
Foto Bernd Oei: Porträt des Noblepreisträgers Yeats, street art in Sligo, Nordwestirland.
Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern. Der Spruch kommt vom Samuel Beckett, der 1969 den Literaturnobelpreis erhielt. Als ihn der erste Ire, einer seiner Vorbilder, bekam, war er 17 Jahre alt. Die Rede ist natürlich von William Butler Yeats, der nahe Dublin (Ostküste) 1869 geboren wurde, aber einen Großteil seiner Jugend in Sligo (Nordwestirland) verbrachte. Wie kaum ein anderer steht er für Mystik und Okkultismus verbunden mit nationalem Restaurismus, der keltischen Erneuerung. Und für ein Irland, das sich seiner Geschichte und Tradition bewusst wird. Dementsprechend schrieb er auch Dramen/Balladen in keltischer Sprache, die unter den Briten verboten war und heute wieder an Schulen gelehrt wird.
Gründer des ersten Nationaltheaters
Eine Einführung in das Leben und Wirken von Irlands erstem Nobelpreisträger liefert https://www.youtube.com/watch?v=rlxZWAIwXBY
Bereits in meinem Blog über Yeats Dramen sprach / schrieb ich von der Bedeutung des von ihm mitgegründeten Abbey Theatre, in dem die meisten seiner sozialkritischen und zunächst auch allegorischen Stücke ihre Uraufführung erlebten. Beispielhaft hierfür ist die Sage um Cathleen ni Houlihan, eine Frau, die sich verjüngt, wenn Irland den Kampf aufnimmt und altert, wenn sich die irischen Männer nur noch um ihren eigenen Vorteil (Land und Besitz) kümmern.
Die Dramaturgie, u. a. https://www.gutenberg.org/files/49611/49611-h/49611-h.htm#Page_31, war beeinflusst von schwarzer Romantik (Blake, Poe, Baudelaire, Verlaine) und einer Reminiszenz an Shakespeare Versen, wobei er anfangs einer Schwarz – Weiß Symbolik folgte. Irland blieb für ihn lebenslang the land of heart’s desire, das Land der Sehnsucht. Zweimal verwendete der Dichter Cathleen als Allegorie für das revolutionsbereite Irland (The Countess Cathleen, Cathleen ni Houlihan), die verkörpert wurde von seiner großen (unerwiderten ) Liebe Mauren Gonne, einer britischen Protestantin
und dennoch zugleich Ikone des irischen Freiheitskampfes, der sich lange als kunstvolles Scheitern erwies.

Sligo, Abbey Theatere bis zum Umbau 1966. Quelle https://www.startpage.com/av/proxy-image?piurl=https%3A%2F%2Fwww.abbeytheatre.ie%2Fwp-content%2Fuploads%2F2017%2F07%2FHistory_Hero_Landscape.jpg&sp=1791226946Tb33848b03c88abd19924f655004e986e74fa95e1a02bcd005fc78ea6d77f880d

Foto Bernd Oei: Dublin, Abbey Court, nach dem Umbau 1966. https://de.wikipedia.org/wiki/Abbey_Theatre
Gehst du einmal in den Himmel, da gib nur acht
Für den jungen Yeats wurden Natur und Katholizismus, immer verbunden mit irischen Sagen / Mythen zum zentralen Bestandteil seiner Dichtung. In Sligo gedenkt man seiner umfassenden Poesie, die auch philosophische, historische und biografische Werke (u.a. über W. Blake) enthält, intensiv. Um nochmals auf Yeats allegorisches Stück Cathleen ni Houlihan zurückzukommen, so sagt diese als altes Weib bezeichnend im ersten Akt: „Ich bin weit gewandert, sehr weit, wenige sind so weit herumgekommen wie ich und es gibt viele die mich nicht willkommen heißen.“ https://projekt-gutenberg.org/authors/william-butler-yeats/books/irische-schaubuehne/chapter/6/ Am Ende erkennen die irischen Farmer den Trugschluss vom verhießenen ewigen Paradies: „Gehst du einmal in den Himmel, da gib nur acht, daß du nicht lebendig wieder heraus kommst!“ (ebenda, 11. Kapitel).

