Der freie Flug ins Ungewisse

Foto Island, Krater in Südwestisland: der Stóra- Grabrok bei Birföst 100 km nordöstlich von Reykjavík, ca. 90 Minuten Fahrt auf der nicht unbedingt ideal ausgebauten Straße ., die tzur Ringstraße gehört https://guidetoiceland.is/de/island-blog/rebecca-23/unbekannter-schatz-an-der-ringstrasse

Wer nicht glaubt ist wahnsinnig

Ein philosophischer Gesprächspartner, Rolf Schütt, ist ein bekennender Freund von Chesteron, was ihn vermutlich, auch wenn er auf seine Unabhängigkeit beharrt, gegen Nietzsche vereinnahmt. An dieser Stelle sei darum zum zweiten Mal auf den Briten (1874-1936), der geboren wurde, als Nietzsche „Vom Nutzen der Historie für das Leben“ schrieb, geboren wurde. Natürlich ist mein Beitrag subjektiver Zusammenschnitt ohne Anspruch auf Vollständigkeit, doch verwahrt er sich der Polemik.

Da ist zum ersten der Begriff Moral, die Nietzsche ohne Zweifel konseqeunt ablehnt. Wohl gemerkt er ist Immoralist, nicht Amoralist und setzt sich daher für eine persönliche, gegen eine verallgemeinerte Moral = Norm ein. Chesterton sagt, Moral gleiche dem inneren Abenteuer , nur der ethische Mensch (aufrecht und tugendhaft) treffe eine aufrechte Wahl und stelle sich dem Wagnis des Lebens, während der moderne hedonistische Mensch dem Schein (ästhetische Wahl) folge und vor der existentiellen Wahl zurückschrecke. Die Flucht in Relativismus, Nihilismus und Determinismus sei die Krankheit der Moderne, der auch Nietzsche erlegen sei.

Das moralische Gesetz (bei Nietzsche ein Verrat an der Natur) ist für Chesterton identisch mit der absoluten Wahl, einer bewussten Entscheidung für das Endgültige gegen den Augenblick (Mode) und alles Ephimäre wie Lust und Instinkt. Zweifellos betont Nietzsche den Instinkt, wohingegen Chesterton den Unterschied zwischen Mensch und Tier gerade an seiner Entschlusskraft (Charakter) sich gegen seine Neigung oder ersten Impuls zu entscheiden, festmacht. Da hilft es wenig, dass auch der Brite die Moderne wenig schätzt, denn er tut es aus anderen Gründen als Nietzsche: er hält den Fortschritt für Regression, das ewige Gesetz (Gottes) dagegen für Naturgesetz mit dem Unterschied, das es der Mensch freiwillig wählt.

Ja, auch Chesterton schätzt die Rationalisierung der Aufklärung nicht. Doch auch hier reagiert er kontrovers: Er sucht nicht die Endfesselung der Emotion oder Triebe, schon gar nicht die Revolution/Rebellion (nicht identisch, dazu später), sondern die Tradition, die Nietzsche als „Muff der tausend Talare“ verbannt. Er postuliert, es gibt einen ewigen und zugleich persönlichen Gott, die objektive Wahrheit, welche in der Moral liegt. Chesterton will die Welt besser machen durch Vervollständigung der christlichen Tugend, nicht durch Innovation. Das Neue hat versagt in seinen Augen, weil es nur neuen Wein in alte Schläuche gießt und auf Zerstörung bzw. STolz und Anmaßung basiert.

Folglich, um mit einer Metapher zu enden, will Chesterton keine Berge ersteigen (Nietzsche Übermensch), nicht fliegen lernen, nicht große Abenteuer suchen, sonder im Tal bleiben, von unten das Große bewundern (Gott, nicht die Diktatur) und Demokrat sein anstelle elitäre Opposition. Auch glaubt er an Vorhersehung und nicht an Zufall (den Nietzsche allerdings auch ablehnt) und an das Sakrament anstelle des Materialismus. Kurz und gut: auch er sagt, nur die innere Veränderung der Wahrnehmung verändert die äußere Realität, doch Nietzsche bleibt für ihn ein einsamer in Wahnsinn endender Iditot. „If Nietzsche had not endet in imbecibility, Nietzsche would end in imbecibility. Thinking in isolation and with pride ends in being an idiot“ (Orthodoxy, Kapitel 3, The suiicide of thought) Meine verkürzte Übersetzung: Idiotie endet in Idiotie. Und nein, Chesterton war kein Polemiker, auch wenn er Nietzsche offensichtlich nicht verstand und vom Selbstmord des Gedankens bzw. des Denkens sprach.

