Friede (Liebe) Freiheit Selbstbestimmung

Foto Belinda Helmert: blauer Blesi in Haukadalur, Südwestisland

Mit diesen drei Worten (wobei Friede für universale Liebe steht und nicht nur Pazifismus in Zeiten deutscher Kriegsbereitschaft) https://www.zeit.de/politik/deutschland/2023-10/pistorius-modernisierung-bundeswehr-kriegsgefahr-europa, zog ich zwei Jahre lang demonstrierend durch die Straßen Deutschlands. Noch einmal von Coronapogrom und der Russland-Hetze zu reden verbiete ich mir hier selbst. Die Täter entlarven sich selbst: Im Namen der Demokratie darf man schon mal zu antidemokratischen Mitteln greifen. https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afd-verbot-klingbeil-100.h

Früher machte die SPD Sozialpolitik, und der Kampf für die vermeintlich Schwachen (Arbeiter, alleinerziehende Mütter, Rentner) gegen die vermeintlich Starken (Unternehmer, Großkapitalisten) gehörte zu ihrer Kernkompetenz. Die Grünen waren bekannt für Alternativen (Rotationsmodell, flache Hierarchie), Sorge für die Umwelt und eine innovative Energiepolitik. Schnee von Gestern. Die CDU nennt sich noch immer christlich demokratisch, spätestens Herr Merz zeigt an der Spitze, wie dies interpretiert wird.

Nein, von Friede, Freiheit, Selbstbestimmung ist nichts geblieben. Fraglich, ob das die Mehrheit oder wenigstens eine große Minderheit in Deutschland klar erkennt und noch wichtiger, ob sie ihnen diese Werte Priorität einzuräumen bereit ist. Denn wie sagte kürzlich eine der Gutmenschen zu mir? Es ist unmöglich, das Richtige zu tun in schweren Zeiten, also besser das Schlimmste vermeiden und das heißt, gegen Rechts mobil machen. Der Blick in die Zukunft erlaubt keinen Blick zur Seite an die Ränder. Schon gar nicht eine Reflexion von Gestern, das könnte peinlich werden für die Gutmenschen.

Foto Belida Helmert: Südwestisland, Naturschutzgebiet Ytri Tungu https://guidetoiceland.is/travel-iceland/drive/ytri-tunga-beach

Vom Glück direkter Demokratie

Island ist eine Insel, etwa drei einhalb mal so groß wie Rügen und weniger als ein Drittel der Gesamtfläche Deutschlands. Es ist mit unter 400 000 Menschen dünn besiedelt und zählt wohl mehr (schwarze) Ziegen und Schafe als Menschen. Das Land erwägt der EU beizutreten, obschon es gewarnt sein dürfte und es den Bewohnern wirtschaftlich (BSP) und in puncto Lebensqualität offiziell besser geht als „uns“ derzeit. Dazu kommt eine Realität, von der hierzulande alle träumen: Island deckt seinen gesamten Strombedarf zu fast 100 Prozent aus heimischen, erneuerbaren Quellen wie Wasserkraft und Geothermie.

Die bekannteste Persönlichkeiten (laut Umfragen) sind die Musikerin Bjork – ich persönlich favorisiere immer noch Leif Eriksson, den wahren Entdecker Amerikas und die erste erste demokratisch gewählte Präsidentin weltweit, die von 1980 an bis 1996 die erste der Regerung vorstand. Ihren unaussprechlichen Namen muss ich natürlich googlen: Vigdís Finnbogadóttir. Unaufgeregte Emanzipation, so würde ich dieses angenehm selbstbewusste Land (keinesfalls überheblich) in seiner Mentalität, seinem mind set, nennen.

Islands Politik Demokratie ist echt (unsere Makulatur), sie zeichnet sich vor allem durch das älteste Parlament der Welt, eine extrem hohe Geschlechtergerechtigkeit (Frauen in Führungspositionen und keine Benachteiligung bei der Rente) und eine enge Einbindung in Europa ohne EU-Vollmitgliedschaft aus. Vor allem kennt es das Prinzip direkter Demokratie. Das Land zählt laut internationalen Indizes zu den stabilsten und fortgeschrittensten Demokratien weltweit. Die Bürgerinnen und Bürger werden bei wichtigen Weichenstellungen über direkte Beteiligung oder Volksabstimmungen oft einbezogen.

