Wer liebt ist mächtig, wer hasst ohnmächtig

Foto Bernd Oei: Goslar Ratsapotheke Am Markt 2, ehemaliges.Patrizierhaus 1520 gegründet, ab 1809 Apotheke, damit eine der ältesten Deutschlands.Die älteste ist die Löwenapotheke in Trier. Im Hintergrund der Kaiserworth, ehemamliges Gewandschneider-Gildehaus (Des Kaisers neue Kleider), heute Hotel.

Brillen schleifen für bessere Durchsicht

1632, als Schwedens Truppen im 30 jährigen Krieg beinahe das gesamte deutschsprachige Gebiet erobert haben, wird Baruch Spinoza in Amsterdam geboren. Er stammt aus einer von Portugal nach Holland eingewanderten konvertierten Judenfamilie, weshalb er eine erhält eine theologische Ausbildung erhält. Schon früh widmet er sich dem Studium scholastischer Philosophie, der alten Sprachen, der zeitgenössischen Naturwissenschaft und Mathematik (die eins als Grundlage) und der Schriften des Descartes.

1657 wird Spinoza mit dem Bannfluch der jüdischen Gemeinde belegt, drei Jahre später des Atheismus verdächtigt und aus Amsterdam ausgewiesen. Er lebt in Rijnsburg bei Leiden, später in Den Haag bei dem Maler van der Spyck und unterhält Kontakte zu zahlreichen Philosophen, u.a. Leibniz

1662 beginnt die Arbeit an der Ethik, in der nach geometrischer Methode, d.h. in Form von Axiomen, Definitionen, Lehrsätzen usw., vor allem der Begriff Gottes als der »prima substatia« (dt. die erste Substanz) abgeleitet wird. Nach Spinoza ist Gott mit der Natur identisch, was in der Formel »deus sive natura« (Gott oder die Natur) bündig zum Ausdruck kommt. Dieser sog. Pantheismus stieß sowohl bei Vertretern des jüdischen als auch des christlichen Glaubens auf heftige Kritik.

Das Buch „Die Prinzipien der cartesischen Philosophie“ (1663) ist das einzige, das zu Spinozas Lebzeiten unter seinem Namen erscheint. Der »Tractatus theologico-politicus« indes erscheint 1670 anonym. Auf Grund der heftigen Angriffe, die seine Schrift erfährt, beschließt Spinoza, nichts mehr zu veröffentlichen. Der Philosoph lehnt das Angebot einer Professur für Philosophie an der Universität Heidelberg ab, lebt ehelos und zurückgezogen, unterstützt durch die Renten zweier Freunde. Seinen kargen Lebensunterhalt sichert er sich außerdem durch das Schleifen optischer Gläser. Er lebt arm in ständiger Diät und in ungeheizten Räumen.

1675, inmitten des holländischen Unabhängigkeitskrieges gegen Frankreich, vollendet Spinoza sein Hauptwerk „Ethik nach der geometrischen Methode“. (im Original kurz Opera genannt) Sie wird jedoch auf Grund des religiösen Fanatismus der Gesellschaft von Spinoza nicht publiziert. Zwei Jahre später erliegt Baruch Spinoza seiner Lungentuberkulose.

Foto Bernd Oei: Goslar Bäckergildehaus, Haupteingang Am Markt

Ethik und Tugend machen glücklich

Grundsätzlich denkt sich Spinoza die Welt als zweckfrei, eine große Maschine Natur, in der alles miteinander auf das Vernünftigste verbunden ist. Philosophie hilft, diese Zusammenhänge zu erkennen. Da alles Getriebe zweckfrei verläuft, entspricht Gott einer mechanisierten Logik, einem Uhrwerk vergleichbar. Die Natur kennt als System nur das Gesetz von Ursache und Wirkung und dies ist immer notwendig. Dies ist die wichtigste Hypothese in Ethik nach der geometrischen Methode (1670, in Latein verfasst)