Foto Bernd Oei: Sligo, Yeats Gedächtnishaus am Fluss Garravogue im Arts-and-Crafts-Stil erbaut. https://www.faz.net/aktuell/reise/william-butler-yeats-im-irischen-sligo-15303763.html
Natur als Vorbild sozialer Ordnung
Den politischen Weg schlägt Yeats zwar erst über seine 89 erfolgte Bekanntschaft mit der irischen Freiheitskämpferin Maud Gonne ein, doch findet man die Spuren seiner nationalen und damit patriotischen Gesinnung, bedarf es dieser Quelle nicht. Dies geht deutlich aus seiner frühen literarichen Phase hervor. Dies würdigt auch der Artikel anlässlich seines 150 jährigen Todestages im Deutschlandfunk https://www.deutschlandfunk.de/william-butler-yeats-der-barde-der-iren-100.html, der zudem auf seine Innisfree-Ballade (1889) eingeht, welcher zeitlich unmittelbar vor der Begegnung mit Gonne liegt. Die Natursymbolik amalgamiert mit Zivilisationskritik wie bei Rousseau, aber auch Shelly, einem weiteren Vorbild des Iren.
Yeats besaß ein Gespür für geologische sowie geometrische Formen und bezog auch die irische Zahlenmystik ein, verbunden mit Verlangen nach Frieden und Einsamkeit sowie der heilenden Kraft der Natur. Neben dem Berg Ben Bulben gehört der See sicherlich zu den elementarsten Quellen seiner Poesie.
In der rund 750-jährigen Geschichte der englischen bzw. britischen Herrschaft über Irland unternahmen die Iren insgesamt rund 15 größere, am Ende erfolglose Aufstände und bewaffnete Revolten. Erst der darauffolgende Irische Unabhängigkeitskrieg (1919–1921) führte schließlich zur erfolgreichen Abspaltung und Gründung des Irischen Freistaats Eire. https://de.wikipedia.org/wiki/Irischer_Unabh%C3%A4ngigkeitskrieg
Zur Trikolore Grün-Weiß-Orange: Grün gilt historisch als Farbe der irischen Freiheitskämpfern (Katholiken) und Orange die Farbe der Protestanten von Ulster ist, die sich von Wilhelm von Oranien ableitet. Weiß soll den Frieden zwischen Norden und Süden repräsentieren.

Foto Bernd Oei: nordöstlich von Sligo, Lake (Lough) Gill. Unteres Bild: Innisfree. eine von ca. 20 Inseln im See, ca. 8 km lang und 2 km breit sowie maximal 31 m tief. Der See gilt als eine der wichtigsten Inspirationsquellen des jungen Dichters und seinem utopischen Idyll, das zugleich Zivilisationskritik inkludiert. Schlussvers: „I hear it in the deep heart’s core.“ (Ganz tief im Herzen hör ich den See.“) https://www.lyrikline.org/de/gedichte/lake-isle-innisfree-638?showmodal=de
Der erste Satz von Yeats Ballade lautet: „I will arise and go now, and go to Innisfree,“ Innisfree ist eine kleine Insel im Lough Gill im County Sligo. Sie ist über eine hübsche Brücke erreichbar und bietet wunderschöne Wanderwege.Der politische Kontext in Yeats Naturepos um Innisfree ist evident: “ ... der Albtraum / Reitet den Schlaf: Betrunkene Soldateska / Lässt leicht die Mutter, vor der Tür ermordet,/ im eignen Blute kriechen – unbestraft.“

Innisfree in seiner idyllischen und idealistischen Darstellung bildet den Schlusstein für den jungen, an Mystik, Okkultismus und Natur orientiertem Yeats, dem sich die nationale Frage, verbunden mit mehr Realismus, anschließt.
Osteraufstand – eine schreckliche Schönheit
Dies setzt sich um die Jahrhundertwende fort und mündet im Poem über den Osternaufstand. Sicherlich gilt „Eastern“ 1916 zu den Schlüsselgedichten von Yeats, da er sich hier einer wörtlich neuen Ästhetik verschreibt, die mit dem gescheiterten Aufstand einhergeht, gerade weil er trotz seines militärischen Scheiterns als Anfang vom Ende für die britische Vorherrschaft und damit den Weg in Irlands Unabhängigkeit steht. Dieser Ästhetizismus steht unter dem Motto „A terrible beauty has been born.“ Das Gedicht kann im Originalton nachgehört und gleichzeitig deutsch nachgelesen werden unter https://www.youtube.com/watch?v=zNFD98tlrAk. Es enthält die Verse:
Der zweite Artikel anlässlich seines 150. Totdestages setzt sich mit dem Zusammenspiel aus Wiederholung (auch die keltische Religion basiert auf einem zyklischen Verständnis von Leben und Tod) und innovativer Kraft (sich selbst neu zu erfinden) auseinander. https://www.deutschlandfunk.de/william-butler-yeats-zum-150-immer-wieder-sich-selbst-neu-100.htm. Der Autor betont darin die Bedeutung von Innisfree als idyllisches Gegengewicht zur hektischen Moderne und dem Großstadtleben n London sowie seine immer wieder aufgesuchte Nähe zum irischen Liedergut. Er selbst trug seine Gedichte leicht singend vor. https://www.youtube.com/watch?v=QLlcvQg9i6c

