
Foto Bernd Oei: Steinbrücke Punt Ota und Gebirgsfluss Ova da Rosegg, Pontresina, Oberengadin. Nietzsche besuchte das nördlich gelegene Dorf bei jedem seiner Aufenthalte in Sils zwischen 1881 und 88. Er wanderte dafür 7 Stunden und übernachtete dann in St. Moritz. Dies ist nur möglich, wenn er den flachen Wanderweg benutzte, nicht die von mir bewältigte alpine Tour. Das erste Mal weilte der Philologe Juni 1879 für 3 Tage in Pontresina.
Also antwortete ich Zarathustra
Mein letzter Tag im Oberengadin, Graubünden, der Schweiz. Man sieht überall Berge und meist auch Bergseen (Zoraster wurde an einem solchen geboren). Das Werk, man mag es philosophische Literatur oder poetische Philosophie nennen (nicht das Gleiche und schon gar nicht das Selbe) „Also sprach Zarathustra“ ist so eng mit der alpinen Bergwelt verknüpft wie es nur geht. In insgesamt acht Blogs (ein neunter handelt nur um seinen Bezug zum Wandern) widme ich meinem Vorbild daher Nietzsches vier großen Thesen, Postulaten, Überbegriffen, eine Interpretation. Dabei werden „Übermensch“, „Ewige Wiederkehr des Gleichen“, „Wille zur Macht“ und „Tod Gottes“ jeweils zweimal gewürdigt. Immer wird die Stelle, an der dieser Gedanke laufen lernte, das Genius loci, einfließen.
Da Nietzsche viele Briefe über das Fortkommen seiner Gedanken schrieb, ist fast jeder Text kontextualisierbar in seine regionale Umgebung. Eine Auswahl von Zitaten ist repräsentativ, zumindest in meinen Augen. Wer es seriös nacharbeiten will, kann im Register, auch im Internet, sämtliche Stellen finden, z.B. unter dem Schlagwort „Übermensch“. Verwiesen sei auf https://www.nietzschesource.org/eKGWB/index
Vier Bücher, davon drei überarbeitet, wurden von mir über Nietzsche publiziert, dem Gegenstand meiner Promotion “ Hundert Jahre Nietzscherezeption in Deutschland und Frankreich “ – sie endete mit den Publikationen 1996. Daraus entstanden „Nietzsche unter deutschen Literaten“, „Nietzsche unter deutschen Philosophen“, „Nietzsche unter französischen Literaten“ und „Nietzsche unter französischen Philosophen“. Es handelt sich jeweils um die Wiedergabe bedeutender Rezensenten, die sich mehrfach und meist in Monografien mit Nietzsche auseinandersetzten, der zumindest in der Kunstwelt unbestritten den größten Einfluss aller Philosophen hinterlassen hat. Es gibt dennoch Stimmen, die ihn nicht als Philosoph sehen, sondern, wie oben erwähnt, als philosophische Literatur, möglicherweise sogar ohne eigenen Gedanken, da alles irgendwie schon einmal gesagt/geschrieben wurde.
Wir bleiben Zwerge auf den Schultern von Riesen. Nun zu den ersten Gedanken, die aus meinem unveröffentlichten fünften Buch „Also antwortete ich Zarathustra“ entnommen sind. Vorab: Mein bester Freund ist Christ und trägt seit einiger Zeit ein Hemd mit Nietzsches Konterfei und „Der Übermensch“. Er hat begriffen, dass damit nicht Vernichtung von unwertem Leben gemeint ist oder Selbstüberhöhung oder gar Gotteslästerung. Er verehrt Nietzsche nicht, hält aber seine Gedanken für fruchtbar hinsichtlich eines Dialogs mit falsch gelebtem engstirnigen Christentum.