In „Ethica“ entwickelt Spinoza auch eine Philosophie des Glücks, das er mit dem Guten gleichsetzt. „Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst. Wir freuen uns ihrer nicht, weil wir die Gelüste hemmen, sondern weil wir uns ihrer erfreuen, darum können wir die Gelüste hemmen. …. Niemand kann begehren glücklich zu sein, gut zu handeln und gut zu leben, ohne dass er zugleich begehrt, zu sein, zu handeln und zu leben, das heißt wirklich zu existieren.“ (Ethik, Buch IV, 21. Lehrsatz)

Im Gegensatz zu Descartes ist bei Spinoza alles einem Prinzip (hen kai pan), Eins ist Alles) untergeordnet. Es existiert ein Parallelismus: Spinoza postuliert, dass Geist (Denken) und Körper (Ausdehnung) keine getrennten Substanzen sind, sondern zwei verschiedene Ausdrucksformen (Attribute) derselben einen Substanz. Das bedeutet, dass physische und psychische Prozesse parallel verlaufen.

So stammt Glück von Wissen, Unglück hingegen von Unwissenheit, Leiden ist das Resultat von Ignoranz des Wissens (u.a. der Trennung von Seele, Geist und Körper) und Freude bzw. Glück von Einsicht in die Naturprinzipien. Da Mathematik (hier analog Platon) der göttlichen Idee am nächsten kommt, ist derjenige glücklich, der Einsicht in Gottes Wirken (die Naturgesetze) hat und diesen Determinismus annimmt. Es gilt zu akzeptieren, was von Natur (Schicksal als absolute Notwendigkeit) aus bestimmt ist: Sein, was wir sind, und werden, was wir werden können, das ist das Ziel des Lebens.

Grundsätzlich unterscheidet Spinoza in Substanz (Gott=Natur), die unteilbar und durch sich selbst bestimmt ist – damit kommt er dem Monismus Leibniz, der ihn lebenslang förderte, sehr nahe – von einem Prinzipiendualismus, der die Vielheit in Gang setzt (nur damit die Vernunft den Zusammenhang aller Dinge zu erkennen vermag) und dies sind die beiden Essenzen Ruhe und Bewegung. Alles Weitere ( Attribute, Modi) geht aus diesen beiden Essenzen hervor. „Ich sage, dass zu der Essenz einer Sache das gehört, was, gegeben, die Sache notwendig gesetzt ist und was, weggenommen, die Sache notwendig weggenommen wird“. (Ethik II, Definition 3)

Bei Gott sind Essenz und Existenz identisch; seine Essenz ist seine notwendige Existenz. Der Schlüsselbegriff für das richtige Verständnis und damit Grundlage des Glücks ist conatus (Bemühen, Streben) als das universelle Streben jedes natürlichen Dinges, in seinem eigenen Sein zu verharren.

„Ein Attribut ist das, was der Verstand an der Substanz als deren Wesenheit ausmachend wahrnimmt“ (Ethik I, Definition 4). Aus richtiger Erkenntnis erfolgt auch richtiges Handeln. Der Aufbau der Welt ist geometrisch, daher ist eine mathematische Erkenntnis notwendig, um ihre Ordnung zu begreifen.

Foto Bernd Oei: Goslar, Bäckergildehaus, Seitenansicht Am Markt

Es gibt nur eine Substanz: Gott=Natur

Entscheidend ist auch die Erkenntnis: „In der Natur gibt es kein Gutes und kein Schlechtes, nur Urteile“, die als Kernsatz seines holistischen Pantheismus gilt. Unser Problem besteht in der Ingoranz, welche sich aus dem limitierten Erkennen-Können von uns selbst und inneren Zusammenhängen ergibt, da zumeist nur äußere Beobachtungen möglich sind und Basis unseres sicheren Wissens bieten.