Foto Bernd Oei: Country Sligo, Parkś Castle am Lough (Lake) Gill. Ein dreicstöckiges Herrenhaus aus dem17. Jahrhundert, das auch Yeats mehrfach aufsuchte. Der irische Eigentümer wurde von den Engländern hingerichtet. https://heritageireland.ie/places-to-visit/parkes-castle/

Spiritualität: Scheitern in der Weltganzheit
In „The tower“ verbindet Yeats Geschichte und Mythos, Philosophie und Poesie. Das Poem ist eines von vielen, aber vielleicht doch das bedeutendste in der gleichnamigen Gedichtsammlung. Er verbindet einen konkreten Ort nahe Galway an der Westküste, das Symbol des Neuanfangs (hierauf dem Gut der Lady Augusta Gregory beschloss der Dichter die Gründung eines eigenen Nationaltheaters, dem Abbey Theatre) und der Philosophie keltischer synkretistisch – spirituell-kosmologischer Metaphysik. Das Gedicht widerspiegelt „A vision“(1925), einem Essay, der die drei Säulen von Yeats Philosophie konkretisiert. Im Original https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/95/Yeats_The_tower.pdf
Im ersten Teil des Gedichtes geht es um die Unzufriedenheit mit dem Körper und dem seelischen Zustand, mehr gewillt denn je zu sein, sich ins Leben zu werfen. Man wird durch den Körper unfähig, obwohl der Geist noch jung und willig ist. Der zweite Teil, der 13 der 19 Strophen stellt, handelt von einer Art Film des Lebens. Dem lyrischen Ich gehen verschiedene Geschichten und Situationen und Personen durch den Kopf. Im wieder kurzen dritten Teil wird ein letzter Wille aufgesetzt und die Idee vom willigen Geist im schwachen Fleisch fortgesetzt.
Die drei Säulen von Yeats keltischer Philosophie sind: Erstens die geometrischen Spiralen. Yeats glaubte, dass sich sowohl das menschliche Leben als auch die Weltgeschichte in spiralförmigen, ineinander verschränkten Trichtern – sogenannten Gyren (gyres) – bewegen. Yeats ordnete die menschliche Psyche und die Seelenwanderung einem zyklischen System aus 28 Mondphasen zu. Dabei bleiben reine Objektivität (Neumond) wie reine Subjektivität (Vollmond) unerreichbar.
Zweitens das Spiel der Gegensätze. Zwei antithetische Gyren ( Subjektivität vs. Objektivität oder Geist vs. Materie) bewegen sich ineinander. Wenn der eine Wirbel seine maximale Ausdehnung erreicht, schrumpft der andere auf einen Punkt zusammen. Als Symbol dient hier zumeist die Maske, welches wahres Selbst wie Verstellung in seiner absoluten Form nicht erlaubt. Das Individuum bleibt Stückwerk im Ganzen.
Drittens die historischen Zyklen: Die Geschichte verläuft laut Yeats in Epochen von etwa 2.000 Jahren. Das Ende eines Zyklus ist von Chaos, Verfall und Gewalt geprägt (berühmt beschrieben in seinem Gedicht The Second Coming), woraufhin eine radikal entgegengesetzte Ära geboren wird. Yeats war überzeugt, dass alle Menschen und die Natur über ein universelles, unbewusstes Gedächtnis miteinander verbunden sind – die Anima Mundi (Weltseele).

Foto Bernd Oei: Sligo, Yeats-Skulptur des irischen Bildhauers Rowan Gillespie 1989, vor der Bank of Ireland gegenüber dem Fluss Garravogue und dem Memorial House. Sligo zählt heute etwa 26 000 Einwohner. https://www.rte.ie/archives/2020/0406/1128767-wb-yeats-sculpture-in-sligo/

