
Foto Belinda Helmert: Djúpalónssandur an der Südwestküste Islands (207 km Entfernung Reykjavik, Naturschutzgebiet mit schwarzem Sandstrand/Felsen und Bucht am Fuße des Snæfellsjökull als Ergebnis eines Vulkanausbruchs. https://just-iceland.com/de/island-djupalonssandur
Sein eigener Herr
Halldór Laxness ist der einzige isländische Schriftsteller, der einen Nobelpreis erhielt – 1955. Die Jury ehrte ihn „für seine anschauliche epische Kraft, welche die große Erzählkunst von Island erneuert hat“. Der in Reykjavík geborene Autor (1902–1998) gilt als Meister der modernen isländischen Prosa und verfasste im Laufe seines Lebens mehr als 60 Bücher, darunter Romane, Gedichte, Essays und Theaterstücke. Er verbrachte sein ganzes Leben an der Südwestküste seiner Heimatinsel. https://de.wikipedia.org/wiki/Halld%C3%B3r_Laxness
Eines seiner drei Leitmotive ist das Ideal des „selbstständigen Menschen“ und seine Tragik. Es kommt in dem Roman „Sein eigener Herr“ (1934) bereits im Titel zum Ausdruck – der isländische Titel lautet wörtlich „Selbständige Leute“. Das Werk, dem Laxness seinen Durchbruch verdankt, ist in vier große Kapitel unterteilt. Die Handlung trägt sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg zu. Eine Zusammenfassung der Handlung ist eingestellt unter https://de.wikipedia.org/wiki/Sein_eigener_Herr
„Sein eigener Herr“ gleicht einem sozialkritischen Epos über den unnachgiebigen Überlebenskampf eines isländischen Schafbauern, dem bis heute wichtigsten Nutztier der Insel.

Foto Belinda Helmert, Island, das ländliche Mosfellsbær nahe der Hauptstadt Reykjavík im Südwesten der Insel, deren Fläche der von Baden Württemberg und Bayern entspricht oder der doppelten Größe Niedersachsens. Erst seit kurzem gibt es auf Island mehr Menschen (390 000) als Schafe. Der Tierbestand sinkt indes mit wachsendem Reichtum der Isländer.
Der Preis sozialen Aufstiegs
Der innere und äußere Konflikt des Romans „Sein eigener Herr“ lässt sich herunterbrechen auf den unbedingten Wille zur Unabhängigkeit um den Preis der eigenen Menschlichkeit. Es gibt einen äußeren und einen inneren Konflikt.
Der äußere Kampf besteht darin, dass der Protagonist Bjartur 18 Jahre lang als Knecht geschuftet hat, nur um sich ein eigenes Stück Land und eine kleine Schafherde kaufen zu können. Er will um jeden Preis „sein eigener Herr“ sein – unabhängig vom mächtigen Großgrundbesitzer und unabhängig von der Bank. Um diesen Traum zu verteidigen, kämpft er verbissen gegen die unbarmherzige isländische Natur, das raue Wetter, Krankheiten und Missernten.
Der innere Konflikt: Um diese wirtschaftliche Unabhängigkeit zu sichern, opfert Bjartur gnadenlos das Wohlergehen seiner Familie. Er verweigert seinen Frauen und Kindern jeglichen Komfort, medizinische Hilfe oder Bildung, da dies Schulden bedeuten würde. Seine erste Frau stirbt im Wochenbett, seine zweite Frau verhungert seelisch und körperlich, und seine Kinder fliehen oder sterben. Besonders tragisch ist der Konflikt mit seiner Ziehtochter: Obwohl sie der einzige Mensch ist, den er liebt, verstößt er sie verbittert, als sie unverheiratet schwanger wird, da sie in seinen Augen die Ehre und Reinheit seines Hofes befleckt hat.
Schlussendlich verliert Bjartur durch die Weltwirtschaftskrise und Spekulationen trotz all seiner Entbehrungen den Hof, steht vor den Trümmern seines Lebens. Er versöhnt sich mit der kranken Ziehtochter und verlässt seine Scholle, um mit ihr ganz von vorn zu beginnen.

