
Foto Belinda Helmert: Geysir – der blaue Blesi von Haukadlur, Südwestisland. https://www.skr.de/island-reisen/sehenswuerdigkeiten/haukadalur/?utm_source=google&utm_medium=cpc&utm_campaign=dest_nb_island&utm_content=135354884371&utm_term=&gad_source=5&gad_campaignid=1073498373&gclid=EAIaIQobChMIyPCO67OxlgMVWpNQBh1dxh4tEAAYAiAAEgJC8PD_BwE
Ein unsäglicher Vergleich
2006 wähnte der Spiegel ein neuen Nietzsche entdeckt zu haben: unter dem Titel „Entzauberte Welt“ berichtete er über den kolumbianischen Philosophen und Aphoristiker (hier endet auch die Gemeinsamkeit mit Nietzsche) Nicolás Gómez Dávila (Bogota, 1913-94), den mir mein philosophischer Gesprächspartner Rolf Schütt wärmstens ans Herz lag. Voraus geschickt sei, dass beide, Davila wie Schütt, sich zum konservativen Gottesbewusstsein bekennen und die Moderne ablehnen (zugegeben, das tat Nietzsche auch, also zweite Überschneidung. Sprachlich und gedanklich brillant, oder , wie Spiegel-Autorin (und Romanschriftstellerin, u.a. „Bin ich böse?“) Doja Hacker formuliert: „Offenbar findet jeder bei diesem Autor, was er bei ihm sucht.“ https://www.spiegel.de/kultur/entzauberte-welt-a-67743b0b-0002-0001-0000-000045774420
Wenn man’s so sieht, ist Davila sicherlich ein neuer Nietzsche. Dumm nur, dass es davon so viele gibt….
Nun. Kolumien ist ein Land der Vulkane. Island ist dies auch. Tolle Analogie. Etwa vergleichbar mit der zwischen Davila und Nietzsche. Noch ein letztes Mal sei die Autorin des Spiegels zitiert, die sicherlich vieles ist, aber keine versierte Kennerin Davilas und/oder Nietzsches (meinere Vermutung nach beides nicht): „Dávilas apodiktischer Stil unterwirft die Gegenwart nicht konstruktiver Kritik, er lehnt sie schlicht ab.“ Es gibt keinen apodiktischen Stil, denn das Attribut bedeutet hinreichend notwendig und ist hier eindeutig fehl am Platze, denn welcher Stil sollte oder könnte hinreichend notwendig, also zwingend sein?
Nun es gibt schon Vergleichbaren dritten Ranges: Sowohl Davila als auch Nietzsche halten wenig bis nichts vom Sozialismus/Kommunismus und noch weniger von der Demokratie, die wir, nebenbei erwähnt, auch nicht haben und deren Reste wir seit Corona systematisch abbauen. Ein schleichender Prozess …
Und eine weiter Gemeinsamkeit gestehe ich gerne zu: die Vorliebe zu Büchern, die den Vorzug vor Menschen erhält, quasi eine gewählte Einsamkeit. Aber ob das philosophisch relevant ist? Auch solche Menschen gibt es zu genüge, auch ohne große Werke.
So gilt für Davila, Nietzsches Verdikt vom Tod Gottes aufgreifend:“Der Tod Gottes ist eine interessante Meinung, aber sie betrifft Gott nicht.„
Video Belinda Helmert, Südwestisland, Geysir blauer Blesi Haukadalur und die Angst vor Flecken. Die obere Wassertemperatur beträgt 50 Grad, die unterirdische 125 Grad. https://www.skr.de/island-reisen/sehenswuerdigkeiten/haukadalurutm_source=google&utm_medium=cpc&utm_campaign=dest_nb_island&utm_content=135354884371&utm_term=&gad_source=5&gad_campaignid=1073498373&gclid=EAIaIQobChMI56rosNSplgMVun5BAh2BKTnNEAAYAiAAEgLjf_D_BwE
Kontroversen wie Feuer und Wasser
Um sich einen flüchtigen Eindruck über den kolumbianischen konservativen Denker zu verschaffen, ist ein Blick auf seine Zitatesammlung hilfreich. https://zitate-aphorismen.de/autor-in-zitate/nicolas-gomez-davila/
Beginnen wir mit diesem: „Gott ist die Wahrheit aller Illusionen.“ Nietzsche „Gott ist eine faustgrobe Lüge„. Oberflächlich betrachtet erscheint dies nahezu identisch.. Doch meint der erstgenannte, Gott existiert unabhängig wissenschaftlicher Augenwischerei, der andere betont, Gottes Stellung sei durch die Wissenschaft in Frage gestellt. Dazu passend die zweite Nebeneinanderstellung: „Der Mensch erschafft seine Götter nicht nach seinem Ebenbild – er entwirft sich selbst nach dem Ebenbild der Götter, an die er glaubt.“ (Davila). „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben“ (Nietzsche) . Davila betont, dass wir Gott vermenschlichen und damit verkleinern, Nietzsche, dass der Mensch den überlieferten Gott loswerden muss, um den wahren kennezulernen oder wahrlich frei su sein. DAvila spricht von objektiver, Nietzsche von subjektiver Wahrheit.
