back to the spirit of 68 : Marcuse contra Habermas

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Altstadt, Große Straße, Fachwerkhaus, Fenster. Lässt die Spießigkeit grüßen oder solides Handwerk, das aus den Trümmerhaufen wieder Vorzeigbares erwirtschaftete? Und darf die Ökonomie der Moral vorauseilen?

Ein Generationenkonflikt

Es war einmal eine geistige Bewegung in Deutschland, die so genannte „Frankfurter Schule“. https://www.suhrkamp.de/thema/was-ist-die-frankfurter-schuleo-die-wichtigsten-vertreter-und-werke-im-ueberblick-b-4448 Ihre letzten Kinder hießen Jürgen Habermas (1929, Düsseldorf) und Herbert Marcuse (1898, Berlin – 1979 Starnberg bei München), quasi ein Generationenproblem (eigentlich sogar zwei). Obgleich es schwierig ist, ein genaues Jahr anzugeben, so kann man für den Auslöser des Streites zwischen beiden in der Studentenrevolution 68 angeben, da sie die Kritische Theorie auf die Probe stellte.

Der Diskurs entzündete sich zwischen dem etwa 40 jährigen Habermas und dem 70 jährigen Marcuse an der pro und contra Frage der Unterstützung, die Adorno kategorisch verweigerte, da er von Aktionismus nichts wissen wollte und in der radikalen Linken einen neuen Faschismus heraufkommen sah (was sich im Terror der RAF auch bestätigte). Nebenbei sei auch die heute aktive Anti-Fa erwähnt, welche auf die gleichen Mittel zurückgreift (Tod den Feinden) wie die Rechtsextremen, die sich heute noch zu Hitler und Co bekennen. Hier schließt sich der Kreis, der schon bei Hitler und Stalin keinen Unterschied mehr erkennen ließ, da Totalitarismus und Extremismus immer die eigenen Gräueltaten mit Scheinmoral rechtfertigen. Die Frage ist: gibt es etwas in der Mitte, was Unterschiede und Debattenkultur zulässt?

Habermas, ohne ihn auf drei Sätze zu reduzieren, hielt die Methoden der APO für verkehrt. https://www.hdg.de/lemo/kapitel/geteiltes-deutschland-modernisierung/bundesrepublik-im-wandel/studentenbewegung-und-apo.html Folglich entsolidarisierte er sich mit ihrer, zunehmend gewaltbereiten Haltung und vertrat seither die Dialogkultur mit Begriffen wie komplementärer Lernprozess, deliberative Politik, kommunikativer Vernunft (anstelle der strategischen, die nur die eigene Position durchsetzen will) Immerhin erkannte er die Legitimation der Gewalt durch vermeintliches Rechthaben, also durch Ideologie nicht an und hielt Gewaltanwendung prinzipiell für undemokratisch. Respekt.

Marcuse hingegen unterstützte die 68 er Bewegung, vornehmlich die linksextreme APO, nach Kräften und hoffte wie einst Sartre auf Besserung nach Gelingen der Revolution. Ohne Gewalt etwas an bestehenden Herrschaftsverhältnissen ändern zu wollen erschien ihn aus nachvollziehbarer Praxis für naiv. Ihm ging es darum, alle Kräfte zu bündeln, um repressive Gewaltstrukturen von unten aufzubrechen, weil er den Eliten seit 33 nicht mehr traute. Eine Einführung mit biografischem Hintergrund liefert https://www.youtube.com/watch?v=x6Uvwcbx7ok. Darin erklärt er die „Kritische Theorie“ im Zusammenhang mit dem sich entwickelnden realen Sozialismus, weil der so genannte Neomarxismus ein kritischer Marxismus mit Aufdeckung seiner Fehler ist. Alles kam anders als Marx es voraussah und wollte. Dies konnte keinen orthodoxen Marxismus mehr erlauben, sondern erzwang Revision.