Spinoza sucht das ewig Gute jenseits der Vergänglichkeit und damit im Reich der Metaphysik. Im Guten enthalten ist laut Spinoza die Einsicht, dass die Welt ein ganzheitliches System bildet. Grundsätze, sogenannte Axiome, die nicht hinterfragt werden können, gehen dabei den Lehrsätzen, die begrifflich definiert werden, voran. Da wie in der Geometrie Axiome (Lehrsatz) das Fundament aller aus ihr hervortretenden Prinzipien (Beweise) bilden, spricht man Spinoza auch der Mystik zu.

Die „Ethik“ ist in fünf Teile untergliedert: über Gott, über die Natur, über den Ursprung des Geistes, über den Ursprung der Affekte, und über die menschliche Knechtschaft und über die menschliche Freiheit.

Rational bleibt der unpersönliche, Ich-entindividualisierende Grundcharakter Spinozas. Neu ist, das er gegenüber Descartes nicht an dem Dualismus von Geist und Materie festhält, sondern sagt, dass die Prinzipien des Geistes „Vernunftgrund“ (ratio, causa) und Vernunftfolge (Wille, Konsequenz) den Prinzipien der Natur (Ursache und Wirkung) adäquat sind. Er nähert sich damit der Position Brunos und dem Pantheismus an.

Entscheidend ist der umfassende (holistische) Substanzbegriff der Ursache. Es gibt nur eine Ursache und viele von ihr abhängige Wirkungen. Für Spinoza bildet der Begriff der Substanz, der bei Descartes noch die rein produzierte Seite darstellt, das Ganze als die ungetrennte (monistische) Einheit von Geist und Materie. In seiner Ethik wird Substanz als „causa sui“ (Ursache seiner selbst),und als „quod in se est“ ,d.h. was in sich ist und durch sich selbst begriffen wird, definiert.

Unter Ursache seiner selbst verstehe ich das, dessen Wesen die Existenz einschließt“. (Ethica I, Grundsatz 1)

Foto Bernd Oei: Goslar, Am Markt

Vielheit: Essenz

Substanz ist Ursache und Wirkung in einem, (lat. causa sui). Diese Wirkursache ist identisch mit dem Weltall als auch mit Gott. Spinoza setzt dieses Weltall mit Gott identisch: er hat folglich einen deus ex natura geschaffen, einen Naturgott, den er pantheistisch auffaßt: alles Lebendige, jede Form von Geist aber auch von Materie als unendliche Attribute der Substanz ist Gott. Gott ist, um in der cartesianischen Terminologie zu verblieben, natura naturans (hervorbringende Natur) und natura naturata (hervorgebrachte Natur) in einem. Konzentriertes und ausgedehntes Sein entsprechen einander und zerfallen nicht in Prinzipiendualismus. Die Existenz zu sein gehört zur Natur der Substanz, Seiendes hervorzubringen. Weil Gott unbegrenzt ist, ist er zugleich unbegreifbar und unauffindbar.

Da nur eine solche Substanz besteht, ist diese Universalsubstanz unteilbar: „Dass die Substanz unteilbar ist, wird noch einfacher daraus allein erkannt, daß man die Natur der Substanz nicht anders denn als unendlich begreifen kann, während unter einem Teil der Substanz nichts anderes verstanden werden kann als eine endliche Substanz; was […] einen offenbaren Widerspruch enthielte.“ (Ethik I, Lehrsatz 13)

Die Vielheit, die bei Descartes durch räumliche Ausdehnung und Bewußtsein von Ausdehnung zustande gekommen war, führt Spinoza auf die Unbegrenztheit der Attribute, aus denen die Substanz besteht, zurück. Der von Spinoza benutzte Begriff der Substanz ist komplex und scheinbar ambivalent: er enthält die Essenz (lat. essentia) als das vom Verstand inhaltlich erfasste Sein, als das Wesentliche an der Natur ebenso wie die Vorstellungen (lat. idea), welche durch das Wesen selbst entstehen.

