
Foto Bernd Oei: Sugarloaf (Zuckherhut), höchste Erhebung auf dem Küstenwanderweg Beara (wild atlantic coast) im äußersten Südwesten Irlands zwischen Glengarriff und Adrigole.
Die Welt hat keine Ambition
Der irische Dramatiker, Satiriker und Nobelpreisträger (George) Bernard Shaw (1856-1950) verbrachte in den 1910er und 1920er Jahren viel Zeit auf der Beara-Halbinsel. Er war regelmäßiger Stammgast im historischen Eccles Hotel in Glengarriff und wohnte auch auf Glengarriff Castle. In meinem Blog vom Juni 26 schrieb ich ausschließlich über seine Dramen und die Porträts starker Frauen.
Daher soll es in diesem Beitrag um die Prosa Shaws gehen, z.B. seinem Roman „Künstlerliebe“ (Love Among the Artists) 1881. Die Handlung erweist sich als überschaubar; im Mittelpunkt steht das Epochenbild der Londoner Bohème im viktorianischen Zeitalter Ende des Jahrhunderts. Seine Die Figurenkonstellation basiert auf dem Kontrast zwischen echtem künstlerischen Genie und bürgerlichem Dilettantismus. Shaw nutzt das Werk als „Thesenroman“, um seine Ansichten über Kunst, Ehe und gesellschaftliche Heuchelei zu diskutieren. Seine zentrale These: Wahre Genies sind so sehr von ihrer Arbeit besessen, dass sie nicht in das starre, bürgerliche Korsett von Ehe und Familie passen. Oberflächliche Amateure hingegen scheitern an der Kunst, finden aber oft ihr privates Eheglück.
Das wahre Genie in dem Roman ist Jack Owen, ein Beethoven-Virtuose, der sich zu neuen Interpretationen dessen Musik berufen fühlt und dafür alles unterordnet, einschließlich das Glück in der Liebe. Neben ihm verkörpert eine polnische Pianistin diese künstlerische Ambition. Sein Gegenpart heißt Adrian Herbert, der Musik mehr als Hobby betreibt und es gezielt einsetzt, um in der Gesellschaft zu reüssieren.
Am Ende des Romans setzt sich Jacks kompromissloses Talent durch. Seine radikalen, neuartigen Kompositionen werden vom Publikum und der Kritik als Geniestreiche anerkannt, und er steigt zu großem Ruhm auf. Dennoch lebt er isoliert, da er sein privates Glück der Musik geopfert hat. Adrian scheitert in der Kunst, flüchtet ins Bürgerliche:Nachdem seine Ehe mit der genialen Pianistin Aurélie zerbricht, muss sich Adrian eingestehen, dass er für die Welt der wahren Kunst nicht gemacht ist. Eibn Zitat, das Shaws Hypothese belegt, dass es für einen echten Künstler gibt es keinen Platz in der gewöhnlichen, bürgerlichen Gesellschaft gibt:
„Wenn du deine Kunst verlässt, wird die Welt dich zu ihr zurückprügeln. Die Welt hat keine Ambition, die es wert wäre, geteilt zu werden, oder einen Preis, der es wert wäre, angefasst zu werden…“
(„If you leave your art, the world will beat you back to it. The world has not an ambition worth sharing, or a prize worth handling…“)

Fotos Bernd Oei: Hausfassade in Gelngarrif auf der Beara Halbinsel im Südwesten Irlands und gegenüberliegende Straße.