Nun könnte man glauben, die Alten sind gegen, die Jungen stets für die Veränderung, notfalls mit Gewalt. Die heutige Situation zeigt, von Ausnahmen abgesehen, das Gegenteil: die Jungen zeigen sich angepasst bis zur Gesichts- will sagen Geschichtslosigkeit oder gefallen sich in ihrer Form des Liberalismus, den bunten Regenbogenfarben und dem Slogan alles kann, nichts muss, das fatal an Merkel „Wir schaffen das“und Obama „Yes we can“ erinnert. Beides bei allem Respekt keine Che Guevaras, keine Trotzkis. Die andere Seite glorifiziert vielleicht die Ideale der Linken, wähnt sich revolutionär, doch von Häuser-besetzungen und vermummten Steinewerfern abgesehen, was bewegt sie wirklich, die angebliche Linke? Von den ewig Gestrigen, die Deutschland den Deutschen skandieren, einmal abgesehen: Interessiert sich jemand heute noch für die Mitte? Sie muss nicht golden sein wie bei Aristoteles, aber maßvoll.

Habermas und Marcuse gingen nicht im Streit, sie hielten ihren Dissens aus, trugen ihn in der Öffentlichkeit aus ohne privat Schaden daran zu nehmen.

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Draisine (Kulturbahnnhof). Die Stadt im Kreis Holzminden, 65 km südlich von Hannover, zählt heute ca. 4600 Einwohner. Auf den alten Gleisen kann man heute handbetrieben noch „fahren“. https://www.3sine.net/bodenwerder/draisine.html

Eine Brücke zwischen linken Denkern?

Grundsätzlich kamen Habermas und Marcuse aus der gleichen Schule und verorten sich links, stehen für die Demokratie und den Kampf gegen die Autokratie. Grundsätzlich setzen sie auf Argumente, mischen Psychologie und Soziologie zu einer Sozialphilosophie oder Kulturkritik, die vom säkularen Denken und dem Liberalismus ausgehend, kommunikative Lösungswege aus der Krisis sucht(e). Gut, Marcuse ist schon lange tot und kann sich nicht mehr zu modernen Entwicklungen der Achtziger Jahre bis heute nach dem Millennium äußern, aber politisch mischten sich beide bis ins hohe Alter immer wieder in vermeintliche Diskurse ein. Vermeintlich deshalb, weil mit gutem Recht davon ausgegangen war, dass trotz medialer Disparität (die schrittweise verlorenging) noch eine vierte Gewalt mit teilweise investigativem Journalismus unterworfen war. Mutmaßlich, weil sie am eigenen Leib erfuhren, was Meinungsdiktatur und Totalitarismus sind und das Feld nie wieder Dummköpfen überlassen wollten.

Eine Brücke zwischen Theorie und Praxis, worauf die Anwendung von Gewalt, die eigentlich zu vermeiden ist, immer hinausläuft, scheint schwer zu knüpfen. Als Eingangsgespräch dient hier der Beitrag (Video, Sternstunde der Philosophie), der den Generationenkonflikt durchaus bewahrt und die Kritische Theorie sowie die 68 er Bewegung, die vermeinte, diese in die Praxis überzuführen, mit der französischen Philosophie um Foucault und deren Umgang mit der Studentenbewegung (Aufstand in Nanterre) vergleicht. Die Gesellschaft, aber auch das Selbst(bild) sollte sich gravierend verändern. Vielleicht nur ein Lebensgefühl, fern von aller Realität? https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-philosophie/video/adorno-marcuse-und-co–die-vordenker-der-68er-bewegung?urn=urn:srf:video:0ab25e36-0c6b-4f1c-aec2-fc476f814708 Für Habermas war die Studentenbewegung linke Diktatur, nichts anderes.

Der spirit of 1968 hatte mit Vietnam, mit Berkley zu tun, mit Anti-Rassendiskriminierung und Anti-Kapitalismus (Sturm auf das Springer Konzern) oder Schah-Besuche (ein Autokrat wurde hochoffiziell eingeladen und hofiert) . Stichpunkt Rudi Dutschke (1940-79) der den Folgen eines Attentats von 1968 erlag. Zum ersten und wohl einzigen Mal kam es zum Schulterschluss von Studenten und Arbeitern. Aktivismus pur aber auf Grundlage von Theorie.

Foto Bernd Oei: Bodenwerder Weserrundeweg mit Blick auf ehem. Eisenbahnbrücke und Weserbergland https://www.jenses-welt.de/Galerie.php?GRP=CORONA2020&IMGNR=136

Habermas ante portas

Für Habermas war die APO eine Form von Linksfaschismus. Ein alter Hut: Habermas hat Recht, was die Entgleisen der Vernunft, der falschen (destruktiven) Entwicklung einer an sich guten Idee. Man kennt es von der Räterepublik, von Trotzki, vordem von Robespierre und hinten-raus bei Mao, um nur einige zu nennen. Da treibt eine Theorie die Menschen in die Extreme, das Demokratische schlägt um ins Totalitäre. Habermas hat Recht, wenn er mehr transparenten Dialog fordert, gleichberechtigte Menschen, die pro und contra aushandeln und sich in Mehrheit für das eine oder andere entscheiden, nie gezwungen – frei in äußeren wie inneren Verhältnissen.