Die Essenz ist bei Spinoza kein statisches Wesen, sondern ein aktives Streben (Verlangen, Appetit), das sich aus der Natur des Menschen ergibt. Sie hängt mit conatus zusammen, dem Streben, das sich in menschlichen Begierden niederschlägt. „„Begierde ist des Menschen Wesen selbst.“(Ethica III, 9)

Um Spinozas mathematischen Ansatz zu verstehen, empfehle ich folgende Grundüberlegung: Zunächst besteht eine Einheit aus scheinbarer Dreiheit Gott, Natur, Substanz. Die Begriffe sind eigentlich nicht getrennt voneinander zu denken und Ursache von allem. Wenn Gott das geistige Prinzip darstellt, so die Natur das materielle. Die Substanz beinhaltet, das eine mit dem anderen zugleich zu denken, d.h. alles ist durch alles bedingt. Natur ist der Inbegriff aller endlichen Dinge, welche aber nur denkbar sind in Hinblick auf etwas Unendliches. Umgekehrt ist Gott Inbegriff aller Unendlichkeit und damit nur vorstellbar durch Aneinanderreihung von Endlichem.

Foto Bernd Oei: Goslar, Altes Rathaus, Treppe, Am Markt

Dualismus als sekundäres Prinzip nach der Einheit

Die Zweiheit, die Spinoza vornimmt, betrifft die Grundmodi der Ausdehnung (res extensa) in der vita activa. und der Kontraktion (res intensa) in der vita cobntemplativa . Alles strebt gleichzeitig danach, sich zu erhalten und doch auch sich zu teilen oder zu vermehren, also etwas Anderes als es selbst zu sein. Vergleichbar in der Mathematik ist dieses Prinzip mit Addition und Subtraktion, wobei eine Summe zustande kommen kann durch Hinzuzählen der einzelnen Elemente oder Ausschließen fehlender Elemente. Spinoza hält diese Zweiheit auch in der Ethik bezogen auf Trauer und Freude, Unlust und Lust bzw. Affekt und Affektlosigkeit (reines Erkennen) aufrecht. Alle Gefühle des Menschen basieren auf das bipolare System von Lust und Unlust, Selbsterhaltung und Selbstbeschränkung. So lange der Mensch Teil von etwas größerem ist, wird er leiden. Sofern er in Gott eins geworden ist mit seiner inneren Natur, wird er nicht mehr leiden.

Das Prinzip der Dreiheit: Nun erklärt Spinoza, das alles Erkennbar sei, aber diese Erkenntnis gestuft in vollkommene, klare und verworrene sich entfalte. Die unklare besteht in der sinnlichen Erkenntnis, welche uns nur Einzelteile erkennen lässt und diese zudem sich stets im Wandel befinden. Die rationale (intelligible) Erkenntnis wie etwas die Mathematik ist klar denn sie ermöglicht zumindest den Ausschluss des Zufälligen und Wandelbaren. Die einzig absolute Erkenntnisform stellt die intuitive Schau Gottes dar. Sie ist mit Liebe und Glaube verbunden, übersteigt die Vernunft, aber ist nicht nur klar, sondern vollkommen, weil sie das Vollkommene erkennt. Man mag diese Erkenntnis mit einem Dreisatz oder einem gleichschenkligen Dreieck oder der Erkenntnis, das der vollkommene Kreis eigentlich eine einfache Linie ist, veranschaulichen. Gottesliebe ist die höchste und einzig unvergängliche Erkenntnisform.

Goethe schrieb zu Spinoza in Dichtung und Wahrheit: „Die alles ausgleichende Ruhe kontrastierte mit meinem alles aufregenden Streben und machte mich zu seinem leidenschaftlichen Schüler und entschiedensten Verehrer. Denn die Vernunft kann die Leidenschaft nur überwinden, indem sie selbst zur Leidenschaft wird.“ („Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ , 16. Buch).

