Zehn Philosophen. Das klingt einfach und erfordert doch die Qual der Wahl und festgelegte Kriterien. Aber es bietet auch eine Möglichkeit, sich selbst über den Geschmack oder das Werturteil zu finden. Vorlieben lügen nicht über die Persönlichkeit hinweg. Also ein verräterischer Selbsttest ….

Kriterien

Es geht in dieser Liste nicht um die Bedeutung oder eine Rangliste, wem man gelesen haben muss. Dies ist neben der subjektiven Auswahl seriös gar nicht möglich. Ein erstes Kriterium bildet die Sprache: für eine fundierte Aussage müssen alle Werke im Original gelesen sein, was die Auswahl erheblich eingschränkt.

Ein zweter Aspekt bildet der Umfang. Wer kann von sich behaupten, all, die wichtigsten oder die meisten der fachbezogenen Literatur nicht nur gelesen und auch dementsprechend aufbereitet zu haben. Mehree Werke oder überhaupt ein Werk von der ersten bis zur letzten Seiten? Mehrfach? Bücher, die nicht mindestens vollständig und zweimal unter verschiedenen Perspektiven gelesen wurden, scheiden aus.

Drittens: der eigene Horizont. Nicht berücksichtigt wurden Lücken und blinde Flecken. Positivismus, Strukturalismus, Logik, Sprachphilosophie,  Marxismus, zeitgenössische Philosophie, um nur die zu benennen, mit denen sich der Autor wenig bis gar nicht auseinandergesetzt hat. In einer Zeit zunehmender Spezialisierung ist dies ohnehin nicht realisierbar.

Allein eine Enzyklopädie dokumentiert, wie umfassend der Bereich Philosophie über 2500 Jahre Tradition ist. Grundsätzlich darf sich der Anspruch eines Philosophen nicht in zeitgemäßer Kritik oder aktualitätsbezogener Popularität bemessen. Daher dürfte die Beurteilung, ob ein Denker auf Dauer seine Spuren hinterlässt, frühestens nach einem halben Jahrhundert posthum fallen.

Der entscheidende Punkt für die Zusammenstellung war die persönliche Bereicherung. Was habe ich persönlich mitgenommen, wie hat es mein Leben beeinflusst?

Ein weiteres Kriterium bildet, mindestens drei Werke von dem kategorisierten Autoren gelesen zu haben und am Anfang auch eine Auswahl an Denkern, die für die eigenen Grundkenntnisse in Philosophie unverzichtbar waren, aber nicht zu den persönlichen Liste erscheinen: Fichte, Schelling, Heidegger, Jaspers, Arendt, Adorno, Benjamin, , Bergson, Sartre, Descartes, Spinoza, Leibniz, Voltaire, Cicero, Unamuno, Locke, Hume, Hobbes. Andere wie Hölderlin oder Camus wurden der Liste der Poeten zugeordnet.

Sollte jemand Namen wie Konfuzius, Laotse. Lull oder Sokrates vermissen, ein weiteres Kriterium fiel auf die Begrenzung abendländischer Philosophen und Sokrates hat keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, so dass er mit den frühen und mittleren Werken Platons kongruiert.

Ein anderes Kriterium stellte für den Autoren die Wahl des Zitats. Es wurden ausschließlich kurze und damit prägnante Formulierungen aus dem Gedächtnis gewählt, denn offenbar haben die Spuren hinterlassen. Ein Schachtelsatz von Hegel mag wissenschaftlich ehrfurchtsvoller und mit mehr Reputation verbunden sein, ist aber kaum tauglich für die emotionale Qualität, um die es im Folgenden geht.

Pädagogie stand der Motivation Pate: Für wen sich entscheiden, wenn man sich entscheiden muss? Wie es begründen? Womit es kurz auf den Punkt bringen? Ein Zitat, das auch ohne Vorkenntnis einer bestimmten Terminologie oder Kontext für sich stehen kann und verständlich bleibt.