Zugegeben, Geysire sind ein formidables Naturphänomen, in dem zwei scheinbar unverträgliche Elemente, Feuer und Wasser, zusammenkommen, ja zusammenarbeiten. Denn es sind keine wahrlichen Gegensätze, nur weil Wasser Feuer löscht (im Übrigen auch nicht jedes Feuer, wie Fettbrand). Nietzsche fordert absolute Immanenz, wir sollen ohne Autorität leben und uns selbst zum Übermenschen entwickeln. Diesen Hyperindividualismus hält Davila für Blasphemie, was nicht heißt, dass er ein Gegner der Individualität an sich ist. Aber er sieht in Gott das Korrektiv zum egoistischen bzw. narzisstischen Anteil der Hybris.
Das Gottesbild beider Denker unterscheidet sich fundamental: Nietzsche will das Gottesbild dionysisch verändern und verachtet das Christentum für seine (angeblich) lebensfeindliche Moral – Davila will es stärken als Gegengift zur toxischen Industrialisierung.
Drittes Beispiel, um mit der religiösen Unvereinbarkeit zu enden. Davila schreibt „Der größte Irrtum der Moderne ist nicht, den Tod Gottes zu verkünden, sondern zu glauben, der Teufel sei gestorben.“ Nietzsches große vier Irrtümer sind folgende „Verwechslung von Ursache und Folge“ wie die Erbsünde der Vernunft“ – „Irrtum einer falschen Ursächlichkeit“ (wie der imaginären Ursachen wie der Religion) – „Irrtum vom freien Willen“ (den Davila in der Wahl Gottes ausdrücklich bejaht) und „Verwechslung der Psychologie mit der Moral“ Davila lehnt Nietzsches Diagnos ab, Gott ist keineswegs abstrakte Transzendenz (oder bloßes Trostpflaster für die Verlierer und Sklaven dieser Welt) und betrachtet die menschlichen Emanzipationsversuche als größten Irrtum der Geschichte, zumal gerade sie Demokratie, Sozialismus/Kommunismus, Kapitalismus gezeitigt haben. Der Säkularisierungsprozess ist ein Irrweg für ihn.

Der Geysir Blesi Haukadalur und die Lagune Lagunas
Wer ist wessen Magd
Das zweite Exempel, welches die Unverträglichkeit der beiden brillanten Denker und Sprachakrobaten, Ästheten und Aphoristiker, deutlich macht, betrifft den Leib. „Der Körper ist eine Erfindung der Seele.“ (Davila). „Der Körper ist der große Leib der Vernunft „(Nietzsche). Der Kolumbianer betont, wie sehr uns der Körper an einer freien Entwicklung hindert und letztlich nur ein Produkt von etwas Feinerem, Höherem, und damit selbst subalternen ist. Nietzsche sieht den Instinkt als komplexeren und tieferen, weil unbestechlicheren Verstand an und hinterfragt die Seele im platonischen Sinn. Abgesehen davon bildet Leib bereits eine Einheit von Körper und Seele, die Davila so nicht aufrecht erhält.
Auch hier deutet sich ein fundamentaler Unterschied an. Nietzsche betrachtet das animal ratonale noch immer als Tier und daher seinen Körper/Leib als zentralen Ausgangspunkt für sein Handeln (hier durchaus wie Schopenhauer argumentierend, der Geist sei secunda substantia, das Hinzukommende), Davila priorisiert Seele/’Geist als göttliche Mitgift und Beleg für Transzendenz. Foglich lehnt Nietzsche jede Form der Erlösung oder Gnade ab, wie er generell die Metaphysik negiert, wohingegen Davila den Menschen stets als gefallenes, doch gottbezogenes Wesen betrachtet.
Während Nietzsche den Geist auf den Boden der Tatsachen, terra incognita, die unerforschten Teile seines Seins (das Unbewusste) zurückholt, bleibt für Davila der Körper ein Gefäß für das Wesentliche, der echten Kultur, der Spiritualität. Beleg dafür ist Davilas Zitat „Was anzieht, selbst sexuell, ist weniger ein nackter Körper als eine Fleisch gewordene Seele.“ Davila bezieht hier Stellung gegen Materialismus, Positivismus, Empirismus oder Evolutionstheorien, die Fortkommen auf anatomische Reize reduzieren. Der Körper bietet für ihn nur die Hülle für den Kern und Samen, die Seele bzw. den Geist. Dagegen Nietzsche: „Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe als in deiner besten Weisheit“. bzw. „Ein leibhaftiger Mensch bin ich und nichts weiter.“ Grundsätzlich negiert der südsächsische Philosoph darin die Abwertung des Körpers durch die Geisteswissenschaften und trennt ihn nicht von Seele/Geist.