Foto Bernd Oei: Goslar, Altes Rathaus, Arkaden, Am Markt

Drei Erkenntnisformen

Erkenntnis ist ein moralisches Vermögen, welchem das „Streben nach Glückseligkeit“ zugrunde liegt. Erkenntnis selbst ist endlich, daher be-greifbar. Erkannt wird substantiell nur, was an sich indifferent ist. Die Differenz ist ein notwendiges zweckhaftes Produkt der Einbildung Spinoza unterscheidet dabei in drei Erkenntnisformen:die unterste bildet vage Erfahrung, die zum unbestimmten Erkennen führt und Meinungen beinhaltet. Jedem Begriff der Umgangssprache haftet dieses Meinen (doxa) und damit etwas Individuelles oder Unklares noch an. Hier wird bestenfalls das Konkrete im Einzelfall erfasst (Gegenstand)

Die zweite Erfahrungsebene bildet das wissenschaftliche Experiment, das zu logischen und klaren (zweifelsfreien) Urteilen führt, weil es nicht mehr um Gegenstände, sondern um Eigenschaften der Gegenstandswelt geht. Sie heißt Spinoza analytisch : hier erkennt man bereits die Gesetzmäßigkeit.

Die dritte Erkenntnisform bildet die intuitive Einsicht in die rationale Weltordnung. Sie heißt Spinoza intuitiv

Auch für Spinoza existiert nichts Zufälliges, alles ist von gottgewollter Substanz. Sein Determinismus schließt sich dem cartesianischen an, doch Gott wird nicht als Idee erfasst, sondern als leiblich erfahrene Naturnotwendigkeit.

Jedem Natur(objekt)phänomen entspricht eine Vorstellung, jeder Vorstellung eine Ausdehnung (Räumlichkeit): deshalb gibt es weder Dinge, die keine Ausdehnung haben noch Dinge, die nicht vorstellbar sind, noch Dinge, die frei im Sinne von unabhängig oder gar zufällig sich bewegen. Da die Dinge nicht frei sind, gilt selbiges für Vorstellung und Bewusstsein, letztlich auch für den Geist: der Verstand und die Vernunft werden gelenkt vom göttlichen Willen. Bewusstsein besteht in der Vorstellung, die als Gegenstand den Körper hat: jede physische eine psychische Wirkung erzielt und invers.

Foto Bernd Oei: Goslar, Brunnen am Markt. Im Hintergrund Gildehaus Kaiserworth, das gerade restauriert wird (siehe Bauschuttcontainer).

Lust und Unlust: positive / aktive und negative / passive Affekte

Eine große Rolle spielt für Spinoza der Selbsterhaltungstrieb: dieser nimmt mit zunehmender Machtentfaltung zu. Macht ist bei Spinoza ein Spiel von Lust und Unlust: Lust vergrößert Macht, Unlust vermindert sie. Lust und Unlust gehören zu den Affekten, bei Spinoza definiert als Drang, sich bewusst auf ein Objekt zu richten. Die größte Lust schafft Liebe, die größte Unlust schafft Hass. Der Mensch ist den Affekten wehrlos ausgeliefert, weil ihre Existenz gottgewollte Ausdehnung ist.

In seiner Theorie von den Affekten differenziert Spinoza aktive Affekte, die vernunftgebunden sind , von passiven Affekten, die das Ergebnis von Seelenvermögen sind. Aktive Affekte werden als Willenskraft entäußert. Dies heißt, ungenaue alltägliche Vorstellungen durch präzise gerichtete zu ersetzen. Freiheit ist der aktive Affekt, seine Willenskraft schafft die Einsicht in größere Zusammenhänge und damit in die Notwendigkeit eigener Unfreiheit.Passive Affekte, die als Leiden affiziert werden, können dadurch gemindert oder gar aufgehoben werden. Folglich ist die Knechtschaft nur passiver Affekt; ihr Leiden entspringt dem mangelnde Erkennen von göttlicher Gnade. Aufgrund der naturgemäßen Affekte ist die Demokratie die „natürlichste aller Regierungsformen…„denn auf diese Weise bleiben alle gleich, wie sie es vorher im Naturzustand waren“.