Die Beara Halbinsel ist bergig mit nur wenigen Wäldern, etwa 50 km lang und am Anfang 15 km breit. Der Beary Wanderweg wild coast umfasst ca. 200 km.
Das größte Verbrechen ist Armut
Der in Irland bekannteste Theaterstück Shaws lautet „John Bull’s Other Island“ (1904), da es sich direkt mit den Beziehungen zwischen Irland und Großbritannien sowie dem irischen Nationalismus auseinandersetzt. Es befasst sich direkt mit seiner irischen Heimat und bricht radikal mit den typischen Klischees über Engländer und Iren. Der Titel leitet sich von „John Bull“ ab, der traditionellen nationalen Personifikation Englands – das „andere Eiland“ ist folglich Irland.
Die Geschichte dreht sich um zwei Geschäftspartner, die eine Immobilienfirma in London betreiben: Tom Broadbent, ein wohlhabender, optimistischer und unverbesserlich patriotischer englischer Ingenieur. Larry Doyle, sein irischer Partner, der aus der fiktiven irischen Kleinstadt Roscullen stammt, seine Heimat jedoch vor Jahren frustriert verlassen.
Beide reisen nach Roscullen, um dort Land zu erschließen. Während Broadbent sich sofort romantisch in die irische Landschaft, die Kultur und die scheinbare Einfachheit der Menschen verliebt, sieht Doyle in seiner Heimat nur Armut, Lähmung und Selbsttäuschung.
Am Ende ist es paradoxerweise der Engländer Broadbent, der sich perfekt anpasst: Er gewinnt das Herz von Doyles ehemaliger Geliebter Nora, lässt sich als Parlamentskandidat aufstellen und plant, die Region gewinnbringend zu industrialisieren und in ein Touristenziel zu verwandeln.
Shaw dreht die klassischen Rollenbilder um. Der Engländer Broadbent ist gefühlsduselig, sentimental und lässt sich leicht von romantischen Ideen blenden. Der Ire Doyle hingegen agiert kühl, rational, pragmatisch und fast schon zynisch gegenüber der eigenen Kultur. Dennoch oder gerade deshalb übt das Stück radikale Kritik am Kapitalismus und dem dream of independence.
Das wohl bekannteste Zitat stammt aus dem Mund des suspendierten Pfarrers Keegan, der den weisen Narren mimt: „Meine Art, Witze zu machen ist, die Wahrheit zu sagen. Sie ist der größte Witz der Welt.“ ((Original: „My way of joking is to tell the truth. It’s the funniest joke in the world.“) Keegan nutzt diese vermeintliche Orientierungslosigkeit oder den Vorwurf des Wahnsinns als Maske, um den Menschen verblüffende und unangenehme Wahrheiten ungeschminkt ins Gesicht zu sagen. Er ist in Wahrheit derjenige, der am klarsten sieht.
Shaw verdankt den Noblepreis seinen Dramen, seine Prosa hält nicht das gleiche Niveau, weil Shaw v.a. die Dialogkunst liegt.

Fotos Bernd Oei: 1. Etappe des Beara Way Glengariff nach Adrigole, 18 km durch Hochmoor. Aus fifty shades of green wurden rasch fourty shades oft fog.

Foto Bernd Oei: Eichenwälder dominieren auf der Strecke zwischen Glengarriff und Adrigole inmitten der Caha Mountains, Mittelgebirge.
Wenn starker Körper und Geist sich verbinden
Die Literaturwissenschaft sieht Shaws Versuche, sich als Romanautor zu etablieren, als gescheitert an, da keiner seiner Versuche bleibende Wirkung hinterließ. Als Beispiel dient „Cashel Byrons Profession“ (1882), sein vierter Roman, den der Autor nach Ablehnung durch mehrere Verlage als Feuilletonroman in einer sozialistischen Zeitschrift veröffentlichte.
Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes aus der Oberschicht, der ohne Abschluss von der Schule abgeht, nach Australien geht, um dort ein weltberühmter Profiboxer zu werde . Zurück in England verliebt er sich in eine gebildete, wohlhabende Erbin (und Philosophin) namens Lydia, muss seinen damals gesellschaftlich geächteten Beruf jedoch geheim halten. Boxen ist zu dieser Zeit im viktorianischen England jedoch illegal, brutal und gesellschaftlich absolut verpönt.
Die Wahrheit kommt unweigerlich ans Licht. Entgegen aller Erwartungen reagiert Lydia eher fasziniert als angewidert, da sie in Cashels körperlicher Disziplin und Ehrlichkeit eine Abwechslung zu den heuchlerischen Gentlemen ihrer Klasse sieht. Als sich am Ende herausstellt, dass Cashel durch eine Erbschaft eigentlich adliger Abstammung ist, steht einer Hochzeit nichts mehr im Wege. Er beendet seine Boxkarriere und geht in die Politik.
Der Roman mag kitschig enden, enthält jedoch die für Shaw elementare Gesellschaftskritik an der Heuchelei und Doppelmoral. Es mutet skurril an, dass der offene Boxkampf rigorose Ablehung erfährt, während der heimtückische Imperialismus moralisch als Sieg der überlegenen Klasse legitimiert wird. Auch das Schulsystem wird als seelenlos gebrandmarkt.
Lady Lydia argumentiert mit der Eugenetik, um ihre Liebe zu Cashel zu rechtfertigen: „Ich glaube praktisch an die Vererbungslehre; und da mein Körper schwach und mein Gehirn krankhaft aktiv ist, halte ich meinen Impuls zu einem Mann, der körperlich stark und geistig unbeschwert ist, für vertrauenswürdig. Sie können das verstehen; es ist eine einfache eugenische These.“

