Freiheit durch Entfremdung von der Natur

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Weserbrücke, Km 119 mit Blick auf Altstadt. Der Geburtsort Münchhausens zählt heute ca. 4600 Einwohner

Der Mensch als Mängelwesen

Arnold Gehlen (1904, Leipzig–1976, Hamburg) gilt neben Scheler und Plessner als einer der Hauptvertreter der Anthropologie. Seine zentralen Theorien beschäftigen sich mit dem Menschen als „Mängelwesen“, der durch Kultur und Institutionen überlebt- nach dem Motto „Nichts ist schlimmer als Natürlichkeit“ (Der Mensch: Seine Natur und seine Stellung in der Welt“( 1940).

Unter seinen Vorbildern befinden sich Herder, dem Gründer der historisch-kulturvergleichenden Anthropologie, die den Menschen als Teil der Natur, aber primär als sprachbegabtes, geschichtliches Wesen („Humanität“) versteht. Kultur ist demnach „Lebensnerv“ und der „Ausdruck des menschlichen Daseins“.

Ebenfalls von Bedeutung ist der amerikanischen Pragmatismus um dem Sozialpsychologen Mead: seinem Postulat nach ist das menschliche „Selbst“ (Identität, Bewusstsein) nicht angeboren ist, sondern entsteht sozial aus der Interaktion (Sprache und Kommunikation). Für diesen symbolischen Interaktionismus zeichnen sich auch Institutionen verantwortlich.

Zudem nimmt Gehlen Anleihen von Nietzsche: zum einen den homo sapiens als das „nicht fertiggestellte Tier“ – hinsichtlich des Motivs Mängelwesen – und als „blonde Bestie“ hinsichtlich der Notwendigkeit, ihn zu „züchtigen“ und seinen Aggressionstrieb zu regulieren. Zum anderen aufgrund seiner Kulturkritik („Kultur als Ersatzinstinkt“ mit Moral als künstlichen, selbst evozierten Wert (nature artificielle), der nirgendwo in der Natur vorgefunden wird. Da der Mensch nur über schwach ausgeprägte Instinkte verfügt, gilt es diese alternativlos über die Kultur zu kompensieren.

Grundsätzlich zeigt sich Gehlens Soziologie (Lehrstuhl zuletzt in Aachen) dabei handlungs- und führungsorientiert. Diese „Führung“ sollen die Institutionen Familie und Kirche (nach innen gerichtet) sowie Staat (nach außen) übernehmen, damit das Individuum von den zahlreichen Entscheidungen „entlastet“ ist (sonst droht Überforderung). Daher plädiert Gehlen für eine Unhinterfragbarkeit dieser Institutionen für die Orientierung und Grundlage allen ethisch ausgerichteten Handelns. Fehlt diese innere wie äußere Führung, so drohen die Egoismen in „Barbarei und Chaos“ zu entgleiten.

Foto Bernd Oei: Uferpromenade bei Bodenwerder, Weserbergland https://www.leipziger-leuchten.com/referenzen/r/bodenwerder-riverside-promenade

Kultur als die zweite Natur des homo sapiens

In seinem Hauptwerk „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ (1940) formuliert Gehlen sein Leitmotiv „Der Mensch als Mängelwesen“ genau aus. Er spricht auch von einer anthropologischen Wende, weil der Mensch (die Kultur) einen tiefgreifenden Eingriff in das ökologische Ganze impliziert.

Defizitäre biologische Struktur: Gehlen bezeichnet den Menschen als physisch und morphologisch unterlegen im Vergleich zu anderen Spezies (organische Mittellosigkeit). Aufgrund fehlender natürlicher Spezialisierung (keine scharfen Krallen, kein Fell) ist der Mensch nicht an eine bestimmte Umwelt angepasst, sein Biotop ist nicht spezifiziert. Dies prädestiniert ihn zur Weltoffenheit. Er benötigt Kultur als „zweite Haut“ bzw. Natur-Ersatz.

Handlung als Grundbegriff: Der Mensch ist ein handelndes Wesen, das seine Umwelt aktiv umgestalten muss, um zu überleben.

Antriebsüberschuss und Führung: Der Mensch hat mehr Impulse als er umsetzen kann, was eine „Führung“ oder Steuerung notwendig macht.