Im Mittelpunkt seiner ethischen Untersuchungen steht die natürlichen Beschaffenheit (conditio humana) oder der Naturzustand des Menschen. Das innere Streben des Menschen zielt auf Freiheit.

Frei heißt ein Ding, das nur aus der Notwendigkeit seiner eigenen Natur heraus existiert und nur durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird.

Foto Bernd Oei: Goslar, Brunnen am Markt, Detail

Zweckfreiheit und Liebe steht über allem

Gott spricht durch Liebe mit uns, denn Liebe ist Erkenntnis und diese fördert Edelmut (generositas) Mit der Erkenntnis ist Ethik/ richtiges Handeln untrennbar verbunden. Liebe heißt zunächst, ein Ding oder eine Person genießen. Sie entsteht aus der Erkenntnis und geht verloren durch die Erkenntnis von etwas Besserem oder der Erfahrung, dass sich das Erkannte nicht mit der Vorstellung, was darin zu erkennen sei, deckt. Man kann nicht von Liebe erlöst werden, weil sie nicht von uns abhängt: so gesehen sind wir nicht frei zu lieben. Die Liebe ist notwendig, weil wir allein zu schwach sind, ohne die Vereinigung durch etwas, das wir lieben, im vollen Umfang zu erkennen. Wir können ohne Liebe nicht sein.

Die Wahl es Geliebten ist stets verbunden mit dem, was als herrlich und gut eingesehen wird, aber sie schafft auch Leiden, weil nichts, was wir lieben, immer gleich herrlich und gut bleibt. Die Liebe zu Dingen und Menschen ist daher vergänglich und unvollkommen zugleich. Allein die Liebe zu Gott ist die stärkste und unvergänglichste, daher auch die einzig vollkommene. Nur Gott hat Wesen, alle andere haben nur Dasein und damit Modi von Gott, die unmittelbar von ihm abhängen und vergehen. Alles, was wir lieben und was nicht unmittelbar Gott ist, fällt uns zu. Daher ist diese Liebe zum Stofflichen zufällig. Alles, was unmittelbar Gott ist, ist notwendig er selbst als erste Ursache aller Dinge (auch der Liebe).

Mitleid erwächst aus der Erkenntnis der Unvollkommenheit als eine Art von Unlust. Wahrer Glaube hingegen ist die Erkenntnis von Vollkommenheit, welche vermittelt wird durch Vernunft und Intuition gleichermaßen. Vernunft ist die Macht, uns von allem zu befreien, was uns leidend macht. Intuition ist die Macht, von allem befreit werden zu wollen. Klarheit ist die Grundlage der Vernunft und schafft Lust. Unklarheit ist die Grundlage von Leiden und schafft Unlust.

Gott ist die Ursache von allem Glauben und allem Guten. Materie ist die Ursache von aller Unlust, weil sie weder vollkommen noch ewig währt. Die Vereinigung der Seele mit Gott und damit zugleich mit der Vernunft als die Erkenntnis von allem Guten erfolgt durch Liebe. Unveränderlichkeit der Seele, die nicht durch sich selbst vernichtet wird, ist die höchste Form menschlicher Liebe. Sie ermöglicht uns, in Gott aufzugehen.

Jede Erkenntnis ist Ursache der Liebe, beruhend auf die unmittelbare Wahrnehmung Gottes und das intuitive Streben nach Vereinigung mit seiner Seele, was Unsterblichkeit verheißt. Natur ist die unendliche und vollkommene Substanz, Gott und die Idee der Vollkommenheit zu erkennen.