Vor allem aber vermeidet man in Island das überholte klischeehafte rechts-links Pejorativ. Politisch lässt sich Island nicht einfach als „links“ oder „rechts“ einordnen. Es gab oft Koalitionen aus verschiedenen Lagern (wie Mitte- und Links-Rechts-Regierungen), und die Parteienlandschaft reicht von konservativ bis links-grün. Koalitionen sind dort offen und Parteiverbot ein Tabu.

2025 belegte Island (seit Einführung der Volksbefragung immer unter den Top 5) Platz 3 im Glücks-Index, der belegt, wie zufrieden die Bewohner des Landes sind. Vor ihnen liegen – bereits zum zweiten Mal in Folge – nur Dänemark und Finland. Man könnte also vom nördlichsten Zipfel Europas lernen. wenn man es wirklich wollte. Island war in der neueren Geschichte in keinen konventionellen Krieg verwickelt und besitzt bis heute keine eigene reguläre Armee. Noch Fragen ?

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, 844 m hoher Vulkan Hafarfjall bei Bogarnes. https://www.tripadvisor.de/Attraction_Review-g608868-d7046787-Reviews-Hafnarfjall_mountain-Borgarnes_Borgarbyggd_West_Region.html

Die blonde Bestie, die nicht mordet

Ein Denker (sicher gab es mehrere), der diese – meine drei Grundwerte des Lebens – leidenschaftlich vertrat war F. Nietzsche. Gestern meinte ein „Philosoph“ (jeder, der diese Ausbildung durchläuft, darf sich so nennen), Nietzsche habe den Mord gebilligt, sogar zu ihm aufgerufen. Die Begründung? Cesare Borgia. https://www.domradio.de/artikel/papstsohn-cesare-borgia-vor-550-jahren-geboren

Für meine Verhältnisse, der schon mal zu cholerischen Ausbrüchen und verbal polemischen Rundumschkägen neigt, wenn er sich zu sehr gereizt fühlt, reagierte ich ruhig. Denn die bekannte Stelle in der Nietzsche, ein überzeugter Befürworter der Renaissance (u.a. schreibt er: „Cesare Borgia als Papst — das wäre der Sinn der Renaissance, ihr eigentliches Symbol…„) und energischer Gegner des (angeblich dunklen) Mittelalters, über die berühmte „Blonde Bestie“ schreibt, lautet: „dass wir Modernen mit unsrer dick wattirten Humanität, die durchaus an keinen Stein sich stossen will, den Zeitgenossen Cesare Borgia’s eine Komödie zum Todtlachen abgeben würden“(Götzen-Dämmerung, § 37).

In meinen Worten: Die Blonde Bestie, das edle Raubtier, ist Immoralist, nicht Amoralist. Das zu unterscheiden fällt nicht nur meinem kultiviertten, aber in Nietzschefragen gerne sturen Gesprächspartner schwer. Nebenbei: zwischen den Germanen, unseren Vorfahren und den Deutschen von Heute (bzw. dem 19. Jahrhundert) sah Nietzsche keinerblei „Blutsverwandtschaft“. Er spricht von einer „vornehmen Rasse,“ die ohne Furcht ihr Leben selbst bestimmt und sich nicht von einer Lügenmoral habe beeinflussen lassen.

‚Wer sich genau kundig machen möchte, dem sei folgender Link angeraten, weil er alle Erwähnungen von Borgia auflistet, die ich hier nicht wiedergebe. https://www.nietzschesource.org/eKGWB/index

Wörtlich polterte mein bisweilen unbelehrbarer Dialogpartner: Wer Nietzsche verteidigt, der Cesare Borgia – was hat der schon geleistet außer Giftmord ? – so heraushebt, der muss mit den Konsequenzen des Mordens leben, den so ein Übermensch fordert. Mit Beleg darauf, dass Nietzsche zwar gerne gegen die christliche Sklavenmoral (die er als heuchlerisch entlarvte) provoziert, aber doch jedem Missverständnis vorbeugt, sei auf diese Stelle verwiesen, weil sie an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. „Vor Allem gab man mir die „unleugbare Überlegenheit“ unsrer Zeit im sittlichen Urtheil zu überdenken, unsern wirklich hier gemachten Fortschritt : „ein Cesare Borgia sei, im Vergleich mit uns , durchaus nicht als ein „höherer Mensch“, als eine Art Übermensch , wie ich es thue, aufzustellen… Ein Schweizer Redakteur, vom „Bund“, gieng so weit, nicht ohne seine Achtung vor dem Muth zu solchem Wagniss auszudrücken, den Sinn meines Werks dahin zu „verstehn“, dass ich mit demselben die Abschaffung aller anständigen Gefühle beantragte.“ (Götzen-Dämmerung, § 37)