Foto Bernd Oei: Die Beara-Halbinsel im Südwesten gehört zum kleineren Teil zum County Kerrydie nächstgelegene Großsttadt ist Cork.

Foto Bernd Oei: Beara Way (128 Meilen), Auf diesen Leitern überquert man die zahlreichen Weideflächen der Eigentümer, meist Schafzüchter.
Shaws erster Roman Immaturity (Unreife) ist autobiografisch angelegt und handelt gleichfalls um einen Mann/Künstler, der versucht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Auch hier siedelt Shaw die Geschichte des Progagonisten Robert Smith, in London an. Dort versuchte der in Dublin geborene Ire als Musik- und Theaterkritiker Fuß zu fassen. Wie Yeats stammte auch er aus protestantischen Verhältnissen – die Mutter war gleichfalls Sängerin, der Vater alkoholabhängiger Kaufmann, das verband beide Schriftsteller, die sich zudem in London begegneten. Beide jungen Poeten fühlten sich von der Großsstadt überfordert und desillusioniert. „Immaturity“ wurde erst im Rahmen eines Gesamtwerkes weit nach der Nobelpreisverleihung gedruckt.
Der zweite Roman trägt den Titel „The irrational knot“ – der deutsche Titel ersetzt jedoch Knoten durch Heirat. Das GEschäft einer Frau ist die Ehe, heißt es in seinem Stück „(Man and Superman“ (1903) – wörtlich lautet der Satz allerdings „„It is a woman’s business to get married as soon as possible, and a man’s to keep unmarried as long as he can“. Laut Biografen war Shaw verheiratet ohne Beischlaf zu vollziehen, also aus rein konventionellen Gründen und soll mit seiner Gattin 45 Jahre platonisch verkehrt haben. Biografen schreiben Shaw zudem Asexualität im Allgemeinen zu.
Im Roman sind die Hauptfiguren: Edward Conolly, ein bodenständiger, hochbegabter irisch-amerikanischer Elektroingenieur aus der Unterschicht und Marian Lind, eine kultivierte, aber statusbewusste Frau aus der englischen Oberschicht. Der Arbeiter,erfindet einen Elektromotor, der Dampfmaschinen überflüssig macht, und steigt dadurch zum wohlhabenden Unternehmer auf. Die Ehe scheitert nicht an mangelndem Geld, sondern an den tief verwurzelten Vorurteilen ihrer sozialen Herkunft. Was als humorvolle Sittenkomödie beginnt, wandelt sich in der zweiten Hälfte zu einem ernsten Ehedrama. Die Beziehung zerbricht an der Unvereinbarkeit ihrer Welten, und der Roman endet in Entfremdung und Scheidung, da beide in ihren Abwertungsmechanismen gefangen bleiben.

Foto Bernd Oei: Auf dem Sugarloaf (Zuckerhut), mit 574 m der höchsten Erhebung zwischen Glengarriff und Adrigole. Die Region zeichnet sich durch den markanten Kontrast zwischen den schroffen, felsigen Höhenzügen der Caha Mountains und den sanfteren, grünen Weiden aus, die direkt in den Atlantik abfallen. Karte und Sicht bei gutem Wetter: https://bearatourism.com/beara-way. Mein eigenes ist authentisch, dafür weniger idyllisch:

