
Foto Bernd Oei: Reflexsionsbecken in Celestina, rätoromanische Schlarigna. Das klare Brunnenwasser gibt die Kirche St. Johann bei Celerina (ihr eingelegtes Mosaik) mit ihren markanten Türmen wieder, die Nietzsche erwähnt. https://www.swiss-spectator.ch/de/san-gian-und-ihre-zwei-tuerme/
Wenn einer eine Reise tut
Nietzsche reiste mit der Eisenbahn über Basel und Zürich bis zum damaligen Endbahnhof in Chur. Dort stieg er in die legendäre, meist sechsspännige Postkutsche um. Diese mühsame und extrem holprige Fahrt führte ihn über den herbstlichen oder sommerlichen Julierpass oder den Albulapass hinauf ins Engadin nach St. Moritz und von dort aus weiter mit einer kleineren Kutsche in sein geliebtes Sils Maria. Für die gesamte Strecke von Naumburg nach Sils hätte es drei Tage bedurft. Doch der Philosoph, der so gerne spazieren ging, reiste nie von dort an.
Da er das nasskalte deutsche Klima gesundheitlich kaum ertrug, verbrachte er die Wintermonate fast ausschließlich in Südeuropa – primär an der italienischen Riviera Genua, Rapallo und Sanremo) sowie im französischen Nizza. Im Frühsommer reiste er dann meist direkt von Genua oder Nizza aus nach Norden ins Engadin.
Nietzsche startete in Nizza oder Genua und reiste mit der südeuropäischen Eisenbahn über Savona und Genua nach Norden durch die Po-Ebene (über Mailand) bis an den Fuß der Alpen. Sein Ziel auf der Alpensüdseite war meistens der italienische Grenzort Chiavenna oder der Comer See (Bellagio/Colico). Nach diesem langen Reisetag legte er eine Zwischenübernachtung ein. https://www.f-nietzsche.de/lou3.htm

Foto Bernd Oei: Bernina Zug aus Samedan Richtung St. Moritz, Oberengadin, Kanton Graubünden, Schweiz. Die Albulabahn (Chur – St. Moritz / Samedan): Dieser Abschnitt wurde zwischen 1898 und 1903 erbaut. Die Bahngleise (Gesamtlänge 144 km) selbst sind also weit über 110 Jahre alt und gehören seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.
Getrieben vom Kopfschmerz
Nietzsche erwähnt Samedan mehrfach namentlich in seinen persönlichen Briefen aus den 1880er-Jahren, die er während seiner Sommeraufenthalte im Oberengadin verfasste. Samedan war zu Nietzsches Zeit der administrative Hauptort des Oberengadin und besaß bereits über 1000 Einwohner (Sils nicht einmal 200). Wenn Nietzsche dringende Depeschen, Telegramme oder Briefe an seine Verleger in Deutschland oder an enge Freunde (wie Franz Overbeck oder Peter Gast) senden oder empfangen musste, ging dies oft über die Telegrafenstation in Samedan. In seinen Briefwechseln finden sich daher organisatorische Randnotizen, in denen er schildert, dass Poststücke nach Samedan geschickt oder von dort abgeholt werden mussten.
Ein Beispiel. Nietzsche litt im Hochgebirge oft unter extremen Wetterumschwüngen. In diesem Brief schildert er, wie er trotz gesundheitlicher Probleme weite Märsche unternahm, die ihn bis in die Ebene von Samedan führten. An seinen Freund, den Komponisten und späteren ersten Mitarbeiter im Weimarer Nietzschearchiv Peter Gast schrieb er 3. September 1883:„Gestern trieb mich der Kopfschmerz unbarmherzig aus dem Hause; ich lief bis über Samaden hinaus (wo das Thal öde und breit wird), immer im heftigsten kalten Winde“.
In den deutschen Dokumenten des 19. Jahrhunderts war Samaden noch die amtliche und allgemein gebräuchliche Schreibweise des Ortes.

Foto Bernd Oei: Samedan, Inn mit Blick in Richtung Osten/Südosten auf die markanten Ketten der Livigno-Alpen.

Foto Bernd Oei: Samedan, Blick Richtung Nordwesten in Richtung der Albula-Alpen und weißer San Peter Kirche, ev. reformiert, 15. Jahrhundert. Zur Geschichte Samedans: https://hls-dhs-dss.ch/articles/001542/2012-06-20/
Flucht vor kalten Winden
Im Frühjahr 1887 suchte Nietzsche nach einem neuen Zufluchtsort im Engadin, da er Sils Maria vorübergehend verlassen wollte. In einem Brief an seine enge Freundin Malwida von Meysenbug vom 12. Mai 1887 (geschrieben in Cannobio) wählt er Celerina als sein nächstes großes Ziel aus: „Anfangs Juni ziehe ich nach Celerina (Oberengadin), dem am tiefsten und geschütztesten gelegenen Dorfe jenes Hochthals, wo es auch weniger windig ist als in Sils-Maria. Dort will ich den Sommer zubringen.“
Nietzsche hoffte, im tiefer als Sils gelegenen Celerina (1714 m) ein milderes Klima vorzufinden, das seinen chronischen Kopfschmerzen und Augenleiden linderte. Letztlich zog es ihn in jenem Juni wegen kurzfristiger Quartierschwierigkeiten dann doch wieder in sein vertrautes Zimmer nach Sils Maria, aber Celerina war fest in seinen Gedanken als Wunschort verankert.
Er wanderte also täglich in diesem letzten Aufenthalt durch die ihm vertrauten Ebenen und sah demzufolge täglich das Wahrzeichen der Region, die San Gian. Kirchen erwähnt er naturgenmäß nicht häufig, zumal er in ihnen das falsche Christentum erblickte bzw. den Ursprung der Dekadenz in der Kultur.
Dabei kam es ihm immer auf das Laufen, die Bewegung in der Natur an. „Nur die ergangenen Gedanken haben Werth.“ („Götzen-Dämmerung“ ,Kapitel: Sprüche und Pfeile, § 34)

Foto Bernd Oei: Celerina, Nachbarort von Samedan, direkt am bekannten Hotel Chesa Rosatsch mit Blick auf die Albula-Alpen im Südwesten.