Über die „blonde Bestie“ schreibt Nietzsche v.a. in „Zur Genealogie der Moral“. Freilich stellt er sie, man mag einwenden, zu diametral, dem Christentum gegenüber, jenem verweichlichten Menschen, das mit Engelszungen spricht und bigott lebt. Die Kritik am Christnetum und der Moral als ein Instrument zur Unterdrückung der individuellen Selbstbestimmung bzw. Freiheit ist eines seiner Kernanliegen. Wenn alles so verwerflich falsch an seinen Vorwürfen wäre, wieso berufen sich dann viele Theologen (u.a. mein ehemaliger Religionslehrer, der mir als Sechzehnjähriger Nietzsche empfahl) auf Nietzsche als Neubeginn eines wahren Christentums? Das wäre eines, das Liebe, Friede, Freiheit, Selbstbestimmung ernst nimmt. Ernster als Pflicht und Gehorsam, wenn es drauf ankommt. Nebenbei: der Mensch ist ein Raubtier und soll im Norden auch vorzugsweise blond gewesen sein.

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, der erloschene Vulkan Hafarfjall, 4 Millionen Jahre alt. https://de.wikipedia.org/wiki/Hafnarfjall

Für manche Interpreten, darunter Adorno, wurde die blonde Bestie zur Chiffre des Raubtierkapitalismus, für andere (Sloterdjik) zu Vitalität und Tatkraft bzw. purer Willens- und Durchsetzungsstärke. Mitunter fühle ich mich, eher grüblerisch und mutlos veranlagt, auch davon angezogen. Doch so einfach kann und darf ein Denker sich das nicht machen. Hier die Bösen (Gutmenschen, die in ihrem Missionarismus, Gutes tun zu wollen stets Schlechtes bewirken und die Spaltung vorantreiben), dort die Schlechten, die mit einer eigenen Moral (nennen wir sie Prinzipien des Handelns) auszukommen suchen und nicht der Herde hinterher blöken.

Es wäre menschenverachtend, wenn man alle diejenigen, die man selbst für dumm, ethisch infantil oder politisch unreif einordnet, entmündigt. Ebenso kann aus der Führung (Nietzsche) Verführung (radikalke Subjektivität) erwachsen, nicht selten schlägt das Pendel um. Was auch den angeblich den Menschen dienenden Ideen wie sozialer Gerechtigkeit wurde, verdeutlichen Diktaturen (links wie rechts) deutlich: Ideen können zu Ideologien mutieren, in denen alles Recht ist, was den Feind besiegt.

Wir befinden uns im Eisernen Zeitalter und träumen von der Wiederkehr des Goldenen. Jedenfalls sagt das Nietzsche in „Zur Genealogie der Moral, § 1), wo er sachlich das Aufkommen der blonden Bestie erklärt. Zwar sagt er nirgendwo, dass Cesare Borgia ein Vertreter dieser Spezies ist, doch liegt das nahe, wenn man seiner Beschreibung folgt. Wenn ich seine Beschreibung des Erzenen Zeitalters lese: „hart, kalt, grausam, gefühl- und gewissenlos, Alles zermalmend und mit Blut übertünchend„, so kann ich dem nur zustimmen. Wir leben wieder in der Epoche. Vielleicht haben wir uns nie zur Gänze aus ihr befreit, weil es zur menschlichen Natur gehört. Eben darum müssten wir laut Nietzsche alles Menschliche hinter uns lassen und zum Übermenschen werden/reifen.

Nun sagt mein Bekannter, der den Übermenschen subtil doch mit dem Dritten Reich zu verbinden scheint, zumindest nichts anderes als die Bereitschaft, sich über die zehn Gebote zu erheben darunter versteht, was ihn zum Richter über Leben und Tod erheben würde, allen Ernstes: Sie (also ich) wollen doch nicht solch ein Übermensch werden?