Foto Belnda Helmert, Südwest-Island, Selásar nahe Borgarnes, größte Stadt nahe dem Fjord Borgarfjörður der Region Borgarbyggð in Südwestisland. https://de.wikipedia.org/wiki/Borgarnes
Demontage eines nationalen Mythos
Das Sozialkritische an dem Roman ist, dass er den isländischen Ur-Mythos des stolzen, autarken Bauern als gefährliche Illusion entlarvt. Als Laxness das Buch in den 1930er-ahren schrieb, war Island von einer Romantisierung des Landlebens geprägt. Laxness hielt der Gesellschaft stattdessen einen brutalen Spiegel vor.
Dies betrifft erstens die Illusion der Unabhängigkeit: Laxness zeigt, dass Bjartur niemals wirklich frei ist. Er ist eine Marionette des kapitalistischen Systems. Während er glaubt, für sich selbst zu kämpfen, beuten ihn die Händler, die Genossenschaften und die Banken aus. Seine Freiheit ist in Wahrheit nur die Freiheit, ungehindert zu verhungern.
Zweitens übt Laxness Kritik an der patriarchalen Sturheit und kritisiert scharf eine Gesellschaftsordnung, in der der männliche Stolz und die Ehre über das nackte Überleben von Frauen und Kindern gestellt werden. Bjarturs Härte wird nicht als Tugend, sondern als grausame Verblendung dargestellt. Die Quittung für seinen Individualismus ist die absolute Isolation.
Drittens schildert der Nobelpreisträger das Elend der Torfhäuser und räumt radikal mit der romantischen Vorstellung des idyllischen Landlebens auf. Er beschreibt die Realität der isländischen Kleinbauern als das, was sie damals oft war: ein von Tuberkulose, Mangelernährung, Aberglauben und extremer Armut geprägter Überlebenskampf in feuchten, dunklen Torfhütten.

Foto: Island, heiße Quelle/Thermalbad Laugaras. https://mapcarta.com/de/19175414#google_vignette
Kritik am aufkommenden Kapitalismus
Gegen Ende des Buches beleuchtet Laxness die Phase des Ersten Weltkriegs. Die Bauern erleben einen kurzen Scheinkonsum durch hohe Fleischpreise, nur um danach durch Kredite und den anschließenden Crash umso härter von den Banken geschluckt zu werden. Der ehrliche Fleiß des Arbeiters hat gegen das Finanzsystem keine Chance.
„Sein eigener Herr“ ist eine sozialistische und humanistische Anklage. Laxness kritisiert, dass ein System, das den extremen Individualismus verherrlicht, den Menschen dazu bringt, seine Nächsten zu opfern. Er plädiert implizit für Solidarität statt Isolation und zeigt, dass wahre Unabhängigkeit nicht im Besitz von Land liegt, sondern im mitmenschlichen Zusammenhalt.
1936 erschien die erste unvollständige Erstausgabe, da sie nur den Teil des Romans enthält. Verantwortlich dafür war der Zinnen-Verlag (Leipzig/Wien/Berlin); der Titel lautet „Der Freisasse“. Erst 1962 erschien beim Rowohlt Verlag unter dem Titel „Unabhängige Menschen“ fast der gesamte Text. Die komplette Ausgabe unter dem heutigen Titel „Sein eigener Herr“ verdanken wir den bekannten Skandinavisten Bruno Kress, der als erster auch den isländischen Originaltext übersetzte und nicht auf eine dänische Version zurückgriff. So publizierte im Osten 1968 der Aufbau-Verlag und im Westen 1969 der Peter Hammer Verlag den Roman

Foto Belinda Helmert: Südwest-Island, Thermalbad. Die Industrialisierung des heute fortschrittlichen Landes (Energiewirtschaft) erfolgte zeitversetzt, hauptsächlich im und nach dem Zweiten Weltkrieg, an dem der Inseslstaat nicht teilnahm
Am Gletscher
1968 erschien der Roman „Am Gletscher“ mit 45 Kapiteln – eine Zusammenfassung ist auch hier abrufbar unter https://de.wikipedia.org/wiki/Am_Gletscher – In diesem surrealen und philosophischen Spätwerk schickt der Bischof von Island einen jungen Theologen in die abgelegene Region rund um den Snæfellsjökull-Gletscher. In dieser mystischen Landschaft spielen die Naturkräfte, brodelnde heiße Quellen und geothermische Phänomene eine ständige, fast magische Hintergrundrolle. Die Natur steht hier sinnbildlich für das Unzähmbare und Spirituelle, das sich dem rationalen Zugriff des modernen Menschen entzieht.
Der Tonfall ist in „Am Gletscher“ nahezu heiter, zumindest ironisch. Zudem nimmt Laxness Anleihen am Daoismus und dessen Prinzip des Wu Wei: Nichthandeln ist Handeln, Schweigen ist mächtige Rede. So hat der Pastor aufgehört zu predigen, zu taufen oder Beerdigungen abzuhalten. Stattdessen repariert er lieber Primuskocher, beschlägt Pferde und vernagelt die Kirchentür.
verkörpert das daoistische Prinzip des Wu Wei (das Handeln durch Nichthandeln). Er hat erkannt, dass die großen Worte der Kirche und der Theologie den Menschen keine Erlösung bringen. Für ihn liegt das Göttliche im Alltäglichen, im praktischen Tun und im Schweigen. Die Natur und der ewige Gletscher brauchen keine menschlichen Dogmen.