Im Zug nach St. Moritz traf ich einen Prediger, wir redeten über Zarathustra. Auch er fand den Übermensch ein nahezu logisches Gerüst, ein besserer Christ zu sein und begann für mich zu beten, als er erfuhr, dass ich mich nach Glauben sehne, aber auch aufgrund religiöser Abneigung, keinen zu finden vermag und für mich der Glaube an die Evolution verbunden ist mit der Hoffnung, dass der Mensch nicht Gottes letztes Wort war. Der Paradoxie dieses Satzes eingedenk nun die Pointe: der Übermensch ist der Mensch, der keinen mehr über sich hat und damit frei ist.
In einem Brief an seinen Basler Freund und Vertrauten Franz Overbeck schildert er wenige Tage nach seiner Ankunft (Ende Juni 1879) direkt seine Flucht aus St. Moritz und den kurzen Wechsel nach Pontresina: „„Es ist mir in St. Moritz-Bad sehr schlecht gegangen .. der Lärm dort unerträglich. Ich flüchtete nach Pontresina, aber auch dort hielt ich es wegen des wechselnden Wetters und der Winde nicht aus.“
Alle weiteren Spaziergänge erfolgten stets in Verbindung mit seinen Aufenthalten in Sils Maria 1881-88, wobei Nietzsche nur den flachen Talweg wählen konnte, weil er sonst zu Übernachtungen gezwungen gewesen wäre. Er verglich dabei das Tal Roseneg Pontresinas mit dem Fextal bei Sils. Nietzsche war ein manischer Extrem-Wanderer. Er bewältigte täglich Fußmärsche von bis zu 8 Stunden, um seine Gedanken in Bewegung zu bringen. Von Sils Maria aus wanderte er regelmäßig die Seenplatte entlang, passierte St. Moritz und Celerina und bog häufig nach Pontresina ab.
Es war seine persönliche Überwindung, denn er musste dabei über seine physischen Grenzen gehen. Nietzsche kann man nicht als robust bezeichnen, er litt an vielen Krankheiten, hauptsächlich starken Migräneanfällen und Darmkoliken, was ihn besonders wetterfühlig machte, aber auch sensibel für das Zusammenspiel von Körper und Geist. Auch wenn er nicht wie ich sich mit schwerem Gepäck mühen musste (die bei Bergwanderung mehr als ein Handicap darstellen), so sind seine Märsche nahezu als „übermenschlich“ zu bezeichnen, denn es fehlte seinerzeit Infrastruktur. Dabei denke ich nicht an Gastronomie, denn Nietzsche lebte asketisch, verachtete Alkohol so sehr wie das Christentum als Narcotica und bedurfte nicht viel. Er selbst floh dem Mistral, den er heiß und innig liebte und der dem in den Alpen herrschenden Fön nicht unähnlich, nahezu „gleich“ ist.
Kurzum und damit die biografische Spur beendend: Pontresina war damals ein florierender Tourismusort. Wenn Bekannte oder Bewunderer Nietzsches im Engadin Urlaub machten, stiegen sie meist im mondänen Pontresina ab. Nietzsche wanderte dann von Sils dorthin, um sich mit ihnen in den Hotels zu treffen, und kehrte am selben Abend zu Fuß in sein bescheidenes Zimmer zurück