Natürlich möchte ich das und habe darunter gelitten, so schwach, verzagt, feige, bigott zu sein mit all meiner Moral, die von Friede, Freiheit, Selbstbestimmung träumt, von jenem Gift, das uns Wille zur Macht sein lässt, die ohne Macht haben auskäme, ganz auf sich gestellt wie ein starker Baum mit festen Wurzeln am Abgrund. Sie jemand, der bereit wäre, auf dem Rücken eines wilden Tigers zu reiten. Wie jemand, der entschlossen seinem Instinkt folgt, weil der zumindest bei Tieren, nie oder zumindest sehr selten, verkehrt ist und keine Perversion zulässt. Instinkt und Vernunft des Leibes, womit Intuition gemeint ist, haben wir uns gemeinhin weggezüchtet.

Gemeinhin wird Weisheit mit zunehmendem Alter (Lebenserfahrung) assoziiert. Bei Nietzsche stieg die Radikalität (er verglich seine Gedanken mit Dynamit) und mitunter sehe ich bei mir nur zunehmende Verhärtung und Ignoranz. Das Gras auf dem anderen Ufer ist bekanntlich immer grüner, die Kühe fetter etc. Vielleicht aber wächst mit zunehmender Ansicht, die Einsicht, dass es einsam weniger allein ist als zu zwein ….

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, auf der Fahrt Route (Ringstraße) 1, die 1332 km lang ist. https://adventures.is/de/island/attraktionen/die-ring-road/?srsltid=AfmBOorr8-96A2fIFPeLUsfE3HUL9aNeSucAOW3zPeEVwVuLbwmg3nyd

Raubtier-Instinkt

Die Sonne sinkt. Das Eis gefriert. Lakonie pur bei Nietzsche. Weh dem, der keine Heimat hat. Vor allem eine geistig-seelische sollte es sein. Die blonde Bestie war keinesfalls Nietzsches Ideal, aber, wie er schreibt, besser sich fürchten und aus der Ferne bewundern als einer unter vielen, den viel zu vielen, zu sein. (noch immer Genalogie der Moral, § 1) https://www.nietzschesource.org/eKGWB/index. Er spricht auch gerne in Tiermetaphern vom Menschen und vom Raubtierinstinkt, worunter der Erkenntnistrieb fällt: „Das schönste leiblich mächtigste Raubthier hat die stärksten Affekte: sein Haß und seine Gier in dieser Stärke werden für seine Gesundheit nöthig sein, und wenn befriedigt, diese so prachtvoll entwickeln. Selbst zum Erkennen brauche ich alle meine Triebe, die guten wie die bösen .“( Menschliches Allzu Menschliches II, § 49)

In „Ecce Homo“, der Selbsterklärung seiner Werke, betont er hinsichtlich und als Gegenfigur zum Parsifal, Cesare Borgia sei ihm da lieber als als Sinnbild für einen kraftvollen, vitalen Typus jenseits der modernen Moral. Nun ja, wenn man Borgia auf einen Giftmörder reduziert und seine skrupellose Macht- (genauer Herrschafts)politik sowie päpstlichen Nepotismus und Clanwirtschaft, so stirbt sein Typus niemals aus. Was daran und am Machiavellismus (wohl gemerkt, Machiavelli beschreibt Strukturen an die Herrschaft zu gelangen und sie zu bewahren, er wertet nicht darüber) bewundernswert erscheint, ist die Klarheit der Handlung und ihrer Motivation. Ob man darin einen Triumph des Lebens über die Moral erkennen muss, in der Tat fraglich.

Nicht alles, was Nietzsche denkt, schreibt er und nicht alles, was er schrieb, wurde richtig (nach)gedacht. Ich folge ihm auch nicht in allem, gerade wenn ich zweifle, ob das, was ich verstehe und zwischen den Zeilen lese, auch seiner Idee gleichkommt. Der Wille zur Macht etwa ist äußerst komplex, doch für mich primär Wille zur Freiheit und Selbstbestimmung, dazu Liebe, amor fati.

Mein Gesprächspartner hält nur Nietzsches Aphorismus und Paradoxa, kurz seinen Stil und vielleicht noch sein Kunstverständnis (Musik) für vorbildlich bzw. rühmlich, zudem spricht er gerne von einem Mainstream und Modephilosophen. Letzteres ist für mich gar kein Argument pro oder contra und ohnehin relativ: inhaltlich halte ich die vier Lehren (sofern sie wirklich welche sind und nicht Gedankenexperimente) für durchaus relevant und in meinem Leben sogar für unentbehrlich.