Weltoffenheit & Kultur: Da der Mensch nicht instinktgesteuert ist, ist er „weltoffen“ – aber auch reizüberflutet und handlungsunfähig. Um zu überleben, muss er seine Umwelt aktiv umgestalten. Er schafft sich eine „zweite Natur“ durch Kultur, Technologie und Institutionen.

Institutionalismus. Gehlen ist ein Befürworter der starken Institutionen: Kirche, Ehe, Rechtssystem, Schule und Staat sind für Gehlen entlastende Strukturen. Sie geben dem Mängelwesen Stabilität, Sicherheit und Handlungsfähigkeit, indem sie Verhalten normieren und Gewohnheiten bilden.

Antriebsüberschuss und Führung: Der Mensch hat mehr Impulse als er umsetzen kann, was eine „Führung“ oder Steuerung notwendig macht.

Entlastung: Da der Mensch reizüberflutet ist und keine Instinkte hat, muss er sich durch Institutionen, Sprache und Werkzeuge „entlasten„. Fehlen Institutionen die uns entlasten durch klare Hierarchie, Struktur, Strategie und Ordnung wäre das Individuum hoffnungslos überlastet.

Sprache und Handeln: Die Bedeutung der Sprache als Ausdruck des Handelns und der Verstandesentwicklung. Kultur braucht eine ausdifferenzierte Sprache. Dies lässt an Nietzsche denken: Der Mensch ist ein sprechendes Tier.

Selbstzucht: Jede starke Persönlichkeit wird selbst zu einer Institution. Eine Selbstzucht bannt die Aggressionstriebe.

Eine Auflistung aller Werke (darunter zahlreiche Essays) von Arnold Gehlen liefert

https://www.uni-regensburg.de/assets/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/geschichte-der-philosophie/dokumente/Schoenberger/Homepage_GehlenGA.pdf

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Altstadt Weserstraße, ehemalige (Bremer) Lagerhäuser aus dem frühen 17. Jahrhundert, mit Eichenbalken errichtet und Rosetten verziert . Die Stadt gehörte lange zum Kurfürstentum Hannover und besaß zu Beginn der Industrialisierung bis 1996 wichtige Binnenschiffwerften.

Drei Formen der Weltbegegnung

Im Buch Urmensch und Spätkultur:„1956) untersucht Gehlen die Entwicklung menschlicher Institutionen und die anthropologischen Grundlagen der Kultur.

  • Handlungsorientierung: Werkzeuge, Experimente, Handlungen: das Bewusstsein entwickelt sich mit der Technik, die von Anfang an das Überleben des Mängelwesen Mensch sichert (vom Faustkeil bis zur Atombombe). Ein wesentlicher Schritt auf dem Weg in die unumkehrbare Moderne sind Sesshaftigkeit und Arbeitsteilung.
  • Drei Weltbilder entstehen aus der „Weltbegegnung“ :
  • 1. Rational-praktisches Handeln: Dies ist das handwerkliche, planende Handeln, das auf die Umgestaltung der Natur abzielt. Es ist instrumentell und dient der Kompensation der biologischen Mängel des Menschen.
  • 2. Rituell-darstellendes Handeln: Hierunter fallen magische, kultische und rituelle Handlungen. Sie dienen nicht dem direkten Überleben, sondern ordnen das Erleben und verleihen der Welt Sinn.
  • 3. Die Umkehr der Handlungsformen (z.B. ästhetische/kontemplative Haltung): Gehlen beschreibt eine Art „Umschlagen“ oder „Umkehr“ des Handelns, bei der die instrumentelle Haltung zurücktritt. Dies kann sich in ästhetischem Erleben, Kontemplation oder einer distanzierten Betrachtung der Welt zeigen, oft im Kontext von Spätkulturen.  Selbst in der Kunst widerspiegelt sich der Drang zum aktiven Gestalten der Welt.
  • Aufgabe der Philosophie (ein Merkmal der Spätkultur) ist die „Ergründung des Wesens des Menschen und seiner Stellung in der Welt“. Gehlen fordert einen „Realitätsdrall“ der Philosophie, um seine Geschichte der Gesellschaftsbildung zu verstehen, anstatt sich in abstrakten Theorien zu verlieren. Zuletzt sieht er ihre Aufgabe auch darin, die Gefahren der modernen „hypermoralischen“ und entinstitutionalisierten Gesellschaft aufzuzeigen.