Fotos Bernd Oei: alpiner Wanderweg von Sils nach bei Pontresina, Oberengadin über Via Grischuna, Teil der Bernina-Tour. Beträgt die Entfernung zwischen beiden Orten entlang der Straße nur 17 km, so sind es über den Bergpass 24 km. Es war mein letzter Tag in Graubünden, Schweiz.

Karte: https://www.startpage.com/do/dsearch?q=karte+oberengadin&cat=web&language=deutsch Die höchste Stelle bildet Fuorcla Surlej, 2.754 m.
höher, weiter, schneller, besser
Nachdem Nietzsche im Mai 1879 wegen seiner schweren Erkrankung seine Professur in Basel niedergelegt hatte, floh er in die Berge. Er reiste über Thusis nach St. Moritz, kam dort um den 22. Juni 1879 an und mietete sich im damaligen Hotel und Pension (Zentral-)Bellevue in St. Moritz-Bad ein. Das Wort „Übermensch“ (man mag es Leitmotiv oder Deutungshypothese heißen) erscheint erstmals in „Zarathustras Vorrede“ (Abschnitt 3), also 1883. Es entstand in oder aus einem Schreibrausch heraus in wenigen Wochen, die er in Sils und Umgebung verbrachte ausschließlich auf Spaziergängen, so genannten Geh-Gedanken. Da überholt dich schon mal eine Idee und übermächtigt dich die Naturgewalt. Über umschlagende Wetter kann ein Camper bestens und auch dramatisch berichten, ein Wanderer sowieso. Die Niederschrift von „Also sprach Zarathustra“ I erfolgte vom 1. bis 11. Februar 1883.
Ich selbst habe Nietzsche immer in vier Kategorien unterteilt, um jeden Begriff perspektivisch zu erläutern. Ästhetisch, moralisch, metaphysisch, psychologisch. Kunst, Immoralismus (Befreiung von Dogma und Doktrin), Dekonstruktivismus (Systemkritik) und Dekadenz-Überwindung sind damit schlagwortartig verknüpft. Dies gilt auch für „Übermensch“, wobei das Verhältniswort (Präposition) entscheidend ist, denn die Position/Perspektive kann nur mit über, unter, außen, innen etc. ausgedrückt werden und wird in der Bergwelt geradezu prägnant. So schreibt an Peter Gast (Heinrich Köselitz) Nietzsche am 3. 9. 1881 genau, wie viele Fuß er über den Silvaplanasee – dem Gebrtsort Zarathustras – wandert. „Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000 Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen! –“
Also, der erste Eintrag aus Zarathustras Vorrede lautet: „Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr gethan, ihn zu überwinden?„
Dieses erste Zitat ist die handschriftliche Notiz, die Nietzsche direkt im Moment der Inspiration auf ein loses Papier kritzelte. Es befindet sich im Nachlass (Sommer 1881) unter der offiziellen Editions-Signatur Fragment 11[141] festgehalten in der Kritischen Studienausgabe, KSA Band 9, S. 494. Hinweis zu philosophischen Vorstufen: Das Wort „Übermensch“ an sich ist keine Erfindung Nietzsches; es existierte im deutschen Sprachraum bereits vorher, unter anderem bei Herder und Goethe in „Faust„. Nietzsche selbst betrachtete alles aus dem Blickwinkel der Wiedergeburt des Gleichen.
Allein diese Einführung sollte doch klarmachen, worum es geht (wobei Nietzsche auch sagt, er habe keine Lehre, jeder müsse sich selbst eine sein), dass es um Überwindung geht, da das Wort als Verb und als Nomen zweifach auftaucht. Zweitens, dass es in Form einer Frage und verstecktem Appell an uns, an den Leser gerichtet wird. Drittens der „soll“ Modus. Dieses Auxiliar entspricht wie wollen und müssen dem modi operandi eines Nietzsche. Es erinnert an ein Gebot und die pastorale Sprache.
Soll der Mensch nun höher, weiter, besser, mächtiger sein als je zuvor? Fliegen soll er lernen, Höhenluft ertragen, kein Hinterweltler mehr sein. Nur Phrasen gegen Dekadenz mit dem Medikament Überheblichkeit (superbia) ? Auch Meta- beinhaltet „über“, nämlich über die Physik hinausgehend. Darunter verstand man lange über empirische Naturgesetze hinausgehende Spekulationen. Auch ein übergreifendes Wissen, das noch nicht, wie in Nietzsches Zeiten praktiziert, auf Spezialdisziplin und abgrenzendes Fachwissen hinauslief, sondern, wie bei Goethe noch aus Universalwissen bestand.

Foto Bernd Oei: Alp (Alm) Berghaus Fuorcla Surlej auf dem höchsten Punkt des Berwanderwegs von Sils nach Pontresina.

