Hachez- eine bittersüße Geschichte

Die Frauen aus der Schokoladenfabrik

Es lohnt wieder ins Kino zu gehen – so fern sie denn wieder ihre Pforten öffnen. Märchen aus dem Orient und das mitten in Bremen. Aber auch wieder nicht: eher ein geplatztes, bittersüßes Märchen ohne guten Ausgang. In der hauptrolle: die vergessenen Frauen von Hachez. Träume aus dem Morgenland.

Es war einmal die Hoffnung auf ein besseres Leben. Von diesem träumten auch die türkischen und anderen Emigranten, die in den Siebziger Jahren, als Arbeitskräftemangel herrschte, zu etwa einer Million dem Lockruf der jungen Bundesrepublik folgten. Bremen war eine der reichsten Bundesländer, ein Geberland mit einer blühenden Industrie und einem der größten Hafenumschlagorte Europas, besonders für Ware, die man damals noch als exotisch bezeichnete und die meist aus Nord-und Südamerika, Asien oder Afrika in die Hansestadt gelangte.

Ein Film über die fast unsichtbaren (türkischen) Frauen hinter Hachez, die niemals im Geschäft beim Verkauf zu sehen waren, hat Orhan Calisir gedreht, der 2022 in die Kinos kommen soll. Für den Dokumentarstreifen hat er Bremer Kunst-Förderung erhalten; ihm wäre aber eine nachträgliche Ehrung der Arbeiterinnen lieber: „Bis in die späten 90erJahre wurden Arbeiteremigranten nicht akzeptiert.“

https://www.weser-kurier.de/bremen/kultur/portrait-des-filmemachers-orhan-calisir-eine-migrationsgeschichte-doc7fxpnhaopbo5tovhimx

Calisir gibt den Frauen eine Stimme; über Migranten wird wenig, über Frauen noch weniger gesprochen. Das will er ändern. „Mit Rückblenden und Archivmaterial möchte ich ihren Weg rekonstruieren, der sie damals über das türkische Arbeitsamt im Istanbuler Stadtteil Tophane nach Bremen-Neustadt heute führte.“

Der 1963 geborene Mann lebt Aristoteles´ Nikomachische Ethik, die glücklich macht: die Philosophie der guten Tat, dort helfen, wo es möglich und nötig ist. Wo die Hilfe direkt ankommt. Er vermittelt Neuankömmlinge mit Sprachbarriere auf dem Arbeitsmarkt, führt bildungsferne Menschen in Bildungszentren heran.

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Vom Aufstieg und Fall einer Emigranten-Familie

Es begann 1890, quasi mit Geburt des Jugendstils und der Wiener Sezession. Das Jahr der Demission Bismarcks, weil der mit der Politik des jungen Kaisers Wilhelm überkreuz lag. Das Deutsche Reich tauschte Sansibar gegen Helgoland, Luxemburg wurde unabhängig und ja, ein Bremer Fabrikant mit hugenottischen Wurzeln namens Joseph Emil (Emile) Hachez gründete mit 28 Jahren eine eigene Schokoladenfirma. 

Die Wurzeln seiner Familie lagen im heutigen Belgien, das bei ihrer Flucht vor den Katholiken noch zu Flandern gehörte. Sein Zentrum Antwerpen war lange Zeit das New York des 19. Jahrhunderts. Das Familienunternehmen, die junge Braut, produzierte in der Altstadt, genauer der Hutfilterstraße, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt und Sitz der Hutmacher war.

Aufgrund der räumlichen Enge und der eigenen Expansion zog Hachez schon sehr bald in die südlich gelegene Neustadt, das klassische Arbeiterquartier, Keimzelle der Kommunisten und Sozialisten. Rot war auch der Schriftzug auf weißem Grund, der für Qualität stehen sollte.

Märchen und Wirklichkeit

Das Gelände an der Westerstraße war einst ein Weizenfeld zwischen zwei Stadttoren, die im Volksmund Braut und Bräutigam genannt wurden. Sie fanden Erwähnung im Märchen Stumme Liebe von Johann Karl August Musäus (bekannt von Rübezahl). Wie jedes Kunstmärchen ist es an Orte gebunden und erwähnt eine Reihe Bremer Schauplätze, darunter auch die Neustadt, vermutlich, weil hier viele vom Reichtum träumten.