Philosophischer Countdown

Zehn sollten es sein. Dass kein Brite darunter ist, zeigt doch, dass der Autor es nicht so sehr mit dem Empirismus hält. Philosophisch lässt sich der Brexit also durchaus verkraften. Anglophil kann er auch nicht sein, kein einziger Amerikaner ist darunter. Nur Philip Rorty, Martha Nußbaum und Susan Sontag fielen in die engere Auswahl und natürlich William James und John Dewey, doch irgendwie fehlte es an eigenständigen Gedanken. In der Frage zwischen Systematikern und Aphoristen hielt sich die Auswahl die Waage.

Platz zehn: Schopenhauer

Als Lehrmeister Nietzsches, aber auch in seiner Bedeutung für die Literatur, stellvertretend sei auf Thomas Mann und Gustave Flaubert verwiesen, unverzichtbar. Auch hinsichtlich eines notwendigen Gegengewichts im Transzendentalismus zu Hegel, seine Bedeutung für die Verhaltens- und die Gehirnforschung, Neurologie, Konstruktivismus und Biologie und als letzter Anker, der Natur- und Geisteswissenschaft zusammendenkt. Die drei Werke. Die Welt als Wille und Vorstellung I und II, Parerga und Paralipomena, Über die Freiheit des menschlichen Willens, Über das Fundament der Moral. Das ausgewählte Zitat: „Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken.“ Was man von Schopenhauer lernen kann? Nichts für gegeben, sicher, objektiv halten, nicht einmal die Naturwissenschaft und vor allem sauber zwischen Grund und Ursache zu differenzieren.

Platz neun: Seneca.

Einen Stoiker für die rechte Lebensführung, vielleicht sogar Weisheit, sollte jeder im Repertoire haben. Marc Aurel hat leider nur ein Buch geschrieben, folglich erfüllt er ein Kriterium nicht. Empfehlen kann der Autor: Über das glückliche Leben, Moralische Briefe an Lucilius, Über die Ausgeglichenheit der Seele. Von den vielen pragmatischen Lebenshilfen und Reflexionen, die für die perspektivische Betrachtung von Verlust, Trauer, Schmerz unabkömmlich sind, lautet mein ausgewähltes Zitat: „O wie gut erginge es manchen Menschen, wenn sie einmal aus ihrem Geleise herauskämen.“ Seneca ist von unschätzbaren Wert für Erdung und Tugenden, auf die es wahrhaft ankommt. Kaum ein ethisches System ist so schlicht und klar wie das seine. Alle Philosophen, die glauben, in der komplexen Satzstruktur die Belanglosigkeit ihrer Rede verschleiern zu können oder sich in narzisstische Exkursionen darüber amüsieren, dass der Gehalt ihrer Argumente kaum zu verstehen ist, sollten sich an ihn orientieren. Philosophie ist nicht immer einfach, doch sie darf verständlich sein.

Platz acht: Aristoteles.

Neben Platon als Wurzel für alle Idealisten ist sein Schüler unverzichtbar als Ausgangspunkt für alle Materialisten, Empiristen, naturwissenschaftlich und politisch ausgerichteten Fachdiskurse. Beispielsweise führt Aristoteles alle Vor- und Nachteile von politischen Systemen und eine methodische Fragekultur in die Philosophie ein, legt den Grundstein für Darwins Evolutionsbiologie und die Logik, auch für Geschichtsphilosophie ist er unverzichtbar. Meine Wahl auf drei Werke Organon (Kategorien- und Substanzlehre), Nikomachische Ethik, und Metaphysik, das aus vierzehn Büchern besteht und veranschaulicht, was alles unter diesem Begriff subsumierbar ist. Mein Zitat, wie immer nur eines von so unfassbar vielen, die mein Leben bereichert haben, lautet: „Die Bildung ist in glücklichen Zeiten eine Zierde, in unglücklichen eine Zuflucht.“

Platz sieben: Rousseau.