Ebenso zu Recht kann man diesen kommunikativen Raum als utopische Insel angreifen. Immerhin, Habermas ist wohl aktuell der global bekannteste (und damit bedeutendste, da die Medien entscheiden, wer Stimme hat und wer nicht) deutsche Philosoph und er will sicherlich nichts Verwerfliches. Wer könnte etwas gegen eine aufgeklärte, emanzipierte Vernunft einwenden, die Argumente höher schätzt als realen Profit, Herrschaft oder reine Verwertbarkeit? Niemand. Fraglich ist nur, ob es ein freies Spiel der Kräfte jemals gegeben hat oder geben wird – Monokapitalismus (deep state) zieht die Fäden.

Habermas stellt oft die rationale Argumentation, den freien und transparenten Diskurs der ökonomischen Effizienz gegenüber.Menschen denken nicht mehr rational. Auf den Zusammenbruch der Metaphysik (Nietzsche) folgte Faktizismus (Sachverhalt als Tatsächlichkeit) in einer verwalteten Welt (Bürokratismus), zuletzt eine Kolonialisierung der Lebenswert (Verwaltung des Totalitären in Schein-Demokratie). Dies alles stellt Habermas fest. Er ist Bildungsbürger. Klassenkampf war gestern. Vielleicht zurecht, denn auf den ersten Blick gibt es kein Proletariat mehr.

Des weiteren unterscheidet Habermas in eine subjektive Welt (des Gefühls, der eigenen Entwicklung, sei es Meinung oder Lebenswandel), die Wahrhaftigkeit beanspruchen könne (Adorno: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen), eine soziale Welt (kommunikatives Handeln), die auf Richtigkeit abzielt (vielleicht sollte man Stimmigkeit darunter verstehen), weil sie das Ich ins richtige Verhältnis zum Du setzt. Drittens existiert eine objektive (wissenschaftliche) Welt, die Anspruch auf Wahrheit erheben kann, darf und muss. Wohl wissend: sie muss sich ständig hinterfragen, kann kein päpstliches Diktat sein (habe papemus).

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, St. Nicolaikirche,https://kg-bodenwerder-kemnade.wir-e.de/churches/f93c963a-3bfa-42db-b5c7-3e9991b1c883

Marcuse – ein Adorno der Praxis?

Wo Habermas die demokratische Verständigung der Kommunikation (Autarkie der Selbstbesinnung, mündige Bürger, transparente, auch in den Medien stattfindende Diskursvielfalt) wie Adorno gegen den Aktionismus wendet, spricht Marcuse von regressiver Triebstruktur, kollektiven Defätismus und biologischen Grundlagen des Sozialismus und repressiver Doktrin, die keinesfalls Toleranz erlaube, sondern Geschichte endlich in die eigenen Hände nimmt.

Marcuse argumentierte, dass „ Kapitalismus und Massenkultur die persönlichen Wünsche prägen “ ergo existiere kein wesentlicher unveränderlichen Aspekt der menschlichen Natur außerhalb revolutionären Bewusstseins. Die Massenkultur führe zur Beherrschung der „inneren Welt des menschlichen Subjekts“ Die Dinge sind anders als sie scheinen, darum müsse zunächst der „Verblendungszusammenhang“ enthüllt werden. Unterdrückte sind legitimiert, Gewalt als Gegengewalt zum regressiven System anzuwenden (Naturrecht auf Widerstand).

Marcuse, treuer Adorno ergeben als Habermas, sah eine faschistoide „eindimensionale Gesellschaft“ in einer verwalteten Welt. “ Er kritisiert Habermas vor allem für dessen Optimismus hinsichtlich der Rationalität von Wissenschaft und Technik, der nicht erkennt, wie Technik Herrschaft perpetuiert.