Zusammenfassung: In Gehlens Anthropologie verschmelzen Einflüsse aus der Phänomenologie, dem Neovitalismus, dem deutschen Idealismus und dem amerikanischen Pragmatismus zu einer eigenen, handlungstheoretisch orientierten Anthropologie verschmolz. Sein Werk ist aufgrund seiner Nähe zum Nationalsozialismus umstritten, auch wenn seine philosophische Anthropologie (die den Menschen nicht rassenbiologisch definiert) im Widerspruch zu biologisch-deterministischen Rassenideologien steht. 

Einen Beitrag zu Gehlens Aktualität leistet https://www.deutschlandfunk.de/philosophie-des-maengelwesens-100.html

Foto Bernd Oei: Weserstraße. Bodenwerders Hafengeschichte ist eng mit der Weser und der historischen Werft verbunden. Der Ort entstand auf einer Weserinsel und profitierte von der Schifffahrt.

Wille im Dienst der Triebe

Im Essay Theorie der Willensfreiheit“, 1933 legt Gehlen Freiheit nicht als ein von Natur gegebenes, sondern erst durch die Kultur errungenes Gut, fest.

  • Mängelwesen und Weltoffenheit: Gehlen definiert den Menschen biologisch als unzureichend ausgestattet (Mängelwesen), der kaum feste Instinkte besitzt. Im Gegensatz zum Tier, das an eine bestimmte Umwelt gebunden ist, ist der Mensch „weltoffen“ und von der „Umwelt“ entbunden“. Diese Reizüberflutung und der Mangel an instinktiver Festlegung machen Freiheit überhaupt erst möglich und notwendig.
  • „Nicht-Festgestelltheit“: Weil der Mensch biologisch nicht auf bestimmte Verhaltensweisen festgelegt („festgestellt“) ist, muss er sich selbst entscheiden. Freiheit bedeutet bei Gehlen somit zuerst eine biologische Notwendigkeit zur Selbstgestaltung.
  • Handlungsfreiheit durch Institutionen: Da die totale Freiheit (Handlungsunfähigkeit durch Überforderung) den Menschen vernichten würde, kompensiert er diese durch die Schaffung von Kultur und Institutionen (Ehe, Recht, Staat, Sprache). Diese Institutionen entlasten den Menschen, indem sie Handlungsoptionen einschränken und Regeln vorgeben, was paradoxerweise erst stabile Freiheit ermöglicht.
  • Willensfreiheit als Zurechenbarkeit: Gehlen versteht unter Freiheit die Fähigkeit, Handlungen als die eigenen anzuerkennen und Verantwortung für sie zu übernehmen.
  • Kritik am reinen Pragmatismus: Gehlen verbindet die anthropologische Sicht mit Pragmatismus, sieht aber die Notwendigkeit von Institutionen schärfer, um den Menschen vor sich selbst und der Reizüberflutung zu schützen. 
  • Alternativlose Notwendigkeit, durch Eigenleistung (Wille zur Macht als Wille zur Kultur) eine künstliche Stabilität in einer lebensfeindlichen Welt aufbauen muss. 
  • Gehlen betrachtet den Willen oft als ein Instrument, das ursprünglich dazu dient, Triebe zu steuern. Zitat: „Wille tritt also überall zunächst als Wille im Dienste der Triebe auf, näher als überlegte Wahl der Mittel und willensmäßige Beeinflussung des Kausalverlaufs.“

Fazit: Willensfreiheit ist bei Gehlen die notwendige Konsequenz der biologischen Instinktlosigkeit. Sie ist keine absolute Freiheit, sondern eine, die durch die „kulturelle zweite Natur“ (Institutionen) geformt und handhabbar gemacht wird. Der Anthropologe und Soziologe beschreibt den Menschen als reines Kulturwesen: „Der Mensch passt nirgendwohin und ist mit allem überfordert, sogar mit sich selbst.“ Zu seinem Glück kann er sich aber in der Kultursphäre breit machen, einer „zweiten Natur“. Die „Aktion“ (Handeln) ist zentral, um die Umwelt an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. 

Gehlens Werk ist von Beginn an eine Mischung aus philosophischer Anthropologie und Soziologie, die den Menschen als handlungsleitend zur eigenen Existenzsicherung darstellt.