Dies führt bei mir zu folgendem Schluss: Wer nicht an eine beständige Wahrheit zu glauben vermag und beständig in Skepsis verharrt wird verrückt. Wir brauchen folglich Gott, um nicht im Irrenhaus zu landen. Kann jeder selbst bei sich überprüfen. Überdies warf er Nietzsche halbherzigen und damit oberflächlichen Skeptizismus vor, denn bei radikaler Anwendung zerstört sich der Zweifel immer selbst. „Wir sind in unserer Skepsis auf dem Weg den Menschen den Glauben an die Freiheit zu nehmen, an die gewöhnlichen Dinge des Lebens zu glauben, indem er der Skeptizismus erlaubt, an die unmöglichsten Dinge zu glauben. Man kann nicht an allem zweifeln, ohne auch am Glauben selbst zu zweifeln“ (Orthodoxie, Kapitel Das Paradox des Glaubens, Aphorismus 54) und Der Selbstmord des Denkens- Nietzsche hält dagegen: „Skeptizismus ist die einzige Form, in der Aufrichtigkeit des Geistes dem Pöbel entgegentrit“ (Der Antichrist, Aphorismus 54). Die Korrespondenz der Zahl 54 hat etwas von Selbstironie….

Foto Belinda Helmert: Grabik im Tal  Norðurárdalur

Lernen, auf dem Kopf zu stehen

Der erste Punkt der Kritik betraf die Moral, welche einen festen Standpunkt gewährt und den Glauben an Gott als die einzig bestehende natürlich und zugleich übernatürliche Ordnung, der vor ständigem Zweifel bewahrt. Beides lehnte Nietzsche bekanntermaßen ab. Der zweite elementare Unterschied betrifft die Einstellung zur Freiheit. Für Chesterton verschaffen erst REgeln und Normen einen freien Handlungsspielraum wie die Kunst Formen braucht, um ihnen zu gedeihen. Das Paradoxe daran ist, dass der Mensch orientierungslos wird und keineswegs kreativ, wenn er sich ganz auf sich selbst gestellt sieht. Auch dies geht aus seinen gesammelten Essays in „Orhotdoxy“, die ein Plädoyer für Traditionalismus und Orthodoxie darstellen, deutlich hervor.

Der Mensch bearf eines Geländers, das Nietzsche loslassen bzw. einreißen will, wenn er über den Fluss geht. Für Chesterton missversteht er wie viele Modernisten das Wesen der Freiheit: es liegt nicht im Tun können, was man will, sondern in dem, was man soll – nahezu kantianisch. Dafür bearf es Klarheit und Ordnungsliebe, nicht Schranken- oder Grenzenlosigkeit, wie sie der „Übermensch“ fordert, weil diese zur Unmenschlichkeit verleitet.

Der moderne Mensch (Nietzsches letzter Mensch) hat sich von der Welt und Gott losgesagt, um sich ganz auf seine Vernunft oder seinen Instinkt zu verlassen, doch damit hat er seine ursprünglichen Freiheit preisgegeben, denn er steht unter dem Zwang, sich ständig beweisen zu müssen. Mit anderen Worten herrscht zu wenig Weisheit und zu viel Stolz in Nietzsches Form von Freiheit. Sich von Gottes Fügung (dem Guten) durch ein „Jenseits von Gut und Böse“ loszusagen, ist ethischer Selbstmord

Freiheit bedeutet nicht, das zu tun, was man will, sondern das tun zu können, was man soll.“ (Orthodoxie, Kapitel 3, Paradoxie des Christentums) Dazu muss man bedenken, dass Chesterton Tradition und orthodoxes Denken auf die Stimmen der Alten (und Toten) zurückführt, die mit ihrem Glauben an ewige Werte mehr verändert haben als scheinbare Rebellen und Revolutionäre (wie Nietzsche), die nur zerstörten, ohne eigene Werte zu schaffen oder die Welt besser zu machen. „Die Kunst der Moral und damit mit Freiheit umzugehen besteht darin, eine Linie zu ziehen und Grenzen zu setzen,“ schreibt Chesterton in Orthodoxie, Kapitel 4, Ethik im Elfenland). Er wähnt das Christentum für ein Faustpfand an Anstand, Redlichkeit und Tugend, die in der Moderne mit ihrem falschen Begriff von Freiheit und Selbstbestimmung verloren gegangen ist.