Foto Bernd Oei: Celerina: Brücke über den Inn mit Blick nach Südosten auf den markanten Piz Mezzaun (2.963 m), im Hintergrund Piz Languard (3.262 m) bei Pontresina.
Kein Sitzfleisch
Nietzsche wanderte während seiner Sommer im Oberengadin exzessiv und legte täglich stundenlange Strecken zurück, um seine Gedanken fließen zu lassen („Geh-Danken“). Er nutzte Celerina oft als Poststation oder Wanderziel. In der offiziellen Registrierung seiner Korrespondenz ist beispielsweise dokumentiert, dass er Briefe mit Ortsangaben wie „Sils-Maria, Celerina“ datierte oder Post direkt über das Postamt in Celerina abwickelte.
Obwohl Nietzsche die Kirche San Gian nicht namentlich nicht verewigte, kam er auf seinen Wanderungen durch die flache Engadiner Hochebene (das Plains zwischen Celerina und Samedan) unweigerlich an dem markanten Hügel mit der weithin sichtbaren Kirchenruine vorbei. Die karge, monumentale Schönheit dieser Ebene prägte die meditative Stimmung, aus der heraus er den Kern seines Werkes „Also sprach Zarathustra“ am Silvaplanersee konzipierte.
Das Wandern war und blieb essentiell für Nietzsche, gerade für seine Geh-Gedanken: „So wenig als möglich sitzen, keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ („Ecce homo: Wie man wird, was man ist“, Kapitel „Warum ich so klug bin“, § 1)
Dabei zog Nietzsche auch die Bergwelt dem Flachland vor, obschon ihn das oft an physische Grenzen führte. So schreibt er „Man muss die Höhe gewohnt sein, um das jämmerliche Gegenwarts-Gerede von Politik und National-Egoismus unter sich zu sehn. … Luft der Höhe, die Freiheit über dem Flachlande.“ (Der Antichrist, Vorwort)
Zarathustra sagt „Flach ist das Land, ohne klare Höhen und dunkle Tiefen; das sind die Vielen und Allzuviele.“ (I, Kapitel Vom neuen Götzen)

Foto Bernd Oei: weite Ebene (Plains) bei Celerinain Richtung Nordosten das Oberengadin hinab auf die mächtige Kette der Albula-Alpen auf der linken Talseite.

Foto Bernd Oei: ev. reformierte Kirche San Gian (St. Johann) bei Celerina.Gleis der Rhätischen Bahn (Strecke Samedan-St. Moritz). Der große Hauptturm verlor im Jahr 1682 durch einen Blitzeinschlag seine hölzerne Spitze. Da sich die Gemeinde damals den Wiederaufbau nicht leisten konnte (oder wollte), blieb der Turm bis heute oben flach geöffnet, was der Kirche ihr einzigartiges Aussehen verleiht.
Freiheit über alles
Für Nietzsche bedeutete „unfrei“ vor allem die geistige Trägheit der Gelehrten, die nur in Amtsstuben über Büchern hockten. Ein Gedanke war für ihn nur dann lebendig, dynamisch und wahrhaft frei, wenn der Körper sich währenddessen in der Weite der Natur (wie der Hochebene von Celerina und Samedan) kraftvoll bewegte.
„Das Gehen hat etwas, das meine Gedanken belebt und anfeuert; ich kann fast nicht denken, wenn ich am selben Ort bleibe; mein Körper muss in Bewegung sein, um meinen Geist in Schwung zu bringen.“ – auch wenn man es Nietzsche gelegentlich zuschreibt, so stammen diese Worte aus dem Mund eines von ihm nicht ganz so wertgeschätzten, in Genf geborenen Denkers: J .J. Rousseau (aus „Die Bekenntnisse“)
Aber nicht anders liest sich die Stelle aus „Also sprach Zarathustra“ III, Kapitel Der Wanderer: „Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.“
Aus den zwei Gründen: – die gemeinsame Abneigung gegen die Moderne (Zivilisation) und das Plädoyer für mehr Individualität/Motilität – könnte man Sympathie von Nietzsche für Rousseau erwarten. Doch nannte er ihn abwertend einen Idealisten und damit eine Canaille. Erstens sah Nietzsche in Rousseau einen Demokraten, der die Gleichheit der Menschen betonte, während er elitär und nicht egalitär dachte, sowie geschichtlich in Herren- und Sklavenmoral unterschied. Zweitens gab Nietzsche wenig auf die Errungenschaften der Französischen Revolution (mit Rousseau als Ideengeber) und gar nichts auf (christliche) Moral. Rousseau blieb ein gläubiger Christ, daher schätzte er Voltaire weit mehr.

Foto Bernd Oei: gemauertes Bachgerinne bzw. einen Hochwasserschutz-Kanal am Rande von Samedan. Die Wildbachverbauung soll Schmelz- und Starkwasser sicher abführen und das umliegende Siedlungsgebiet sowie Landwirtschaft vor Überschwemmung schützen.







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