Abgesehen von der kunstvollen Sprache und seiner perfektionierten Mittlerstelle zwischen Poesie und Philosophie, hat der Aufklärer den Grundstein für die Revolution, moderne Pädagogik, Psychologie und die Sozialwissenschaft gelegt. Der Mensch ist von  Natur aus gut und wird erst durch die Gesellschaft intrigant. Er liefert die Blaupause dafür, Werk und eigenes Leben zu trennen und führt zur Grundfrage zurück, was im Entscheidungsfall Priorität genießt. Um solche Werke wie er zu schreiben musste er seine eigenen Kinder ins Waisenhaus bringen, was in absoluter Dissonanz zu seiner Pädagogik der Liebe und Erziehung zum Selbstwertgefühl steht. Die drei wichtigsten Werke: Der Staatsvertrag, Vom Ursprung der Ungleichheit und Emile oder die Erziehung. Das Zitat: „Der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten; ein jeder hält sich für frei und ist doch mehr Sklave seiner selbst.“ Leider wird der zweite Teil des Satzes weggelassen, er verdient jedoch absolut gleichberechtigt neben dem ersten Hauptsatz zu stehen.

Platz sechs: Montaigne. Dem Meister des Aphorismus zuliebe wählte der Autor Bordeaux für zwei Semester zum Studium-Ort. Da die Essais drei Bände umfassen, erfüllt er das selbst gestellte Kriterium. Wie kein zweiter veranschaulicht Montaigne die Möglichkeit, Philosophie praktisch, humorvoll und unterhaltsam zu gestalten, sich über die Gedanken anderer selbst zu finden und im Wandel sich treu zu bleiben. Ein besseres Vorbild an Mäßigung und Mut, trotz aller Skepsis und Unveränderbarkeit gewisser Paradigmen zu handeln, ist schwer zu finden. In Frankreich gehört er zum Kanon der meistgelesenen Autoren überhaupt und fast jeder kennt ein paar seiner Gedanken. Zitat: „Wir kommen rückwärts vorwärts, wie die Ruderer“.

Platz fünf: Kierkegaard

Für den Existentialismus unverzichtbar. Für jeden, der zwischen Theologie und Philosophie steht oder Ethik und Ästhetik auch. Einzigartig originell, keinem Vor-oder Nachdenker zuzuordnen, ein Alleinstellungsmerkmal. Nicht nur, weil er der einzige Däne ist, den man in der ganzen Welt kennt. Oder weil er aus Liebe auf die persönliche Liebe seines Lebens tu verzichten wusste. Ganz einfach, weil seine Werke süchtig machen; z .B. der fundamentale Unterschied zwischen Angst und Furcht oder Zweifel und Verzweiflung. Darüber hinaus sollte jeder, bevor er heiratet und auch, bevor er die Scheidung vollzieht, sich über die Grundlagen der Ehe Gedanken machen wie Kierkegaard. Die Auswahl aus seinem Gesamtwerk fiel auf Über die Angst, Furcht und Zittern, Entweder – Oder. Mein Zitat: „Das Leben ist nur rückwärts zu verstehen, leben müssen wir es vorwärts.“

Platz vier: Platon

Aus drei Gründen ein Vater der Philosophie, Liebe zur Weisheit: Die Fähigkeit, alle Phänomene auf einen Dreisatz zu beziehen, These, Antithese, Synthese, wobei es nie um einen Kompromiss oder Konklusion geht, so dass die Frage wichtiger wird als die Antwort und keine Antwort ohne Verweis auf eine dahinterliegende Frage verbleibt. Zweitens das paradoxale Denken, wie es für einen reflektierten Menschen notwendig erscheint. Drittens die Fähigkeit, parallel komplex, abstrakt und doch auch dialoghaft und in Gleichnissen bildhaft zu denken. Kein Thema, mit dem sich Platon/Sokrates in seinen neun Tetralogien nicht auseinandergesetzt hätte, was die Auswahl erschwert: Nomoi, Politeia, Symposion. „Wir haben nur einen kleinen Teil des Erdkreises inne, in dem wir uns wie Frösche um einen Sumpf angesiedelt haben.“