Was ist für Chesterton, der wie Nietzsche aus Paradoxien und Aphorismen seine Lehren zieht, ein Paradox? Laut eigener Definition „Die Wirklichkeit, die auf dem Kopf steht, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.“ Im Original: „Paradox has ben defined as truth standing on her head to get attention“ (When Doctors agree, ein Kapitel aus The paradoxes of Mr. Pound)

In manchen Übersetzungen heißt es, mit der Wahrheit schwimmen lernen statt gegen den Strom. Wenn Menschen aufhören, an Gott (und damit eine objektive Moral) zu glauben, berauben sie sich der Kraft zur subjektiven Wahl. zur Freiheit Das ist der Kern des Paradoxon. Ihre Freiheit wird beliebig. Daher zieht Chesterton den Schluss, wer aufhört, an das Evangelium zu glauben, glaubt an alles Mögliche, v.a. den Verheißungen der Wissenschaft, des Fortschritts, des Materialismus.

Wörtlich hat Chesterton letzteres nie gesagt, aber sehr ähnlich in einem seiner Father Brown Krimis 1926, in dem es heißt „You hard shelled materialists were all balanced on the very edge of belief in almost anything“. Wörtlich: Ihr hartschaligen Materialisten seid alle im Gleichgewicht an der äußersten Kante von nahezu allem Möglichen“. Dort wird auch Nietzsche erwähnt als Nihilist.

Klar ist: Nietzsche verstand Nihilsmus als notwendiges Durchgangsstadium um zu einem anderen Glauben, einem neuen Menschen zu gelangen. Weniger klar ist, ob dies nicht vermessen oder von ihm selbst skrupellos gedacht war im Namen der Freiheit gegen jedes System, jede bisherige Ordnung. Dies führt zur FRage nach dem Sinn von Revolution und Rebellion und ihrer Differenz.

Foto Belinda Helmert: Grábrók ist der größte von drei Kratern im Umland Südwestislands, die auf einer vulkanischen Spalte liegen. Der Vulkan liegt in Westisland im Tal Norðurárdalur, direkt an der Ringstraße (Straße Nr 1) . https://www.getyourguide.com/de-de/explorer/iceland-ttd169030/coolest-volcanoes-in-Iceland/

Nur Wölfe fordern das Schlachten der Schafe

Laut Chesterton beruht Revolution auf einen militärischen Akt und ist stets physischer Natur, wobei eine Ordnung die andere ersetzt, die am Ende Freiheit einschränkt bzw. wie im Robespierrismus oder Stalinismus abschafft Das Christentum habe dagegen den Mut, Schranken zu setzen, um Freiheit zu ermöglichen. „Eine Revolution hat ein Ende wie ein militärischer Konflikt, der zu einer neuen Ordnung führt. Eine Rebellion dagegen verläuft stets ohne Ziel und erhält sich bloß im Geist am Leben.“ Wörtlich lautet das Zitat: „A revolution is a military thing…“ nachzulesen in „The fear of the past“, erstes Kapitel. Folglich kann sie nie zur FReiheit führen, das ist ja nicht ihr Ziel, sondern die Änderung der Macht. Es ist offenkundig, dass Chesterton so den „Willen zur Macht“ interpretiert: als Akt der Revolution.

Eine Rebelilon hingegen läuft im Inneren und individuell ab, allerdings unter Verzicht auf ethisch allgemeingültige Maßstäbe, so dass es zu einem Relativismus führt oder gar einem Nihilismus, gleichbedeutend mit einer Erosion der Humanität. Beides wird in „Tremedous Triffles“ Kapitel 12 – übersetzbar als gewaltige Kleinigkeit oder riesige Bagatellen – deutlich gemacht. Chesterton tritt als Anwalt des Gewöhnlichen und der Demokratie auf, die Nietzsche als Behaglichkeit, Feigheit und Dummheit ablehnt. Seine Immunität gegen Moral kontert der Brite mit Gleichgültigkeit gegenüber den Herrschenden, den wirklichen (kapitalistischen) Mächten.