Die magische und raue Kulisse inspirierte Shaw, der wesentliche Teile seines weltberühmten Theaterstücks Saint Joan (Die heilige Johanna, 1923) direkt vor Ort auf den Klippen und in den Gärten von Beara verfasste.
Warum wir Freiheit fürchten
Auch Shaw, dem man starke Sympathie zum Sozialismus (Mitglied der Fabien Society) und Kommunismus nachweisen kann, hatte Bedenken gegenüber der Demokratie. Sein humorvolles Bonmot lautet: „Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen.“ (Quelle: Essay „Politik für jedermann“, 1944). Oft wird der Ausspruch mit einem Augenzwinkern oder als Mahnung verstanden, dass man die Demokratie aktiv mitgestalten und verbessern muss, anstatt nur zu klagen.
Shaw lehnte den Kapitalismus radikal ab, verwarf jedoch gleichzeitig den marxistischen Ansatz einer gewaltsamen Revolution und befürwortete den langsamen, aber steten Weg der Reformen. Bildung der Arbeiter erachtete er dabei als den Schlüssel dazu. Er setze sich intensiv für Arbeiterrechte, soziale Gerechtigkeit und die Verstaatlichung von Grundbesitz und Schlüsselindustrien ein.
Für Shaw war die Kunst nie von der Politik zu trennen. Er nutzte seine Theaterstücke (wie Pygmalion oder Frau Warrens Gewerbe) und vor allem deren extrem ausführliche Vorworte gezielt als Plattform für Sozialkritik. In seinen Dramen bzw. Komödien prangerte die Ausbeutung der Armen an und war ein früher Verfechter der Gleichberechtigung der Frauen.
Ein Zitat, das dokumentiert, wie wichtig Shaw die aktive Mitgestaltung an Demokratie und Freiheit war, lautet: „Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit. Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“ Quelle: Mensch und Übermensch, 1. Akt.

Foto Bernd Oei: Beara Weg mit der schwarz-gelben Markierung und Steinen über den sumpfigen Hochmoorboden.

Die Hölle gehört den Dilettanten
Shaw gilt als synkretistischer Denker, der aus verschiedenen Quellen das Brauchbare herausnahm. Zu seinen Inspirationsquellen zählten oft als widersprüchlich geltende Philosophen wie Marx und Nietzsche, was sich im Theaterspiel „Mensch und Übermensch“ bereits im Titel niederschlägt. Auch Bergson war ihm mehr als nur geläufig. Mill und noch mehr Carlyle beschäftigten ihn bis ins hohe Alter. Als Gegner Darwins Evolutionstheorie hielt er an einer zielgerichteten und von höherer Intelligenz gesteuerten Entwicklungsgenese fest, die sich an Samuel Butler orientierte.
In dem bereits mehrfach berührten Theaterstück „Man and Superman“ (eine Komödie in drei Akten) ist John Tanner (dem Alter Ego Shaws) ein überzeugter Junggeselle und Sozialist, der sich einem weiblichen Mündel annehmen muss. Diese Ziehtochter ist von Butlers Evolutionstheorie überzeugt und sucht einen vitalen Mann, um die besten Gene zu vererben; zudem handelt es sich um eine äußerst willensstarke junge Frau, die auch Nietzsche liest. Zwar versucht sich Tanner dieser Berufung zu entziehen, doch die ihm anvertraute Waise bleibt hartnäckig.
Im zweiten Akt träumt Tanner, er sei ein Nachfahre Don Juans wie sein Mündel Anne Dona Ana. Dabei mutiert die Hölle als Paradies der Starken (lebens- und willensstarke Genießer). Der Himmel wird zum Ort der Arbeiter und Idealisten, die am Übermenschen interessiert sind. Ethik und Ästhetik müssen folglich zusammengeführt werden. Daher stimmt er letztlich im Schlussakt Anne zu und heiratet sie in der veritablen Hoffnung, gemeinsam die Entwicklung der Menschheit voranzubringen statt zu hemmen.
Aus der Komödie, 2. Akt, stammt folgendes Zitat: „Die Hölle ist voll von Musikdilettanten. Im Himmel pflegt man sie zu exekutieren.“ Auch der Titel ist der Komödie, 3. Akt, entlehnt und heißt: „„Der Mann ist kein Jäger mehr; er ist die Beute. Die Frau jagt ihn, wie die Spinne die Fliege jagt – nicht aus Bosheit, sondern weil es ihre biologische Pflicht ist.“ (Originalton John Tanner, nachdem er dem Eheverlangen Annes nachgibt).

Foto Bernd Oei: Reste einer ehemaligen Siedlung nahe Adrigole. Während der Kartoffelpest verlor Irland über die Hälfte seiner Bevölkerung durch Tod oder Emigration.https://www.planet-wissen.de/kultur/westeuropa/geschichte_irlands/pwiediegrossehungersnot100.html







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