Foto Bernd Oei: Ankunft in Pontresina. Sils liegt nahezu auf derselben Höhenlage von knapp über 1800 m wie Pontresina. Nietzsche konnte daher auf einer Ebene laufen. Die Bergroute hingegen folgt einem Sattelprofil: dem Auf- folgt ein Abstieg von ca. 900 m.
Übermensch ästhetisch
40, genau 40 Eintragungen finden sich seit diesem ersten Gebrauch „Übermensch“. Das ist eigentlich wenig, verglichen mit „Tod Gottes“ „Ewige Wiederkehr“ und „Wille zur Macht“. Nietzsche bekam zwar nicht die überwältigende Resonanz und schon gar nicht den stupiden faschistoiden Missbrauch seines Leitmotivs mit, wohl aber die Dummheit (wie sollte man banales Denken anders bezeichnen?) seiner geringen, doch stark wachsenden Leserschaft. Sein Menetekel „Verwechselt mich vor Allem nicht“ („Ecce Homo“, Vorwort, § 1) lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Nebenbei, wer sorgfältig liest, findet an der Stelle gleich den Hinweis: „Das Missverhältniss zwischen der Grösse meiner Aufgabe und der Kleinheit meiner Zeitgenossen hat sich darin ausgedrückt, dass man mich weder gehört, noch auch nur gesehn hat.“ Es geht immer primär um Verhältnis und Maß bei Nietzsche.
Nietzsche empfand sich als Ästhet unter der Maxime, das Leben sei nur als Ästhetikum zu rechtfertigen und durch Kunst (v.a. Musik) zu ertragen. Er sagt es sogar zweimal wortgleich, weil er Wiederkehr des Gleichen (nicht zu verwechseln mit Wiederholung = Wiederkehr des Selben) pflegt: „.denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“ (Die Geburt der Tragödie, § 5 und § 24).
Ästhetisch gefasst, summieren sich folgende Zitate auf „Übermensch“ Der Übermensch hat aus Überfülle des Lebens jene Erscheinungen der Opiumraucher und den Wahnsinn und den dionysischen Tanz: er leidet nicht an den Nachwehen. Zu Vielem führt die Krankheit jetzt, was an sich nicht Symptom der Krankheit ist: zur Vision .„(Fragmente 82, 4, 75)
Der Übermensch ist visionär und nicht moralisch zu denken. Er hat einen Bezug zu Dionysos, der Ekstase, dem Hier und Jetzt, er bereut nicht und überwindet die Krankheit seiner Zeit, die Dekadenz.
„Ich lebe, damit ich erkenne: ich will erkennen, damit der Übermensch lebe. Wir experimentiren für ihn! „(Nachgelassene Fragmente 82, 4, 24)
Man begreife sich nicht als Krone oder causa finalis, sondern als Übergang. Nicht als causa sui, die um sich selbst willen gerechtfertigt erscheint, sondern als Mittel zum Zweck. Das geht gegen Kant, der gebietet, der Mensch dürfe niemals Mittel zum Zweck sein (auch sein Handeln nicht). Es lerbe das Experiment, wie wir wissen mit offenem Ausgang, eine probe, bisweilen Mutprobe und keinesfalls auf Theorien gestützt.
„Aber wie könnte es der Übermensch ertragen, die Menschen zu verstehen! So muß man die Menschen überreden, ihn zu schaffen und um seinetwillen zu Grunde zu gehen: daß er leben könne? Die Gefahr des Übermenschen ist das Mitleiden.“ (Fragmente 83, 13, 1)
Nietzsche überwindet Schopenhauers Mitleids-Ethik. Wer nun einwirft, das sei ein ethisches Argument (Moral ist es nicht, dazu später), der bedenke, dass Nietzsche sagt, dass alle Wertschätzungen auf ästhetischen Werten beruhen und bezeichnet sie explizit als „die Wohlgefühle aller organischen Wesen im Verhältniß zur Gefährlichkeit…“ (KSA Band 11, Fragment 35 , 3, S. 509) Und noch deutlicher (falls das noch geht, aber manche Zeitgenossen reden wirklich von Widersprüchen in Nietzsches Argumentation): „„Der ästhetische Zustand hat einen Überfluß von Übermittlungsmitteln … – das ist der gemeinsame Ursprung von Kunst und Moral.“ (von Nietzsche kursiv gesetzter Druck, (KSA Band 13, Fragment 14, 113, S. 293:
Fazit: der Übermensch hat keine Moral, keine Arbeit, keine übergeordneten Autoritäten mehr nötig. Er ist sich selbst genug und dem jetzigen Mensch überlegen. Er muss kommen, weil sonst das Elend der Philosophie kein Ende nimmt.

Fotos Bernd Oei: Pontresina, Rosegbach (Ova da Rosegg), mit 15 km Länge das Pendant zum Gebirgsfluss Fedacla, der Sils durchzieht. Die 7 km zwischen Bahnhof und Hotel Rosegg ist Nietzsche gleichfalls gewandert. https://schweizerfluss.ch/rosegbach/