Pointiert betrachtet folgt Davila dem Platonismus, der Körper sei nur eine Vorstufe zum bzw. Magd des Geistes (der höheren Form der Liebe), wohingegen Nietzsche das Gegenteil behauptet: der Geist wähnt sich frei, ist es aber nicht.

Foto Belinda Helmert_ Südwestisland, Laugaras Lagune. Die zweistöckige Oase verfügt über Islands ersten kaskadierenden Wasserfall an der Straße Skálholtsvegur, bekannt als Route 31 (15 km Länge) https://de.wikipedia.org/wiki/Laugar%C3%A1s
Das Ideal gefriert
Nietzsche schwört jedem Ideal ab, ist Feind jeglicher Ideologie. Stattdessen zählt nur, was der Mensch aus sich und der Welt macht (ich nenne dies Eigen- und Selbstverantwortung). Folglich ist der Mensch seines Glückes Schmied, weil es aus dem Inneren erwächst trotz aller Um- und Widerstände wie der „Ewigen Wiederkehr des Gleichen“: „Dem Individuum, sofern es sein Glück will, soll man keine Vorschriften über den Weg zum Glück geben, denn das individuelle Glück quillt aus eigenen, jedermann unbekannten Gesetzen“
Devilas Position ist invers: „Die Götter strafen nicht die Suche nach Glück, sondern das Bestreben, es mit unseren eigenen Händen zu schmieden.“ Er sieht gerade nicht im eigenen Bestreben oder Selbstüberwindung ein Vorankommen, wenngleich beide in ihrer Skepsis von allgemeinen (modernen, bourgeoisen) Glücksversprechen übereinstimmen. Nur Nietzsche favorisiert das Glück der Immanenz, des Augenblicks, des Jetzt und Hier. ‚Wer nur Harmonie und Dauer sucht, ist in seinen Augen schwach, bequem (Glück der Behaglichkeit). Davila sucht es stattdessen in Gott, in der Demut, keineswegs in nietzscheanischer Autonomie, sondern in Einsicht und Vertrauen an eine höhere Ordnung. Das Glück entzieht sich bei ihm dem Machbaren, ist kein Ergebnis von Fortschritt, sondern ein Zustand der Kontemplation.
Somit stehen sich hier Nietzsches vita activa und Davilas vita contemplativa diametral gegenüber. Auch hier plädiert der eine für eine radikale Abkehr von Metaphysik und Religion, der andere für eine Rückkehr, weil er dem Heroismus/Aktivismus eine Absage erteilt.
Spiegelverkehrt unterscheiden sich beide Denker auch hinsichtlich der Rolle des Leidens: Nietzsche hält sie für die Stärkung der Widerstandskraft und des gesteigerten Glücksgefühls für unverzichtbar, Davila dagegen für vermeidbar durch die innere Haltung und Dauer des Glücks, das man in Gottes Schoß findet. Beides entsteht aus dem modernen Hedonismus heraus (nicht gemeint sind Trauer um Verlust oder Schmerz durch Krankheit) – Schmerz und Leid gehören zum System der Sozietät, so lange sie sich einer echten Alternative verwehrt. Daher bedarf es keiner Therapie, so lange Wohlstandsillusionen vorherrschen.