Marcuse gilt als Vater der neuen Linken, ein Adorno der Praxis: Sozialismus sucht keine Produktivität oder Rationalität, sondern Menschlichkeit – er spricht von freien Menschen anstelle des Konkurrenzprinzips und internationaler Solidarität nach Abschaffung der Arbeit(sdiktatur).

Marcuse hielt Habermas für einen Vertreter der „Technik als Ideologie“ , demzufolge für zu unkritisch. Habermas wiederum kritisierte Marcuse, dass dieser keine praktikable Alternative zur bestehenden Technik entwickeln konnte und eine utopische Vorstellung von Natur statt einer alternativen Handlungspraxis anstrebte. In Utopien scheinen (eigene Meinung) beide behaftet, denn einen neutralen Punkt (oder Raum), in dem sich widerstreitende Meinungen im pro und contra Verfahren begegnen können existieren kaum und wo, so nur ohne wirklichen Einfluss auf die Entwicklung der Gesellschaft .

Foto Bernd Oei: Münchhausen-Museum mit Nicolai-Kirche.http://www.muenchhausen-museum-bodenwerder.de/

Saturierte Wohlstandbürger

Die waren Bedürfnisse werden entweder verkannt oder nicht mehr riskiert in einer Gesellschaft, die von Konsum bestimmt wird und der Herrschaft monopolistischer Medien, die vielleicht noch keine Diktatur oder Faschismus im Sinne des Gleichschaltungspolitik ist, die natürlich keine öffentlichen Bücherverbrennungen exerziert und keine Gasöfen mehr für politische Feinde bereithält, aber eben eine Scheindemokratie ist.

Die „repressive Toleranz“ führt zu einer Schein-Freiheit: freie Meinungsäußerung ist undemokratisch, doch wer entscheidet, wer Missbrauch mit der Öffentlichkeit betreibt? Sind es die vermeintlichen Rechtspopulisten oder die neue Linke, die so faschistoid vorgeht wie einst die NSDAP? Marcuse beanstandet die Konsumgesellschaft, wahre und falsche Bedürfnisse und die Befreiung von Unterdrückung, wie die Beschreibung der Gesellschaft als obszön aufgrund ihres Überflusses trotz Leid oder der Wunsch, die Welt zu verändern, indem wir die Freiheit neu definieren, wobei seine Texte oft tiefgründig sind und die Notwendigkeit einer radikalen gesellschaftlichen Umgestaltung betonen.

Zitat Marcuse: „Diese Gesellschaft ist insofern obszön, als sie einen erstickenden Überfluss an Waren produziert und schamlos zur Schau stellt, während sie draußen ihre Opfer der Lebenschancen beraubt“ (Der eindimensionale Mensch, Kapitel Konsumkritik und soziale Ungleichheit,)

Auch Habermas greift auf den desinteressierten, intrapsychische Konflikte nicht mehr auflösenden oder wenigstens reflektierenden Bürger auf, der strategischem Handeln (Kants Vernünftelei, Klugheitsregeln) immer den Vorzug gewährt gegenüber kommunikativen, diskursoffenen Handeln(laut Kant kritische Vernunft, die Paradoxa anerkennt) und somit verhindert, was Hegels Identitätsanspruch (entlehnt aus der der Rechtsphilosophie), vernünftig ist was wirklich ist, anbelangt. Konsens ist mehr als Kohärenz, Sachverhalt mehr als Tatsächlichkeit. Objektivismus ist ein erstrebenswertes Ziel, gleichzeitig eine Fata Morgana, so lange Erkenntnis und Bewusstsein selektiv, interessengeleitet bleiben.

Laut Habermas geht es darum, Lücken in der Logik, dem Verstehen, der vernünftigen Debatte zu schließen, damit wir freie Individuen und in Kants Sinne mündige Bürger werden. Verschließen im Sinne Marcuses wird zum Problem, wenn gesellschaftliche MechanismenWiderstand scheinbar zulassen, ihn aber durch Integration, Ablenkung (Konsum) und die Duldung repressiver Rechter letztlich neutralisieren.