Konservativer Ansatz: Gehlen betont die Notwendigkeit von Ordnung und die Treue zu bestehenden Institutionen gegenüber individuellen Interessen. Da der Mensch (Einfluss Schopenhauer) sich nicht ändern und allein auf seine Vernunft (Einfluss Kant) verlassen kann, darf er nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern bedarf der Entlastung durch einen starken Rechtsstaat. Erst diese Führung und Orientierung verschafft ihm individuelle Freiheit.

Foto Bernd Oei: Weserstraße Im Vordergrund altes Kemnader Fährhaus und Zollhaus auf hohem Sockel, daneben alte Apotheke von 1625. https://www.komoot.com/de-de/highlight/2584780

notwendige Hierarchie für die gewaltlose Lenkung

In seinem Essay „Mensch trotz Masse“ (1952) spricht Gehlen von notwendiger Lenkung durch einen starken Staat und funktionierenden Hierarchien.

  • Da der Mensch instinktarm und biologisch unspezialisiert ist, ist er auf Ordnung, Institutionen und Technik angewiesen, um zu überleben.
  • Technik als zweite Natur: Die moderne Welt ist eine von Menschen geschaffene künstliche Umgebung („zweite Natur“), die den Menschen zwar entlastet, ihn aber auch der „Erfahrung zweiter Hand“ aussetzt – also einem Leben, das nicht mehr unmittelbar aus eigener Anschauung, sondern durch Medien und Technik vermittelt ist.
  • Die Masse und der Einzelne: Die moderne Gesellschaft wird zur „Masse“, in der soziale Strukturen flacher werden und individuelle Besonderheiten durch Rationalisierung verblassen. Trotz dieser Nivellierung betont Gehlen, dass der Mensch ein Kulturwesen bleibt, das sich in dieser „technisierten“ Welt behaupten muss.
  • Soziologische Perspektive: In der Massengesellschaft besteht die Gefahr des Verlusts von Individualität und Ordnung. Institutionen bleiben der Anker für seine Handlungsfähigkeit.
  • Pessimismus und Kulturkritik: Gehlen vertritt eine kulturpessimistischen Haltung und hinterfragt, ob Persönlichkeitsentwicklung in einer funktionalisierten Welt möglich ist. Tendenzen zur Bildung eines Einheitsmenschen bestehen.
  • Im Kern argumentiert Gehlen, dass Macht und hierarchische Strukturen notwendig sind, um den Menschen als „Mängelwesen“ zu stabilisieren und Handlungsfähigkeit zu ermöglichen. In „Soziologie der Macht“ (1961) betont er die Macht als die strukturierende Kraft, die durch Institutionen Ordnung schafft, den Menschen vor seiner eigenen Instinktlosigkeit schützt.

Foto Bernd Oei: Fachwerkhaus in der Altstadt von Bodenwerder, 17./ 18. Jahrhundert, das Baron von Münchhausen (1720-97) gekannt haben dürfte.

kulturelle Kristallisation

In seinem Essay „“Die beschleunigte Welt. Leitmotive der Industriegesellschaft“ 1963 spricht Gehlen nicht nur deutlich sein Unbehagen gegenüber der (alternativlosen) Moderne an, sondern gebraucht auch erstmals den Begriff der kulturellen Kristallisation, der Erstarrung d/ Verkrustung der Sozietät.