Immoralismus des Übermensch
Leider muss man es manchen Leuten immer wieder sagen Amoral ist so etwas wie asoziales Verhalten, das Nietzsche niemals geduldet hätte. Immoralismus bezeichnet eine Haltung, sein Handeln nicht moralisch zu legitimieren, da jede Moral von Kultur zu Kultur unterschiedlich ist und (es gab ja moralische Rechtfertigungen der Christen, warum man die Heiden zwangsmissionieren müsse, um aus ihnen bessere Menschen als Wilde zu machen) zudem höchst überheblich. Moral hat im Unterschied zu Ethik mit Geschmack, mit Individualität, auch mit Neigung zu tun. Man möchte argumentieren (und Nietzsche versucht das zu widerlegen), dass Moral gerade über diese Subjektivität erhaben ist und sei es eine kollektive, sagen wir völkisch eingebundene. Das ist ein schweres Thema, sogar ein Dilemma in meinen Augen. Aber misszuverstehen das Ethik eine Art Übereinkunft und stillschweigende, mitunter auch gesetzliche Norm darstellt und Moral auf eine Wertschätzung, wie es Nietzsche formuliert, beruht, ist grob unphilosophisch. In meiner Zeit an der Uni (vier) flog es einem um die Ohren, wenn man die Begriffe synonym gebrauchte, weil es einen fundamentalen Unterschied macht, den sogar Kant (der ist Moralist) anerkennt: Handle so dass I(Moral)… Gesetz werden könne (Ethik).
Nietzsche lehnt als Prinzipien und damit moralische Verallgemeinerungen ab, besonders die Rückführung der Argumentation auf vermeintlich gute Absichten oder gar Gewissensfreiheit. Dies kommt in folgendem Ausspruch deutlichst zum Ausdruck:
„der Übermensch völlig über die bisherige Tugend hinaus, hart aus Mitleid, — der Schaffende, der ohne Schonung seinen Marmor schlägt . Zur letzten Rede Zarathustra’s.“ (Fragmente 83, 10, 23)
Ohne die „Fragmente“ erscheint Nietzsches Werk enigmatisch. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig sie gewürdigt oder in Betracht gezogen werden, wenn argumentiert wird, was der Übermensch doch für eine Brücke zum Faschismus oder zur Diktatur geschlagen hätte. Nichts von Tugend, einem, zutiefst moralischen und leider missbrauchten Wert, steht da, sondern die Abkehr von derartigen Pseudo-Legitimationen für vermeintlich gutes Handeln.
Nur in diesem Sinne lässt sich der zweite, noch mehr missverstandene Satz deuten und nietzscheanisch verstehen (ob er richtig ist, erscheint mir bereits ein moralischer Blickwinkel). Nietzsche macht deutlich, dass zeitgemäße Kommunikation den Blick für das Visionäre verstellt und dass der Mensch zu selbstbezogen bleibt, um dieses Opfer zu bringen. Stattdessen meint er mit mitleiden (nicht Leid überwinden) sei es moralisch getan.
„Aber wie könnte es der Übermensch ertragen, die Menschen zu verstehen! So muß man die Menschen überreden, ihn zu schaffen und um seinetwillen zu Grunde zu gehen: daß er leben könne? Die Gefahr des Übermenschen ist das Mitleiden.“ (Fragmente 83 13, 1)
Wer nun anmerkt, Mitleid war doch schon Thema beim vorigen Kapitel (Schopenhauer) möge den Text noch einmal sorgfältiger lesen. Interessanter erscheint mir, dass fast alle bisherigen Zitate aus den Fragmenten und der Entstehungszeit des Zarathustra stammen. In der Tat erkennt man bereits in der Handlung, dass Zarathustra enttäuscht feststellt, die Zeit sei noch nicht reif für den Übermensch, für seine Lehre. Dreimal kehrt er zurück, dreimal wird er enttäuscht. Daher habe auch ich resigniert, wenngleich das wider Nietzsches/Zarathustras Lehre geht. Man muss ja bei sich selbst beginnen und weder mein Vorbild noch ich haben ansatzweise „Übermensch“ Qualitäten, wobei er zumindest ein Werk hinterlässt, das bis heute große Geister beschäftigt.

Foto Bernd Oei: Pontresina, Roseg-Kaskade (Wasserfall Ova da Roseg): Auf halber Strecke des Wanderwegs fließt der Bach über eine markante Steinschwelle. Das Rosegtal entspricht als Äquivalent dem Fextal neben Sils.