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Weserbrücke, Detail, ca. 150 m lang. https://www.eep-af1.de/Exklusivmodelle/Weserbruecke_Bodenwerder.html

Schein Toleranz und Repression

Marcuse, Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers, emigrierte nach Hitlers Machtergreifung zunächst in die Schweiz und dann über Umweg Paris in die USA, wo zentrale Werke in englischer Sprache (Analogie zu Hannah Arendt) entstanden, darunter „Der eindimensionale Mensch“ (1955). Während dieses im Titel dem Original folgt, weicht „Eros and civilization“ – deutsch „Triebstruktur und Gesellschaft“ doch sehr von diesem ab. file:///home/bernd/Downloads/Seminar-Reader.pdf Marcuse analysiert wie die moderne Industriegesellschaft die menschlichen Triebe, insbesondere Eros (Lebenstrieb) und Thanatos (Todestrieb), durch repressive Unterdrückung und „Desublimierung“ kontrolliert, was zu einer Eindimensionalität des Denkens und Handelns führt, und strebt eine befreite Gesellschaft an, in der sich Mensch und Natur versöhnen können, frei von Herrschaft und Zwang. Er verbindet Freuds Psychoanalyse mit marxistischer Gesellschaftskritik, um zu zeigen, dass Freiheit durch die Überwindung des „Realitätsprinzips“ der Unterdrückung und die Realisierung des „Lustprinzips“ erreicht werden kann, indem man die „innere Natur“ des Menschen befreit.  Kunst ist die einzige nicht repressive Arbeitsform überhaupt.

Erst in den Sechziger Jahren kehrte Marcuse aus seinem amerikanischen Exil (seiner neuen Heimat) zurück und blieb nie dauerhaft in Deutschland. Symbolisch verweilte er kurz vor Ausbruch der 68 er Revolution und nach dem Tod Adornos am längsten in der alten Heimat (in Berlin begraben) Zu dieser Zeit war sein Werk „A Critique of Pure Tolerance“ (deutsch: „Repressive Toleranz“) in aller Munde. U. a. kritisiert. Marcuse greift darin die angeblich „unparteiische Duldung von Sinn und Unsinn“, bei der dumme Meinungen und Hassrede den gleichen Raum wie intelligente Argumente erhalten. Diese „abstrakte“ Toleranz schützt die herrschende Struktur und diskriminiert de facto, indem sie nicht zwischen befreienden und unterdrückenden Positionen unterscheidet. Von einer echten Demokratie sei Deutschland noch sehr weit entfernt.

Maximal verkürzt: „Die natürliche Grenze jeder Toleranz ist die Intoleranz.“ Mit anderen Worten: oleranz muss selektiv sein, um nicht zum Werkzeug der Unterdrückung zu werden. Sie muss die Befreiung fördern und die Unterdrückung bekämpfen, auch durch Intoleranz gegenüber Intoleranz. Marcuse selbst glaubte nicht, die Studentenbewegung sei eine Revolution, weil die nur aus der Masse (Arbeiterbewegung) heraus erfolgen könne. Nachzuhören in der Diskussion https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=C5PU0EASi_Q Diese Arbeiterklasse spielt bei Habermas keine relevante Rolle mehr.

Foto Bernd Oei: Weserbrücke, Blick auf Bodenwerders Altstadt Die Münchhausen-Stadt steht für unfreiwillige Komik und Lügen, die offensichtlich gefallen, weil sie erheitern und in ihrer übertriebenen Form ein Körnchen Wahrheit enthalten. Seriösen Analysen hingegen misstraut der Volksmund tendenziös.

Das Ja braucht ein Nein

Habermas antwortet, dass aus wissenschaftlichen Theorien technisch verwertbarer Fortschritt, aber kein normatives und kein handlungsorientiertes Wissen entsteht („Erkenntnis und Interesse, 1967). Ferner, dass Wahrheit nur einem Geltungsanspruch genügt, den wir mit konstativen Sprechakten wirklichkeitsgetreuen verbinden. („Wirklichkeit und Reflexion“, 1973). Dementsprechend gibt es kein richtig und falsch, alles muss neu verhandelt, kommuniziert, geprüft und im Zweifelsfall auch ausgesessen werden. Rasche Handlungen oder Vorverurteilungen führen zu nichts.