Ohne jetzt auf den Übermensch in Detail eingehen zu wollen, so gibt es keine Stelle, die Borgia in die Nähe eines Übermensch oder die blonde Bestie als Vorläufer desselben qualifiziert. Das Bild von ihm und der Renaissance mag etwas einseitig (unilateral) ausfallen, zudem benutzt Nietzsche gerne die Hyperbel und zudem weist der Kontext Borgia als einen Repräsentanten der Pentarchie aus, wie sie in Italien seinerzeit vorherrschte.

Meiner Meinung nach bildete Unrecht, Raub, sogar Mord schon immer die Voraussetzung für große Werke. Denken wir an die Pyramiden und die attische Kultur (auch die Demokratie), die auf Sklavenwirtschaft, Missbrauch etc. beruhte oder an die Sixtinische Kapelle, die ohne den Blutzoll von wie Vieh behandeltem Proletariat nicht möglich gewesen wäre, vermutlich nicht einmal ohne Folter an den Häretikern. Das rechtfertigt die böse Tat nicht, dokumentiert aber die moralisch fragwürdige Entrüstung über sein Plädoyer für Borgia und die Raubtier-Mentalität. Übrigens ist der Mensch nun mal ein Raubtier, ob ihm das gefällt oder nicht.

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, Vulkanlandschaft. Auf Island befinden sich heute noch 31 aktive Feuerberge.

Nietzsche sagt auch: „Gegen einen unabhängigen Menschen, welcher es verschmäht, Leithammel zu sein, nährt der moralische Mensch einen Verdacht, als ob er ein schweifendes Raubthier sei.“ (Fragmente, 1982, 2, 15). Es ist evident, dass er in seinem Willen zur Freiheit (zur Macht, niemals an die Macht) von Selbstbestimmung und Eigenverantwortung ausgeht und von Unabhängigkeit, d.h. Verzicht auf Gewalt über und gegen andere. So viel Falsches kann nur jemand hineininterpretieren, der das will. Was bleibt ist die Problematik, dass der Mensch ohne fesestes Gerüst, Geländer wie Moral, Gesetze, Leitung, Regierung, verloren erscheint. Vielleicht weil ihm dieser Wille zur #Freiheit fehlt, weil er ihn einen Schwindel verursacht oder er gar einen Schwindel darin vermutet. Vielleicht aber auch, weil er es bequem mag und die Pfade der Gewohnheit ungern verlässt.

Die Evolution war immer ein Spiel mit dem Feuer, dem Risiko und nicht (es sei denn man glaubt an Gottes Plan) vorhersehbar. Das heißt nicht, dass sie zufällig oder bloß chaotisch verlief. Wie Nietzsche glaube ich weder an Zufall noch an das Nichts, aus dem angeblich alles wurde. Mein Bekannter denkt, Gott ist eine wissenschaftliche Hypothese, die einzig ernst zu nehmende gegenüber menschengemachter Naturwissenschaft und Hybris toll gewordener Technik und entfesselten Kapitals.

Zugegeben, Nietzsche spricht Borgia wie einem Jagdhund Gesundheit zu. Das reicht aber bei Weitem nicht für Idealisierung oder gar Utopisierung, schon gar nicht für den Übermensch. Cesare Borgia ist für Nietzsche kein Übermensch, sondern ein reales, historisches Beispiel für ungebrochene Lebenskraft. Die drei Begriffe unterscheiden sich grundlegend in ihrer Natur, ihrer Funktion und ihrer Abstraktionsebene.

Borgia ist eine reale, historische Figur der Renaissance. Für Nietzsche verkörpert er vitale Instinkte und die Fähigkeit, sich über die christliche Moral seiner Zeit hinwegzusetzen. Daher nutzt er ihn als radikalen Gegenpol zum christlichen Ideal (z. B. der Figur des Parsifal). Er lobt Borgia dafür, dass dieser seine Triebe nicht „kastriert“, sondern ausgelebt. Für viele ist das eben schon zu viel….

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, Vulkan Hafarfjall.