Seinen Kern bildet die Reise eines verliebten, doch am Anfang trägen Kaufmannsohnes namens Franz vom Scnoor in Bremen nach Antwerpen, der durch seinen guten Charakter an einen Schatz kommt, mit dessen Hilfe er um seine Liebe werben kann. Die Moral der Geschichte ist, dass die Mutter der Braut Meta nicht vom guten Charakter, sondern vom Geld beeindruckt ist und ihrem Schwiegersohn das Jawort gibt.

Einen märchenhaften Aufstieg nahm auch das Schokoladenimperium Hachez, deren Familie als Emigranten aus politischen Gründen, der Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes, (1685) nach Bremen gekommen war. Früh hatten sie sich auf die Einfuhr von exotischen Gewürzen wie Tabak spezialisiert. Einer der Importschlager war Schokolade, genauer Kakao, das braune Gold. Ähnlich wie Wein nimmt der Boden schmackhaften Einfluss auf die Aromen, so dass die Bitterstoffe höchst unterschiedlich munden. Die ersten Lieferanten kamen aus Südamerika, doch bald schon aus der ganzen Welt.

Unter dem Firmengründer entstand auch das Markenzeichen der Firma, die braunen Blätter aus Vollmichschokolade. Der Aufstieg zu einem der größten Schokoladenfabriken schien zum Greifen nah, doch es kam anders. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, gelang der Neuaufbau – gewiss kein Zuckerschlecken – mithilfe eines Geschäftspartners, der praktischerweise Zucker produzierte: die Raffinerie Tangermünde (benannt nach dem Gründungsort an der Elbe nahe Stendals). Er wurde zum ersten Bräutigam der nicht mehr ganz so jungen zartbitteren Braut.

Die verkaufte Braut

„Hinter den großen Höhen folgt auch der tiefe, der donnernde Fall.

(Friedrich Schiller, Die Braut von Messina, Trauerspiel 1803)

Wenn auch erst rund vierzig Jahre später, so sollte doch der einstige Retter und Kooperationspartner Hachez komplett übernehmen und damit ein erster Sargnagel werden. Zwischenzeitlich stieg Mondolez (eine Tochterfirma von Suchard) in das Unternehmen ein, in dem hauptsächlich Frauen mit Migrationshintergrund am Band arbeiteten. Mit dem zweiten Bräutigam, einem global player im Rücken, träumte Bremen von dem großen braunen süßen Erfolg, doch am Ende verschluckte man sich.

„Nicht an die Güter hänge dein Herz, // Die das Leben vergänglich zieren! // Wer besitzt, der lerne verlieren, // Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz!“ (Die Braut von Messina)

2014 gliederte Hachez, inzwischen mit der dänischen Toms-Gruppe verbandelt und längst nicht mehr Herrin im eigenen Haus, die Verpackung nach Polen aus. Die Dame in ihren betagten Jahren trägt ihr Korsett nun zwischen Weichsel und Oder.

https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/politik/hachez-polen100.html

Etwa 300 ArbeiterInnen verloren fast über Nacht und ohne Vorwarnung ihre Stellung. Manche davon hatten ihr ganzes Leben- mitunter sieben Tage die Woche – in den vier Backstein-Wänden zugebracht. Das Inventar wurde in Container verladen. Heute sollen hier Wohnungen entstehen. https://www.butenunbinnen.de/nachrichten/politik/kritik-nach-hachez-entscheidung100.html