Um es deutlich zu machen: Chesterton hält Tradition und Orthodoxie für die wahre Rebellion, weil sie mit friedlichen Mitteln Veränderung von innen herbeiführt. Er nennt zahlreiche Beispiele, die u.a. zum Ende der Sklaverei führten durch Berufung auf die Gleichheit aller Menschen, während die französische Revolution mit dem selben Slogan Denunziation und Mord förderte. Folglich ist das Geschichtsbild von Nietzsche ein anderes als das von Chesterton, weil die Begründung für den Wandel sowohl andere Motive als auch andere Wertmaßstäbe setzt. Für Chesterton ist der Mensch kein Tier, das notgedrungen seinen Instinkten folgt, der Kosmos kein biochemisches Labor, die Tradition kein Hafen der Sicherheit und die Befreiung des Leibes noch keine Befreiung von Sklaverei.Latent unterstellt er Nietzsche einen blasphemischen Hedonismus. Gott ist für ihn die Schöpfung gegen das Nichts und damit die wahre Revolution (in ihr steckt das Wort Evolution) gegen die Trennung von Himmel und Erde, wie sie Nietzsche in seiner radikalen Diesseitsbejahung und Immanenzphilosophie (Jenseits von Gut und Böse, Der Antichrist) vorantreibt.

Fazit: Verzicht auf ethische Maßstäbe macht Macht unmöglich und verschiebt nur Herrschaftsverhältnisse. Chesterton liefert ein Plädoyer für ewige und damit absolut objektive Wahrheiten. Alles andere ist Suizid des (freien) Gedankens: „It is only understandable that wolves demand the disarment of the sheep, because their wool contracts the bite a certain resistance“. Von mir übersetzt: Es ist nur verständlich, dass Wölfe die Entwaffnung von Schafen fordern, weil ihre Wolle den Biss auf einen gewissen Widerstand führt.“ DAs Zitat stammt aus „The outline of sanity“ (Der Umriss der Vernunft), über den ein Kommentar unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/umriss-der-vernunft-drei-morgen-land-eine-kuh-1.4860627 einzusehen ist, aus dem hervorgeht, dass Chesterton, um der Industrialisierung als Urgrund allen Übels entgegenzuwirken, ernsthaft auf Subsistenzwirtschaft verwies.

Foto Belinda Helmert: Der Pfad zum Krater führt in 170 Meter Höhe durch eine unwirklich erscheinende Landschaft einmal entlang des Kraters Startpunkt zum Aufstieg ist Birfröst ttps://de.wikipedia.org/wiki/Bifr%C3%B6st_(Borgarbygg%C3%B0)

Der Mann, der seinem Hut hinterherläuft

Einzusehen sind Volltexte vonChesterton wie „Häretiker“ unter https://projekt-gutenberg.org/authors/gilbert-keith-chesterton/books/heretiker/ Dort findet man auch ein Kapitel über den irischen Nobelpreisträger George Bernard Shaw, der Sympathien für Diktatoren hegte (ich weiß, das macht ihn nicht sympahtischer) und Nietzsche schätzte. Auch hier geht es einerseits um die Verzweiflung der Moderne, die sich selbst durch ihren wahnwitzigen irrationalen Glauben an die Macht der Wissenschaft und damit der Rationalität des eigenen ethischen Handelns beraubt einerseits und über den Verzicht von ethischen (ich sehe die Differenz von ethisch und moralisch bei Chesterton nicht) Maßstäben durch die Vorliebe für die Bequemlichkeit, den sogenannten Wohlstand.

Jede moralische Verallgemeinerung tut dem Einzelnen Gewalt an, sagt Chesterton und doch führt der Verzicht auf solche Maßstäbe zum Verlust der Menschlichkeit. Ist auch paradox, gewiss. Toleranz ist dann die Tugend der Menschen, die keine Überzeugung haben und Intoleranz nicht Gewalt oder gar Diktatur, sondern Voraussetzung, um Unnatürliches vom Natürlichen (Gottgewollten) unterscheiden. Schwierig nur, dass Gott so selten mit uns spricht – einige Bibelforscher mögen widersprechen, doch stammt sein Wort stets aus den Aufzeichnungen von Menschen, wie auch Nietzsche betont. Dennoch mag Chesterton Recht behalten: was wären wir ohne Kompass? Wer hat Nord Süd West Ost erfunden? Die Magnetnadel nicht….

In diesem sechsten Kapitel über Shaw (wir sind noch beim Buch Häretiker) wird der Vergleich von Shaw zu Nietzsche gezogen und pejorativ gefärbt: „Bernhard Shaw, der unter seinen Zeitgenossen vielleicht den gesündesten Menschenverstand hat, ist in dieser Beziehung »inhuman«. Nietzsche, sein Lehrer, hat ihn bis zu einem großen Grade angesteckt mit der Idee: dass je größer und stärker ein Mann, desto größer seine Verachtung im allgemeinen wäre. Je größer aber ein Mensch ist, desto mehr neigt er dazu, vor einer Blume niederzuknien. Dass Shaw vor dem kolossalen Länderpanorama und der heutigen Zivilisation die Nase rümpft, ist noch lange kein Beweis, dass er die Dinge so sieht, wie sie sind.“ Darüber kann sich jeder selbst ein Urteil bilden, vorausgesetzt, er hat die Werke Shaws und Nietzsche rezipiert.