Nietzsche: „Ein Irrtum nach dem anderen wird gelassen aufs Eis gelegt, das Ideal wird nicht widerlegt, es gefriert“. Aus diesem Zitat geht eindeutig hervor, dass er das Ideal von der Ideologie deutlich differenziert und es in der modernen Welt dem Dogmatismus geopfert sieht, zu dem auch die christliche Moral gehört. Davila hingegen erkennt in der Aufweichung und Auflehnung gegenüber dem Christentum das Problem. Er erkennt folglich in Nietzsche einen Ideologen und atheistischen Demagogen, obschon er ihn durchaus als aufrecht wertschätzt (er nennt ihn): „einen edlen Bewohner einer verlassenen Welt“. Daher stimmen beide in der Diagnose, nicht in der Therapie überein. Davila greift Nietzsches Fragen auf, findet aber zu anderen Antworten, z.b. erachtet er den Übermensch als ideologisch und gefährlich. Ideologien sind für ihn falsche Ideale, weil sie jederzeit umschlagen können: „Jeder Mensch mit Idealen ist ein potentieller Mörder“ und „Eine ideale Gesellschaft wäre der Friedhof der menschlichen Größe.“

Foto Belinda Helmert: Sonnenscheibe in der Laugaras Lagune, eine moderne geothermische Wellness-Oase am Ufer des Flusses Hvítáhttps://laugaraslagoon.is/explore-the-lagoon
tabula rasa
Für Davila als konsequenten Katholiken gilt das religiöse Leben als Entdeckun, dass Gott nicht ein Postulat der Ethik, sondern das einzige Abenteuer ist, bei dem es sich lohnt, uns zu riskieren. Demzufolge verkehrt er Nietzsches Argument, der Mensch gebe an Gott Verantwortung ab in sein Gegenteil: durch Leugnung Gottes will er sie gerade nicht übernehmen und zerstört den „poetischen Fingerabdruck im menschlichen Tun“. Indem er alles, was größer ist als er selbst leugnet, gewinnt die Macht des Zerstörens in ihm die Oberhand. In Summe bedeutet dies, das Christentum sei keine Reaktion sondern Antizipation: „Die Menschheit braucht das Christentum nicht, um die Zukunft zu gestalten, sondern um ihr begegnen zu können.„
Kaum ein Denker lehnt das Christentum, entschiedener als Sklavenmoral ab als Nietzsche. Für ihn ist es ein Diktat der Schwachen gegen die Starken, eine Herdenmoral, die aus Leid und Unterdrückung geboren ist. Er spricht sogar von der Partei der Missratenen, die Gegenwart verleugnet und darum Erlösung im Reich Gottes erfindet. Er spricht ihm dem Ursprung des Ressentiments zu.
Nietzsches Ausrichtung auf die Zukunft erfolgt durch einen veränderten Blick auf die Gegenwart und Befreiung von dem, was in sie geführt hat. Davila hält die Zukunft für gottbestimmt und den menschlichen Aufstand für Frevel.
Auch wenn deutsche Medien wie der Spiegel aufgrund Davilas Anti-Modernismus vom „Nietzsche der Anden“ sprechen, so liegt der Unterschied auch hier deutlich vor. Während Nietzsche Gegenwart als Verfall der Vergangenheit (Antike) betrachtet und die Zukunft in einer Wiederbelebung (Dionysien) und Abkehr vom Monotheismus erhofft, eine Zukunft in jedem Fall von einem veränderten Menschen abhängig macht, vertraut Davila allein auf Gottes Fügung und Gewalt (Wille). Den Nihilismus erachtet er folglich als reinen Atheismus (Nietzsche unterscheidet vier Formen, einer davon ist religiös bestimmt) und auch nicht als notwendigen Zustand für eine bessere Zukunft. Für Davila ist die Gegenwart nur eine Bankrotterklärung, weil sie ohne Gott auszukommen sucht. Er spricht daher von einer Zivilisationskrankheit, für die nur der Weg zurück zu Gott einen Ausweg bietet, da er die heutige Ausformung von Kultur (Indusgriegesellschaft) als unnatürliche Ordnung begreift. „Die Zivilisation geht ihrem Ende zu, wenn die Landwirtschaft aufhört, eine Lebensform zu sein und zur Industrie wird“. Und: „Katastrophen entstehen durch erzwungene Kohärenz. Der Mensch entfesselt Katastrophen, wenn er sich bemüht, gegensätzliche Evidenzen … in kohärente zu verwandeln.“
Pointiert: Nietzsche fordert mehr Menschsein durch radikale Entgrenzung und Chaos, Davila die Rückkehr zur natürlichen Ordnung. Beide Philosophen begegnen dem selben Problem (der Abneigung gegenüber der Moderne) diametral. Dies führt zu meinem Titel, der auf ein Gleichnis Buddhas rekurriert. Zahlreiche blinde Männer betasten einen Elefanten (ein Phänomen), jedoch an unterschiedlichen Stellen, weshalb sich ihre Antworten deutlich, ja diametral voneinander unterscheiden.

Foto Belinda Helmert: Laugaras Lagune , Im Dorf Laugarás, etwa 1,5 Autostunden von Reykjavík und eine halbe Stunde von Selfoss entfernt. Die Wassertemperatur beträgt 37-40 Grad. https://www.viator.com/de-DE/tours/South-Iceland/Laugaras-Lagoon-Admission-Ticket/d24828-5592034P2?gclsrc=aw.ds&&m=26642&supag=&supca=23651896049&supsc=&supai=&supap=&supdv=c&supnt=nt:x&suplp=1004532&supli=&supti=&tsem=true&supci=&supap1=&supap2=&synthetic_keyword=&suppmas=6687629095&gad_source=5&gad_campaignid=23656529929&gclid=EAIaIQobChMI3-rSx9OplgMVhptQBh03Ug2DEAAYAiAAEgJBWPD_BwE







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