Geschichte des braunen Goldes

Wie Kleider Leute, so macht Konfektionierung die Bohne, in deren ursprüngliche Heimat sie als Zahlungsmittel galt. Die Azteken horteten keine Scheine oder Gold, sondern Kaukaubohnen. Bis die Spanier kamen und ihnen sowohl alle Schätze als auch das Leben nahmen, kannten sie keine Schokolade, sondern machten Schnaps aus ihnen, und dies nur zu rituellen Zwecken, um Kontakt mit den Naturgeistern, die in den Bäumen wohnten, aufzunehmen. Butter zum Kochen, Pulver zum Schminken war ihnen vertraut. Xocóatl, bitteres Wasser, hieß das Getränk. Was wir als Kakao oder Schokolade kennen ist eine junge Erfindung des Industriezeitalters, das auch erst mit der Herstellung künstlichen Zuckers erschwinglich wurde. Auch zwei Götter hießen ähnlich: Feuer Xocotl und Blitz Xolotl. Die Azteken waren uns darin voraus und verwendeten sie als Heil- und Potenzmittel. Allerdings, es sei wiederholt, ohne Zucker, so dass Schokolade den gesundheitliche Aspekt invertiert.

Die Mayas nannten die Pflanze ka-ka-wa und das Getränk bzw. die Butter Chocol Haa, beide Namen dürften die bekanntesten Übernahmen aus ihrer Sprache sein. Der schwedische Botaniker Carl von Linné bezeichnete den Bohnen-Baum als Theobroma, „Speise der Götter“, wenn man sie wachsen ließe, werden sie etwa zwölf Meter hoch – man schneidet sie jedoch in der Regel, wenn sie ein Drittel davon erreichen. Die Größe der Bohnen reduziert sich durch die notwendige Trocknung um über die Hälfte. Heute ist die Elfenbeinküste weltgrößter Kakao-Lieferant, weit vor Ghana und Indonesien – Brasilien ist bereits ein Zwerg auf dem Kakaomarkt.

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Geschichte des braunen Goldes

Wie Kleider Leute, so macht Konfektionierung die Bohne, in deren ursprüngliche Heimat sie als Zahlungsmittel galt. Die Azteken horteten keine Scheine oder Gold, sondern Kaukaubohnen. Bis die Spanier kamen und ihnen sowohl alle Schätze als auch das Leben nahmen, kannten sie keine Schokolade, sondern machten Schnaps aus ihnen, und dies nur zu rituellen Zwecken, um Kontakt mit den Naturgeistern, die in den Bäumen wohnten, aufzunehmen. Xocóatl, bitteres Wasser, hieß das GetränkAuch zwei Götter hießen ähnlich: Feuer Xocotl und Blitz Xolotl.

Butter zum Kochen, Pulver zum Schminken war ihnen vertraut. . Was wir als Kakao oder Schokolade kennen ist eine junge Erfindung des Industriezeitalters, das auch erst mit der Herstellung künstlichen Zuckers erschwinglich wurde. Die Azteken waren uns darin voraus und verwendeten sie als Heil- und Potenzmittel. Allerdings, es sei wiederholt, ohne Zucker, so dass Schokolade den gesundheitliche Aspekt invertiert.

Die Mayas nannten die Pflanze ka-ka-wa und das Getränk bzw. die Butter Chocol Haa, beide Namen dürften die bekanntesten Übernahmen aus ihrer Sprache sein. Der schwedische Botaniker Carl von Linné bezeichnete den Bohnen-Baum als Theobroma, „Speise der Götter“, wenn man sie wachsen ließe, werden sie etwa zwölf Meter hoch – man schneidet sie jedoch in der Regel, wenn sie ein Drittel davon erreichen. Die Größe der Bohnen reduziert sich durch die notwendige Trocknung um über die Hälfte. Heute ist die Elfenbeinküste weltgrößter Kakao-Lieferant, weit vor Ghana und Indonesien – Brasilien ist bereits ein Zwerg auf dem Kakaomarkt.

Tropisch-feucht muss es sein, damit der Baum braunen Goldes wächst und gedeiht. Die traurige Wahrheit ist, dass man für die wirtschaftlich effiziente Kultivierung der Pflanzen roden und daher Regenwald geopfert werden muss. So lange man Kakao nicht ohne Einbuße an Duft und Geschmack künstlich herstellen kann, so lange wird man Bäume fällen für das süße Glück und den stimmigen Serotonin- Haushalt.