Foto Bernd Oei: Pontresina, Tal Rosegg: westlich des Gebirgsbaches der Piz Corvatsch (3.451 m), östlich Piz Morteratsch (3.751 m)
Areleigöser, metaphysischer Übermensch
Die deutlichste und unmissverständliche Abneigung gegen jede Form (auch jüdischer) Begründung von lautet.
„Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“ (Also sprach Zarathustra, I, Vorrede, § 3)
Der zweite Satz ist nicht weniger berühmt, gerade weil auch er im Gegensatz zu vielen vorherigen Zitaten Eingang ins „Zarathustra“-Epos genommen hat: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, — ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist.“ (I, Vorrede , § 4)
Abgesehen davon, dass wir uns immer noch in der Vorrede befinden und immer noch im Jahr 83 – scheinbar hat Nietzsche diesen Leitgendanken früh aus den Augen verloren, wennnicht verworfen – die Philosophie der Zukunft (‚“Morgenröthe“) klingt damit an: weg mit dem Überbau, reißt die Brücken des Gewöhnlichen und der Gewohnheit ab. Ob es gelingt, Philosophie als Wagnis!, ist offen. Vergleichbar mit einer Seefahrt auf offenem Meer – diesen Vergleich bringt Nietzsche überaus häufig – ähnlich wie ein Piratenleben. Weg mit der Autorität bedeutet Schutzlosigkeit. „Die Hellsichtigkeit. auf dem Meere herumgeschlagen“ (Fragmente 83, 16, 83)
Fazit: Fast alles kreist um 83, die Fragmente sind im Frühjahr und Sommer angelegt und erklären Gedankengänge, Geh-Schritte, die Möchtegerne Nietzscheaner nicht zur Kenntnis nehmen und daher vieles für kryptisch erachten, was recht eindeutig ist. Es taucht hier konkret in Verbindung mit Nihilismus und eine Spielart desselben, dem Christentum auf. Für Nietzsche richtete sich christliches Denken gegen das Leben. Das muss man nicht teilen, nur zur Kenntnis nehmen. Er sah in ihm eine Sklavenmoral und wenn ich an die Hörigkeit, den Aberglauben der „Hinterweltler“ (Hinterwäldler) denke, dann leuchtet mir persönlich das auch ein.
Die letzte Erwähnung, die bezeichnenderweise wieder auf „Aloso sprach Zarathustra“ zurückgeht, stammt aus „Ecce Homo“, Kapitel „WArum ich so gute Bücher schreibe“ und dies ist mit 1888 zu datieren: „„Das Wort ‚Übermensch‘ zur Bezeichnung eines Typus von höchster Wohlgerathenheit, im Gegensatz zu ‚modernen‘ Menschen, zu ‚guten‘ Menschen, zu Christen und anderen Nihilisten …– dies Wort im Munde eines Zarathustra, des Vernichters der Moral, wird zu einem sehr nachdenklichen Worte: – es ist fast überall mit voller Unschuld im Sinn derjenigen Werte verstanden worden, deren Gegensatz in der Figur Zarathustra’s dargestellt ist….“
Halten wir fest: Nietzsches Übermensch vernichtet die Moral im Sinne des Immoralismus. Er lebt denkt nach bzw. ist selbst ein nachdenkliches Wort. An anderer Stelle heißt es, er sei ein epikureischer Gott (das zu klären wird schwer) , „wie ein Epicurischer Gott. ein göttliches Leiden ist der Inhalt des 3. Zarathustra.“ Epikur ist ja der erste bedeutende Aphoristiker, der meint, die Götter gehen Philosophen nichts an, weil wir über sie wie über das Leben nach dem Tod nichts wissen können.
Nietzsche fertigt in Zarathustra eine Kunstfigur reiner Kontemplation, das Bild des unbeteiligten, wunschlosen und rein betrachtenden Wesens. Nicht rätselhaft oder spekulativ: In „Die fröhliche Wissenschaft (Aphorismus 277, Persönliche Vorsehung“ beschreibt Nietzsche das Gefühl, wenn ein Mensch sein Leben rückblickend betrachtet und erkennt, wie selbst die schmerzhaftesten Zufälle und Schicksalsschläge einen Sinn ergeben haben. Wer diese Perspektive einnimmt, blickt auf sein eigenes Leben wie ein „epikureischer Gott“.
Nietzsche nutzt den epikureischen Gott, um die Grausamkeit und Absurdität des jüdisch-christlichen Gottesbildes zu attackieren. Er kontrastiert den antiken, friedlichen Epikureismus mit dem moralisierenden Monotheismus und jeder Form von Systemphilosophie (Metaphysik).
Der psycholoische Aspekt wird in einem zweiten Blog gesondert erörtert.

Foto Bernd Oei: Wanderweg und Naturlehrpfad durch das Tal Rosegg über 10 Informationstafeln auf Holzstelen zum Wald und seinen Bewohnern. Der Pfad verbindet auf seinen 6,4 km die alte Brücke mit der Kaskade und dem nahegelegenen Hotel Rosegg Gletscher.

Foto Bernd Oei: Hotel Schloss Pontresina (links) und felsiger Berghang des Piz Chalchagn (3.154 m) im Nordosten. Sils liegt im Südwesten. Im Gegensatz zu diesem verfügt Pontresina über Gleisanschluss an die Berninabahn nach St. Moritz. https://de.wikipedia.org/wiki/Pontresina







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