Der frühe Habermas (hier noch Kind der Frankfurter Schule und im Dissens mit Marcuse) sagt auch, der technische Fortschritt werde gleichsam zu einem Naturprozess („Technik und Wissenschaft als Ideologie“, 1968) Durchaus ist ihm klar, dass rationale Argumentation (gekoppelt mit der Empathie, den Argumenten des anderen offen gegenüberzustehen) eine gewisse Utopie darstellt, so lange die Herrschaftsverhältnisse dies vereiteln. Aber im Spannungsverhältnis von medial transparenter Demokratie (dem wünschenswerten Zustand) und Kapitalismus (den herrschenden Zwängen, die zur medialen Inszenierung führen) erkennt er einen Weg der gesellschaftlichen Integration („Faktizität und Geltung, 1992)

Die rapiden Wachstumsprozesse spätkapitalistischer Gesellschaften haben das System der Weltgesellschaft mit Problemen konfrontiert, die sich nicht als systemspezifische Krisenerscheinungen verstehen lassen, wenngleich die Möglichkeiten der Krisenverarbeitung systemspezifisch begrenzt sind. Ich denke dabei an die Störung des ökologischen Gleichgewichts, an die Verletzung von Konsistenzforderungen des Persönlichkeitssystems (Entfremdung) und an die explosive Belastung internationaler Beziehungen.“ („Essay Was heißt heute Krise“, 1972) Gewalt ist für Habermas grundsätzlich keine Lösung.

Anders sieht es bei Marcuse, zumindest in „§Der eindimensionale Mensch“ und „Die repressive Toleranz“ aus, was u.a. im Video nachzuhören ist: https://www.youtube.com/watch?v=ZaMLRMQ7ruU

Vereinfacht: Das Ja bedarf eines Nein, um gegen das Nein bestehen zu können. Es braucht Toleranz selbst vermeintlichen Totschlagargumenten des ideologischen Gegners, um besser, rationaler und weniger ideologisch zu argumentieren. Entscheidungsprozesse folgen dem pro und contra Prinzip.

Foto Bernd Oei: Blick auf Rodelbahn

Adornos Erbe

Adornos Erbe wirft Schatten, da er sich gegen Praxis verwehrt und politische Einmischung für mindestens unphilosophisch erachtet. Marcuse und Habermas taten das Gegenteil, wollten, polemisch formuliert, nicht über Goethe sprechen, wenn in Vietnam die Bomben abgeworfen werden. Philosophen, die sich politisch extrapolieren (etwas Unbekanntes wie die Zukunft auf Bekanntem wie der Vergangenheit oder der Gegenwart ableiten) immer Gefahr laufen, aus der Ideologie-Kritik heraus selbst dogmatische Besserwisser zu sein. Marcuse traf seine Wahl und musste mit den Geistern, die er rief, leben. So verweigerte er der RAF seine Zustimmung, dagegen blieb er bis zuletzt Mentor von Rudi Dutschke, dem Gesicht der APO.

Kritiker bemängeln sein Demokratieverständnis, denn zweifellos waren und sind Revolutionäre damals wie heute in der Minderheit und aus einer Minorität die einzige Möglichkeit, Gesellschaft zu verändern abzuleiten, erscheint auch heute noch ein gewagtes Experiment. Nicht alle können mit Freiheit und souveränem Recht adäquat verantwortungsvoll umgehen, bedürfen der oder sehen sich teilweise nach Führung.

Kritiker werfen Habermas einen idealisierten Konsens vor, da die Herrschaftsverhältnisse seine Idee von deliberativer Politik (gleiche Rechte, Pflichten, Diskurs auf Augenhöhe, bei dem der vernünftiger argumentierende sich durchsetzt), ein Teil des „kommunikativen Handelns“ auf keinem realistischen Boden fußt. Diese Verhältnisse müssten erst geschaffen und vielleicht sogar von der Mehrheit gewollt werden. Seine These, auf das Ende der Metaphysik und der Bewusstseinsphilosophie (Hegel), die nur im Monolog fruchtbar sei, müsse ein geregelter Austausch (Interaktion, Dialog) folgen klingt gut, findet aber nicht statt und vergisst das Klassenbewusstsein: auch wenn es keine Arbeiter im marxistischen Sinne mehr gibt, so doch Unter- und Privilegierte. Rationale Mehrheiten sind nicht immer von irrationalen zu unterscheiden, so dass demokratische Strukturen auch Unterdrückung fördern können.

Ob aus beiden, dem zum Trieb neigenden Marcuse und dem zur Rationalisierung tendierenden Habermas jemals die goldene Mitte erfolgt? Herzlich willkommen im Fantasiealand. … auf realen Rädern, eingezäunt und auf Schienen!

Foto Bernd Oei: Eingang Rodelbahn

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