Die Globalisierung macht vor Bremen nicht halt: Es ist eine Geschichte, die in Mexiko begann und über die sich Bremen bereicherte. Eine Geschichte von einer Bremer Einwandererfamilie, die viele Gastarbeiter beschäftigte und die, um zu wachsen, mit einem dänischen Unternehmen zumindest teilweise Schiffbruch erlitt. Und eine Geschichte über einen Baum, der heute meist mit Afrika assoziiert wird, die uns ein schwedischer Wissenschaftler nahbrachte. Zuletzt auch die Geschichte eines Märchens, auch wenn der Name Hachez und die braunen Blätter darin nicht auftauchen.

Meine zehn Philosophie-Favoriten: Der Check

Zehn Philosophen. Das klingt einfach und erfordert doch die Qual der Wahl und festgelegte Kriterien. Aber es bietet auch eine Möglichkeit, sich selbst über den Geschmack oder das Werturteil zu finden. Vorlieben lügen nicht über die Persönlichkeit hinweg. Also ein verräterischer Selbsttest ….

Kriterien

Es geht in dieser Liste nicht um die Bedeutung oder eine Rangliste, wem man gelesen haben muss. Dies ist neben der subjektiven Auswahl seriös gar nicht möglich. Ein erstes Kriterium bildet die Sprache: für eine fundierte Aussage müssen alle Werke im Original gelesen sein, was die Auswahl erheblich eingschränkt.

Ein zweter Aspekt bildet der Umfang. Wer kann von sich behaupten, all, die wichtigsten oder die meisten der fachbezogenen Literatur nicht nur gelesen und auch dementsprechend aufbereitet zu haben. Mehree Werke oder überhaupt ein Werk von der ersten bis zur letzten Seiten? Mehrfach? Bücher, die nicht mindestens vollständig und zweimal unter verschiedenen Perspektiven gelesen wurden, scheiden aus.

Drittens: der eigene Horizont. Nicht berücksichtigt wurden Lücken und blinde Flecken. Positivismus, Strukturalismus, Logik, Sprachphilosophie,  Marxismus, zeitgenössische Philosophie, um nur die zu benennen, mit denen sich der Autor wenig bis gar nicht auseinandergesetzt hat. In einer Zeit zunehmender Spezialisierung ist dies ohnehin nicht realisierbar.

Allein eine Enzyklopädie dokumentiert, wie umfassend der Bereich Philosophie über 2500 Jahre Tradition ist. Grundsätzlich darf sich der Anspruch eines Philosophen nicht in zeitgemäßer Kritik oder aktualitätsbezogener Popularität bemessen. Daher dürfte die Beurteilung, ob ein Denker auf Dauer seine Spuren hinterlässt, frühestens nach einem halben Jahrhundert posthum fallen.

Der entscheidende Punkt für die Zusammenstellung war die persönliche Bereicherung. Was habe ich persönlich mitgenommen, wie hat es mein Leben beeinflusst?

Ein weiteres Kriterium bildet, mindestens drei Werke von dem kategorisierten Autoren gelesen zu haben und am Anfang auch eine Auswahl an Denkern, die für die eigenen Grundkenntnisse in Philosophie unverzichtbar waren, aber nicht zu den persönlichen Liste erscheinen: Fichte, Schelling, Heidegger, Jaspers, Arendt, Adorno, Benjamin, , Bergson, Sartre, Descartes, Spinoza, Leibniz, Voltaire, Cicero, Unamuno, Locke, Hume, Hobbes. Andere wie Hölderlin oder Camus wurden der Liste der Poeten zugeordnet.

Sollte jemand Namen wie Konfuzius, Laotse. Lull oder Sokrates vermissen, ein weiteres Kriterium fiel auf die Begrenzung abendländischer Philosophen und Sokrates hat keine eigenen schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen, so dass er mit den frühen und mittleren Werken Platons kongruiert.

Ein anderes Kriterium stellte für den Autoren die Wahl des Zitats. Es wurden ausschließlich kurze und damit prägnante Formulierungen aus dem Gedächtnis gewählt, denn offenbar haben die Spuren hinterlassen. Ein Schachtelsatz von Hegel mag wissenschaftlich ehrfurchtsvoller und mit mehr Reputation verbunden sein, ist aber kaum tauglich für die emotionale Qualität, um die es im Folgenden geht.