  • kulturelle Kristallisation: die modernen industriellen Systeme und Technologien beschleunigen Handlungen und Entwicklungen, die nachhaltig zu kulturellen Veränderungen (kulturelle Kristallisation) führen und die Lebenswelt rasant verändern.
  • In dieser Phase entstehen keine grundlegend neuen kulturellen Formen mehr , sondern bestehende Formen werden repetiert, verfeinert und funktionalisiert. Die Instrumentalisierung nimmt mit der Industrialisierung zu.
  • Leistungsgesellschaft: Kultur in reine „Leistung“ umgemünzt wird, wobei technisches Können und Zweckmäßigkeit (Anpassungsprofile) im Vordergrund stehen.
  • Spätkapitalismus: „Schnittpunktexistenzen“ und „Funktionsträger“ prägen das Leben
  • Durch ständige Optimierung und Verdichtung („Entlastung durch Technik“) entstehen neue Abhängigkeiten, Institutionen verlieren an Stabilität, während der Mensch seine Umwelt zunehmend funktionalisiert.
  • point of no return: Keine Umkehrbarkeit: Für Gehlen ist dieser Prozess nicht umkehrbar; es handelt sich um die finale Phase der kulturellen Entwicklung.
  • „gewaltloser Lenkung“ : darunter versteht Gehlen die Steuerung und Ordnung des menschlichen Verhaltens durch Institutionen, ohne dass dabei physischer Zwang oder direkte Gewalt angewendet werden muss. Die Lenkung wird als gewaltlos empfunden, weil die Menschen sich den Institutionen anpassen und deren Regeln verinnerlichen. Der Zwang ist indirekt, da er habituell (Gewohnheit) und nicht physisch ist. Dieser Aspekt wird in dem späten Essay „Die gewaltlose Lenkung: Zur Funktion der Massenmedien in der modernen Gesellschaft“ 1975 fokussiert.

Foto Bernd Oei: Fachwerkhaus, Königsstraße in der Bodenwerder Altstadt nahe der Uferpromenade

Der irrige Erlösungsglaube

In seinem Buch „Die Seele im technischen Zeitalter“ (1957) verdeutlicht Gehlen, dass er Technik für alternativlos erachtet, deshalb aber kein Fortschrittsoptimist ist, sondern im Gegenteil, dies als die letzte Phase der Kultur betrachtet, auf die entweder ein Rückfall in die Barbarei droht oder der Mensch einer schrankenlosen Entsinnlichung preisgegeben ist, wie sie sich in der abstrakten Kunst niederschlägt. Zudem kritisiert er den Marxismus.

Kritik am Marxismus: Gehlen wendet sich gegen die marxistische Utopie und den „Erlösungsglauben“, der dem Proletariat eine messianische Rolle zuschreibt. Er distanziert sich von der Idee, die Arbeiterschaft sei eine revolutionäre Klasse, die die kapitalistische Gesellschaft hinwegfegen wir

Kritik der „Ersatzreligion“: Gehlen argumentiert, dass der Marxismus als Ideologie totalitärer Bewegungen funktioniere, indem er säkulare Heilserwartungen wecke und die anthropologische Notwendigkeit von Institutionen und Ordnung negiere.

Kritik am „rationalistischen“ Denken, das glaubt, gesellschaftliche Verhältnisse beliebig gestalten zu können. Traditionell gewachsene hierarchische Institutionen sind notwendig, um Stabilität zu finden.

Kritik am Entfremdungsbegriff: Die Vorstellung, dass der Mensch durch Arbeit entfremdet wird und durch eine Revolution „zu sich selbst“ finden kann, widerspricht Gehlens Anthropologie. Er sieht den Menschen als „Mängelwesen“, das Kultur und Institutionen als „Entlastung“ braucht. Eine Zerstörung dieser Strukturen würde nicht zur Befreiung, sondern zum Chaos führen. Die freiwillige Entfremdung (Selbstentfremdung) an Institutionen (das Delegieren von Entscheidungen und Handlungen) nutzt ihm, um Kompetenzen abzugeben.

„tiefe Gefährlichkeit“ Gehlen warnt vor der intellektuelle Utopie des marxistischen Denkens, der die Stabilität der „zweiten Natur“ (Institutionen) untergräbt.

Foto Bernd Oei: Fachwerkhaus Königstraße, Bodenwerder.

Freiheit ein Artefakt

Entfremdung von der Natur ist für Gehlen kein Nachteil., sondern notwendiger Schritt in die Freiheit. Davon handelt sein Essay „Über die Geburt der Freiheit aus der Entfremdung“, 1952.

Freiheit existiert nicht von sich aus, sondern einzig als Resultat der menschlichen „Weltoffenheit“ und des Zwangs zur Kulturschaffung. Als biologisches „Mängelwesen“ (instinktreduziert) ist der Mensch von der Natur entfremdet. Diese Distanz zwingt ihn zur aktiven Umgestaltung der Umwelt, wodurch Handeln, Kultur und letztlich Freiheit als Kompensation entstehen..