Dies läuft in Gänze auf ein Bonmot Chestertons hinaus: „Ein Mann der einem Hut hinterherläuft, ist nicht halb so lächerlich wie ein Mann, der das tut, weil er einen Hut hat.“ (‚All things considered). Chesterton beschreibt in seinem Essay, dass alltägliche Ärgernisse wie ein vom Wind verwehter Hut als Symbol des Missgeschicks weniger lächerlich sind als die vorgebildete (Nase rümpfende) Meinung des scheinbar Überlegenen. Im Englischen wird es deutlicher (und ich weiß nicht, weshalb man auf die Idee kommt, es nicht so zu übersetzen): A man running after a hat is not half so ricidolous as a man running after a wife.“ Hier wird also nicht mehr vom Hut, sondern einer Frau gesprochen, der man hinterherläuft, wenn man wahrlich lächerlich sein will (was beim polygamen Shaw prinzipiell und beim Asketen Nietzsche in Gestalt von Lou Salomé der Fall war.

Foto Belinda Helmert: Krater am Fluss Norðuráund Teil des aus sechs Vulkanen bestehenden Gebirgszuges Ljósufjöll, deren höchster 1063 m erreicht.

Persönlicher Kommentar

Da ich Chesterton nur englisch querlas und mithilfe der Ki einige Quellen im Deutschen fand, wäre es unschicklich bis unseriös, ein Urteil fällen zu wollen, wer der besser Aphorist oder genialere Denker war. Dass ich Nietzsches Aspekten als Agnostiker und Religionsgegner eher folge als Chesterton ist subjektiv und keinerlei Logik geschuldet. Historisch geben mir die Beispiele des Briten zu denken, die ich hier nicht aufgeführt habe, doch es stimmt, dass Menschen mit innerer Ruhe und Kraft oft mehr bewegten (in the long run) als Hitzköpfe, die unbedingt Dynamit sein wollten (Anspielung auf Nietzsche). Zu bedenken ist trotz alledem, dass Chesterton, mag er auch anfänglich Modernist und Fortschrittsjünger gewesen sein, Brite bleibt, was z.B. in seiner Abneigung gegen Shaw deutlich zum Tragen kommt und seine Ablehnung gegenüber allen Revolutionären Rechnung trägt. God saves the queen.

Ob man heute unbedingt als Gegner der Moderne (zu denen ich mich zähle) auf die Rückkehr zum Mittelalter bzw. der Agrarkultur und Subsistenzwirtschaft verfallen muss, wage ich zu bezweifeln. Ob man mit Gott im Ohr immer auf die richtige Stimme oder Eingebung hört, scheint mir evident. Dass man sich lächerlicher macht, einer Frau hinterherzujagen als einem Hut, ist in meinen Augen indiskudabel. Natürlich, ein Bonmot. Ein guter Witz, v. a. wenn man bedenkt, dass es um objektive Wahrheiten und Liebe zum Alltäglichen geht, nicht zum Außergewöhnlichen.

In der Summe übertreibt mir Chesterton zu viel, obschon er vorgibt, immer beim Alltäglichen zu verweilen. Was die Freiheit anbelangt, so denke ich wirklich, und dabei habe ich mich oft in Frage gestellt, dass eine Mischung aus Kants Pflichtethik und Nietzsches Willenskraft (Vitalität) eine ideale Mischung darstellt, aber offensichtlich lässt sich beides schwer oder gar nicht vereinbaren. Jedenfalls bin ich fester Überzeugung, dass die Wahrheit nicht bei Gott liegt, sondern in der Tiefe unseres, vielleicht oft vergrabenen und schwer zugänglichen, Selbst. Beide hielten nichts von der Moderne, doch sie fanden die gegenteiligen Gründe: zuviel oder zu wenig Gott, zu viel oder zu wenig Moral, zu viel oder zu wenig wahre Freiheit. Am Ende sollte jeder mündige Geist seine eigenen Flügel finden und wohlmöglich auch benutzen.

Foto Belinda Helmert: Grabok aus der Ferne

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