Pädagogie stand der Motivation Pate: Für wen sich entscheiden, wenn man sich entscheiden muss? Wie es begründen? Womit es kurz auf den Punkt bringen? Ein Zitat, das auch ohne Vorkenntnis einer bestimmten Terminologie oder Kontext für sich stehen kann und verständlich bleibt.

Philosophischer Countdown

Zehn sollten es sein. Dass kein Brite darunter ist, zeigt doch, dass der Autor es nicht so sehr mit dem Empirismus hält. Philosophisch lässt sich der Brexit also durchaus verkraften. Anglophil kann er auch nicht sein, kein einziger Amerikaner ist darunter. Nur Philip Rorty, Martha Nußbaum und Susan Sontag fielen in die engere Auswahl und natürlich William James und John Dewey, doch irgendwie fehlte es an eigenständigen Gedanken. In der Frage zwischen Systematikern und Aphoristen hielt sich die Auswahl die Waage.

Platz zehn: Schopenhauer

Als Lehrmeister Nietzsches, aber auch in seiner Bedeutung für die Literatur, stellvertretend sei auf Thomas Mann und Gustave Flaubert verwiesen, unverzichtbar. Auch hinsichtlich eines notwendigen Gegengewichts im Transzendentalismus zu Hegel, seine Bedeutung für die Verhaltens- und die Gehirnforschung, Neurologie, Konstruktivismus und Biologie und als letzter Anker, der Natur- und Geisteswissenschaft zusammendenkt. Die drei Werke. Die Welt als Wille und Vorstellung I und II, Parerga und Paralipomena, Über die Freiheit des menschlichen Willens, Über das Fundament der Moral. Das ausgewählte Zitat: „Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken.“ Was man von Schopenhauer lernen kann? Nichts für gegeben, sicher, objektiv halten, nicht einmal die Naturwissenschaft und vor allem sauber zwischen Grund und Ursache zu differenzieren.

Platz neun: Seneca.

Einen Stoiker für die rechte Lebensführung, vielleicht sogar Weisheit, sollte jeder im Repertoire haben. Marc Aurel hat leider nur ein Buch geschrieben, folglich erfüllt er ein Kriterium nicht. Empfehlen kann der Autor: Über das glückliche Leben, Moralische Briefe an Lucilius, Über die Ausgeglichenheit der Seele. Von den vielen pragmatischen Lebenshilfen und Reflexionen, die für die perspektivische Betrachtung von Verlust, Trauer, Schmerz unabkömmlich sind, lautet mein ausgewähltes Zitat: „O wie gut erginge es manchen Menschen, wenn sie einmal aus ihrem Geleise herauskämen.“ Seneca ist von unschätzbaren Wert für Erdung und Tugenden, auf die es wahrhaft ankommt. Kaum ein ethisches System ist so schlicht und klar wie das seine. Alle Philosophen, die glauben, in der komplexen Satzstruktur die Belanglosigkeit ihrer Rede verschleiern zu können oder sich in narzisstische Exkursionen darüber amüsieren, dass der Gehalt ihrer Argumente kaum zu verstehen ist, sollten sich an ihn orientieren. Philosophie ist nicht immer einfach, doch sie darf verständlich sein.

Platz acht: Aristoteles.

Neben Platon als Wurzel für alle Idealisten ist sein Schüler unverzichtbar als Ausgangspunkt für alle Materialisten, Empiristen, naturwissenschaftlich und politisch ausgerichteten Fachdiskurse. Beispielsweise führt Aristoteles alle Vor- und Nachteile von politischen Systemen und eine methodische Fragekultur in die Philosophie ein, legt den Grundstein für Darwins Evolutionsbiologie und die Logik, auch für Geschichtsphilosophie ist er unverzichtbar. Meine Wahl auf drei Werke Organon (Kategorien- und Substanzlehre), Nikomachische Ethik, und Metaphysik, das aus vierzehn Büchern besteht und veranschaulicht, was alles unter diesem Begriff subsumierbar ist. Mein Zitat, wie immer nur eines von so unfassbar vielen, die mein Leben bereichert haben, lautet: „Die Bildung ist in glücklichen Zeiten eine Zierde, in unglücklichen eine Zuflucht.“

Platz sieben: Rousseau.