Foto Bernd Oei: Ben Bulben (Binn Ghulbain), 527 m hoher Tafelberg aus Klakstein, 10 km nördlich von Sligo und bevorzugtes Wandergebiet von Yeats. Am Fuß des Berges ruhen die sterblichen Überreste des Dichters und Dramatikers. https://www.ireland.com/de-de/destinations/regions/ben-bulben/
Politische Überzeugungen
1922 bis 28 lies sich Yeats in den Senat wählen. Er setzte sich im Parlament vor allem für Bildung, Kultur und den Schutz der Minderheiten ein. Aus gesundheitlichen Gründen zog er sich nach sechs Jahren aus der Öffentlichkeit und den Ämtern zurück. Yeats bekleidete eine weitgehend liberale Position und belebte die keltische Sprache neu. Dabei wirkte er als Befürworter des Scheidungsrechts. Für die Katholiken blieb Ehe ein unauflösbares Sakrament.
Sein oberstes Ziel war die Wiedervereinigung des abgespaltenen und von den Briten vereinnahmte Nordirland Ulster mit dem republikanisch gewordenen Eire. Sligo im Nordwesten des Landes ist bis heute von Schaf- und Rinderzucht geprägt.
Trotz seiner engen Beziehung zu Land und Leuten blieb Yeats im Kern anti-demokratisch eliitär.Die Jugend stand im Zeichen der Irish Literary Revival), der Wiederbelebung irischer Kultur, die unter den Briten schwer gelitten hatte und teilweise verboten war. Diese zunächst literarische Ausrichtung nahm durch die lebenslange Beziehung mit Maud Gonne an Komplexität zu, u.a. den nationalen Befreiungskampf. Andererseits erhielt sich Yeats eine pazifistische und mystische, weniger pragmatische oder gar revolutionäre Kampfhaltung. Sein berühmtes Gedicht Easter 1916 spiegelt seine tiefe Ambivalenz gegenüber dem Osteraufstand wider – er bewunderte den Opfermut der Rebellen, fürchtete aber den Fanatismus „A terrible beauty is born“.
Als Senator trat er mehr für die kleine irische Oberschicht, der er selbst angehörte, ein. Selbst protestantischer Herkunft führte er zudem eine Fehde mit der katholischen Kirche, insbesondere durch sein Engagement für das Scheidungsrecht.
Die dreißiger Jahre, man muss es zugestehen, führten nach der Weltwirtschaftskrise zu einem kompletten Vertrauensverlust bei Yeats gegenüber der Demokratie; er entwickelte einen starken Hang zur Diktatur. Die Furcht vor einer Apokalypse drückt sich in seinem Spätwerk „The Second Coming“ aus (obschon es 1919 als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg entstand). DEr Dichter artikuliert darin in den ersten Zeilen die Orientierungslosigkeit mittels eines verlorenen Zentrums und eines Falken, der nicht mehr zum Falkner zurückkehrt: „The falcon cannot hear the falconer / Things fall apart; the centre cannot hold.“

Foto Bernd Oei: Sligo Abbey, dominkanische Abtei aus dem 13. Jahrhundert im Herzen der Stadt, mehrfach zerstört, zuletzt im 18. Jh. Der Dominikanerorden dominierte Irland im hohen und späten Mittelalter.https://heritageireland.ie/places-to-visit/sligo-abbey/
Die Wiederkunft (gängige Übersetzung von the second coming) steht im Fokus des Dichters Yeats. Politisch wandte er sich den paramilitärischen „Blauhemden“ zu und sehnte sich nach einer wiederbelebten Aristokratie; dabei galt er als Bewunderer Mussolinis. Seine Verachtung der Massen ging sehr weit, auch Sympathien zum autoritären Führungsstil Hitlers sind verbrieft. Yeats setzte zuletzt Demokratie mit Herrschaft des Pöbels und der Dummheit gleich. Zuletzt befürwortete der Dichter auch Eugenetik und Krieg. Volltext zu „The Second Coming“ englisch und deutsch: http://www.luxautumnalis.de/william-butler-yeats-second-coming/
In dieser dreistrophigen Dystopie bricht zunächst die traditionelle Ordnung, Moral und Religion brechen unwiderruflich zusammen. Laut Yeats verläuft die Geschichte zyklisch (in Spiralen, den gyres), das Christentum hat versagt und kollabiert. Was folgt ist der Antichrist, das Biest und damit verbunden Tyrannei. Yeats prophezeit den Untergang. Die düstere Endzeit- Atmosphäre ist vergleichbar mit Eliotts The Waste Land, zumal die Metapher wüstes Ödland (a waste of desert sand), fällt.

Foto Bernd Oei: Sligo, Fluss Garavogue (reich an Muscheln) von der Hyde Bridge. Er verbindet den See Lough Gill mit dem Atlantik und gilt mit einer reinen Flusslänge von nur etwa 3,2 Kilometern als einer der kürzesten eigenständigen Flüsse Irlands.







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