Es wird Kriege geben, wie es noch keine auf der Erde gab

Manchmal tut es gut, Geschichte studiert zu haben und unnützes Wissen anzusammeln. Etwa, wenn Nietzsche vom berüchtigten Fall Buckles spricht: „Welchen Unfug aber dieses Vorurtheil, einmal bis zum Hass entzügelt, in Sonderheit für Moral und Historie anrichten kann, zeigt der berüchtigte Fall Buckle’s; der Plebejismus des modernen Geistes, der englischer Abkunft ist, brach da einmal wieder auf seinem heimischen Boden heraus, heftig wie ein schlammichter Vulkan und mit jener versalzten, überlauten, gemeinen Beredtsamkeit, mit der bisher alle Vulkane geredet haben. —“ (Zur Genealogie der Moral I, § 4)

Mit dem „Fall Buckles“ meint Friedrich Nietzsche in Zur Genealogie der Moral die utilitaristische Auffassung des britischen Historikers Henry Thomas Buckle, wonach der Ursprung moralischer Werte allein in der nützlichen Erfahrung des nützlichen Handelns für die Herde liege. Causa Buckle steht im Zusammenhang mit der Aussage des Titels, die nur in den Fragmenten (1988, 25, 6 ) nachzulesen ist, einer Zeit die unweit vor Nietzsches geistigem Zusammenbruch (3.9. 89 in Turin) liegt. Das vollständige Zitat lautet: „Denn wenn ein Vulkan in Thätigkeit tritt, so haben wir Convulsionen auf Erden, wie es noch keine gab. Der Begriff Politik ist gänzlich in einen Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde sind in die Luft gesprengt, — es wird Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gab.“

Was könnte pointierter die aktuelle Lage wie die Erfindung von Atombombe und Giftgas bis hin zu biologischen Vernichtungsmitteln und viralem Krieg antizipieren? Hingegen war ein Borgia noch ein Waisenknabe, der nur Mann für Mann zu meucheln verstand. Übrigens hält sich die USA für christlich und für berechtigt, im Kampf gegen das Böse jedes Mittel einzusetzen.

Der Übermensch ist ein rein hypothetisches, zukünftiges Ideal. Er ist die Antwort auf den Nihilismus. Er erschafft völlig neue Werte, anstatt nur alte Tafeln wie die Moral nur zu brechen. Er herrscht nicht primär über andere, sondern meistert sich selbst.

Foto Belinda Helmert: Südwestisland, Haukadalur.

Mein Buch ist wie ein Vulkan

Nietzsche spart nicht mit Vulkanvergleichen. In seinem Brief an Freund Georg Brandes, den dänischen Philosophen, der Nietzsche als erster offiziell an die Universität brachte , schreibt er Dezember 88: „Mein Buch ist wie ein Vulkan, man hat keinen Begriff aus der bisherigen Litteratur, was da gesagt wird, und wie die tiefsten Geheimnisse der menschlichen Natur plötzlich mit entsetzlicher Klarheit herausspringen. Es giebt eine Art darin, das Todesurtheil zu sprechen, die vollkommen übermenschlich ist.“

Er erklärt darin, dass er Borgia als höheren Mensch (dies ist nicht der Übermensch, sondern der so genannte letzte oder höhere Mensch), sie „Götzendämmerung, § 37) begreift und die blonde Bestie keineswegs an eine bestimmte Rasse gebunden ist. Die blonde Bestie (Das kulturhistorische Gleichnis): Dies ist kein konkreter Mensch und (entgegen der späteren NS-Propaganda) kein biologischer, rassenideologischer Begriff. Mit „blonder Bestie“ übersetzt Nietzsche das lateinische flava bestia, womit der Löwe gemeint ist – ein Symbol für das ungebändigte, kulturlose Raubtierbedürfnis, das am Anfang jeder mächtigen Kultur stand (er nennt explizit auch Römer, Araber und Japaner).

Aber im Zweifelsfall finde ich die Verbrechen der Kirche, auch im Namen des Papstes, um vieles gewaltiger als das, was herrschaftshungrige Tyrannen vom Schlage eines Borgia anrichteten. Nietzsche selbst verweist in „Der Antichrist“ (§ 61) auf seine Hoffnung einer historischen Wende, (Nr. 61) spekuliert er über die radikale historische Wendung : Cesare Borgia als Papst“wäre der Sieg gewesen, der das Christentum von innenheraus, quasi urbi et orbi, abgeschafft hätte

Foto Belinda Helmert: Ruhe vor dem Sturm. Der Geysir blauer Blesi schläft im Erdinneren.

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