Entfremdung ist folglich die Geburt der Freiheit und nicht ihre Bedrohung. Denn so lange der Mensch umweltgebunden ist, kann er nicht frei sein. Im Gegensatz zum Tier ist er nicht an eine spezifische Umgebung gebunden, sondern kann sich zu Reizen frei verhalten.

Freiheit ist kein Wunschdenken und kann auch nicht das Ziel einer Utopie sein, sondern eine kulturelle Notwendigkeit, die aus der Überwindung biologischer Defizite und der Distanz zur Natur geboren wird.

Freiheit definiert sich nicht als Abwesenheit von Regeln, sondern als Resultat notwendiger Bindungen. (siehe den Essay „Freiheit heute“, 1972): „Bewahrt uns vor der menschlichen Natürlichkeit, denn sie stiftet Unfreiheit“.

Foto Bernd Oei: Bodenwerder, Königsstraße, Stadtkirche St Nicolai, dreischiffig aus dem 15. Jahrhundert und wegen des Hochwassers höher gelegt.

Im Diskurs mit Adorno

In seinem Essay „Zeit-Bilder. Zur Soziologie und Ästhetik der modernen Malerei“ (1960) bezieht Gehlen Stellung zu Adornos These, moderne Kunst (Avantgarde) besitze vevolutionäres Potential, indem er ihr ein kritisches, antithetisches Potenzial gegenüber der bestehenden Gesellschaft zuschreibt.

  • Kunst und Antikunst: kritische These der „Kommentarbedürftigkeit“ der modernen abstrakten Kunst, die ohne theoretischen Kommentar nicht mehr verstanden werden kann. Bestenfalls animiert moderne Kunst zum Mitmachen und aktiven Spiel des Betrachters.
  • Grundsätzlich kann aus Kunst keine politische Revolution hervorgehen. Sie steht auf „schwankendem Boden“. Sie vermag nicht mehr zu provozieren, sondern nur zum Spiel aufzufordern. Ihre Werte sind nicht gut und schlecht, sondern spannend / langweilig
  • Ihr Wandel geht mit „Erstarrung“ (Kristallisation) einher. Es entstehen keine neuen Kunstformen mehr, die Innovation ist substanzlos. Beispiel Informel und der abstrakten Malerei, die sich vom Menschen ablöst und sich in Technisierungsformen gefällt.
  • Kunst wird zu einer Endlosschleife aus Variationen des immer Gleichen, was er als Erstarrung wahrnimmt.
  • Technisierung und Formelhaftigkeit: Gehlen sieht eine Tendenz zur „technischen“ Produktion von Kunst, bei der Kunstwerke wie industrielle Produkte nach festen Regeln (Formeln) hergestellt werden, ohne echte emotionale oder kulturelle Notwendigkeit.
  • Kunstwerke als folgenlose Phänomene: Gehlen zitiert Gottfried Benn: „Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos.“ Er betrachtet die moderne Kunst als ästhetische Produktion, die sich in sich selbst verschließt und kaum noch Einfluss auf die Gesellschaft hat

Fazit: Für Gehlen die moderne Kunst ein Zeichen einer in der Spätphase erstarrten Kultur, die zwar technisch perfekt, aber inhaltlich leer und lebendig „kristallisiert“ ist.

Analogien zu Adorno

Trotz fundamentaler politischer Differenzen (links vs. konservativ) teilen Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen eine kritische Diagnose der Moderne. Beide analysieren die Krise des Individuums, die durch Entfremdung, Reizüberflutung, Bürokratisierung und den Verlust traditioneller Bindungen gekennzeichnet ist. Sie stimmen in der Wahrnehmung einer technisierten Welt überein, in der der Einzelne sich anpassen muss.

Unterschiede zu Adorno

Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen vertraten nach 1945 gegensätzliche Positionen: Adorno war ein marxistisch geprägter Kritiker der „Kulturindustrie“ und des Kapitalismus, der auf individuelle Emanzipation und kritische Reflexion (Bewusstseinsbildung) setzte. Zudem erkannte er in der Kunst eine Möglichkeit, diese Individualität zu fördern. Gehlen hingegen war ein rechtskonservativer Anthropologe, der Institutionen als entlastende Ordnung gegen die Überforderung des Menschen („Mängelwesen“) verteidigte. Trotz inhaltlicher Gegensätze verband sie eine Skepsis gegenüber der Moderne.

Empfohlene Beiträge

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert