Die Liebe verschwindet

Foto Bernd Oei: Ben Bulben, ein von Gletschern gebildeter Tafelberg vor den Toren Sligos (Nordwestküste Irlands) und bevorzugter Aufenthaltsort des irischen Nobelpreisträger William Butler Yeats. https://de.wikipedia.org/wiki/Strandhill

Eine melodisch dunkle Stimme

In meinem ersten Beitrag über den irischen Nobelpreisträger https://www.berndoei.de/yeats ging ich auf den Dramatiker und Gründer des ersten irischen Nationaltheaters Abbey Theatre ein. Im zweiten https://www.berndoei.de/die-kunst-des-scheiterns auf seine Lyrik und den Wandel von einem Natur- in einen politisch engagierten Dichter sowie seine tiefe Verbundenheit mit der Region Sligo. https://www.ireland.com/de-de/destinations/county/sligo/sligo-town/ Stefan Zweig, der Yeats persönlich kannte, bezeichnet den Dichter in „Die Welt von Gestern“ als „melodische dunkle Stimme, ohne je ins Deklamatorische zu verfallen„. https://www.literaturdownload.at/pdf/Stefan%20Zweig%20-%20Die%20Welt%20von%20gestern.pdf

Etwas zu kurz kam dabei seine tiefe religiöse Prägung in der Kindheit und Jugend. Zu keiner Zeit war er areligiös, selbst dann nicht, als er sich gegen die Kirche (das verhängte Scheidungsrechtverbot) stellte. Daher verwundert es nicht, dass seine Überreste in einer der ältesten sakralen Gebäude des Landes ruhen: in Drumcliffe, natürlich in der Region Sligo, 8 km vor den Toren der Stadt und am Fuß des markanten Tafelberges Ben Bulben gelegen.

Zu den prägenden Orten in Sligo zählt zweifellos die Ruine (Gründung 1253). Dort schrieb er angesichts des Verlustes der Kultur durch wiederholte menschliche Zerstörung den bemerkenswerten Satz „Der Mensch ist verliebt, und die Liebe verschwindet.“ Im Original: : „Man is in love and loves what vanishes, / What more is there to say?“ Diese Zeile verwendet er in „The Tower“, einem Gedichtband mit dem titelgebenden Poem.

Fotos Bernd Oei: Sligo Abbey, Kreuzgang, Obergeschoss und Hochaltar aus dem 15. Jahrhundert.

Das Gedicht „The Tower“ umfasst drei Strophen. Der Originaltext samt Übersetzung ist abrufbar unter https://www.kokenbrink.de/index.php/gedichte/william-butler-yeats. Der erste, aus drei Strophen bestehende Teil ist im Kreuzreim gehalten und beinhaltet den physischen Verfall. Der anschließende Part wechselt in den Paarreim und betont die Macht der Erinnerung. Das Gedicht wechselt noch einmal den Rhythmus mit kürzeren Zeilen und nimmt Dynamik auf, wobei die seelische Erneuerung in den Fokus rückt.

Im Gedicht ist der Turm ein mächtiges, mehrdeutiges Symbol für Isolation und Rückzug aus der Welt, fungiert als physischer Schutzraum, symbolisiert aber auch den Phallus (Männlichkeit) und den Intellekt, der stolz über die verfallende Landschaft ragt.

Yeats vergleicht zunächst seinen alternden Körper metaphorisch mit einem alten Blechkessel, der einem Hund an den Schwanz gebunden wurde – ein Bild der Erniedrigung und des Lärms, das die Absurdität beschreibt, im Alter noch ein leidenschaftliches Herz zu besitzen. Leitmotiv ist die Konfrontation mit dem eigenen organischen Verfall (das Poem entstand 1926 im Alter vom 60 J.)

Im folgenden Abschnitt ruft Yeats Figuren aus der Geschichte des Turms und seiner eigenen Fantasie herbei (z. B. Hanrahan, eine von ihm selbst geschaffene literarische Figur). Sie dienen als Spiegel für sein eigenes Schicksal.

Foto Bernd Oei: Sligo Abbey, Abbey Street, im Nordwesten der Stadt . https://heritageireland.ie/places-to-visit/sligo-abbey/

So sieht sich der Dichter, geistig auf dem Zenit und physisch ein Wrack, gezwungen, sich mit Plato mental statt mit der Liebe selbst zu beschäftigen. Er steigt auf ein Dach und betrachtet die Welt von oben aus der Vogelperspektive, mit denen auch die letzten Zeilen verklingen: „Oder ein schläfriger Vogelschrei, / Wenn das Licht verglimmt.“

Neben der irischen Landschaft treten Figuren auf, darunter die schöne, blinde Bäuerin Mary Hynes und der sie liebende Dichter Raftery. Die an sie gerichtete Frage, ob sie auch unter ihrem körperlichen Verfall gelitten haben bleibt unbeantwortet. Der zweite Abschnitt schließt mit dem Dilemma, ob man besser nie gelebt und geliebt hätte, weil dann der Verlust nicht so tragisch wäre.

Der Schlussteil gleicht einem Testament und der Vorbereitung auf die längste Reise, den Tod.

Foto Bernd Oei: Sligo, Kathedrale der Heiligen Jungfrau, Cathedral of St. Mary the Virgin. https://de.wikipedia.org/wiki/Cathedral_of_the_Immaculate_Conception_(Sligo) Sligo ist trotz seiner Größe von 26 000 Einwohnern Bischofsresidenz.

Foto Bernd Oei: Sligo, Kirche Johannes der Täufer, Cathdral S. John the Baptist, in unmittelbarer Nachbarschaft, gleichfalls John Street. htthttps://en.wikipedia.org/wiki/St_John_the_Baptist_Cathedral,_Sligo

Der Turm als Testament

Yeats erklärt in seinem symbolischen Gedicht (eine Form der Parabel) , wer seine Erben sein sollen: junge, tatkräftige Männer („upstanding men“), die im Geist des irischen Freiheitskampfes und der Natur leben.

Yeats lehnt die traditionelle christliche Vorstellung vom Jenseits ab. Stattdessen postuliert er eine radikale philosophische Idee: Der Mensch erschafft die Welt durch seinen eigenen Geist. Himmel, Hölle und die Natur existieren nur, weil die menschliche Seele sie sich vorstellt.

Das Gedicht endet in einer ruhigen, fast stoischen Atmosphäre. Der Dichter nimmt sich vor, seine Seele so weit zu trainieren, dass der Tod und der Verfall des Körpers für ihn so unbedeutend werden wie der Sturz eines Vogels im Unterholz oder das Verblassen des Abendlichts.

„The Tower“ ist ein Schlüsselwerk des literarischen Modernismus. Es bricht mit den romantischen, idealisierten Vorstellungen des frühen Yeats. Stattdessen liefert es eine ungeschönte, psychologisch tiefgründige Analyse des Alterns inmitten einer zerfallenden Weltordnung. Yeats gelingt es hier, das rein persönliche Leid über das Älterwerden in einen universellen Mythos über die unsterbliche Kraft der Kunst und des Geistes zu verwandeln.

Foto Bernd Oei: Sligo, The Model (Model Arts and Niland Gallery) im viktorianischen Klassizismus 1862 erbaut. Das Konzept dieser Schulen war damals revolutionär: Sie sollten Kindern aller Glaubensrichtungen eine gemeinsame weltliche Bildung vermitteln. Das Gebäude thront erhöht an der Straße The Mallhttps://www.themodel.ie/

Foto Bernd Oei: Blick von The Model herab auf die Stadt Sligo

Die Geburt einer furchtbaren Schönheit

Ein überliefertes Bonmot Yeats lautet Das Schlimmste an manchen Menschen ist, daß sie nüchtern sind, wenn sie nicht betrunken sind. Generell befasste sich Yeats mit Paradoxa, etwa der schrecklichen Schönheit („A terrible beauty has born„) in seinem Poem zum Ostern-Aufstand 1916, welches die gtrausame und blutige Ästhetik der Revolution zum Inhalt hat. Yeats Darin reflektiert er, wie die leidenschaftliche Suche nach Freiheit Menschen verändern und versteinern kann. William Butler Yeats verarbeitet in seinem berühmten Gedicht „Easter, 1916“ seine widersprüchlichen Gefühle zum irischen Osteraufstand gegen die britische Herrschaft. Er beschreibt darin, wie gewöhnliche Alltagsmenschen durch ihren radikalen Opfermut zu unsterblichen Symbolen des Freiheitskampfes wurden, während gleichzeitig eine „furchtbare Schönheit“ geboren ist.

Das englische Original findet sich u.a. auf https://www.magyarulbabelben.net/works/en/Yeats%2C_William_Butler-1865/Easter%2C_1916. Eine passable deutsche Übersetzung unter https://giggleacademy.com/blog/de/learning/songs/easter-1916-by-william-butler-yeats

Yeats selbst war auch Nationalist, der sich für eine eigenständige kulturelle Identität Irlands einsetzte, obgleich er in diesem Gedicht zugibt, dass er zunächst eine gewisse Distanz zu den Aufständischen bewahrte. Wie viele seiner Landsleute stellten die Ereignisse jedoch einen Wendepunkt dar. Diese Meinung drückt er in den oft zitierten Versen „Alles änderte sich vollständig: Furchtbare Schönheit entstand“ aus.

Das politische Gedicht anlässlich des blutigen (erfolglosen, doch in der Wirkung legendären) Aufstands zu Ostern 1916 in Dublin dokumentiert seine innere Zerrissenheit angesichts des bewaffneten irischen Osteraufstands gegen die britische Kolonialherrschaft. Die Analyse des Werks offenbart ein komplexes Zusammenspiel aus Formalismus, historischer Realität und psychologischem Wandel

Foto Bernd Oei: Sligo Die Täufer-Kirche und im Hintergrund Ben Bulben

Das Gedicht „Ostern 1916“ zeichnet sich durch eine streng kalkulierte Struktur aus, die direkt auf das historische Datum der Rebellion verweist. Es besteht aus vier Strophen. Strophe 1 und 3 umfassen jeweils 16 Zeilen, Strophe 2 und 4 jeweils 24 Zeilen, die zusammengesetzt Zahlen das Datum des Aufstands den 24. April 1916 spiegeln. Dominanter, wenngleich nicht durchgängiger Reim ist der Kreuzreim.

Yeats beginnt mit Rückblenden auf das Dublin vor dem Aufstand. Er beschreibt die späteren Rebellen als gewöhnliche, unscheinbare Bürger, denen er abends auf den Straßen zwischen den grauen Häusern des 18. Jahrhunderts begegnete. Er wechselte mit ihnen nur „höfliche, bedeutungslose Worte“. Der Dichter gesteht, dass er sich im Club insgeheim über sie lustig machte. Für ihn lebten sie in einer „bunten Welt“ (motley – die Kleidung des Narren). Er hielt das irische Leben für eine reine Alltagskomödie.

Foto Bernd Oei: Sligo, Fluss Garavogue – ursprünglich Sligeach, „reich an Muscheln“. Er fließt von Lough Gill wenige Kilometer entfernt durch die Stadt und mündet im rauen Atlantik bei Strandhill.https://eugene.kaspersky.de/2014/11/14/irische-stadte-wasser-wasser-uberall/

Wenn Herzen zu Steinen werden

In der zweiten Strophe zeichnet Yeats individuelle Skizzen von realen Personen, die er persönlich kannte und die nun hingerichtet wurden, darunter Constance Markievicz (nach der eine Hauptstraße entlang des Flusses benannt ist). Eine einstmals schöne Frau, deren Stimme durch politischen Fanatismus schrill und harsch wurde. https://trips.ie/de/river-garavogue/

Bei Patrick Pearse & Thomas MacDonagh handelt es sich um junge Intellektuelle, Dichter und Lehrer, die ihre vielversprechende Zukunft opferten. John MacBride: Ein Mann, den Yeats zutiefst verabscheute, weil er Yeats‘ große Liebe Maud Gonne geheiratet und in der Ehe schlecht behandelt hatte. Dennoch gesteht Yeats ihm Heldenstatus zu, da auch MacBride im Sterben seine Würde fand.

Die dritte Strophe wechselt radikal in die Bildsprache der Natur. Yeats vergleicht das Leben mit einem fließenden Bach, in dem sich Pferde, Vögel und Wolken ständig verändern. Mitten in diesem lebendigen Fluss liegt ein Stein. Der Stein symbolisiert das Herz der Rebellen. Ihr absolutistischer, kompromissloser Fokus auf ein einziges politisches Ziel (die Freiheit Irlands) hat ihre Herzen „versteinert“. Sie sind unbeweglich geworden und haben sich vom natürlichen Fluss des Lebens abgeschnitten

„Zu langes Opferen / Kann aus dem Herzen einen Stein machen.“ („Too long a sacrifice / Can make a stone of the heart.“)

In der Schlussstrophe dominiert menschliches Leid. Der Dichter wägt es gegen den politischen Gewinn ab. Er fragt sich, ob der Opfertod dieser Menschen vielleicht umsonst war, da England sein Versprechen auf irische Selbstverwaltung (Home Rule) womöglich auch so erfüllt hätte. .Am Ende überlässt er die finale moralische Bewertung der Geschichte. Seine Aufgabe als Dichter sieht er darin, ihre Namen (MacDonagh, MacBride, Connolly, Pearse) wie ein rituelles Klagegedicht niederzuschreiben.

Fotos Bernd Oei: Atlantik bei Strandhill vor den Toren Sligos, auch Sligo Bay genannt. https://de.wikipedia.org/wiki/Strandhill

Foto Bernd Oei: Strandhill im Norden Sligos mit Blick auf den Tafelberg Ben Bulben, dem Lieblingsberg des Dichters Yeats.

Persönliche Randnotiz: Was friedlich idyllisch begann, mündete in einer starken Brise, der mein Zelt kaum gewachsen schien. Eine unruhige Nacht zwischen den Winden begann… und mit ihr die Einsicht, dass die Natur ihre eigenen Gesetze schreibt.

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