Foto Bernd Oei: Goslar, Brunnen am Markt, Detail

Glaube ist Liebe und intuitive Erkenntnis

Die Natur ist Gott, weil sie uns Materie und Geist in Liebe vereinigen lässt, so entsteht auch die unendliche Wiedergeburt der Vernunft.

Die Bibel lehrt die Bestimmung des Glaubens, dass der Mensch aus wahrem Gemüt freiwillig gehorcht. Der Protestantismus lehrt, an Gott zu glauben und ihm zu gehorchen, weil er uns zum Gehorsam zwingt. Die katholische Lehre ist tiefer, denn sie lehrt uns die Annahme des freiwilligen Gehorsams, also zu glauben, weil wir frei sind, Gott einzusehen. Gott zu gehorchen erfordert Nächstenliebe.

Glaube wirkt. Das bedeutet, denn Glaube und Werk sind eins („opus dei“) : Glaube ist das Wirken Gottes in der Natur und nur in seinen Werken wie Liebe oder Edelmut (Großzügigkeit, Freigibigkeit) wird der Glaube wirksam. Liebe das Werk, das notwendig (um die Not zu wenden) zu tun ist, fordert Spinoza. Aus Liebe und nicht aus Gehorsam entsteht universale Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dies ist keine Frage der Religion (Konfession). Über konfessionelle Regeln kann jeder denken, wie er will, nicht aber über die Liebe Gottes und die Werke, die zu tun obligatorisch geboten sind.

Gott ist nur einer, überall gegenwärtig, höchste Vollkommenheit. Gott tut nichts aus Zwang, daher sollen auch wir nicht aus Zwang handeln. Die Verehrung Gottes liegt auch nicht in der Veräußerlichung (Konfession), sondern nur in der Wahrhaftigkeit des Glaubens. Daher ist keine Religion richtiger als die andere.

Gottes Liebe fordert Vergebung von uns, nicht Bestrafung. Es ist leichter, Gott zu fassen, als ihn an die eigene Vorstellung anzupassen. Weil unendliche Liebe zwar von der Vernunft einsehbar, aber nicht von ihr praktizierbar ist, sind die Postulate in Ehrfurcht und Friede miteinander zu leben, zugleich Forderungen an den Willen.

Zwischen Glaube und Philosophie besteht gar keine Verwandtschaft, denn Glaube fördert nur freiwilligen Gehorsam und indirekt Frömmigkeit, Philosophie dagegen Wahrheit als einziges Ziel und damit den Zwang. Philosophie basiert auf Vernunft und schließt Intuition oder Glaube aus, Glaube aber fordert das ganze Werk und damit Tun. Philosophie bleibt die Magd der Theologie, ein bloßes Instrument, um sie als Herrscherin unseres Gemüts besser zu verstehen. Man muss nicht eine Philosophie haben, aber einen Glauben unbedingt, so fordert es Spinoza. Glaube ist intuitive Erkenntnis, Philosophie nur analytische.

Theologie leuchtet auch ohne das menschliche Licht der Vernunft“. (Tractatus politicus, Kapitel 14)

Entscheidend bleibt, dass die Gottesliebe die höchste Form des Liebens ist: „Durch Gott verstehen wir das schlechterdings unendliche Wesen oder das bestehende Ding, welches unendliche Eigenschaften in sich fasset…“ (ebenda, Kapitel 15)

Nur in der Gottesliebe sind wir frei, alle. Gott hat keinen Heilsplan, da er Zweckfreiheit ist: reines Naturgesetz und damit mathematische Logik. Aus dieser entwickelt sich die intuitive Erkenntnis und damit auch Glaube (er ist für Spinoza die höchste Erkenntnisstufe, bedarf aber keiner Vernunft).

Spinoza war demokratisch, laizistisch und ein Gegner der traditionellen Stände sowie traditionell gewachsener Hierarchien: er bestand auf die Gleichheit aller.

Foto Bernd Oei: Goslar, Hotel Schiefer, Glockenspiel Am Markt

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