Abgesehen von der kunstvollen Sprache und seiner perfektionierten Mittlerstelle zwischen Poesie und Philosophie, hat der Aufklärer den Grundstein für die Revolution, moderne Pädagogik, Psychologie und die Sozialwissenschaft gelegt. Der Mensch ist von  Natur aus gut und wird erst durch die Gesellschaft intrigant. Er liefert die Blaupause dafür, Werk und eigenes Leben zu trennen und führt zur Grundfrage zurück, was im Entscheidungsfall Priorität genießt. Um solche Werke wie er zu schreiben musste er seine eigenen Kinder ins Waisenhaus bringen, was in absoluter Dissonanz zu seiner Pädagogik der Liebe und Erziehung zum Selbstwertgefühl steht. Die drei wichtigsten Werke: Der Staatsvertrag, Vom Ursprung der Ungleichheit und Emile oder die Erziehung. Das Zitat: „Der Mensch ist frei geboren, doch überall liegt er in Ketten; ein jeder hält sich für frei und ist doch mehr Sklave seiner selbst.“ Leider wird der zweite Teil des Satzes weggelassen, er verdient jedoch absolut gleichberechtigt neben dem ersten Hauptsatz zu stehen.

Platz sechs: Montaigne. Dem Meister des Aphorismus zuliebe wählte der Autor Bordeaux für zwei Semester zum Studium-Ort. Da die Essais drei Bände umfassen, erfüllt er das selbst gestellte Kriterium. Wie kein zweiter veranschaulicht Montaigne die Möglichkeit, Philosophie praktisch, humorvoll und unterhaltsam zu gestalten, sich über die Gedanken anderer selbst zu finden und im Wandel sich treu zu bleiben. Ein besseres Vorbild an Mäßigung und Mut, trotz aller Skepsis und Unveränderbarkeit gewisser Paradigmen zu handeln, ist schwer zu finden. In Frankreich gehört er zum Kanon der meistgelesenen Autoren überhaupt und fast jeder kennt ein paar seiner Gedanken. Zitat: „Wir kommen rückwärts vorwärts, wie die Ruderer“.

Platz fünf: Kierkegaard

Für den Existentialismus unverzichtbar. Für jeden, der zwischen Theologie und Philosophie steht oder Ethik und Ästhetik auch. Einzigartig originell, keinem Vor-oder Nachdenker zuzuordnen, ein Alleinstellungsmerkmal. Nicht nur, weil er der einzige Däne ist, den man in der ganzen Welt kennt. Oder weil er aus Liebe auf die persönliche Liebe seines Lebens tu verzichten wusste. Ganz einfach, weil seine Werke süchtig machen; z .B. der fundamentale Unterschied zwischen Angst und Furcht oder Zweifel und Verzweiflung. Darüber hinaus sollte jeder, bevor er heiratet und auch, bevor er die Scheidung vollzieht, sich über die Grundlagen der Ehe Gedanken machen wie Kierkegaard. Die Auswahl aus seinem Gesamtwerk fiel auf Über die Angst, Furcht und Zittern, Entweder – Oder. Mein Zitat: „Das Leben ist nur rückwärts zu verstehen, leben müssen wir es vorwärts.“

Platz vier: Platon

Aus drei Gründen ein Vater der Philosophie, Liebe zur Weisheit: Die Fähigkeit, alle Phänomene auf einen Dreisatz zu beziehen, These, Antithese, Synthese, wobei es nie um einen Kompromiss oder Konklusion geht, so dass die Frage wichtiger wird als die Antwort und keine Antwort ohne Verweis auf eine dahinterliegende Frage verbleibt. Zweitens das paradoxale Denken, wie es für einen reflektierten Menschen notwendig erscheint. Drittens die Fähigkeit, parallel komplex, abstrakt und doch auch dialoghaft und in Gleichnissen bildhaft zu denken. Kein Thema, mit dem sich Platon/Sokrates in seinen neun Tetralogien nicht auseinandergesetzt hätte, was die Auswahl erschwert: Nomoi, Politeia, Symposion. „Wir haben nur einen kleinen Teil des Erdkreises inne, in dem wir uns wie Frösche um einen Sumpf angesiedelt haben.“