Foto Belinda Helmert: Südwest–Island, Thermalquelle Laugrias, (oft fälschlicherweise als „Blaue Lagune“ bezeichnet, obwohl es sich um eine eigenständige, neue Anlage handelt) ist eine geothermische Wellness-Attraktion direkt am Ufer des Hvítá-Flusses.

Die Macht des Schweigens
Der Nobelpeisträger übt in „Am Gletscher“ Kritik am Rationalismus und zweckgebundenem Handeln. Das Leitmotiv spiegelt sich auch im Kontrast der Figuren wider. Der junge Abgesandte des Bischofs reist mit einem Tonbandgerät an. Er versucht verzweifelt, alles rational zu erfassen, zu protokollieren und in bürokratische Berichte zu fassen. Für alles hat oder sucht er eine Erklärung.
Der Roman zeigt auf satirische Weise, wie der moderne, westliche Mensch daran scheitert, das Mysterium des Lebens und der Natur mit Logik und Verstand zu kontrollieren. Am Gletscher versagen alle weltlichen Messinstrumente.
Eine weitere Figur ist ein millionenschwerer Unternehmer, der an den Gletscher zurückkehrt und versucht, das Übernatürliche zu kommerzialisieren. Dazu organisiert er spiritistische Sitzungen und will den Tod durch das Einfrieren von Leichen besiegen. Laxness führt hier den westlichen Fortschritts- und Optimierungswahn ad absurdum. Gegen die gewaltige, ungerührte Kulisse des Gletschers wirken das Geld und der Größenwahn der Menschen vollkommen lächerlich und unbedeutend.

Foto Belinda Helmert, Blaue Lagune Laugaras, Islands erste Lagune mit einem eigenen Kaskaden-Wasserfall, einer versteckten Grotte. https://www.reisereporter.de/reisenews/destinationen/laugaras-lagoon-die-erste-lagune-mit-eigenem-wasserfall-auf-island-TKTOM3ZDDFACXIDBFMMAOJ3BRI.html
Das Mysterium der Frau und der Schöpfung
Die Figur der Ua, Ehefrau des Pastors, taucht in verschiedenen Gestalten auf – mal als Nonne, mal als weltliche Frau, mal fast als göttliches Wesen. Sie entzieht sich damit jeder Kategorisierung. Ua symbolisiert das ewige, schöpferische Prinzip des Lebens. Sie kann von keinem Mann besessen, verstanden oder kontrolliert werden. Sie ist wie der Gletscher selbst: unberechenbar, lebendig und flüchtig.
Das Leitmotiv des Romans ist ein Appell an die Gelassenheit. Laxness hält dem Leser vor Augen, dass der Mensch nicht der Herrscher über die Natur ist. Wahren Frieden findet man nicht in starren Religionen, politischem Aktivismus oder wirtschaftlichem Erfolg, sondern in der Demut vor dem großen, unerklärlichen Mysterium des Daseins.
„Wer sich am meisten beeilt, der kommt am spätesten an das Ziel, das ihm gesetzt ist; und am allerwenigsten nützt es, zu laufen, wenn man auf dem falschen Weg ist.“
(Halldór Laxness, Am Gletscher)

Foto Belinda Helmert: Umgebung von Laugurias an der Route 1, wie die Küstenstraße entlang der Südwestküste Islands heißt. https://www.island-reisen.de/individualreisen/mietwagen-rundreisen/route-1-die-klassische-rundreise







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