um sie danach wegzuzuwerfen, weil man erst durch sie hindurchgesehen hat, dass sie unsinnig waren. Daher ist es nur logisch (konsequent folgerichtig), dass Wittgenstein in seinem Spätwerk alles widerruft. Dennoch haben beide Werke, der „Tractatus“ wie die „Untersuchungen“, heute noch Gewicht.

Foto Belinda Helmert: Djúpalónssandur, Informationstafel über Epine Grimbsy, ein 1929 erbautes britisches Minensuchboot, von 140 m Länge – nach dem Krieg in Island als Fischerboot eingesetzt, das während eines heftigen Sturms am 13. 3. 48 am Felsen von Snæfellsnes auf Grund lief. Ein Großteil der Mannschaft konnte durch eine waghalsige Rettungsaktion isländischer Fischer gerettet werden. 14 Matrosen jedoch ertranken.
Das unperfekte Erwachen
Wittgenstein war Zeit seines Lebens von einem radikalen, fast obsessiven Drang nach absoluter Klarheit, Wahrheit und Fehlerlosigkeit getrieben. Doch genau in diesem extremen Anspruch stieß er an die Grenzen des Menschlichen und der Sprache.
Die perfekte Logik: In seinem Frühwerk (Tractatus Logico-Philosophicus) wollte Wittgenstein die Sprache ein für alle Mal „lösen“. Er schuf ein mathematisch exaktes, perfektes System, das bestimmen sollte, was überhaupt sinnvoll gesagt werden kann.
Das unperfekte Erwachen: Später erkannte er, dass diese perfekte Logik wie glattes Eis ist – wunderschön, aber man kann nicht darauf gehen. Die echte, menschliche Alltagssprache ist unperfekt, vage und ungenau, aber genau das macht sie lebendig und funktional (seine Theorie der „Sprachspiele“ im Spätwerk).
Dies gilt auch für das von ihm geplante und akribisch überwachte Wohnhaus Es war zu perfekt, um darin normal zu leben. Und noch tragischer für seinen moralischen Rigorismus.Wittgenstein verlangte von sich selbst und anderen absolute Wahrhaftigkeit. Jede Unklarheit, jede kleine Lebenslüge war für ihn ein ethisches Versagen.
Da kein Mensch diesem absoluten Maßstab gerecht werden kann, war sein Leben von Selbstzweifeln und dem Gefühl des permanenten Scheiterns geprägt. Seine Perfektion war zerstörerisch, weil sie das Unperfekte (das zutiefst Menschliche) nicht zuließ.

Foto Belinda Helmert: schwarzer Strand von/https://de.wikipedia.org/wiki/Sn%C3%A6fellsnes
Perfektionsneurose
Wittgenstein litt an einer Perfektionsneurose oder, um es mit Nietzsche auszurücken, am Wunsch nach Übermenschlichkeit. Der Wiener Logiker strebte nach dem Absoluten. Doch seine größte philosophische Erkenntnis war es, einzusehen, dass das Perfekte eine Illusion ist und wir lernen müssen, im unperfekten, rauen Boden des Alltags zu leben.
„Es ist, wie wenn Einer sagte: Ich kann in diesem Spiel nur diesen Grad der Vollkommenheit erreichen; und nicht jenen.“ (zitiert aus Vermischte Bemerkungen, 1947) Wittgenstein reflektiert an dieser Stelle über die Grenzen seiner eigenen Prosa und Fähigkeiten. Für ihn ist die Erreichung von „Vollkommenheit“ kein absoluter, objektiver Zustand, sondern immer an das jeweilige „Spiel“ (seine Metapher für Systeme, Regeln und menschliche Tätigkeiten) gebunden. Er erkennt an, dass jeder Geist und jedes Werkzeug eine eingebaute Grenze besitzt – eine absolute, perfekte Form außerhalb dieser Grenzen gibt es nicht.

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, Umgebung von Djúpalónssandur https:///www.islandzauber.de/island/reiseziele/djupalonssandur/






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