Platz drei: Hegel

Als Idealist, der davon überzeugt ist, dass die tiefsten Wahrheiten nicht in Naturgesetzen aufgehen und die Materie folglich nicht über die Wirklichkeit bestimmt, das Huhn nicht vor dem Ei war und das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile hat kaum jemand den Geist mehr gefordert als Hegel. Auch Marx und sämtliche Dialektiker, welche die Welt nicht verstehen, sondern verändern woll(t)en, kommen an ihm nicht vorbei. Im Kanon der bedeutendsten Bücher, die je geschrieben wurden, dürfte Phänomenologie des Geistes kaum fehlen, aber auch nicht die Philosophie der Geschichte und die Ästhetik. Der umstrittenste ist zugleich einer der kürzesten und scheinbar tautologischen Sätze überhaupt: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Er veranschaulicht, wie vorsichtig man mit Philosophie umgehen muss und dass sie zu Dynamit in den Händen unverständiger Geister wird. Große Geister wie Popper warfen Platon und Hegel vor, totalitäre Systeme zu rechtfertigen und in ihrem Anspruch auf Absolutheit die Hybris des Individuums zu forcieren.

Platz zwei: Kant

Inbegriff des redlichen Philosophen, der ermutigt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, immer die Verantwortung der Allgemeinheit und der Zukunft dem Privatinteresse und dem Utilitarismus den Vorzug zu gewähren und der mit beiden Beinen demütig vor dem nicht zu leistenden auf dem Boden bleibt ist Kant. In meinen Augen die Personifikation von argumentativer Stringenz und begrifflicher Klarheit. Die drei wichtigsten neben vielen anderen Werken sind unbestreitbar die zusammenhängenden Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft. Damit allein hat ein redlicher Philosoph lebenslang zu tun, gerade weil sich die Welt verändert hat und es fraglich ist, wie Kant seine Maxime heute formuliert hätte. Obschon auch der kategorische Imperativ an Präzision in seine Allgemeingültigkeit nicht zu überbieten ist, fällt aufgrund der aktuellen Umstände die Wahl des Zitats auf: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Platz eins: Nietzsche

Inbegriff meines Verständnisses, wie Sprache Lust auf Denken und invers machen kann, zudem persönliche Licht- und Leitfigur seit meinem sechzehnten Lebensjahr. In Paradoxien und Gleichnissen perspektivisch zu denken, mutig gegen den Strom zu philosophieren und die damit verbundene Einsamkeit in Lust zu verwandeln: Mehr geht nicht. Resilienz in Vollendung. Die großen Themen der Menschheit erfasst, allerdings kein Wort zur Ökonomie, wenig Brauchbares zu Politik und anderen Themen, die unseren Willen beeinflussen. Nietzsche ist radikaler Individualist, der davon ausgeht, dass wir nur uns selbst ändern können und auch müssen, damit sich die Gesellschaft ändert. Radikaler als er hat niemand die Eigenverantwortung von Denken und Handeln eingefordert und der Pflicht zur Menschlichkeit noch die Liebe zum Schicksal (Leben) beigestellt. Wille zur Macht ist eben nicht Wille an die Macht. Im Kampf mit Autoritäten, der immer wieder falsch verstandene Satz: „Gott ist tot.“ Zitat daher: „Gott ist tot. Doch ich fürchte wir werden ihn nicht los, so lange wir noch an die Grammatik glauben.“ Um eine repräsentative Auswahl zu treffen: Die Geburt der Tragödieaus dem Geiste der Musik, Also sprach Zarathustra, Jenseits von Gut und Böse.

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