Platz drei: Hegel

Als Idealist, der davon überzeugt ist, dass die tiefsten Wahrheiten nicht in Naturgesetzen aufgehen und die Materie folglich nicht über die Wirklichkeit bestimmt, das Huhn nicht vor dem Ei war und das Ganze immer mehr ist als die Summe seiner Teile hat kaum jemand den Geist mehr gefordert als Hegel. Auch Marx und sämtliche Dialektiker, welche die Welt nicht verstehen, sondern verändern woll(t)en, kommen an ihm nicht vorbei. Im Kanon der bedeutendsten Bücher, die je geschrieben wurden, dürfte Phänomenologie des Geistes kaum fehlen, aber auch nicht die Philosophie der Geschichte und die Ästhetik. Der umstrittenste ist zugleich einer der kürzesten und scheinbar tautologischen Sätze überhaupt: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Er veranschaulicht, wie vorsichtig man mit Philosophie umgehen muss und dass sie zu Dynamit in den Händen unverständiger Geister wird. Große Geister wie Popper warfen Platon und Hegel vor, totalitäre Systeme zu rechtfertigen und in ihrem Anspruch auf Absolutheit die Hybris des Individuums zu forcieren.

Platz zwei: Kant

Inbegriff des redlichen Philosophen, der ermutigt, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, immer die Verantwortung der Allgemeinheit und der Zukunft dem Privatinteresse und dem Utilitarismus den Vorzug zu gewähren und der mit beiden Beinen demütig vor dem nicht zu leistenden auf dem Boden bleibt ist Kant. In meinen Augen die Personifikation von argumentativer Stringenz und begrifflicher Klarheit. Die drei wichtigsten neben vielen anderen Werken sind unbestreitbar die zusammenhängenden Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft und Kritik der Urteilskraft. Damit allein hat ein redlicher Philosoph lebenslang zu tun, gerade weil sich die Welt verändert hat und es fraglich ist, wie Kant seine Maxime heute formuliert hätte. Obschon auch der kategorische Imperativ an Präzision in seine Allgemeingültigkeit nicht zu überbieten ist, fällt aufgrund der aktuellen Umstände die Wahl des Zitats auf: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Platz eins: Nietzsche

Inbegriff meines Verständnisses, wie Sprache Lust auf Denken und invers machen kann, zudem persönliche Licht- und Leitfigur seit meinem sechzehnten Lebensjahr. In Paradoxien und Gleichnissen perspektivisch zu denken, mutig gegen den Strom zu philosophieren und die damit verbundene Einsamkeit in Lust zu verwandeln: Mehr geht nicht. Resilienz in Vollendung. Die großen Themen der Menschheit erfasst, allerdings kein Wort zur Ökonomie, wenig Brauchbares zu Politik und anderen Themen, die unseren Willen beeinflussen. Nietzsche ist radikaler Individualist, der davon ausgeht, dass wir nur uns selbst ändern können und auch müssen, damit sich die Gesellschaft ändert. Radikaler als er hat niemand die Eigenverantwortung von Denken und Handeln eingefordert und der Pflicht zur Menschlichkeit noch die Liebe zum Schicksal (Leben) beigestellt. Wille zur Macht ist eben nicht Wille an die Macht. Im Kampf mit Autoritäten, der immer wieder falsch verstandene Satz: „Gott ist tot.“ Zitat daher: „Gott ist tot. Doch ich fürchte wir werden ihn nicht los, so lange wir noch an die Grammatik glauben.“ Um eine repräsentative Auswahl zu treffen: Die Geburt der Tragödieaus dem Geiste der Musik, Also sprach Zarathustra, Jenseits von Gut und Böse.